15. April 1940

Kongebjorka
König Haa­kon VII und Kron­prinz Olav suchen in der Gegend von Mol­de Schutz vor einem deut­schen Bom­ben­an­griff in der Stadt, 04.1940, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
[400415–2‑1]

O., am 14. April 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland] Du!

Heu­te bist Du nun in vol­ler Lebens­gröβe zu mir gekom­men. Ich hab[‘] mich ja so gefreut, Du! Aber so viel Sehn­sucht hab[‘] ich nach Dir, Du bist mir ganz nahe und doch ist es nicht der ech­te [Roland]. Klein bist Du, kann Dich mit einer Hand umfas­sen, und so glatt und kalt ist es an mei­ner Wan­ge, wenn ich Dich mal drü­cke! Aber ich bin ja schon so froh und zufrie­den, weil ich Dich nur sehen kann, so wie ich Dich ger­ne sehe, Du! In 6 Tagen, so Gott will, Liebs­ter Du!

Sir-Anthony-van-Dyck-Lord-John-Stuart-and-His-Brother-Lord-Bernard-Stuart
Antho­ny van Dyck, Por­trait von Herr John Stuart und sei­nem Bru­der Herr Ber­nard Stuart, etwa 1638, Zi. 31, Natio­nal Gal­le­ry, Lon­don, UK, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
Ach, ich freu mich so sehr auf Dich! Das Bild von mir ist in Gna­den auf­ge­nom­men wor­den, [Ich] gefal­le mir. Und der Vater? Gefällt ohne Zwei­fel! Du! Wie ich mich füh­le zwi­schen 2 Kava­lie­ren, alle 3 Bil­der ste­hen vor mir — es sieht gera­de so aus, als wol­le ich Aus­schau hal­ten nach einem drit­ten. Seid auf der Hut, Ihr bei­den! Sag, ist mein Brief erst am Sonn­abend ange­kom­men? Ich kann mir das nicht erklä­ren, doch muβ ich es aus Dei­nen Wor­ten ent­neh­men. Frei­tag hät­te er in Dei­nen Hän­den sein müs­sen. Weil Du Dich nur gefreut hast dar­über, dann ist ja alles gut, Du!

Ich begrei­fe Dei­ne Unzu­frie­den­heit nicht, die Du äuβerst über Dei­ne Brie­fe. Ich begrei­fe und ver­ste­he auch gut, daβ viel auf Dir las­tet — ist ja auch nicht ver­wun­der­lich bei Dei­nen Schul­ver­hält­nis­sen, die Du allein bewäl­ti­gen muβt — daβ Du Dich oft mit Mühe zurück fin­dest in Dein Pri­vat­le­ben, weil eben Dei­ne Arbeit alle Gedan­ken bean­sprucht. Ich spü­re das selbst bei mir, wenn ich mit Men­schen zusam­men war, mit denen ich mich ange­regt unter­hielt, oder unter Men­schen weil­te, die mein Inter­es­se wach rie­fen, zum Nach­den­ken anhiel­ten und ich soll mich dann hin­set­zen und Dir schrei­ben, es macht mir direkt groβe Mühe mich zu sam­meln — ganz anders ist es, wenn [me]in Tag ruhig ver­läuft. Sieh und dies ist nur ein klei­ner Beweis, der nur schwa­chen Anklang hat an Dei­ne Lage. Es wäre halt viel, viel schö­ner, Du könn­test heim­kom­men vom Dienst und ich wäre da für Dich und Du brauch­test mir nur zu sagen was Du magst, brauch­test mich nur anzu­shau­en und ich ver­stün­de Dich auch ohne viel Wor­te. Ach Du! Bald soll es so sein, Herz­al­ler­liebs­ter!

Aber erst muβ ich Dir Dei­ne Beden­ken zer­streu­en, mein lie­ber kor­rek­ter Advo­kat, Du!

Glaubst Du, daβ ich es nicht füh­len wür­de, wenn Du [m]ich ver­nach­läs­si­gest, daβ ich es mit kei­nen ein­zi­gen Wört­chen zum Aus­druck brin­gen wür­de? Gera­de Lie­ben­de haben dafür ein fei­nes Emp­fin­den. Ich wäre unver­stän­dig, oder klein­lich ego­is­tisch, wenn ich Män­gel fän­de an Dei­nen Brie­fen. Herz­al­ler­liebs­ter! Wie Du mir schreibst und was Du mir schreibst, es macht mich eines so glück­lich wie das ande­re, es ist mir eines so lieb und teu­er wie das ande­re weil aus jedem Brie­fe [sic] Dei­ne groβe, beglück­len­de Lie­be mir so warm ent­ge­gen leuch­tet. An allem will ich [tei]lhaben was Dein Leben bewegt, alles muβt Du mir sagen kön­nen, sonst gehö­re ich Dir nicht ganz, Du!

