14. April 1940

Tadeusz Kuntze 001
Tade­usz Kunt­ze, For­tu­na, 1754, Natio­nal­mu­se­um War­schau, MNW 72245, The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Dis­tri­bu­t­ed by DIRECTMEDIA Publi­shing GmbH, Wiki­me­dia Com­mons 04.2015
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S. am 13. April 1940.

Herz­al­ler­liebs­te Du! Mei­ne Lie­be, Lie­be [Hil­de]!

Hun­dert Brie­fe habe ich nun von Dir! Ich dach­te, daß er heu­te käme, Dein viel­lie­ber Bote. Ich zit­te­re nicht mehr um ihn, Du! Ich kann mit Gewiß­heit auf ihn zäh­len. Ich bin trau­rig wenn er sich wider Erwar­ten ver­zö­gert, ich wäre tief unglück­lich, wenn er aus­blie­be. Ich habe ihn gleich gele­sen, noch vor Unter­richts­be­ginn, und dann war ich so inner­lich fröh­lich und die Schu­le war so leicht. Herz­al­ler­liebs­te Du! Du machst mich so glück­lich! Wie soll ich Dir dan­ken? „Ein Got­tes­ge­schenk ist unse­re Lie­be. Wel­chen Wert hät­te unser Leben in die­ser Zeit, wenn wir ein­an­der nicht lieb­ten?“

Norwegen, Kampf um ein brennendes Dorf, ADN-ZB/ Archiv II. Weltkrieg 1939-1945 Überfall der faschistischen deutschen Wehrmacht auf Norwegen am 9. April 1940. Deutsche Truppen in erbittertem Kampf gegen norwegische Truppenteile in einem Dorf, 40 km westlich Lillehammer. 4556-40   PK.: Borchert
Kampf um ein bren­nen­des Dorf, 40 km west­lich Lil­le­ham­mer, Nor­we­gen, ADN-ZB/ Archiv II. Welt­krieg 1939–1945 Über­fall der faschis­ti­schen deut­schen Wehr­macht auf Nor­we­gen am 9.04.1940. 4556–40 PK.: Bor­chert, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015

Herz­al­ler­liebs­te, das kann ich ganz beson­ders ermes­sen.  Uns[e]re Lie­be hat so tief in mein Leben ein­ge­grif­fen. Noch nie war ich so gleich­gül­tig und nach­läs­sig in mei­nem Dienst wie in den zwei ver­gan­ge­nen Jah­ren. Wenn ich die Schu­le hin­ter mir geschlos­sen habe, dann bin ich zu nichts Rech­ten mehr zu gebrau­chen. Die Gedan­ken lau­fen aus­ein­an­der, zur Schul­ar­beit muß ich mich zwin­gen. Auf den Abend darf ich gleich gar nichts ver­schie­ben, dann bleibt es bestimmt unge­tan. Es ist das kein beglü­cken­der Zustand; denn ganz Frei sind die Gedan­ken nicht. Es ist ein tol­ler Wir­bel manch­mal in einem Schul­meis­ter­ge­hirn: Der Stand der lau­fen­den Arbei­ten in den Klas­sen und Abtei­lun­gen; die Sor­ge um den Fort­schrift, aller­lei neue Ver­ord­nun­gen; 3 Kno­ten in den Gehirn­win­dun­gen, die an uner­le­dig­te Geschäf­te erin­nern sol­len, dazu die Ereig­nis­se der Tages­ge­schich­te usw., dazu ein schlech­tes Gewis­sen am lau­fen­den Band. Es ist eine Erlö­sung, hier ein­mal aus­zu­schal­ten und alles zu ver­ges­sen.

