27. März 1940

[400327–1‑1]

S. am 27. März 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Du!  So kurz waren uns[e]re Tage.  Wie ver­flo­gen sind sie.  Ich bin ges­tern umher­ge­irrt, als könn­te es gar nicht sein, daß Du schon wie­der ent­schwan­dest, Herz­al­ler­liebs­te Du!  Die Erin­ne­rung an uns[e]re Tage ist so süβ und zau­brisch, Du!  Heu­te vor­mit­tag bin ich abge­reist, vor­mit­tag schon, damit [i]ch viel­leicht heu­te noch umkeh­ren könn­te zu Dir, Geliebs­te!  Eben bin ich mit dem Rad aus S. zurück, um mir Gewiß­heit zu holen.  Ganz ver­schie­den beginnt der Unter­richt in ein­zel­nen Orten, in S. selbst erst am 1. April.  Aber für uns bleibt es dabei, Don­ners­tag, den 28. März.  Du, kannst Du Dir den­ken, daß ich voll Hoff­nung war und Freu­de?

Paul Reynaud 1933
Paul Reyn­aud wur­de am 21. März der Minis­ter­prä­si­dent Frank­reich, am 28. März unter­zeich­ne­te er einen Ver­trag mit Eng­land, der es den bei­den Staa­ten unter­sag­te, einen Sepa­rat­frie­den mit Deutsch­land zu schlie­ßen. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
Nein, Du kannst es wohl kaum ermes­sen, wie voll Ver­lan­gen und Lie­be ich hoff­te, Du!  Nun müs­sen wir Geduld haben.  In ½ Stun­de geht die Post.  Gleich habe ich mich her­ge­setzt, um wenigs­tens unse­ren Boten wie­der in den gewohn­ten Gang zu brin­gen, damit er uns pünkt­lich unser nächs­tes Wie­der­se­hen bestellt, Herz­lie­bes, so Gott will Sonnabend/Sonntag, den 6./7. April.  Ich habe heu­te früh so gewar­tet auf ein Zei­chen von Dir, es blieb aus.  Trotz­dem den­ke ich, daß Du gut nach Hau­se gekom­men bist, auch ohne Dein Geld­täsch­chen?  Nun habe ich zwei Pfän­der in mei­ner Hand. Dei­ne Abfahrt und unser Abschied waren so über­stürzt, es ist mir nach­her erst recht zum Bewuβt­sein gekom­men, Du!  ich mag Dich doch gar nim­mer gern fort­las­sen, ich mag doch gar nicht mehr Abschied neh­men von Dir!  Du, Liebs­te!  Schreib mir bald ein paar Zei­len, nur ein paar Zei­len. Ach Du! Ich habe noch gar nicht aus­ge­packt, ich wür­de am liebs­ten gleich wie­der zupa­cken.


Wor­ter woll­te schimp­fen, als ich andeu­te­te, daß ich viel­leicht nach O. fah­ren wol­le, wenn…, ja wenn…

Du, hast Dich von dem Schre­cken erholt, den er uns ein­jag­te?  Herz­lie­bes!  Bei Euch, bei Dir ist es weni­ger schreck­haft.  Du!

So, jetzt muß ich auf­hö­ren.

Ich habe auch wei­ter nichts zu sagen, nur daß ich Dich so lieb habe, Du!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Du mein Gedan­ke,
all mei­ne Sein und Wer­den,
Du mei­nes Her­zens ers­te Selig­keit!
Ich lie­be Dich wie nichts auf die­ser Erden!
Ich lie­be Dich!
Ich lie­be Dich in Zeit und Ewig­keit!“

[H. C. Ander­son]

Behüt Dich Gott!

Ich lie­be Dich ganz sehr, Herz­al­ler­liebs­te!

