10. April 1940

Bundesarchiv Bild 183-L02368, Berlin, Heldengedenktag
Hel­den­ge­denk­tag mit Adolf Hit­ler, Gross­ad­mi­ral Raeder u.A., Ber­lin, 10.3.40, DBa Bild 183-L02368, 04.2015
[400410–2‑1]

O., am 10. April 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Nun ist es an der Zeit, daß ich ein­mal ganz fest an Dich den­ke. O, Du! Eigent­lich habe ich da eine Unwahr­heit geschrie­ben, denn – wo waren all mei­ne Gedan­ken anders in die­sen Tagen, als ganz bei Dir?, mein Liebs­ter, Du! Ganz fest Dei­ner den­ken, das sage ich so zu mir wenn ich Dir schrei­be. Du! Das Haupt­er­eig­nis hat ja alles ande­re zurück gestellt, das unser Pri­vat­le­ben bewegt. Unse­re füh­ren­den Män­ner machen Geschich­te, alle Welt sieht auf uns in dem Augen­blick, wo unser Füh­rer im letz­ten Augen­blick eine Maß­nah­me ergreift, die wohl kei­ner von den übri­gen Staa­ten vor­aus­ge­se­hen hat und – die uns viel­leicht vor gro­ßem Unheil im Lan­de bewah­ren wird; ange­nom­men, der Eng­län­der wäre uns zuvor­ge­kom­men!

Ist das nun der Auf­takt zum Kamp­fe? Ach, glaub mir, ich war inner­lich nicht klar, ob ich mich freu­en soll­te dar­über, so wie es nun kam – oder ob ich mei­ner Sor­ge nach­ge­ben soll­te, die wie­der über­groß in mir auf­stieg.

Freu­de und Sor­ge – ich tue der bei­den kei­nes zuviel, so glaub[‘] ich ist es wohl am klügs­ten. Wir sind ja alle ver­ur­teilt zu war­ten, was gesche­hen wird. Ich will Dich und auch mich nicht mit Sor­gen abquä­len, die noch gar­nicht berech­tigt sind. Du! Hast ja so recht, wenn Du mir die dum­men Gedan­ken aus­re­dest.

Frie­dens­burg, Rade­beul, Sach­sen, Post­kar­te, 1903

Froh sein wol­len wir, Liebs­ter! Von Her­zen froh sein – ich will Dir hel­fen dabei. Will, ohne, daß Du mich hin­führst, aus den schwe­re­ren Auf­ga­ben des Lebens das her­aus­fin­den, was nicht trau­rig macht, nie­der­drückt – son­dern was uns auf´s Ziel gese­hen mütig, stark, auf­recht gehen läßt, mit der Freu­de im Her­zen. Und das kann man, wenn man im Herz weiß, daß mit dem eige­nen fühlt und schlägt, bei dem man Zuflucht fin­det in Glück, in Leid, bei dem Gebor­gen­heit uns umfängt wie in einer Frie­dens­burg. Ach Du! Daß unse­re Lie­be blüht in die­ser Wirr­nis der Zeit, daß noch kein Sturm sie anfocht, ist es nicht wie im Wun­der? Ein Got­tes­ge­schenk ist unse­re Lie­be. Wie wür­de ich ohne sie durch die­se Zeit fin­den? Hat ein Leben in die­ser Zeit über­haupt Wert, wenn kein Mensch da ist, dem unser Herz­blut gehört?

Vidkun Quisling og hans kone Maria.
Vid­kun Quis­ling, mit sei­ner zwei­ter Frau, Maria, in den 1930er Jah­ren. Quis­ling war Par­tei­füh­rer des von ihm gegrün­de­ten faschis­ti­schen Nas­jo­nal Sam­ling. 09.04.1940 ver­kün­de­te er ein Staats­streich per Radio an.
Ohne Lie­be ist das Leben wie eine Blu­me ohne Duft. Müßt ich durchs Leben gehen, ohne einem Men­schen all mei­ne Lie­be geschenkt zu haben, ich wür­de die­ses Leben am Ende als ver­wirkt betrach­ten. Sich sor­gen um das Liebs­te auf Erden, sich ban­gen, ängs­ten und dann, durch die nim­mer nach­las­sen­de Lie­be den Frie­den zu errin­gen, das Ziel zu errei­chen, das ist die schöns­te – wohl auch die schwers­te – Auf­ga­be, die ein Weib erfül­len darf.

