31. März 1940

Flag of the Republic of China-Nanjing
Die Flagge der Repub­lik Chi­na-Nan­jing, die am 30. März unter japanis­che Kon­trolle gegrün­det wurde. Bild: Jap­pie, über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
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S. am 28. März 1940

Herza­ller­lieb­ster, meine liebe, liebe [Hilde]!

Ach lieb­ste, wie bit­ter und herb schmeckt der Dienst heute, nach unseren süßen Tagen, Du! So habe ich es lange nicht emp­fun­den. Wäre ich in ein­er Stadt, ich müßte jet­zt hin­aus und mich unter Men­schen bewe­gen. Nun bleibt mir nur der Ausweg, Dir zu schreiben. Soviel alte graue Arbeit, Akte­nar­beit, ste­ht wieder vor mir, meine Aufmerk­samkeit, meine Gedanken, ich soll sie wieder teilen, und sie wollen doch nur zu Dir, Herza­ller­lieb­ste, zu Dir! Lieb­ste, sie gehören Dir so ganz, ich füh­le es glück­lich! Und ich habe es gemerkt, daß sie auch zu Hause Dir mehr gehören als den Eltern. Es ist mir heute darum ein wenig leid um sie. Wir wollen uns[e]re Eltern gegen­seit­ig recht lieb behal­ten und wollen uns dankbar erzeigen. Aber es muß wohl so gehen, wenn ein neues Paar glück­lich wer­den will, und vor der Hochzeit muß wohl jedes von uns empfind­en: ich halt es nicht mehr aus allein. Du, heute ist mir so, Herza­ller­lieb­ste, Du!

Wang Jingwei
Wang Jing­wei, der Anführer der Repub­lik Chi­na-Nan­jing, geme­in­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
Am Fre­itag.

Zwin­gen muß ich mich zur Arbeit, Du! Wut habe ich auf die Behörde. Die ist ja von allen Geis­tern ver­lassen. Ferien waren das über­haupt nicht. Nichts gewiss­es ist mehr. Heute heißt es so, mor­gen anders. Gestern nahm ich die kleinen auf, heute kommt ein Anweisung: ‚Das Schul­jahr begin­nt am 1. April. Die Schu­lan­fänger sind am Mon­tag aufzunehmen. Die Verkürzung der Ferien wird davon nicht berührt‘. Mit Neuigkeit­en immer hin­ter­her, so arbeit­en die. Wahrschein­lich schreiben sie am Dien­stag, daß der Unter­richt erst Mon­tag den 1. April aufzumehmen ist, diese Schaf­sköpfe. Na, wenn wieder mal Käl­te­fe­rien sein soll­ten, oder wenn näch­stens mein Kohlen­vor­rat aus­ge­ht, werde ich bess­er sehen, wo ich bleibe. Lieb­ste! Jet­zt kommst auch Du aus dem Geschäft. Es ist noch nicht hell und wir kön­nten so schön noch ein Stünd­chen aus­ge­hen. Genau nach West­en senkt sich die Sonne in diesen Tagen, zu Dir, Her­zliebes. Ich sehne mich so nach Dir, Du! Ich möchte bei Dir sein! Mor­gen werde ich ein Zeichen von Dein­er Hand erhal­ten! Wie ich darauf warte, Du, wie ich mich darauf freue, Herza­ller­lieb­ste!

Am Sonnabend.