Du, mei­ne [Hil­de]!T&Savatarsm

Dein [Roland]

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2 Antworten auf „27. März 1940“

  1. In die­sen bei­den Brie­fen erkennt man bereits die Enge und Ver­trau­lich­keit, die sich zwi­schen Roland und Hil­de auf­ge­baut hat. Das ‚Sie’ und der dis­kre­te Schreib­stil sind gänz­lich ver­schwun­den. Roland schmach­tet für sein „Herz­lie­bes“ und schmückt sei­ne Zunei­gung und sein Begeh­ren wort­reich aus. Tat­säch­lich hat der Brief kei­nen ande­ren Inhalt mehr, als die Umschrei­bung sei­ner Gefüh­le und sei­ne Sehn­sucht nach Hil­de. Roland gibt hier kaum Ein­blick auf sei­nen All­tag und sei­ne der­zei­ti­ge Situa­ti­on. Zwar schreibt er davon, dass er mit Schnup­fen und Hals­schmer­zen zu kämp­fen hat­te, doch scheint die Erwäh­nung sei­ner Krank­heit nur eine ein­lei­ten­de Vor­ge­schich­te für die Schal-Poin­te zu sein. So erzählt er Hil­de dass er, auf der Suche nach sei­nem eige­nen Schals, den ihri­gen in sei­nem Kof­fer fand und sogleich an sie den­ken muss­te und an die Zeit, in sie sich ken­nen lern­ten und sich noch siez­ten, obgleich er schon damals star­ke Gefüh­le für sie emp­fand.
    Dass der Brief fast Gänz­lich aus Gefühls­be­kennt­nis­sen und Erin­ne­run­gen an die rosi­ge frü­he­re Zeit besteht, muss auch im his­to­ri­schen Kon­text betrach­tet wer­den. Es ist Krieg, die Leu­te leben in Angst, Not und Gräu­el sind über­all zu sehen, auch abseits der Front. Über das Elend schrei­ben wür­de hei­ßen, es zu kon­sta­tie­ren und die Gefüh­le der Angst und Unsi­cher­heit damit womög­lich noch zu ver­grö­ßern. Roland gibt sich mit sei­nen Lie­bes­äu­ße­run­gen selbst Kraft, er spürt sich selbst in sei­nen Gefüh­len zu Hil­de und die Erin­ne­run­gen an Frü­her beru­hi­gen und geben Sicher­heit. Über eine mög­li­che gemein­sa­me Zukunft, ein Wie­der­se­hen zu schrei­ben, gibt Hoff­nung. „Ich weiβ nicht, ob Ihr Frau­en auch so die Freu­de am eigens­ten Besitz kennt wie wir. Du glaubst ja nicht, wie­viel Glück und Freu­de die­se Wor­te umschlieβen: Du bist mein!“. Hil­de als ‚eigens­ten Besitz’ zu bezeich­nen, könn­te man hege­mo­ni­al inter­pre­tie­ren, doch wür­de ich es mehr als ein sich an ihr fest­hal­ten sehen (- wobei das Eine das Ande­re nicht aus­schließt). Durch die stän­di­ge Erklä­rung sei­ner Lie­be zu Hil­de wird die­se zu einem siche­ren Anker­punkt.

  2. Die­ser Brief ist offen­sicht­lich nach einem Besuch von Hil­de bei Roland ent­stan­den. Der Abschied kam ganz plötz­lich und “über­stürzt”, sie habe sogar ihre Geld­bör­se ver­ges­sen und bis zum Zeit­punkt der Fer­tig­stel­lung des Brie­fes hat Roland immer noch kein Lebens­zei­chen sei­ner Hil­de erhal­ten. Hier wird wie­der ein­mal die Pro­ble­ma­tik der zeit­li­chen Dif­fe­renz des Brie­fe­schrei­bens und ‑erhal­tens deut­lich: heut­zu­ta­ge wür­den wir eine schnel­le Whats­app oder Email Nach­richt schi­cken, dass wir hier oder dort gut ange­kom­men sind — damals muss­te man ban­gen, bis man nach Tagen oder gar Wochen eine Ant­wort erhielt. Die Lie­be und Sehn­sucht wird in Rolands Kose­na­men an Hil­de umso deut­li­cher: Herz­al­ler­liebs­te, Liebs­te, Lie­be, Herz­liebs­te — in bei­na­he jedem Satz bezeugt er sei­ne Hin­ga­be zu Hil­de. Die­ses Gefühl scheint in sei­nen eige­nen Wor­ten nicht genug wider­ge­spie­gelt zu wer­den, daher fügt er am Ende des Brie­fes noch ein Zitat von H.C. Ander­son ein. Aus dem Brief wird eben­so deut­lich, dass jemand namens “Wor­ter” dem jun­gen Paar einen Schre­cken ein­jag­te — wor­auf das bezo­gen ist, lässt sich anhand die­ses Brie­fes nicht sagen. Im Bezug auf die Zeit könn­te es mit den poli­ti­schen Umstän­den zu tun haben?

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