10. April 1940

[400410–1‑1]

S. am 8. April 1940

Am Mon­tag.

Herz­al­ler­liebs­te, Du mei­ne lie­be [Hil­de]!

Bernd von Arnim scuttled
Z 11 Bernd von Arnim. Sie lief am 9. April 1940 als ers­tes deut­sches Kriegs­schiff in den Hafen von Nar­vik, Nor­we­gen, ein. Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015
Nun war es wie­der ein­mal rich­tig Sonn­tag. Seit mei­nem 16. Lebens­jahr ist mein Leben auf­ge­spal­ten in ein Wochen­tags- und Sonn­tags­da­sein, d. [sic] ist gleich­be­deu­tend mit Schat­ten- und Son­nen­da­sein, und die ver­hal­ten sich bekannt­lich 6:1. Sonn­tag, das bedeu­tet mir seit­dem Umgang mit lie­ben, ver­trau­ten Men­schen, Wochen­tag aber Dienst und Pflicht. Weil ich mich nicht so leicht ein­ge­wöh­ne und anfreun­de, habe ich das umso mehr emp­fun­den, und es ist ganz klar, daß das Inne­re dabei ver­här­tet.

Als ich ges­tern schied aus dem Son­nen- und Sonn­tags­land, das Du Gute mir gebracht hast, da schien die Son­ne. Zu ihr den Blick gewandt, habe ich noch lan­ge geses­sen, im Wes­ten blieb sie, bei Dir, Herz­al­ler­liebs­te, ich habe die Hän­de gefal­tet und gebe­tet, sie möge mir blei­ben und leuch­ten. Nun sol­len sich mir bald, so Gott will, Son­nen- und Schat­ten­land sich wie­der ver­mäh­len. Das bedeu­tet für mich, daß ich ein neu­es Zuhau­se gewin­ne, daß nun Son­ne auch in den Werk­tag fällt, und daß sie mir nun öfter und län­ger scheint. Die Auf­spal­tung des Lebens in Sonn­tags- u. [sic] Wochen­tags­hälf­te, ist sie von Vor­teil oder Nach­teil? Der schein­ba­re Vor­teil: der Sonn­tag wird deut­li­cher, auf ihn häuft sich alle Span­nung, Erwar­tung, Lust­bar­keit. Der Nach­teil: Die Spal­tung ist ganz unna­tür­lich. Ich besin­ne mich noch recht deut­lich, wie gebor­gen und sicher und behü­tet das Leben ablief im Eltern­hau­se, ohne daß es lang­wei­lig wur­de, und Sonn­tag wur­de es trotz­dem. Wenn uns der Sonn­tag zum Aus­nah­me­tag wird, ver­liert er das Fei­er­li­che, weil alle äußer[e] Lust­bar­keit auf ihn fällt und sich in den Vor­der­grund schiebt.

400410-1-1Alle über­spann­ten Erwar­tun­gen sind unge­sund, sie täu­schen uns mit der Zeit auch über die Wich­tig­keit und Bedeut­sam­keit der Freu­den, d[.] inso­fern, als gera­de die nie­de­ren Freu­den das Fie­ber uns[e]rer Span­nun­gen am höchs­ten trei­ben. Wenn wir bei­de so wie jetzt wei­ter leben müß­ten, kämen wir schwer­lich zu einer grö­ße­ren Ver­in­ner­li­chung unse­res Zusam­men­le­bens, auf das wir uns doch vor allem freu­en, weil es unser Leben berei­chert. Herz­al­ler­liebs­te Du! Seit­dem Du mein Leben so berei­chert hast, erken­ne ich erst recht, was ich bis­lang habe ent­beh­ren müs­sen, was außer mir so vie­le Men­schen ent­beh­ren müs­sen, die ähn­lich her­um­ge­sto­ßen wer­den. Ich den­ke dabei gar nicht nur an die Annehm­lich­kei­ten als vo[r] allem dar­an, daß es gar nicht mög­lich ist, das Leben har­mo­nisch, zwi­schen Span­nung und Ent­span­nung wohl abge­stimmt, zu gestal­ten. Von der Arbeit weg in einen Raum zu bli­cken, der nicht der Arbeit dient, den Tag im Krei­se ver­trau­ter Men­schen schön aus­klin­gen las­sen, zu musi­zie­ren, in ein lie­bes Ant­litz schau­en und zu jemand spre­chen, vor dem man nicht jedes Wort erst lan­ge wägen muß — Herz­lie­bes, Du! Gut, daß ich es erst jetzt recht emp­fin­de und mir dar­über Rechen­schaft gebe, da mir durch Dich all das geschenkt wer­den soll! Wie arm war ich doch und bin es noch ein wenig. Wie reich aber hast Du mich schon gemacht und wie­viel Son­ne bringt mir die Hoff­nung auf die Erfül­lung! Herz­al­ler­liebs­te Du! Ich bin Dir so dank­bar, und Gott und Dei­nen Eltern! Mir ist nicht ban­ge dar­um, daß wir unse­re grel­len Sonn­ta­ge mit vie­len mil­den leuch­ten­den Sonn­ta­gen ver­tau­schen sol­len. Aber ich freue mich dar­auf, daß der böse Abschied ein­mal auf­hört, daß Du immer mit mir fah­ren darfst, Du Herz­lie­bes!, und ich weiß, daß ich Dich dann nur noch lie­ber gewin­nen wer­de, daß ich Dir dann noch viel bes­ser zei­gen kann, wie lieb ich Dich habe; nichts Lie­be­res mag ich mir wün­schen. Sei froh mit mir! Du mei­ne lie­be [Hil­de], Ich habe Dich recht lieb!

