17. März 1940

[400317–1‑1]

S. am 17. März 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Dies­mal muβ­te ich Dir den Sonn­tags­gruβ schul­dig blei­ben. Auch wenn ich ihn fer­tig gehabt hät­te, er wäre heu­te nicht in dei­ne Hän­de gehangt. Hör zu! Schon am Frei­tag war es hier in aller Mun­de: Das Eis kommt! Das Eis kommt! Das ist hier am Was­ser ein rich­ti­ger klei­ner Auf­ruhr. Man­nig­sa­che Gefüh­le schwin­gen da. Die Leu­te ste­hen am Was­ser, blei­ben wo mög­lich län­ger auf, um die­ses Schau­spiel zu sehen, um des Win­ters letz­te Para­de zu beob­ach­ten. Der ers­te Schub – die Leu­te reden kmehr [sic] Kau­der­welsch als ver­stän­dig vom Mol­dau­eis, vom Ege­r­eis usw – kam denn auch in der Nacht zum Frei­tag. Mit dem Eis­gang wächst das Was­ser. Als ich nach T. [in der Sude­ten­land] wan­der­te, hat­te das Eis nach gelas­sen, das Was­ser war wie­der gefal­len. Frei­tag­abend kam neu­es Eis, sodaβ ich bis nach S. zurück­fah­ren muβ­te, weil unser Fähr­mann nicht mehr über­fuhr. Gegen 9 Uhr kam ich sehr müde nach heu­te. Unauf­halt­sam saus­te das Eis vor­über, das Was­ser wuchs zusehns. 10cm fehl­ten noch bis zu Stras­se.

Rudolf  Schuster, Glashütte/Sachsen, nach dem Hochwasser, 1927, Rolf Dresden, 2006, Wikimedia Commons, Lizenz „Namensnennung," 03.2015
Rudolf Schus­ter, Glashütte/Sachsen, nach dem Hoch­was­ser, 1927, Rolf Dres­den, 2006, Wiki­me­dia Com­mons, Lizenz „Namens­nen­nung,” 03.2015

Bei uns drang das Was­ser durch die Schleu­se ins Wasch­haus bis zu 20cm höhe. Ich soll­te noch mein Fahr­rad her­aus und brach­te es in den Kel­ler. Frau S.s Kel­ler hat kei­ne Ver­bin­dung mit der Schleu­se und ist vom Was­ser nur durch die Kel­ler­fens­ter zu errei­chen. (So rech­ne­ten wir). Am Sonn­abend­mor­gen­stand das Was­ser an der Gar­ten­pfor­te. Uns[e]re Stras­se war auf 100m bis zu ¼ Meter über­flu­tet. Und o Schreck! Das Was­ser war nun doch bis in dem Kel­ler gedrun­gen, [sic] In die Feue­rung des Wasch­kes­sels durch die Esse, und durch ein Tür­chen, aus dem der Essen­keh­rer den Ruβ nimmt, in den Kel­ler. Über einen Meter stand es schon und mit der Stär­ke eines Lei­tungs­strahls lief immer mehr zu. Die brau­ne [^]Soβe bedeck­te nun (sie bedeckt noch) unse­ren Koh­len­vor­rat, mein Rad (aus dem Regen in die Trau­fe) Frau Schei­bes zusam­men­ge­spar­te Oster­but­ter, den Speck, das Öl, die Möh­ren, die Kar­tof­feln, auf der Soβe schwim­men die Holz­schei­te. Der Anblick ent­behrt nicht eines gewis­sen Humors. Frau Schei­be ihrer­seits war, ver­ständ­lich, betrübt, bestürzt, kopf­los, genug Grund für mich, des­to ruhi­ger und beson­nen dem Ele­ment zuzu­schau­en. Zunächst ein­mal über den Berg zur Schu­le. Als­dann gehorcht nach amt­li­chen Mel­dun­gen über Was­ser­stand und Was­ser­wuchs. Dazu ist zu sagen, daβ die­ser Mel­de­dienst voll­stän­dig ver­sag­te, sodaβ die wil­des­ten Gerüch­te umgin­gen von Damm­bruch und Was­ser­wuchs. Auch der Fähr­meis­ter hat­te nur unge­naue Nach­rich­ten. Unter­des­sen hat­te es nun schon vie­le Scha­den ange­rich­tet auch in Dorf.