Herza­ller­lieb­ste, Du, über alles Geliebte! Wie glück­lich machst Du mich mit Dienem lieben Brief! Was ist mir, daß ich s[o] sehn­süchtig warte auf Dein Zeichen? Ach Du, ich liebe Dich so sehr! Ich hätte ja gar nichts anderes erwarten kön­nen. Und doch, Du! Daß du mir sagst, wie Du mich lieb­st, und wie Du es sagst, Her­zlieb, viel schön­er und echter als alle Gedichte, das tut mir so wohl, das ist so tröstlich, das macht mich so glück­lich. Daß Du (noch) mich so beglück­en kannst, nur Du! Her­zliebes!, das mag Dir auch der schön­ste Dank sein, ich kann Dir jet­zt keinen anderen brin­gen. Und nun sitzen wir wie zwei Vögel im Käfig gefan­gen, Du hier, ich da, und möcht­en so gern zueinan­der und kön­nen doch nicht, das Muß hält uns gefan­gen. Aber wir hof­fen darauf, daß sich die Stäbe nun bald für immer auseinan­der tun, Du! Daß ich Dich, Geliebte, heim­führen darf, wie im Märchen, und hof­fen darauf, daß es auch wie im Märchen von uns heißen soll: und sie lebten noch viele Jahre glück­lich und zufrieden. Noch vieles will getan sein bis dahin, viel böse Hin­dernisse dro­hen und kön­nen sich uns in den Weg stellen. Aber wir wollen uns rühren und Gott ver­trauen. Gott ver­trauen nicht aus Bequem­lichkeit und Aber­glauben, son­dern weil wir Gott über uns erken­nen und seine Hand über uns wis­sen. Wun­der­bar wie er uns zusam­men­führte. Alles ist bish­er nach unserem Wun­sch und Willen gegan­gen, Du, trotz aller Hin­dernisse. Und nun läßt er uns bei­de das Glück der Liebe so köstlich erfahren, läßt es mich an Dein­er Seite so kindlich gläu­big und froh erleben. Ist das etwas nichts Beson­deres? Ist es nicht, was tausend and[e]re auch erleben? Ist es nicht nur die Laune des Zufalls? — Etwas Beson­deres? Es ist für mich und Dich das Köstlich­ste auf Erden, unser Schatz, unser Alles, unser Glück! Es ist in meinem Leben eine Wen­dung, eine bedeut­same Entschei­dung. Mein Streben und Tra­cht­en ging dar­nach, selb­st etwas Bedeu­ten­des darzustellen, mich an her­vor­ra­gen­der Stelle unent­behrlich zu machen.  Auch das ist ein hohes Glück , Du!  Es blieb mir ver­sagt.  Mancher­lei Schick­un­gen haben es ver­hin­dert.  Ein Weib soll ich gewin­nen, so es ganz lieb gewin­nen – – – und Du, Herza­ller­lieb­ster!  Du ver­stehst mich.

Die Laune des Zufalls?  Nein[,] Her­zliebes. Wer sich Auf­gaben stellt und sein Leben mit Sinn erfüllt, und wer es ohne Sinn und Auf­gaben für wert­los hält, wie sollte der glauben, daβ dieses ganze Welt­getriebe ein dumpfer Mech­a­nis­mus ist ohne Ziel und Plan.  Die Welt liefert uns dafür auch nicht einen schla­gen­den Beweis. Wer freilich selb­st so dumpf dem Augenblicke[n] ergeben dahin­lebt wie das Tier, der mag sich wohl den Zufall zum Gotte [sic] wählen. Seine ganz Würde empfängt unser Leben erst von der Vorstel­lung eines per­sön­lichen Gottes. Nun ist die Seite beina­he wieder gefüllt.  Habe ich eine Predigt gehal­ten? Nein[,] Her­zliebes.  Ich hat­te mir diese besinnlichen Zeilen gar nicht vorgenom­men.  Ich wollte Dir nur schreiben, wie glück­lich ich bin.  Und es müβte uns wohl schwindeln und unheim­lich wer­den vor so viel Glück in dieser Zeit, wenn wir es nicht aus Gottes Hand dankbar nehmen.  So dachte ich, sor­gend um unser Glück. Aus Gottes Hand nehmen, das bedeutet aber auch, daß wir jed­erzeit seine Auf­gabe erken­nen, daß wir das hohe Ziel nie aus den Augen ver­lieren.  Gott schenkt uns dieses Glück nicht, daß wir uns[e]rer Lust frö­nen. Mit diesen Worten spiele ich keineswegs an. Gott weiβ, daβ wir bei­de guten Wil­lens sind, und wir wollen nicht nach­lassen[,] ihn zu bit­ten, daβ er uns Kraft schenke zum Guten, daβ wir ihm gute Früchte tra­gen.

Her­z­lo Her­zliebes! So froh und glück­lich und dankbar gehe ich nun in diesen Son­ntag. Will’s Gott, in ein­er Woche, bin ich bei Dir.  Sei auch Du froh und glück­lich bis dahin! Behüt Dich Gott!  Grüβe die lieben Eltern!

[Hilde], Du, Herza­l­lelieb­ste, mein ganzes Glück, ich bin immer bei Dir, ich bin ganz Dein,

Ich liebe Dich so sehr! Du!T&Savatarsm

Dein [Roland].

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