Ich wäre unzu­frie­den, schriebst Du mir nur Lie­bes und Schö­nes, Süβes und Zärt­li­ches — dann wür­den mir eines Tages Zwei­fel kom­men an Dei­ner wah­ren, ech­ten Lie­be.

Der Druck der Vor­stel­lung and die man­cher­lei Sachen, die noch der Erfül­lung haren, beein­träch­tig­te, daβ Du Dich nicht jeder ein­zel­nen Sache mit allen Gedan­ken wid­men konn­test. Du wür­dest unzu­frie­den mit Dir — ich ken­ne das — aber eine zwei­te Per­son kann das dann oft bes­ser beur­tei­len. Ich habe ja auch den Beweis in Hän­den, der mir dafür bürgt, da[β] es nur Dei­ne Ein­bil­dung war. Psst — kei­ne Wider­re­de!

Glaubst Du nun, daβ Du Unrecht hast, Dum­mer­le?!

Honigküchen, http://www.kochbar.de/rezept/194797/Honigkuchen.html, 04,2015.
Honig­kü­chen, 04,2015.

Nun ist es schon 10 Uhr vor­bei. Ich habe von früh bis abends geschnei­dert und genäht und gestickt. Auf den Früh­ling zu, Du! Ach, hier ist es ja noch genau so kalt wie bei Dir, es reg­ne­te mit Schnee unter­mischt. Ich war nicht ein­mal drauβen heu­te. Besuch war da am Nach­mit­tag, die Ger­trud, mei­ne Braut­jung­fer! Bis 8 Uhr, wir haben Hand­ar­bei­ten gemacht und geplau­dert, es war schön — sie ist ein lie­bes Mädel. Wenn ich sol­che Freun­din hät­te. Ach, haben wir einen Spaβ gemacht wegen dem groβen unbe­kann­ten Braut­füh­rer; sie freut sich, wie ein Honig­ku­chen strahlt sie, wir hal­ten säm­li­che Dau­men fest, daβ uns das Schick­sal gnä­dig ist.

German soldiers on the ferry from Jylland to Sjælland
Sol­da­ten auf Fäh­re von Jüt­land nach See­land, Däne­mark, 30.04. oder 01.05.1940, Foto­graf: Karl Marth Ort, Däne­mark, Nord­land Archiv Len­ke, AIN.NA143.0224, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Am Mon­tag.

Herz­al­ler­liebs­ter, Du!

Ges­tern abend ist die lie­be Muttsch ener­gisch gewor­den, ich hät­te genug geschrie­ben, sähe müde und blaβ aus, nun aber: Abmarsch und schnur­stracks in’s Bett!

Und die folg­sa­me Toch­ter hör­te auf’s Wort und sag­te sich [i]m Stil­len: Mir kann kei­ner — die Woche fängt ja erst an. Eigent­lich habe ich Dir gar­nichts Son­der­li­ches mehr zu sagen, aber so plötz­lich kan ich doch auch nicht mei­nen Brief been­den. Der Geburts­tag am Don­ners­tag ist ziem­lich ruhig verl­au­gen, wir ver­ta­gen alles auf Sonnabend/Sonntag! Muttsch hast Du groβe Freu­de berei­tet mit Dei­nem lie­ber Brief, das soll ich Dir aus­drück­lich bestel­len! Sollst ihr aber nicht böse sein, weil sie nicht sel­ber schreibt, sie hat so wenig Zeit und sie will Dir dan­ken, wenn Du kommst. Du! Am Ende drückt sie Dich gar mal! Na, weiβt Du, das könn­te ich dann doch leicht auch noch für sie abma­chen, meinst Du?? Zwei Geburts­tag­brie­fe aus K. tra­fen ein! Sie ent­hiel­ten auch das Wich­tigs­te mit, was so geschah in der Fami­lie [Nord­hoff] — des­halb viel der Sonn­tags­brief vori­ge Woche aus, Du muβt selbst lesen!

Am Sonn­abend schrieb ich an Sieg­fried. Ich erin­ner­te ihn an unser Fest und bat ihn, wenn es irgend geht, dabei zu sein. Dann hab[‘] ich ihm mal die gan­ze Geschich­te mit der Braut­jung­fer klar­ge­legt. Ohne zu ver­ges­sen anzu­fra­gen, ob er am Ende schon eine Dame hät­te, diedie­ses Amt ver­se­hen wür­de. Mit dem Vemerk, alles sei unver[bin]dlic[h] — damit er es nicht mit der Angst bekommt – habe ich Ger­trud Grün­ders Per­so­na­li­en ange­ge­ben, sogar ihr Bild bei­gelegt, damit er sie mal anschau­en kann. Das ist mei­ner Ansieht nach sein gutes Recht. Also, ich war zufrie­den mit mei­nem Brief und ich glau­be, Sieg­fried wird mich schon recht versteh[e]n.