T bevel
Win­kel­stie­ge
Mein Spei­se­lo­kal liegt sehr tief. Es war rings von Was­ser umge­ben, mit einem Pad­del­boot wur­de die Ver­bin­dung mit der Umwelt auf­recht­erhal­ten. Und nun bekam ich das Hoch­was­ser am eige­nen Lei­be zu spü­ren: ich krieg­te nichts zu essen. Die gan­ze Mann­schaft des Dor­fes war dabei, was nicht ganz fes­te war anzu­bin­den mit Sei­len und Ket­ten. Zäu­ne wur­den aus­ge­hängt. Die Gewalt der mäch­ti­gen Schol­len hat­te die Stark­strom­lei­tung noch Herrns­kret­schen umge­legt. Im Lau­fe des Tages ver­sorg­te jede Tele­fon­ver­bin­dung. Die Schol­len bedroh­ten nun auch die Licht­mas­ten, die bei uns vor­bei­füh­ren [sic]. Durch die Erschüt­te­run­gen ent­stan­den Kurz­schlüs­se an den Haus­lei­tun­gen, wir sind jetzt ohne Licht. Was aber nun die Schol­len und reiβen­den Was­ser vor­bie­führ­ten, erzähl­ten von dem Scha­den, den es ander[s]wo schon ange­rich­tet hat­te: Baum­stäm­me, Lei­tungs­mas­ten, Gar­ten­zäu­ne, Holz­wän­de, Lau­ben­dä­cher, einen Fähr­damp­fer, eine Fei­me Heu, eine tote Kuh. Am Nach­mit­tag schäl­te sich aus den unbe­stimm­ten Gerüch­ten die Tat­sa­che, das Was­ser wür­de noch einen Meter wach­sen. Ich nahm die Schmie­ge, nahm maβ [sic] und errech­ne­te, daβ es dann even­tu­ell in uns[e]re Woh­nung drin­gen könn­te. Was am Fuβbo­den stand muβ­te also eine Stu­fe höher geschafft wer­den. Dabei war ein kräf­ti­ge­rer Wuchs immer mit ein­zu­kal­ku­lie­ren.
Überschwemmung an der Elbe in Königstein, Sachsen, März 1940. Quelle: Sammlung Deutsch, Historische Hochwasser - Bilddokumente, http://www.matdeutsch.de/galerie_juni2010/index.htm, 03.2015
Über­schwem­mung an der Elbe in König­stein, Sach­sen, März 1940. Quel­le: Samm­lung Deutsch, His­to­ri­sche Hoch­was­ser — Bild­do­ku­men­te, 03.2015

Über die Grund­stücke­hin­ten­weg [sic] ent­wi­ckeln sich nun über Brü­cke, Ste­ge und Zäu­ne ein leb­haf­ter Durch­gangs­ver­kehr. Die Elbe gebär­de­te sich immer wil­der, das Was­ser­wuchs. Gegen Abend ging es bis ans Kel­ler­fens­ter. Ihr könnt Euch den­ken, daβ wir nun immer gewar­tet haben und gespannt und gemes­sen. Das Nach­bar­haus steht noch etwas tie­fer, dort wür­de das Erd­ge­schoβ vor­sorg­lich ge[r]äumt. Aber die Haupt­ge­fahr war vor­über. Gegen 8 Uhr kam das Was­ser zum Still­stand, seit Mit­ter­nacht ist es gefal­len schon über 1 Meter. Ich will mei­nen Berufs jetzt schlieβen. Aus dem Wasch­haus dringt dann und wann ein Pau­ken­ton: das sind der Wasch­kes­sel und die Wasch­haus­tür, die dort ihr Tänz­chen [sic]. Frau Schei­be angelt mit einem Sto­cken nach den Büt­ten und Wan­nen. Es ist eine Lust. Auch sie lacht wie­der, nach­dem sie gese­hen hat, wie es and[e]re här­ter betrof­fen hat. O mensch­li­che Schwach­heit, die sich an dem gröβe­ren Unglück des lie­ben Nächs­ten [w]iederaufrichtet.

