24. April 1940

[400424–2‑1]

O., am 24. April 1940.

Am Mon­tag.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du, mein [Roland]!

Zu mei­nem Käm­mer­lein bin ich wie­der, in mei­nem Bett­lein schla­fe ich wie­der, Du! Ich sehe Dich auf zwei Bil­dern neben mir auf dem Nacht­tisch ste­hen. Du siehst her zu mir. Du! Wie ich Dich lie­be!

Ich kann es ja nicht aus­spre­chen, Gelieb­ter!

Du hast mich so sehr beglückt an mei­nem Geburts­ta­ge  — und mit dei­nem Besuch!

Wie kann ich es Dir nur dan­ken, Du?

Hast Du aus mei­nen Augen ein wenig mei­ne Dank­bar­keit lesen kön­nen? Hast Du gefühlt, wie ich Dich lie­be?

[I]ch bin so über­voll von Glück, daß mir fast das Herz über­lau­fen will — und doch fin­de ich kei­ne Wor­te, die alles, alles aus­drü­cken sol­len — ich bin stumm, so groß ist das Glück. Du! Wenn Du bei mir bist, wenn ich Dein gutes, gro­ßes Herz so ruhig schla­gen höre, wenn ich Dei­ne Nähe spü­re, Herz­al­ler­liebs­ter!, dann ver­sinkt alles um mich her. Dann will ich mich selbst ganz ver­sen­ken in Dich mit allen mei­nen Gedan­ken. Du! Ich bin ganz Dein! Ich gehö­re ganz Dir! Du liebs­ter Mensch, den ich mir den­ken kann, dem ich mein Herz schen­ken will immer auf’s Neue.

Und der Früh­ling macht ja unse­re Selig­keit erst voll­kom­men, Du, Spürst Du das auch? Wie glück­lich sind wir, weil wir leben dür­fen, gesund und jung, und gläu­big im Ver­trau­en auf den, der uns die­ses Glück schenk­te und der es uns erhal­ten wird. Du, wir wol­len es dank­ba­ren Her­zens immer wie­der emp­fin­den und schät­zen.

Ich bin so sehr froh heu­te, Liebs­ter! Ich habe nur hel­le Gedan­ken und die umflie­gen mich wie bun­te Som­mer­vö­gel.

Ach, daß Du mein bist! Du! O, Du!

Van Gogh - Spaziergang im Mondlicht
Vin­cent van Gogh, Spa­zier­gang im Mond­licht, 1890, São Pau­lo Kunst­mu­se­um, São Pau­lo, Bra­zil , über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Denkst auch Du noch an unse­ren Mond­schein­spa­zier­gang, allein zu zwei­en, an den stil­len, dun­ke­len Wald, der uns schü[tz]te?

Du bist die Son­ne — ich bin die Erde, dar­an muß ich nun den­ken. Du! Ich brau­che Dich! Ich kann nicht sein ohne Dich! Wie lan­ge schon scheint es zurück zu lie­gen, daß ich das schon tief drin­nen in mei­nem Her­zen emp­fand? Und wer allein schenk­te mir die Kraft, daß ich mich hin­durch rang in mei­ner Her­zens­not, mich Dir anzu­ver­trau­en, als Gott? Auf ihn kom­men wir immer wie­der zurück — er allein soll der fest­ge­füg­te Grund sein, auf den wir unser Lebens­glück auf­bau­en dür­fen ohne Zagen.

Wie wun­der­bar führ­te unser Weg durch die ver­wor­re­nen Gas­sen die­ser gro­ßen, wei­ten Welt.

Nun bist Du mein! Ich bin Dein!

Du! Das erfüllt mich mit unge­kann­ter Selig­keit — es ist das, was ich das Leben hei­ße, das fro­he, son­ni­ge Leben. Du schenkst es mir, Du tust es mir  auf und in so rei­chem Maße, mit Dei­ner Lie­be, die mich so ganz erfüllt.

Du! Ich will jetzt schla­fen, ich bin noch so müde von unse­rem ver­gan­ge­nen Glück!

