29. April 1940

Second World War Europe 04 1940 de
Euro­pa wäh­rend des Unter­neh­mens Weser­übung (Ende Apr. 1940), gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
O., am 28. April 1940.

am Sonn­abend.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

[N]ach rich­ti­ger Zeit ist es jetzt um sie­ben. Ich lie­ge schon im Bett. Es ist heu­te das ers­te Mal, daß ich so rich­tig matt bin. Es wür­de Dir — glaub’ ich — Spaß machen, mich so zu sehen! Wovon wirst Du fra­gen? Vom Arbei­ten! Du! Ach, Du glaubst ja nicht, wie das Schaf­fen in der Luft und der unge­wohn­te, dau­ern­de Umgang müde machen. Seit Don­ners­tag geht das nun unun­ter­bro­chen. Da haben wir Wäsche gewa­schen bis nachts in die 12. Stun­de. Frei­tag früh um 5 raus und alles auf die Blei­che in den Gar­ten gebracht. Dann gear­bei­tet im Betrieb von ½ 7 bis abends 5 Uhr. Daheim ange­kom­men, gleich nach dem Abend­brot die Woh­nung sau­ber gemacht, die Haus­ord­nung erle­digt, den Ober­bo­den gewischt; natür­lich auch über­all Fens­ter­rah­men absei­fen und Schei­ben put­zen[.] Die übri­gen Dop­pel­fens­ter habe ich mit Mut­ter her­aus­ge­nom­men. Um 11 bin ich in’s Bett gekro­chen; so müde. Im Wasch­haus haben wir am Frei­tag nichts unter­nom­men, wir wären ohne­hin nicht fer­tig gewor­den, und so haben wir bis heu­te Sonn­abend gewar­tet, da hat­te M. wenigs­tens einen gan­zen Tag vor sich. Ich bin um 12, als ich heim­kam, gleich wie­der mit ange­tre­ten. Zu der 2. Stun­de unge­fähr hat­te ich so hef­tig den Schlu­cken, daß ich dach­te, Du wür­dest jetzt auf der Fahr[t] nach K. sein. Ob das stimmt? Ich wer­de hören! Ja, um ½ 5 war alle wei­ße Wäsche tro­cken im Korb. Der Him­mel ver­fins­ter­te sich immer mehr und kurz dar­auf begann ein hef­ti­ger, war­mer Regen, der auch jetzt noch anhält. Na, die übri­ge Wäsche hängt im Trock­nen und es mag sich ruhig abreg­nen, damit es recht schön ist, wenn Du kommst! Du! Wir haben alle Vor­hän­ge an Möbel­stü­cken und von den Fens­tern mit gewa­schen — es sieht aus wie im Armen­haus. Mor­gen früh heißt es wie­der bei­zei­ten auf­ste­hen und eini­ge Zim­mer, vor­ge­se­hen sind Schlaf–  und gutes Zim­mer, gründ­lich sau­ber machen, schon auf unser Fest hin. Wir wol­len die Matrat­zen und den Diwan an die Luft tra­gen, mal tüch­tig klop­fen u. lüf­ten. Wir kön­nen nicht alles bis zuletzt las­sen — wir müs­sen auch noch an’s S. den­ken, die vie­len Knopf­lö­cher, die mei­ner Bett­wä­sche noch feh­len und es wird noch so viel sein, Unvor­her­ge­se­he­nes. Ich will auch Wäsche legen, am Mon­tag zur Man­gel gehen, abends plät­ten und eini­ge Vor­hän­ge  wie­der anbrin­gen. Es muß doch eini­ger­ma­ßen wohn­lich sein wenn Du kommst, mein Lieb! Ich freu’ mich so sehr auf Dich!! Ja, das Groß­rei­ne­ma­chen darf Dich nun nicht gar auf­re­gen und stö­ren.

Abraham van Strij - De huisvrouw
Abra­ham van Strij, die Haus­frau, zw. 1800 und 1811, Rijks­mu­se­um Ams­ter­dam, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
[Es] ist im Früh­jahr die auf­fäl­ligs­te Krank­heit der Haus­frau! So wie die Natur neu ersteht, sich schmückt, so will die Haus­frau ihr Heim in neu­er, fri­scher Pracht sich ent­fal­ten sehen — und trotz allem. Zuge­ge­ben! Ihr Män­ner fühlt euch doch dann noch mal so wohl zu Hau­se. Es ist zur Zeit bei uns kein Spaß, das Groß­rei­ne­ma­chen, weil wir alle zu sehr im Beruf ange­hängt sind. Wir müs­sen uns die Zeit weg steh­len. Doch das wird ja bes­ser. Und ich kann mir doch einen ganz neu­en, vor­teil­haf­ten Plan dafür ent­wer­fen, wenn ich Dei­ne Haus­frau bin. Ich habe doch jeden Tag nur für Dich und unser Heim — wenn, ja wenn nicht so bald eine drit­te Per­son dazu­kommt. Dar­um ist mir gar­nicht ban­ge. Ich will’s schon so ein­rich­ten, daß Du so wenig wie mög­lich von dem Tru­bel zu spü­ren bekommst. Du kannst viel­leicht über­haupt jetzt als Jun­ge­sel­le [sic] wenig Ver­ständ­nis auf­brin­gen für den Tages­lauf einer Haus­frau, deren Haus­we­sen in Ord­nung ist. Wirst Dich so manch­mal wun­dernd fra­gen, wozu das nur alles? Ist das denn nötig? Du kannst nicht wis­sen was es heißt, Haus­frau zu spie­len — ohne den Titel von ande­ren mit Spott oder Iro­nie nach­ge­sagt zu bekom­men! Aber Du wirst ja bald schon mei­ne Rol­le ken­nen ler­nen, die ich zu spie­len habe und Du wirst schon dann sehen, daß nichts, was ich tue über­flüs­sig ist, daß alles getan sein muß.