Ich weiß nicht, ob ich mich so recht aus­ge­drückt habe wie ich es emp­fin­de, ob Du [mich] ver­ste­hen wirst. Im Man­ne leben wohl ande­re Idea­le, sein Sinn steht nach ande­rem, er durch­dringt die Welt mit Geist und Ver­stand – sei­ne Fahr­ten gehen sozu­sa­gen in höhe­re Regio­nen; die­se Gegen­sät­ze sind wohl von Natur aus so gestellt und bestimmt. Manch­mal bin ich ein wenig unglück­lich, wenn ich Dir nicht das sein kann, was Dir ein guter Freund oder Berufs­ka­me­rad ist, ich möch­te noch viel tie­fer ein­drin­gen in Dei­ne Welt um Dir mehr Kame­rad zu sein. Ein­mal sag­test Du: ‚Eine Frau, die ganz in die Welt des Man­nes ein­dringt, ist kei­ne Frau mehr.‘ Ich glau­be Dir die­se Behaup­tung, weil ich´s ver­ste­hen kann.

Du! Glaubst Du mir, daß ich glück­lich bin, weil Du die Frau liebst, wie sie als Frau ist?

Liebs­ter! Wenn Du mich ein­mal nicht brau­chen kannst, weil ich mich nicht hin­ein­fin­de in Dei­ne Welt, so laß Dir sagen, daß ich gar­nicht trau­rig sein will, son­dern ganz still bei­sei­te ste­hen und war­ten, bis Du mei­ne Lie­be brauchst. Ach, ich bin so froh, daß Du ganz mein bist, Du!

Kannst Du Dir eine Zeit vor­stel­len, da wir uns nicht mehr ver­stün­den? Da uns[e]re Wege aus­ein­an­der­ge­hen?

Nein, ich glaub das nie und nim­mer­mehr, Du! Dazu haben wir ja ein­an­der viel zu sehr lieb! Wird es Dich auch nicht lang­wei­len Du!, wenn ich Dir immer und immer wie­der sage, wie glück­lich ich bin in uns[e]rer Lie­be?

Ges­tern beka­men wir Dei­ne lie­be Kar­te. Die Eltern bedan­ken sich schön und las­sen Dich herz­lich grü­ßen!

Auch ich hab mich gefreut, Du! Ich bin früh nach Hau­se gerannt, weil ich ahn­te, daß etwas da ist. Du? Mor­gen ist Don­ners­tag? Ach da ist dies­mal gewiß ganz nur unser Geburts­tags­kind d[a]ran!

Glasvas från 1600-talet med veckade blå öron - Skoklosters slott - 93444
Glas­va­se aus den 1600er Jah­ren mit gefal­te­ten blau­en Ohren. Schloss Sko­k­los­ter, Swe­den, SKO 769, Foto: Erik Ler­nes­tål — LSH 93444 (sm_dig8819), Wiki­pe­dia Com­mons, CC BY-SA, 04.2015
Ich hab ihm heu­te noch einem schon län­ger geäu­ßer­ten Wunsch erfüllt: Eine Vase, eine run­de, hohe Kugel­va­se aus durch­sich­ti­gem Glas, das wie Sei­fen­bla­sen schim­mert, dar­in­nen künst­li­che Him­mel­schlös­sel – auf das Metall­tisch­chen zu stel­len, wel­ches auf der hal­ben Trep­pe bei uns steht.

Ein Paar sei­de­ne Strümp­fe und die Tasche hab[‘] ich noch.

Du! Sitz Dich nie­der und freu Dich mit! Ich habe uns[e]re Küche aus­ge­sucht. Zu L. bei G., das gro­ße Möbel­ge­schäft auf der Bahn­hof­stra­ße – frü­her: S. u. G.. Ich bin ganz begeis­tert Du! Elfen­bein­far­big, ein Modell für 680 RM! Das was da stand, war zwar ver­kauft, doch er läßt das­sel­be für mich anfer­ti­gen. Er ruft uns die­ser Tage noch mal an, weil er ande­re Küchen neu her­ein­be­kommt, die wir uns auch ein­mal anse­hen sol­len, die sei­en bil­li­ger, aber auch schön. Er macht das bei uns gewiß mög­lich, er kennt die Eltern gut, uns[e]re F.sche Ver­wandt­schaft hat er auch bedient. Denk mal, wir waren noch bei B. auf der H.straße, wo Du mal den Ses­sel gemalt hast! Die hat­ten nichts da u. was her­ein­kommt, ist ohne Email­le­äsche, also Auf­wasch­tisch leer, Wasch­bänk­chen leer, das kauf ich nicht. Bei S. in der F.er Stra­ße auch kei­ne Aus­sicht. Wenn es am Mon­tag nir­gends geklappt hät­te, woll­te ich Dei­nen Eltern schrei­ben, daß sie bei B. in K. nach­fra­gen. Ach Du! Jetzt ist mir erst wie Hei­ra­ten, wenn ich mir uns[e]re Zim­mer nun vor­stel­len kann, Du! Unser Heim.