Ruinsofnamsos
Brit­sche Sol­da­ten im Rui­nen von Nam­sos nach dem deut­schen Angriff, 04.1940. Foto: Cpt. Kea­ting, Bri­tish Armed Forces, Impe­ri­al War Muse­um, Coll. 4700–57/N 97, durch Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
Die­se Ruhe­lo­sig­keit der Gedan­ken stört nun frei­lich auch Dein Geden­ken. Das mer­ke ich ganz deut­lich beim Brief­schrei­ben. Ich bin nicht recht zufrie­den mit mei­nen Brie­fen. Es geht mir zu viel durch den Kopf und es fällt mir schwer, für 2 Stun­den mich ganz frei zu machen von dem gan­zen Bal­last. Wäh­rend ich jetzt schrei­be, bin ich ein wenig müde, dazu bedrü­cken mich noch  2 ande­re Schreib­schul­den. Das alles Lähmt. Ich freue mich auf den Abend und den mor­gen­den Tag. Da will ich alles bei­sei­te­schie­ben, und die Gedan­ken sol­len in Ruhe auf Urlaub fah­ren. Zu wem, [Lau­be]?! Siehst Du, so spukt die Schu­le noch nach. Hörst Du den mili­tä­ri­schen Anruf, siehst Du die Amtsmien[e]? Nun ist mir die gan­ze Poin­te ver­dor­ben. Ent­bin­dest Du mich für heu­te der Mühe des Schrei­bens? Heu­te abend und mor­gen, da will ich mich ganz ver­sen­ken in Dein lie­bes Wesen und in das Wun­der uns[e]re  Lie­be, und dann will ich Dei­nen Geburts­tags­brief schrei­ben; denn der darf nicht so miß­ra­ten. Ach Liebs­te, es ist noch immer Win­ter! Frierst Du nicht in Dei­nem Bett­lein? Rauh ist die Luft. Und hier an der Elbe ist noch nichts Grü­nes, kei­ne grü­ne Wie­se wie bei Euch, es steckt alles unter dem grau­en Schlamm, der jeden Mor­gen­hart [z]ufriert. Ein klei­ner Fort­schritt: die Schif­fe fah­ren wie­der, seit heu­te auch die Per­so­nen­damp­fer.

Herz­lie­bes Du! Siehst du mich? Ein wenig müde bin ich nur. Aber ganz froh und glück­lich, weil ich Dich habe, Du! Laß nur jetzt den Auf­wasch! Hal­te ein wenig Mit­tags­ru­he mit mir, Du! Und nun spü­re ich Dei­ne Nähe, Herz­lie­bes, nun halt mich fest, Du! Und ich will nim­mer von Dir las­sen, Herz­liebs­te!

Behüt Dich Gott! Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

All mei­ne Gedan­ken wol­len zu Dir, sie kön­nen nichts Lie­be­res den­ken als Dich! Sie wer­den sich seh­nen, bis Du ganz mein bist, bis ich ganz Dein bin!

Du! Mei­ne Lie­be [Hil­de]! Ich lie­be Dich von gan­zen her­zen!

Dein [Roland]!

Mein Lie­bes Geburts­tags­kind!

Du mei­ne Lie­be [Hil­de], mei­ne Lie­be Braut!

Recht viel Lie­bes möch­te ich Dir sagen heu­te. Womit könn­te ich es anders und bes­ser, als daß ich von uns[e]rer Lie­be rede, von unse­rem Glück? Herz­lie­bes Du! Glück­brin­ger!

Als jun­ge Bur­schen träum­ten wir nicht von Glück, son­dern von Erfol­gen, die nach Taten ver­dient wie die Früch­te von den Bäu­men fal­len soll­ten. Mit Miß­trau­en blick­ten wir nach dem lau­ni­schen Glück, wir woll­ten nicht Günst­lin­ge sein. Es ist das [sic] die Hal­tung männ­li­cher Jugend, die in ihrer Voll­kraft über­sieht, wie an jedem Erfolg auch das Glück betei­ligt ist. Glück kann man nicht ver­die­nen und erwer­ben, es ist Geschenk, Gna­de. Damit erweist es sich auch als eine weib­li­che Per­son, la (die) For­tu­ne sagt der Fran­zo­se, For­tu­na der Latei­ner, und das ist der Name der Glücks­göt­tin. Ich brau­che gar nicht in frem­den Lebens­läu­fen zu Kra­men, wir bei­de erfah­ren so deut­lich, was es nun das Glück ist: Wir tra­fen uns auch die­sem wei­ten Erden­rund, zwei ver­wand­te See­len! Du kamst daher, Dein vol­les Herz zu schen­ken. Ich such­te und irr­te nach einem Men­schen, dem ich mein gan­zes Ver­trau­en, mei­ne Ver­eh­rung schen­ken woll­te, und dem ich mich treu bewäh­ren könn­te. Und so tra­fen wir ein ander im rech­ten Augen­blick, fan­den uns im Lärm und Gewim­mel die­ses Erden­jahr­mark­tes. Du bist das Glücks­kind, das den Glücks­quell ent­deck­te mit Dei­nen fri­sche­ren, wachen Sin­nen. Glücks­kin­der sind nicht Grüb­ler und kal­te Rech­ner, sie haben gro­ßen her­zen und hel­le Sin­ne. Frei­mü­tig und unbe­küm­mert und gut­gläu­big der Welt gegen­über bin auch ich im Grun­de mei­nes Wesens. Und so wur­den wir zwei rech­te Glücks­kin­der, die glau­ben, daß sie für­ein­an­der bestimmt sind. Das bes­te aber an mei­nem Teil die­ses Glü­ckes ist, daß Du mich lie­be halt, daß Du mir Dei­ne gro­ße, tie­fe Lie­be schenkst, so frei und schlicht und unver­fälscht, wie Gott sie in die­se Erde leg­te. Frau­en­lie­be, daß ich sie so erle­ben darf! Du! Sie hat so viel Unwäg­ba­res und Unsag­ba­res! Ich den­ke an Dein käm­mer­lein. Wir ste­hen da und hal­ten ein­an­der umschlun­gen, und wer­den uns[e]rer froh inne, und ich füh­le, wie Du mir alles schen­ken möch­test. Liebs­te Du! Das ist der Gip­fel die­ses Glü­ckes! Im Sich­ver­schen­ken gip­felt Frau­en­lie­be, es ist das Zei­chen höchst[e]r Huld und tiefs­ten Ver­trau­ens, des innigs­ten Ver­schmel­zens.