Ich freue mich, daβ sie das rech­te Ver­ständ­nis auf­bringt in die­ser Ange­le­gen­heit der jet­zi­gen poli­ti­schen Lage ange­mes­sen — sie nährt kei­ne fal­schen Hoff­nun­gen — sie kann es so gut ver­ste­hen, weil ihr eig­ner Vater aktiv beim Heer ist. Wir alle wis­sen nicht, wel­che Zei­ten im Juli sein wer­den. Und doch muβ alles ein­mal erwo­gen sein, was zur Gestal­tung unse­res Fes­tes dient. Wir kön­nen nur glau­ben und hof­fen.

Heu­te war ich auf dem Bezug­schein­amt. Mei­ne Anträ­ge sind noch nicht aus­ge­ar­bei­tet, Don­ners­tag soll ich wie­der­kom­men. Ich bin so gespannt, ob alles geneh­migt wird.

Von Frl. S. soll ich Dich grüβen, sie trägt mir auf, Dir zu sagen, möch­test es doch mög­lich machen [a]m Sonn­tag mit nach Kau­fun­gen zu gehen; es sei ja unser letz­tes Ver­gnü­gen, das ich mit erle­be!

Ich hab[‘] ihr alles Umstän­de erklärt, die es Dir machen wür­de und daβ auβer­dem Vater kommt — es woll­te ihr abso­lut nicht in den Kopf. Die übri­gen wis­sen noch nicht, daβ ich nicht mit­kom­me, die hät­ten mich bestimmt auch alle bestürmt. Obwohl ich schon zum let­ze­ten Male ger­ne dabei wäre, ich sehe aber ein, daβ es nicht mög­lich ist.

Ein Fest mit der Kan­to­rei? Ein Fest mir Dir?

Wel­ches wür­de mich wohl mehr erfreu­en?

Nun sind es nur noch 3 Tage, die mich von der groβen 20 tren­nen. Du! Ich freue mich auf Dei­nen Brief. Glaubst mir das? Ich habe viel Respekt, einen vol­len Sonn­tag, wohl auch noch län­ger, hast Du mir geop­fert?!

Ich habe eine Bit­te, sie scheint Dir viel­leicht wun­der­lich, Du! Ich möch­te, daβ Du mei­nen Geburts­ta­ges­brief zu mir in’s Geschäft schickst. Dann ist es ein rich­ti­ges Geschenk. Ich brau­che nicht heim zu ren­nen, es geht von der ¼ Stun­de Frei­zeit somit kei­ne Minu­te ver­lo­ren. Und ich hab[‘] mir schon ein Plätz­chen aus­ge­sucht, wo ich unge­stört lesen kann. Willst Du, Liebs­ter?

Bundesarchiv Bild 102-00089, Berlin, Parade zum 50. Geburtstag Hitlers
Para­de zum 50. Geburts­tag Adolf Hit­lers, SS-Leib­stan­dar­te “Adolf Hit­ler” vor dem Bran­den­bur­ger Tor, Ber­lin, 20.04.1939, DBa, Bild 102–00089 / CC-BY-SA, 04.2015
Ich war­te so sehr auf Dich, Du! Und ich hof­fe noch immer auf Füh­rers Geburts­tag! Du! Heu­te ist bei uns rich­ti­ger Früh­ling, blau­er Him­mel, weiβe Wol­ken, Sturm und so föh­nig warm — am Pfarr­haus die groβe Wei­de trägt einen zart­grü­nen Schlei­er, so schön Du! Und alle Knos­pen wol­len nun auf­sprin­gern, ein paar Tage Son­nen­schein noch, ein war­mer Regen und alles steht im Früh­lings­ge­wand da. Wenn Du nur erst bei mir bist Du! Liebs­ter! Mein [Roland]! Ich bin so vol­ler Glück und Sehn­sucht und Lie­be! Alles, was ich Dir noch sagen möch­te, ach, ich kann es ja nicht aus­drü­cken hier auf dem Bogen, Du muβt zu mir kom­men. Ganz nahe will ich Dir sein! Dein lie­bes Gesicht will ich in mei­nen Hän­den hal­ten, in Dei­ne Augen will ich sehen — ganz tief hin­ein, die Flam­me der Lie­be brennt dar­in­nen — für mich allein, Du! Du! Behüt Dich Gott! Ich lie­be Dich so sehr! Mein [Roland]!

Blie­be [sic] gesund und froh!

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Eine Antwort auf „15. April 1940“

  1. Anhand die­ses Brie­fes erkennt man, dass sie ihren Roland zwar sehr liebt, aber sehr unter Druck setzt (zusam­men­zie­hen \ Hoch­zeit). Man merkt, dass die Brie­fe für sie von gro­ßem Wert sind. Es scheint, als könn­te sie sei­ne Pro­ble­me nicht ver­ste­hen! Sie hat das Gefühl, dass Roland nicht sehr ehr­lich mit ihr ist und sich ihr nicht voll und ganz öff­net.

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