Reichskarte fur Urlauber 1
Lebens­mit­tel­kar­te für Urlau­ber, Quel­le: Les­tat (Jan Meh­lich), 30.12.2007, Wiki­pe­dia Com­mons 04.2015.
Herr G. fährt uns die Möbel hin wo wir wol­len, wir müs­sen ihm aber einen Teil Ben­zin ver­sor­gen, da nimmt er auch gleich unser Spei­se­zim­mer mit. Onkel Fritz aus M. muß das mir zulie­be tun, das ist doch einer, ein ‚Schie­ber‘ im Sin­ne des Wor­tes! Und eine Affä­re mit dem Euch hat­ten wir, das heb´ ich auf bis Du kommst, zum Erzäh­len! Mei­ne Bezug­schei­ne [sic] wer­den bis Mit­te April aus­ge­ar­bei­tet. Bit­te hal­te den Dau­men fest! Du, Liebs­ter! Jetzt muß ich gleich Schluß machen. Gegen abend war Ger­trud G. da auf einen kur­zen Besuch, ich war eben aus der Stadt zurück. Mit einen Gruß soll ich Dir bestel­len: Bau­er Her­mann in L. hat ein Söhn­chen bekom­men, damit die Zut­ta ein Brü­der­chen mit Namen Gün­ther!

KäsekuchenIch habe eine Quarkt­or­te geba­cken die ist jetzt aus dem Ofen, die Uhr zeigt ½ 12. Muttsch schläft schon lan­ge und ich bei­na­he, Du!

Am Sonn­tag denk ich wie­der ganz fest an Dich ja? Mein Dicker­chen!

The German Invasion of Norway, 1940 HU104689
Deut­scher Sol­dat schau­kelt sei­nen Hund als ande­re Trup­pen Ver­sor­gung von Flug­zeu­gen auf einem Flug­platz tra­gen ‚Nor­we­gen, 10.04.1940. Quel­le: Bri­tish Impe­ri­al War Muse­um, Minis­try of Infor­ma­ti­on Second World War Press Agen­cy Print Collec­tion, HU 104689, durch Wiki­pe­dia, 04.2015.
Blei­be froh und gesund, Herz­al­ler­liebs­ter! Behü­te Dich Gott!

Ich den­ke so viel an das graue Heer – ob sie Dich mir las­sen?

Du! Mein gelieb­ter [Roland]! Ich bin bei Dir alle Tage!

Ich habe Dich so sehr lieb, Du! Ich küs­se Dich und T&Savatarsmblei­be immer Dei­ne [Hil­de].

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2 Antworten auf „10. April 1940“

  1. In kaum einem der (von mir bis­her gele­se­nen) Brie­fe wird Hil­de so deut­lich im Bezug auf die Geschlech­ter­rol­len bezie­hungs­wei­se auf die Rol­le der Frau. Trotz ihrer Offen­heit und auch Tole­ranz, die bei­de glei­cher­ma­ßen durch ihre doch recht unge­wöhn­li­che Bezie­hung offen­ba­ren, posi­tio­niert sie sich hier ganz deut­lich als unter­wür­fi­ge, lie­ben­de Frau, die ihrem Mann in vie­ler­lei Hin­sich­ten völ­lig unter­ge­ord­net ist. Und auch sei­ne Äuße­run­gen, die sie im Lau­fe des Brie­fes zitiert, zei­gen auf, wel­che Auf­ga­ben der Frau zukom­men, was er sich von ihr erwar­tet. Die Vor­stel­lun­gen bezie­hen sich schlicht­weg auf das Geschlecht und kein ande­rer Aspekt — wie zum Bei­spiel der Alters­un­ter­schied — spie­len in die­sen Punk­ten schein­bar eine Rol­le. Trotz ihres Ver­ständ­nis für sei­ne Posi­ti­on offen­bart sie aber in ihrer Ehr­lich­keit den­noch den Wunsch ihm eben­so Kame­rad und Freund zu sein — wie es sonst wohl für ihn nur Män­ner sein kön­nen.

  2. Hil­de betont die Schwe­re der Zeit, in der sich die bei­den befin­den. Die Unsi­cher­heit, wie es wei­ter­ge­hen soll, ist aus dem Brief deut­lich zu erken­nen. Hier erwähnt Hil­de mehr­mals die gegen­sei­ti­ge Lie­be womit sich deut­lich zeigt, wie wich­tig ihr die gemein­sa­me Erfah­rung der Lie­be ist und wie sehr sie die­se als Trös­ter in der schwe­ren Zeit ansieht.
    Auch spricht sie über den Unter­schied zwi­schen Roland als Mann und sich selbst als Frau. Dabei äußert sie Bedau­ern, dass sie mit Roland nicht das­sel­be tei­le, wie ein männ­li­cher Freund es kön­ne. Sie sieht die­sen Unter­schied jedoch als natur­ge­ge­ben an und äußert ihre Akzep­tanz dies­be­züg­lich.

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