Trug und Schein: Ein Briefwechsel

05. März 1940

Risto Ryti
Fin­ni­scher Minis­ter­prä­si­dent Ris­to Ryti über­zeug­te die ande­re Minis­te­rin davon, dass sie sich für Frie­den mit den Sowjets ent­schei­den sol­len. Bild: 1939, Ris­to Ryti, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.

[400305–1‑1]

S. am 5. März 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Aus einem Dei­ner letz­ten Brie­fe leuch­te­te mir Dei­ne gan­ze mäd­chen­haf­te Herz­lich­keit, nach der ich mich frü­her so oft sehn­te, von der ich, wenn ich sie bei ande­ren sah, hoff­te, daβ sie mir ein­mal gel­ten möge. Und von Dir beglückt sie mich dop­pelt, weil ich weiβ, daβ sie ein Geschenk ist, das Du eigens für mich auf­ge­ho­ben hast, das Du nur einem brin­gen kannst, den Du ganz lieb hast und dem Du ganz ver­traust.

Heu­te nun hast Du in mir so groβe Freu­de ange­zün­det, Herz­al­ler­liebs­te Du! Du! Ich muβ acht­ge­ben, daβ sie nicht über­schäumt. Liebs­te, es ist nicht nur die Freu­de auf unser Wie­der­se­hen über­haupt, es ist die Freu­de auf unse­re Stun­den, Du! Nun will ich kom­men und die­se Freu­de mit Dir tei­len. Herz­lie­bes! Ich mag sie nur mit Dir tei­len. Nur Du sollst sie sehen. Ich wür­de mich scheu­en, sie ande­ren zu zei­gen. Es ist unse­re Freu­de, und so sel­ten und groβ ist sie doch auch nur, weil sie unser Geheim­nis ist. Wenn ich ande­re von der Ehe reden höre so all­täg­lich, gewöhn­lich, geschäft­lich, den­ke ich, ob sie denn nie etwas von dem Glück des Zwei­seins erfah­ren haben, von dem Glück, das die all­täg­li­chen, geschäft­li­chen Sei­ten so mäch­tig über­strahlt und in den Schat­ten stellt. Sie sahen und fan­den es wohl nicht. Wir aber, Herz­al­ler­liebs­te, Du, wol­len es hüten, es näh­ren und sei­ne Quel­len sau­ber hal­ten, und wol­len im Über­schwan­ge nicht ver­ges­sen, wer es uns schenk­te.

Du, ich lie­be Dich so sehr, Du, mein gan­zes Glück! Träum süβ, Herz­lieb,

von Dei­nem [Roland].

Mumiae, Museum für Hamburgische Geschichte IMG 1886 edit
Apo­the­ker­ge­fäß mit der Auf­schrift „MUMIÆ“ von der Apo­the­ken­samm­lung des Muse­ums für Ham­bur­gi­sche Geschich­te. Sie wur­de für Heil­mit­tel ver­wandt. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
Herz­al­ler­liebs­te! Was soll ich Dir noch schrei­ben? Es scheint mir alles so wenig schrei­bens­wert heu­te. Sonn­abend, Sonn­tag, Mon­tag fühl­te ich mich sehr unwohl und fürch­te­te, ich müβ­te zwecks Radi­kal­kur ein­mal den elter­li­chen Hafen anlau­fen. Mein Schnup­fen ist im Kopf halb ste­cken­ge­blie­ben. Und nun zwick­te und brumm­te es ein­mal hier, ein­mal da, dazu ein hart­nä­cki­ger Hals­schmerz, der sich auch durch fleiβi­ges Gur­geln nicht ver­trei­ben lieβ. Ich beschloβ, mein Nacht­la­ger in mei­ner Wohn­stu­be auf­zu­schla­gen. Seit­dem ist es bes­ser. Die Hals­schmer­zen sind ver­schwun­den, ich füh­le mich wie­der wohl. Als ich in mei­nen Sachen nach mei­nem sei­den Schal wühl­te, fiel Dei­ner mit her­aus. Wie ich mich da gefreut habe! Weiβ nicht, er erin­nert so an die L.er Zeit, als wir uns doch schon lieb­hat­ten und doch Sie zuein­an­der sag­ten. Wie­viel heim­li­ches Glück bedräng­te mich damals schon, Du, o Du, solch statt­li­ches Mäd­chen zu her­ber­gen! Und nun bist Du mein gewor­den, Herz­al­ler­liebs­te! Ich weiβ nicht, ob Ihr Frau­en auch so die Freu­de am eigens­ten Besitz kennt wie wir. Du glaubst ja nicht, wie­viel Glück und Freu­de die­se Wor­te umschlieβen: Du bist mein! Liebs­te, ein­mal habe ich nun auch gelacht, als ich Dei­nen Brief las: über den Sonn­abend­spuk die­ser Per­son ‚Schä­fel‘. Schön ‚gemacht‘ hat­test Du Dich für mich? Da muβ ich doch mal genau­er zuse­hen, bis­her nahm ich an, es sei alles gewach­sen an Dir. Wer den Scha­den hat… Bist mir böse Schä­fel? Auch dann noch, wenn ich der Schä­fer sein will zu dem Schä­fel? – So, öfter mag ich mich die­ses Pseud­onyms nicht bedie­nen, weiβ ja nicht, wie­viel Kuβhän­de Stra­fe dar­auf­ste­hen.

Nun soll ich bald alles wie­der­fin­den, Euch Lie­ben alle, die ver­trau­ten Räu­me, Dein Käm­mer­lein, Herz­lie­bes, Dein Bett­lein, Du, und Dich!, mein Lieb, soll mir Dein Her­ze [sic] wie­der schen­ken las­sen? O Du! Behüt Dich Gott!

Mein Herz ist voll Freu­de: Du bist mein!

Ich bin ganz Dein! Herz­al­ler­liebs­te! Ich lie­be Dich so sehr!

Dein [Roland].T&Savatarsm

Bit­te grüβe mir die lie­ben Eltern!

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05. März 1940

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