Man­nes­lie­be ist anders, ist kla­rer, deut­li­cher zu umrei­ßen. Der Mann will wer­ben und die­nen um die Lie­be der Frau, er will ihr dan­ken mit sei­ner Treue. Herz­al­ler­liebs­te, nichts Schö­ne­res kann ich mir den­ken als Dich zu beschen­ken, um Dir der Bes­te, der Liebs­te zu sein, um mich Dei­ner Lie­be wert zu erwei­sen. Und ich möch­te bekla­gen, daß ich nicht rei­cher bin. Aber was ich Dir auch brin­gen könn­te, es reich­te nicht her­an an Dein Geschenk. Doch wir wol­len ein­an­der nichts vor­rech­nen. Ich will mich immer wie­der beschen­ken las­sen von Dir und möch­te Dich beschen­ken. Nicht von jedem Men­schen nimmt man Geschen­ke an. Und das ist der and[e]re Teil mei­nes gro­ßen Glü­ckes, daß ich das Geschenk der Lie­be emp­fan­ge von einem Men­schen­kin­de, daß in rei­chem Maße besitzt, was ich an Frau­en schät­ze und hoch ach­te. Die­sem Punkt galt uns[e]re Prü­fungs­zeit mit. Die Prü­fung ist bestan­den. Soviel ich dabei auch mei­nen Ver­stand zu Rate zog, zuletzt hast Du mich doch über­wäl­tigt mit Dei­ner Lie­be. Sie ist stär­ker als Ver­stand, Schön­heit und Eben­maß. Das aber hat die­se Prü­fung doch gezeigt, daß wir auch gute Kame­ra­den wer­den kön­nen. Ich bin dar­um kei­nen Augen­blick in Sor­ge. Ich will Dich schon für alles int[e]ressieren, was mir wich­tig scheint. Was könn­te mich noch recht bewe­gen, erfreu­en, erle­ben, wenn Du nicht dar­an teil­hät­test? Über alles Nicht­ver­ste­hen schlägt die Lie­be ganz fes­te Brü­cken. Herz­lie­bes, ich kann nur mit gro­ßer inne­rer Freu­de an uns[e]re Lebens­ka­me­rad­schaft den­ken. Sie wird uns so man­che Gele­gen­heit geben, ein­an­der zu beschen­ken.

Herz­al­ler­liebs­te, wir ste­hen vor [sc]hönsten Erfül­lun­gen! Ich soll wie­der ganz hei­misch wer­den wie in den liebs­ten Kin­der­ta­gen, hei­misch auch mit dem Her­zen – aber nun bei Dir. So lan­ge ist das her. Du willst mich umsor­gen. Ich weiß, wie gut Du es kannst. Und nun sol­len wir bei­de ein ganz eige­nes Leben begin­nen dür­fen, Du! Es ist etwas gro­ßes dar­um. Eine Zeit wird es dau­ern, bis wir glei­chen Schritt haben und das rech­te Maß fin­den. Es macht mich froh zu wis­sen, daß Du frisch und fro­hen [M]utes anfaßt, und Du weißt, daß auch ich mich nicht so leicht ver­drie­ßen las­se. Aber wei­ter will ich jetzt nicht träu­men. Es ist unser Vor­recht, zuver­sicht­lich und erwar­tungs­froh dem allen ent­ge­gen­zu­se­hen. Wir wis­sen bei­de auch um den Ernst, den hohen Sinn und die Auf­ga­ben unse­res Bun­des. Wir sind gewillt, sie scharf ins Auge zu fas­sen und wol­len nicht ver­ges­sen, Gott um den Segen zum Voll­brin­gen zu bit­ten.

