26. April 1940

AHW Postamt N22 Gohlis Leipzig 1926
Post­amt N22 in der Fried­rich-Karl-Stra­ße 12 (heu­te Sas­stra­ße) in Leip­zig-Goh­lis, 1926, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
[400426–1‑1]

S. am 26. April 1940

Herz­al­ler­liebs­te, Du mei­ne lie­be [Hil­de]!

Ohne jede Ver­ab­re­dung haben sich uns[e]re Boten gekreuzt. Ich habe [^]mich so gefreut dar­über und über alles, was Du mir schreibst, Liebs­te! Am meis­ten aber doch dar­über, daß Du mich bit­test, wie­der­zu­kom­men, Herz­al­ler­liebs­te, zu Dir! Weißt Du, wie gern ich kom­me? Du! Und nun erst recht, da es Früh­ling ist, rich­ti­ger Früh­ling, Du! Früh­lings­zeit, die Zeit (Zeit) der Lie­ben­den, unse­re Zeit! Du weißt, manch­mal kam ich mir schon so alt vor, wenn ich die neue Zeit nicht ver­ste­he und die Hohl­heit ihrer Erschei­nun­gen. Aber wenn ich bei Dir sein kann, Herz­lieb, dann kann ich so froh und glück­lich sein wie die Kin­der. Liebs­te Du, wenn ich so jung blei­be wie mein Vater, brauchst Du nicht zu fürch­ten, daß ich Dir ein­mal zu alt wer­de. Viel wär­mer bin ich ja schon als Du, Fisch­blut, Nix­chen! Dei­ne Son­ne will ich sein, Dein Son­nen­strahl, Du! Lan­ge irr­te er umher und sehn­te sich [d]anach, daß jemand sei­ne Hand nach ihm aus­streck­te, daß jemand nach ihm ver­lang­te, dem sprö­den, eigen­sin­ni­gen Strahl. Er war unglück­lich, daß er nicht schei­nen und wär­men und Leben wecken durf­te. Nun hast Du ihn ein­ge­fan­gen, Du Lie­be, Gute! Dein ist er nun, und ist so eigen­sin­nig, daß er nur Dein sein will. Daß er sein Erdenkind beschei­nen kann, daß das ist sein Glück, sein Leben. Nun will er sich spie­geln in den Seen Dei­ner Augen, über die Pracht Dei­ner Erde will er glei­ten, auf ihr ruhen, in Dei­nen Schoß will er drin­gen, tief, tief, und sich ver­ei­nen mit Dei­ner Glut und Leben wecken. O Du! Herz­al­ler­liebs­te! Es ist ein Got­tes­wun­der wie der Früh­ling. Daß ich es mit Dir erle­ben darf! Daß ich es Dir so schrei­ben darf und wis­sen, daß Du ver­stehst und mit­emp­fin­dest, nie­mand ande­rem könn­te ich so schrei­ben. Weißt Du noch, wie uns die Sor­ge drück­te, es möch­te die Sin­nen­freu­de uns[e]re tie­fe­ren Nei­gun­gen ersti­cken und über­wu­chern? Ich bin nicht mehr in Sor­ge dar­um. Ich emp­fin­de so deut­lich, wie unser Glück­lich­sein sich weit erhebt über käuf­li­che Lust. Alle Kräf­te und Sin­ne sind bei Dir, wenn Du mich in Dei­ne Arme schließt, und ich weiß u. füh­le dank­bar und glück­lich, daß die gan­ze Her­zens­lie­be zusam­men­strömt in dem Geschenk Dei­ner Gunst.

ML - Votivhand
Enns, Ober­ös­ter­reich, Muse­um Lau­ria­cum: Votiv­hand (3. Jhdt.) mit gekreuz­ten Fin­gern. Bild: Wolf­gang Sau­ber, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Liebs­te Du! Sind wir nicht wahr­haft glück­lich? Dür­fen wir nicht froh und dank­bar sein? Wie soll ich Dir mei­nen Dank aus­drü­cken? Aber nun mag ich nicht mehr schrei­ben, nun will ich kom[m]en. Halt den Dau­men, Herz­lie­bes! Die bei­den Fei­er­ta­ge sind nun sicher. Aber ob ich nicht wer­de f müs­sen fei­ern hel­fen [sic]? Nor­ma­ler­jah­re­wei­se [sic] ja. Dies­mal sol­len kei­ne Ver­an­stal­tun­gen sein, sagt die Zei­tung. Ich konn­te von unse­rem Bür­ger­meis­ter letz­ten Bescheid noch nicht erlan­gen. Halt den Dau­men. Wenn alles nach Wunsch geht, bin ich gegen 9 Uhr am Diens­tag­abend bei Dir (Bahn­hof)! Wie ich mich beei­le? Wie ich mich freue? Du! Andern­falls kann ich erst Mitt­woch­nach­mit­tag bei Dir sein. Aber kom­men will ich ob so oder so. Bei­na­he habe ich ein bis­sel Angst vor Dei­ner M.. Wird sie mich her­ein­las­sen? Was wird sie sagen, was den­ken, wenn Du schon wie­der einen anbringst?! Du! Wird sie nicht arg­wöh­nisch sein, wenn wir ein­an­der so lieb haben? Glaubst Du im Ernst an mei­ne Angst? Schä­fel!

Die Pho­to­gra­phi­en wer­den erst mon­tag [sic] fer­tig.

Behüt Dich Gott! Blei­be froh und gesund Herz­lie­bes! Grü­ße die lie­ben Eltern und berei­te sie ein wenig vor. Was ich ange­be mit mei­nen frei­en Stun­den? Der Sonn­abend­nach­mit­tag gehör­te Dir und Dei­nem Boten, er ist bald um. Und dann? Von sei­ner Erde träumt der Son­nen­strahl, und ruht und rüs­tet für die Erden­rei­se. Du, mei­ne lie­be [Hil­de]! Du bist mein! Ich bin Dein! Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen!T&Savatarsm

Dein [Roland].

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Eine Antwort auf „26. April 1940“

  1. In die­sem Brief ver­sucht Roland sei­ne roman­ti­schen Gefüh­le für Hil­de zum Aus­druck zu brin­gen. Er scheint ganz auf­ge­regt über ein anste­hen­des Tref­fen zu sein und kann es kaum erwar­ten sei­ne Liebs­te wie­der­zu­se­hen.
    Die Bei­den schei­nen schon ein ver­trau­tes Paar zu sein, denn Roland ziert sich nicht auch sei­ne ero­ti­sche Vor­freu­de zum Aus­druck zu brin­gen, auch wenn er in die­sen Text­zei­len in der drit­ten Per­son von sich spricht und sich somit von dem Geschrie­be­nen distan­ziert.
    Roland spricht auch die Sor­ge an, die das Paar gehabt hat, dass das kör­per­li­che Ver­lan­gen nach­ein­an­der, eine tie­fer­ge­hen­de­re emo­tio­na­le Bezie­hung ver­ei­teln könn­te. Er räumt die­se Sor­ge aus und begrün­det dies mit sei­nen star­ken Gefüh­len für Hil­de, sowie sei­nem star­ken Ver­trau­en, das er ihr ent­ge­gen­bringt.
    Roland bringt sei­ne freu­di­ge Unge­duld zum Aus­druck, die er dem kom­men­den Tref­fen ent­ge­gen­bringt und sorgt sich um die Mut­ter (?) Hil­des’ die bei sei­nen Besu­chen viel­leicht arg­wöh­nisch wer­den könn­te.

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