Ich den­ke voll Sehn­sucht an Dich — so lind ist der Abend, die Ster­ne hal­ten Wacht; Du siehst die­sel­ben Ster­ne, stehst Du am Fens­ter

in Dei­nem ein­sa­men Käm­mer­lein.

Und über alle Sehn­sucht, über alle Fer­ne geht unbe­irr­bar das gro­ße Rad der Zeit und bald Liebs­ter, bald ist der Tag, da wir uns wie­der­se­hen!

Ich den­ke voll inni­ger Lie­be Dein!

Ich blei­be immer Dei­ne [Hil­de].

Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Heu­te emp­fing ich Dei­ne lie­be Nach­richt ich wuß­te es – ¾ 9 hielt ich Dei­ne Kar­te in Hän­den und mit ihr noch 3 ande­re. Einen Glück­wunsch von Elfrie­de, die ich Dir bei­le­ge und eine an Dei­nen Herrn Papa gerich­tet, vom Onkel Erich. Er teilt ihm eine gute Zug­ver­bin­dung mit, sie kam zu spät. Ich schi­cke sie heu­te in Mut­ters Brief mit nach K., ich schrieb ihr eben. Als wir Dich am Sonn­tag zur Bahn gebracht hat­ten, lie­fen wir noch ein wenig durch den Ort und waren auf ½ Stünd­chen in J.haus. O.s u. H.s waren da; mir gefällt es nicht in solch ver­räu­cher­ter Gast­stu­be, die Män­ner hat­ten Appe­tit nach Bier! Wir saßen noch eine Wei­le plau­dernd [^]daheim beim Däm­mer­licht, um 10 Uhr sind wir ins Bett. Am Mon­tag früh in mei­ner Pau­se hab ich Vater Leb­wohl gesagt, Du! Er hat mich noch­mal tüch­tig gedrückt! Ich den­ke, daß er heu­te Heim fährt. Es war wie­der schön, ich den­ke ger­ne an die Stun­den zurück, die Ihr bei­de unter uns wei­len konn­tet.

1637 Brouwer Der bittere Trank anagoria
Adria­en Brou­wer, Der bit­te­re Trank, 1637, Stä­del Muse­um, Frank­furt am Main, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Ges­tern war Ilse S. bei mir — wie könn­ten froh sein, daß wir nicht dabei gewe­sen wären  — ein Skan­dal war los mit der V., N. u. F. total betrun­ken. Herr H. unbe­greif­li­che Sze­nen mit der V. im Bei­sein sei­ner Frau. Sie hät­te sich so empört gegen Ilse u. geschämt für ihren Mann. Am Don­ners­tag wol­len sie alle tüch­tig schimp­fen, es kön­ne nicht so wei­ter gehn [sic]! Ich war sel­ber mit auf­ge­regt über die­se Zustän­de, wo wird das noch enden? Nun kann ich in den kom­men­den Tagen nur Dei­ner den­ken! Viel Arbeit war­tet auf mich, Don­ners­tag: Wasch­fest alle Fens­ter­wä­sche run­ter. Bit­te, bit­te komm am 1. Mai zu mir, ich will nach Dei­ner Feri­en mit nach S. fah­ren, Du! Nach der neu­er Tarif­ord­nung bekom­me ich 6 Tage Feri­en!! Blei­be gesund! Liebs­ter! Behüt Dich Gott! Mei­ne Gedan­ken sind immer bei Dir ! Ich war­te auf Dich, Du! Ich lie­be dich von gan­zem Her­zen! Du, mein Glück!  ImmerT&Savatarsm

[ille­gi­ble]

Plea­se fol­low and like us:
error

Eine Antwort auf „24. April 1940“

  1. An Hilde’s Geburts­tag war Roland Zuhau­se. Es war ein sehr tol­les Geschenk. Hil­de hat sich total gefreut.
    Hil­de ver­misst Roland. Aber sie drückt die Lie­be die Sie zuein­an­der haben sehr gut aus. Roland is krank und Hil­de wünscht ihm Gute Bes­se­rung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.