Mein lie­bes Geburts­tags­kind! Es gefällt mir nicht recht, was ich bis­her schrieb, es ist zu frei­er­lich, zu wenig herz­lich. Erkennst Du Dein Lieb hin­ter die­sen stei­fen Zei­chen und Sät­zen? Spürst Du, wie mit die­sem Geden­ken und die­sen Zei­len mei­ne gan­ze Sehn­sucht auf­ge­stie­gen ist, Dei­ne Lie­ben Hän­de zu drü­cken, Dir ins Auge zu schau­en und bei Dir zu Sein? Will´s Gott, am Sonn­abend wird es sich erfül­len, dann kön­nen wir die Wor­te ent­beh­ren bis auf ganz weni­ge, Herz­al­ler­liebs­te Du!

Gott ste­he Dir bei im kom­men­den Jah­re! Er schen­ke Dir Kraft, Zuver­sicht und fro­hen Mut! Ihm sei Lob und Dank, daß er Dich schüt­ze bis­her. Unse­ren Bund in dem wir bei­de den Sinn unse­res Erden­da­seins sich erfül­len sehen, Gott seg­ne ihn! Er sei uns gnä­dig und gedul­dig und erhal­te uns dank­ba­re Her­zen!

Um Dir nun Glück zu wün­schen,
der letz­te möcht´ ich sein,
zu nächt­lich stil­ler Stun­de
bei dir im käm­mer­lein.

Du sitzt auf Dei­nem Bet­te[,]
den Blick zur Tür gewan[d]t,
ich klop­fe an und kom­me,
fünf Rosen in der Hand.
___________

Ich ste­he an der Türe,
Du schaust mich war­tend an.
Ich hat­te ein paar Wor­te,
die ich nicht fin­den kann.

Du siehst mich rat­los ste­hen
die Rosen in der Hand-
und schließt mich in die Arme
und löst des Schwei­gens Band.
____________

Des Dan­kes tie­fe Strö­me,
des Glü­ckes Über­fluß,
sie lie­ßen mich ver­ges­sen
der dür­ren Wor­te Gruß.

Du hast ihn Dir gele­sen
Aus mei­nem Augen­paar:
„Ich lie­be Dich von Her­zen,
Dein bin ich immer­dar!“

Von Her­zen alles Gute wün­sche ich Dir,

Du mein Hof­fen, mein Seh­nen, mein Reich­tum,

mein Leben,

mei­ne Lie­be [Hil­de], Du! Behal­te mich lieb, ich bin ganz Dein, ich lie­be Dich,

T&SavatarsmDein [Roland].

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Eine Antwort auf „14. April 1940“

  1. Zu Beginn schreibt Roland über die Schwie­rig­kei­ten sich zu kon­zen­trie­ren. Auch erwähnt er die Mühe, die es ihm berei­tet, den Brief zu ver­fas­sen. Er hat das Gefühl der Brief miß­glü­cke ihm und er wünscht sich das Schrei­ben anläss­lich Hil­des Geburts­tag möge ihm bes­ser gelin­gen.
    Im wei­te­ren Ver­lauf schreibt Roland inten­siv über die Erfah­rung der Lie­be, die die bei­den ver­bin­det. Er unter­schei­det zwi­schen der Man­nes­lie­be und der Frau­en­lie­be. Die Frau­en­lie­be ver­steht er als eine tie­fe und geben­de Lie­be, wäh­rend er die Man­nes­lie­be als ratio­na­ler, als in Treue aus­ge­drück­te Dank­bar­keit, auf­fasst.
    Rolands Sehn­sucht nach Hil­de ist aus dem Brief deut­lich her­aus­zu­le­sen. Er sieht die Lie­be zwi­schen Hil­de und sich als ein Geschenk an und ist der Über­zeu­gung, dass sich zwei ver­wand­te See­len gefun­den haben. Auch bezeich­net er Hil­de als Glücks­kind und fügt hin­zu, dass auch er ein unbe­schwer­tes Wesen besitzt. Zum Abschluss ver­fasst er ein Gedicht für sie, wel­ches sei­ne Sehn­sucht nach ihr wider­spie­gelt.

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