13. März 1940

[400313–1-1]

Karelische Landenge 13. März 1940
Kare­li­sche Land­enge am 13. März 1940, dem letz­ten Tag des Win­ter­kriegs, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
S. am 12. März 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Heu­te hat der Früh­ling wirk­lich zum ers­ten Male um die Ecke geschaut. Die Erde ist ein ein­zi­ges Rinn­sal, sie bricht auf, sie tut sich auf der bele­ben­den Son­ne. Wie­der geht ein Dienst­jahr zu Ende. Bald jährt sich der Tag zum zwei­ten Male, da wir uns näher­ka­men, Herz­lie­bes! Zwei Jah­re schon, Du! Wie schnell schei­nen sie mir ver­gan­gen jetzt. Denk nur zwei Jah­re wei­ter, Herz­al­ler­liebs­te! Du! Die Rede vom ewi­gen Kreis­lauf der Jah­re ist nicht sehr gescheit. Es war der vori­ge Früh­ling für Dich und mich ein and[e]rer als der vor zwei Jah­ren. Und der dies­jäh­ri­ge, so Gott will, wird uns anders fin­den als der vor­an­ge­gan­ge­ne, Herz­al­ler­liebs­te, Du! Anders! Ver­trau­ter, ver­lan­gen­der, Du! Wir sind ja ein­an­der gewiß gewor­den. Der Früh­ling sieht uns mit einem gol­de­nen Reif am Fin­ger. Die Früh­lings­son­ne bescheint Braut und Bräu­ti­gam.

Otto Modersohn Dorfstraße im Frühling 1922
Otto Moder­sohn, Dorf­stra­ße im Früh­ling, 1922, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
Wir haben sie so lan­ge erwar­tet und sind froh, daß sie nun kommt. Wir wis­sen, sie gibt uns Kraft, sie stei­gert unser Seh­nen, unser Ver­lan­gen, und dar­über sind wir froh, dar­auf war­ten wir, dar­auf war­ten wir zum ers­ten Male in gewis­ser Hoff­nung. Wir ste­hen auf der Höfe des Lebens, Herz­lie­bes, vor der Erfül­lung, vor der Hoch­zeit! Nach beschwer­li­chem Anstieg nähern wir uns dem Gip­fel des Ber­ges. Nun schweift das Auge beherr­schend  und sieg­haft über die Wei­ten rings­um. Gott seg­ne uns die­se Zeit! Er sei mit Dir an mei­ner Sei­te, Du, mein liebs­ter Wan­der­ge­sell! Bist ganz allein mit mir zum Berg gestie­gen, Du lie­be, Du tap­fe­re, Du jun­ge, Du fei­ne! Nun wol­len wir uns einen Platz aus­su­chen zur Rast, Du und ich ganz allein, Herz­al­ler­liebs­te Du! Ich lie­be Dich so sehr!

Herz­lie­bes! Mitt­woch ist heu­te. Es ist solch gro­ße Freu­de in mir heu­te. Ist es, weil die Fin­nen und Rus­sen nun Frie­den Schlie­ßen? Ein har­ter Rück­schlag für die West­mäch­te. Ist es,weil nun mei­ne Ent­las­sungs­fei­er Gestalt annimmt, und durch den Nebel der Geschäf­te das Ufer uns[e]rer Tage sicht­bar wird? Am Ende aber und im Hin­ter­grun­de die­ses freu­di­gen Aus­blicks, jedes freu­di­gen Aus­blicks, stehst Du, Herz­lie­bes! Ohne Dich wäre mir auch die größ­te Freu­de nur halb. Ich freue mich auf unse­re Tage, Herz­lie­bes! auf das Glück, an Dei­ner Sei­te zu gehen, der Ver­trau­te Dei­nes Her­zens.

Sieg­fried schrieb vor­ges­tern, er bedankt sich für das Geden­ken und die Geschen­ke zu sei­nem Geburts­ta­ge, auch für Dei­nes. Er schreibt: es geht mir aus­ge­zeich­net. Im gehei­men hofft er auf Oster­ur­laub. Heu­te schrieb er schon wie­der ein Kar­te von einem Sonn­tags­aus­flug zum Dra­chen­fels. Die Elbe wächst zuse­hends. In rascher Fahrt trei­ben und dre­hen gro­ße und klei­ne Eis­schol­len vor­bei. Es sieht so lus­tig aus.

Ich zäh­le und kal­ku­lie­re schon: Heu­te in 8 Tagen ist letz­ter Unter­richts­tag. Viel­leicht tref­fen wir uns doch in Dres­den zur gemein­sa­men Heim­fahrt.

So, nun hast Du doch Dei­nen Mitt­woch­gruß. Die Zeit, die ich dar­auf ver­wand­te, hole ich dop­pelt ein über der Freu­de, die­ses Zei­chen in Dei­ner Hand zu wis­sen.

Herz­lie­bes! Weißt Du, wie Du mir wert bist?

Behü­te Dich Gott! Blei­be froh und gesund!

Was ich auch anfas­se, es geht mir leich­ter von der Hand, weil ich weiß, daß Du mein bist, das Du mich liebst.

Ich bin ganz Dein! Ich lie­be Dich so sehr! Du! Liebs­te!

Dein [Roland]

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern!T&Savatarsm

Weißt Du ein schö­nes Geschenk für den Vater?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.