Die Hausfrau (Davidis) p 001
Titel­sei­te von “Die Haus­frau Prak­ti­sche Anlei­tung zur selb­stän­di­gen und spar­sa­men Füh­rung von Stadt und Land­haus­hal­ten”, von Hen­ri­et­te Davi­dis, verl. E.A. See­mann, Leip­zig, 1872. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Ach, ich könn­te Dir noch lan­ge erzäh­len von den guten und bösen Sei­ten, die der Beruf einer Haus­frau mit sich bringt. Eigent­lich ist es kein Beruf, es ist eine Pflicht; eine selbst­ver­ständ­li­che, lie­be Pflicht. Sie erfor­dert Lie­be, Hin­ga­be, Treue, wie es eine jede Auf­ga­be erfor­dert, auf der Segen und Gedei­hen ruhen soll. Ich glau­be, es ist uns Frau­en so eigen, daß wir unser gan­zen Kön­nen ein­set­zen, um die­ser Auf­ga­be mit Zufrie­den­heit und Stolz gerecht zu wer­den. Ich den­ke, daß jede rich­ti­ge Frau die­sen Ehr­geiz besitzt. Und zu wis­sen, alles geschieht, um einem gelieb­ten Men­schen das Leben schön und lie­bens­wert zu machen, zu wis­sen, daß er sich wohl fühlt in die­sem Heim, daß er es dir dankt mit fro­hem, zufrie­de­nem Blick — das ist doch die schöns­te Auf­ga­be, die sich ein[e] Frau wün­schen kann.

Nun will ich schla­fen, Liebs­ter! Froh und zufrie­den über das, was ich heu­te geleis­tet habe — und Du! Daß ich dabei immer an Dich dach­te, Liebs­ter!  Gut Nacht!

Dei­ne [Hil­de].

am Sonn­tag.

Herz­al­ler­liebs­ter, Du mein [Roland]!

Welch gro­ße, heim­li­che Freu­de hast Du in mir ange­zün­det!

[D]u, Liebs­ter! Ich dan­ke Dir so sehr für Dei­nen Brief und auch für den vom Don­ners­tag, Du! Sag, was sol­len nun alle dür­ren Wor­te sagen, aus­rich­ten, über der gro­ßen Freu­de, die zu mir gekom­men ist?

Du kommst! Du kommst! Alles ande­re drän­gen die bei­den Wor­te zurück. Du wirst am Diens­tag bei mir sein! Ganz gewiß, Du! Ich glau­be dar­an! Du bist uns allen herz­lichst will­kom­men! Sollst Dich nicht stö­ren las­sen, wenn Du ein bis­sel in die Rei­ne­ma­che­rei hin­ein­ge­rätst, mein­te M.!

Ach Du! Uns kön­nen sie doch Stumpf und Stiehl [sic] in den Weg legen — wir stei­gen halt Hand in Hand drü­ber und lachen uns immer noch glück­lich in die Augen, weil wir nur bei­sam­men sind! Ich hab [sic] ja so viel mit geschafft und ich schaf­fe noch mor­gen, daß bald eine Ende wird. Ja, Liebs­ter! Ich arbei­te mei­nen Urlaub her­aus, den ich für 1. u. 2. Mai ein­ge­ge­ben habe! Ob die Son­ne scheinst, ob der Him­mel weint — wenn ich nur Dich habe, so habe ich Wär­me und Son­nen­schein genug, Herz­al­ler­liebs­ter, Du!

Henry Meynell Rheam - Sleeping Beauty
Hen­ry Meynell Rheam, Dorn­rös­chen, 1899, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Nun komm, mein Prinz Son­nen­strahl! Komm ins Dornröschenschlo[ß], es ist gesäu­bert bis in sei­ne Grund­mau­ern! Das Dorn­rös­chen wird dies­mal ganz tief schla­fen, ein Kuß nur wird es kaum erwe­cken!

Du? Ist Dir nicht ban­ge, daß Du am Ende den bösen Zau­ber nicht bre­chen kannst?

Wie es duf­tet drau­ßen, nach Früh­ling — die Kirsch­bäu­me blühn [sic], immer mehr Blät­ter drän­gen zum Licht. Du, die schöns­te Zeit ist ange­bro­chen; sag, emp­fin­dest Du auch die Herr­lich­keit, die Selig­keit im Her­zen in die­sem Früh­ling so mäch­tig wie nie zuvor? Ich bin so vol­ler Glück­se­lig­keit, so vol­ler Sehn­sucht nach Dir! Komm Liebs­ter, Herz­al­ler­liebs­ter!

Ich lie­be Dich so sehr! Ich küs­se Dich! Du, mein Son­nen­strahl!T&Savatarsm

Behüt Dich Gott! Komm bald zu Dei­ner [Hil­de].

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Eine Antwort auf „29. April 1940“

  1. In die­sem Brief merkt man dass Hil­de sehr zuver­sicht­lich über ihre gemein­sa­me Zukunft mit Roland schreibt/spricht. Sie ist sich sicher dass sie mal zusam­men Kin­der haben wer­den. Im 2. Brief schwärmt sie von der Welt wie schön alles ist und man merkt wie glück­lich sie ist. Sie kann es kaum abwar­ten Roland wie­der zu sehen. Sie ist sich sicher dass alles per­fekt wird.

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