Trug und Schein: Ein Briefwechsel

6. Mai 1940

Europa, Mai 1940
Euro­pa im West­feld­zug, 10. Mai 1940

[400506–2‑1]

O., am 6. Mai 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Den ers­ten Brief schrei­be ich Dir nun von dem schö­nen Blu­men­brief­pa­pier, das Du mir schenk­test. Eigent­lich müβ­te es ein beson­ders lie­ber Brief wer­den, Du?! Wieβt, seit wir uns so lieb haben, daβ es vie­ler Wor­te gar­nicht [sic] bedarf, um allem Glück­lich­sein, aller Lie­be und Dank­bar­keit Aus­druck zu geben, seit­dem betrach­te ich alles Geschrie­be­ne für Dich so kri­tisch, so mit ande­ren Augen, ob sich auch wahr­haf­tig die Stim­mung wider­spie­gelt, die mich im Innern bewegt. Es ist oft schwer. Es schei­nen die Zei­chen so matt und glanz­los, dem wirk­li­chen Erle­ben und Emp­fin­den gegen­über. Du kennst mich, Liebs­ter! Du liebst mich, Du ver­stehst mich. Das kann mich trös­ten dar­über. Und — müβ­ten wir nicht ban­gen vor der Zukunft, wenn alles, was wir ein­an­der aus­drü­cken möch­ten erst zu Papier gebracht wer­den muβ? Damit es recht ver­ständ­lich und glaub­haft wird?

Zu wes­sen Her­zen das tie­fe, inni­ge Ver­ste­hen der Lie­be wohnt, die weiβ ein Wort, einen Blick, einen Hän­de­druck recht zu wer­ten, oft viel­leicht mehr als Geschrie­be­nes.

Wun­der­ba­res Gefühl, köst­li­cher Besitz im wort­lo­sen Sich­ver­ste­hen.

Fort de Sainghain 1t
Bri­ti­sche Trup­pen beim Pas­sie­ren einer Zug­brü­cke an der Magi­not­li­nie am Fort de Saing­hain nahe der bel­gi­schen Gren­ze, 3 Novem­ber 1939, Kea­ting G. (Lt) War Office offi­cial pho­to­gra­pher, Quel­le: http://www.iwmcollections.co.uk, Collec­tion No. 4700–61,über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
Wie­der­um — unse­re Brie­fe sind ein wert­vol­les Pfand uns[e]rer Lie­be. Sie wah­ren die Geschich­te uns[e]rer Lie­be in ihrem Innern von ihrer Ent­ste­hung an; bes­ser, als wir sie in uns[e]rer See­le wah­ren kön­nen — die Zeit, die nicht spur­los an uns vor­bei geht [sic], läβt sie ver­blas­sen. Mei­ne Unzu­frie­den­heit spü­re ich erst so deut­lich, seit die Lie­be Macht über mich gewon­nen hat, ihre Macht ist so groβ, sie über­strahlt alles. So aber wie ich dies nun emp­fin­de, muβ es wohl auch sein; denn sieh, unser Weg nimmt ja nun die Wen­dung, da wir uns nur auf’s Per­sön­li­che ein­stel­len müs­sen. Es ist also ganz natür­lich, wenn ich füh­le, daβ ich mich Dir per­sön­lich gegen­über bes­ser aus­drü­cken kann. Du Liebs­ter! Ist es nicht ein gutes Zei­chen? Dür­fen wir dar­um nicht auch ganz getrost und zuver­sicht­lich dem Kom­men­den ent­ge­gen sehen? Ich freue mich auf das Leben an Dei­ner Sei­te, Du!

Glaubst Du mir, daβ ich es schwer ohne Dich ertra­ge?

Wenn Du, wie ver­gan­gen, meh­re­re Tage um mich warst, emp­fin­de ich her­nach die Lee­re dop­pelt. Es war gut, daβ sich die weni­gen Tage bis zur neu­en Woche auf­füll­ten mit reich­lich Beschäf­ti­gung — ich [k]am so weni­ger zum Grü­beln und Den­ken.