Jetzt will ich schnell zur Post.

Lebt alle recht wohl und seid herz­lich gegrüβt von unse­rem groβen Wasch­fest und den Was­ser­rat­ten.

Herz­al­ler­liebs­te, soweit darfst du alles vor­le­sen.

Du, ich hat­te mir die wich­tigs­ten Din­ge ein wenig zurecht­ge­legt; für den Fall, daβ viel­leicht eine Flut­wel­le von einem Damm­bruch käme: Dei­ne Brie­fe, uns[e]re Fotos, mein Tage­brief, Päs­se und ein paar uner­setz­li­che Akten.

T&SavatarsmDu, ich lie­be Dich so sehr.

Ich blei­be immer Dein [Roland].

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Eine Antwort auf „17. März 1940“

  1. Die­ser Brief könn­te ver­mut­lich Rolands Ant­wort auf Hil­des Brief sein. In die­sem Schrei­ben wird schnell deut­lich, dass Roland von einer rie­si­gen Über­schwem­mung erwischt wur­de. Er erzählt, dass über­all das Was­ser steht und sogar schon die Kel­ler über­flu­tet hat. Ich den­ke er hat­te zu Beginn gro­ße Angst, da er auch schreibt er habe nichts zu Essen gehabt und durch das umher­schwim­men­de Treib­gut, sei auch die Strom­lei­tung am Haus beschä­digt wor­den, wodurch sie ohne Strom waren. Außer­dem wur­den die Koh­le­vor­rä­te über­schwemmt, was im März eine durch­aus unan­ge­neh­me Sache sein kann.
    (Eine klei­ne Notiz am Ran­de: Ich erin­ne­re mich, dass mir mei­ne Oma erzählt hat, sie lebt heu­te noch im Ems­land, dass 1940 eine gro­ße Über­schwem­mung sie über­rascht hat. Viel­leicht war es sogar die­se.)
    Roland sagt er hät­te eini­ge wich­ti­ge Din­ge wie z.B. die Päs­se vor dem Was­ser in Sicher­heit gebracht. Und auch Hil­des Brie­fe. Ich den­ke man kann dar­an erken­nen, dass ihm die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Hil­de sehr wich­tig ist, aber auch die Erin­ne­rung an die Kom­mu­ni­ka­ti­on.
    Es ist natür­lich klar, dass die­se Tra­gö­die in die­ser Situa­ti­on all­ge­gen­wär­tig war und somit der Haupt­fo­kus von Rolands Brief auf die Über­schwem­mung gerich­tet ist. Aller­dings schreibt Roland in dem Brief kei­nen ein­zi­gen Satz zu Hil­de, außer am Ende, als er sich von ihr ver­ab­schie­det und ihr sagt, dass er sie über alles liebt. Aber ich den­ke davon kann, auf­grund der Kata­stro­phe, abge­se­hen wer­den. Außer­dem merkt er an er hät­te ihren Sonn­tags­gruß fer­tig gehabt, aber er konn­te auf­grund des Was­sers nicht ver­schickt wer­den.
    Den­noch den­ke ich, dass Roland, viel­leicht auf­grund sei­nes Alters, eine ande­re Art hat, Hil­de sei­ne Lie­be zu zei­gen. Sie wirk­te im obe­ren Brief eher uner­fah­ren und vor­schnell und er wirkt so, als wür­de er die Bezie­hung ratio­na­ler betrach­ten. Mei­ner Mei­nung nach wird das auch deut­lich weil er am Ende des Brie­fes schreibt „Herz­al­ler­liebs­te, soweit darfst du alles vor­le­sen.“ und danach erst notiert, dass er sich die wich­ti­gen Sachen bei­sei­te­ge­legt hat und er sie über alles liebt. Ich den­ke die Eltern von Hil­de wis­sen noch nichts über die Bezie­hung der bei­den und es soll noch geheim blei­ben.

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