Dein [Roland]

Herz­al­ler­liebs­te! Mitt­woch ist heu­te. Drau­ßen ein herr­li­cher Som­mer­tag. Heu­te erhielt ich schon den ers­ten Urlaub auf Vor­schuß: Ab Mon­tag bin ich schul­frei. Der Schul­rat ist vor­ei­lig! Noch habe ich kei­nen Befehl. Wann er kommt, gebe ich Dir schnells­tens Nach­richt. Sonst aber sehen wir uns am Sonn­abend. Ges­tern wart Ihr in G.. Ich wer­det müde zurück­ge­kehrt sein. Auf mei­ne Kar­te vom Sonn­tag erhielt ich schon am Diens­tag von Hau­se Nach­richt. Die Eltern sind befrie­digt von unse­rem Abschluß. Gudes soll ich Mit­tei­lung machen und wir sol­len dar­auf ach­ten, daß wir zu unse­ren Bet­ten die Stahl­ein­la­gen bekom­men. Viel­leicht fragt Ihr gele­gent­lich wie­der ein­mal mit nach.

1940 Bombing of Voss, 02
Feu­er nach dem Bom­ben­an­griff, Voss, Nor­we­gen, 04.1940, Bild: Harald Øde­gaard, Wiki­me­dia Com­mons, 03,2015,
Herz­lie­bes! Nun ist für uns die Zeit des letz­ten War­tens ange­bro­chen. Des War­tens auf unse­ren Tag, und dann des War­tens auf den Frie­den. Wir haben schon manch­mal gewar­tet, auch Du, wie unge­dul­dig und sehn­süch­tig manch­mal, doch immer voll Hoff­nung, und noch nie ver­ge­bens.

Voll guter Hoff­nung dür­fen wir sein. Wie­viel dunk­ler und fins­te­rer könn­te es um uns sein! Nichts ist uns fehl­ge­schla­gen bis­lang. Zusam­men­tun wol­len wir uns trotz der schwe­ren Zeit. Ob im Krie­ge oder im Frie­den: die Hoch­zeit bedeu­tet uns das Sigel zu unse­rem Gelöb­nis, ein­ein­an­der ganz zu gehö­ren, mit­ein­an­der zu gehen in Freud und Leid. Möch­test Du sie auf­schie­ben bis zum Frie­den? Liebs­te, ich habe noch kei­nen Augen­blick dar­an gedacht, ich fürch­te mich nicht vor die­sem Tag, ich freue mich auf ihn!

Sei Du mit mir guten Mutes! Gott neh­me Dich in sei­nen Schutz!

Bald dür­fen wir wie­der bei­ein­an­der sein, uns die Hän­de drü­cken, ein­an­der uns[e]re Lie­be bezei­gen und stär­ken in uns[e]rer Hoff­nung. Herz­lie­bes Du! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Ich will nicht von dei­ner Sei­te wei­chen und Dei­ne lie­ben Hän­de ganz fest hal­ten, für immer! Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen!

T&SavatarsmDein [Roland].

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