Bundesarchiv Bild 101I-125-0251-08A, Belgien, Einmarsch deutscher Truppen
Ein­marsch der deut­scher Trup­pen, Bel­gi­en. Der Angriff began 10. Mai 1940. Pro­pa­gan­da­kom­pa­nien der Wehr­macht — Heer und Luft­waf­fe, DBa, Bild 101I-125‑0251-08A / Gut­jahr / CC-BY-SA, 04.2015
So viel Freu­de, so vie­le hel­le Tage ste­hen uns bevor, Herz­al­ler­liebs­ter! Nur noch 4 Tage tren­nen uns vom Wie­der­se­hen, Du! Dann darf ich Dich, so Gott will, für eine gan­ze Woche in die Arme schlieβen. Äuβer­lich herrscht ja heu­te hier abso­lut kei­ne freu­di­ge Urlaub­stim­mung, es reg­net, als wäre eine bestimm­te Liter­men­ge Was­ser bestellt, schon seit Frei­tag­abend. Aber ich bin inner­lich schon ganz bereit, den Urlaub in zweck­mäβi­ger Stim­mung anzu­tre­ten; der ers­te Son­nen­strahl wir[d] das Gan­ze jedoch erst krö­nen. Eben habe ich noch­mal Dei­ne Feri­en­zeit gele­sen in der heu­ti­gen Zei­tung, Du hat­test schon recht — bis­sel wenig, ja? Na, wir wer­den die Tage ein wenig ver­län­gern in den Abend hin­ein, was meinst Du? Ist die Fest­le­gung der Som­mer­fe­ri­en nicht pracht­voll? Ich will zwar nicht vor­zei­tig posau­nen, aber — mir scheint, Du! Das gan­ze Fest­pro­gramm: ‚[Nord­hoff-Lau­be]’ will sich zum Guten wen­den! Wie müβt ein Opti­mist sagen? Anfang gut — alles gut? Ich glau­be und ver­traue. 10. Juli: mit schwung­vol­lem Krach die Schul­zim­mer­tür ins Schloβ gewor­fen von einem Jun­ge­sel­len!! Am 29. August: wer drückt so schwer­fäl­lig die Klin­ke her­ab? Es ist der neu­ba­cke­ne Ehe­mann! Was lest ihr wohl aus sei­ner Mie­ne? Pfui — wer wird soo [sic] neu­gie­rig sein!

(Ich wollt’, ich wäre um die­se Zeit Dei­ne Schü­le­rin.)

Bundesarchiv Bild 146-1981-064-18A, Westfeldzug, Übergang über die Maas
West­feld­zug, Über­gang über die Maas. Nach­mit­tag, 10.05.1940. DBa, Bild 146‑1981-064–18A / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Wirst Du am Sonn­abend mit dem Rad nach Haus gefah­ren sein? Ich hab[‘] so oft Eurer gedacht — ich freue mich auf Dein Erzäh­len. Hof­fent­lich sitzt Du jetzt wie­der gesund und wohl­auf in S.. Es ist kei­ne Klei­nig­keit bei die­sem Wet­ter per Rad zu rei­sen.

Wie Du weiβt, waren wir am Sonn­abend in Chem­nitz. Alle geplan­ten Ein­käu­fe sind erle­digt. Du! Ich bin sehr zufrie­den über die Wahl, die ich bei mei­nem Braut­kleid traf. Es ist eine gute Sei­de in mitt­le­ren Preis­la­ge, die Art eig­net sich vor­züg­lich zu mei­nem Schnitt; schwer, flieβend, von einem ganz mat­ten Schim­mer wie Elfen­bein. Wenn die Schnei­de­rin ihr üb[lich]es tut, dann ver­spre­che ich mir den gewünsch­ten Erfolg,: daβ ich Dir gefal­le, Du! Mein Dicker­le! Einen ganz zar­ten Schlei­er schenk­te mei­ne Mutsch. Ach, man kauft schon vor­teil­haf­ter in Chem­nitz, als hier in L.. Mei­ne Auf­la­gen habe ich nun auch erstan­den und zwar bei Para­dies-Bet­ten S. am Markt. Wir gin­gen alle Geschäf­te durch die­ser Art, die wir nur auf­fin­den konn­ten. Schwer war es, ein­mal gab es kei­ne mehr, ein­mal waren sie zu gering, ein­mal zu klein, ein­mal war nur noch eine da. Die wir kauf­ten sind pri­ma in der Qua­li­tät, gut in der Far­be — blau mit braungold unten, oben maco = oder roh­far­ben; aller­dings ist eine Auf­la­ge im Mus­ter ein wenig anders, doch das tut nichts, es ist ja unten. Ach, und Auf­la­ge­ma­trat­zen haben die, ich möch­te sie am liebs­ten da kau­fen[.] Denk nur, das Neu­es­te sind anstatt Stahl­ma­trat­zen, Lat­ten­ros­te aus ganz bieg­sa­men, elas­ti­schem Hol­ze. Sowas Schö­nes, Ein­fa­ches und Sau­be­res sah ich noch nir­gends. Du muβt es Dir unbe­dingt ein­mal anse­hen. Wenn unser Tisch­ler in K. kei­ne Stahl­ma­trat­zen dabei hat, dann möch­te ich sofort die­se Art, sie sagt mir und auch Mut­ter sehr zu. Kann uns Herr Hoff­mann denn ‘was lie­fern? In Chem­nitz bei S. bekom­me ich gegen mei­nen Bezug­schein ohne Schwiergkei­ten Matrat­zen­gar­ni­tu­ren, wie mir Bescheid wur­de. Das wäre also zu beden­ken. Wenn sich bei uns[e]rer gemein­sa­men Fahrt nach S. Gele­gen­heit bie­tet, kön­nen wir uns das ja mal anse­hen, dann magst Du auch urtei­len.

Einen Hut hab[‘] ich gekauft, Du! Ich hab[‘] ‚der­we­gen’ bis­sel Angst! Er ist modern — sehr modern! Er ist aus Stroh, aus dun­kel­blau­em Stroh — er hat etwas mit unse­ren Sol­da­ten­lie­dern gemeins[a]m: Eri­ka! Nun mache Dir ein Bild! Aber trotz alle­dem, er klei­det mich und das war ja schlieβ­lich und end­lich der Grund, daβ ich ihn haben muβ­te. Nun set­ze Dich fest auf Dei­nen Hosen­bo­den: er kos­tet 18,75 RM! Acht­zehn­fünf­und­sie­ben­zig. Sei nicht erregt, rol­le nicht mit den Augen, Du! Es ist ja der letz­te Hut, den sich ‚[Hil­de] ledig’ kauft!!

Wehe, wenn ich Dir nicht gefal­le, Du! Du! Ich.….….…!

Duitse parachutisten landen in Nederland op 10 mei 1940b
Lan­dung der deut­schen Fall­schirm­jä­ger in der Tedin­ger­broek Pol­der, öst­lich von Den Haag. Fotos rund 4 Uhr mor­gens. Das Bild wur­de von der Hei­mat von H. Lam­me (Vor­sit­zen­der des nie­der­län­di­schen Ver­ban­des der Foto­jour­na­lis­ten) auf der 2. Eta­ge der Hele­na Street 2 Den Haag Ypen­burg genom­men. 10 May 1940, Dut­ch Natio­nal Archi­ves, The Hague, Foto­collec­tie Alge­me­en Neder­lands Pers­bu­reau (ANEFO), 1945–1989 beki­jk toegang 2.24.01.04, Best. 917‑7045, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
Abends um ½ 8 lang­ten wir bei M. an, wir sind über Nacht geblie­ben und um 9 früh mit dem Bus nach Hau­se. Da erwar­te­te mich ja die net­te Über­ra­schung von einem gewis­sen Schlin­gel aus S.. Na, ich glau­be nun hab[‘] ich Dir für heu­te wie­der alles gebeich­tet, was noch hin­zu­kommt, will ich Dir in Form einer Ohren­beich­te an’s Herz legen. Die übri­gen Glie­der unse­rer Fami­lie lie­gen in zwei Bet­ten ver­teilt, [^] und schla­fen, ich soll Dich recht herz­lich grüβen u. [sic] ein­la­den für das Fest! Ich will nun nur noch Dich; wei­ter gar­nichts, hörst Du? Will auch nicht mehr schrei­ben; will, daβ die Tage schnell ver­ge­hen bis zum Frei­tag — dann kann die Zeit stil­le ste­hen bis zum 13. Juli: Ich war­te auf Dich, Du! Ich seh­ne mich nach Dir, Herz­al­ler­liebs­ter Du! Ich will glück­lich sein mit Dir, Du mein gelieb­ter [Roland] Behüt Dich Gott!

Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen!

T&SavatarsmDei­ne [Hil­de].

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6. Mai 1940

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