03. März 1940

[400303–2‑1]

O., am 2. März 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

End­lich ist Sonn­abend.…. so dach­te ich heu­te und dabei war ich vol­ler heim­li­cher Freu­de. Ich weiß selbst nicht[,] wie es über mich kam, die gan­zen Tage her freu­te ich mich so sehr — auf Dich, Du!

Bis zum Sonn­abend könn­te ich nicht war­ten, Dir mei­ne Hand zu rei­chen.“

Du! Das hat sich mir so ein­ge­prägt, als ich am Don­ners­tag Dei­nen lie­ben Brief bekam.

Wie kam es nur, daß ich mir so fest ein­bil­de­te, Du wür­dest mir am Sonn­abend leib­haf­tig Dei­ne lie­be Hand rei­chen?

Weil ich so gro­ße Sehn­sucht habe nach Dir — so gro­ße Sehn­sucht. Ja, des­halb glaub­te ich so fest dar­an, daß Du heu­te bei mir sein wür­dest.

Ruiner i Viborg
Rui­nen des Havi-Vier­tels von Wyborg. Am 3. März 1940 lei­ten hef­ti­ge Bom­ben­an­grif­fe den Angriff der Roten Armee auf Wyborg ein, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
So voll freu­di­ger Erwar­tung berei­te­te ich alles vor, steck­te die Eltern an mit mei­nem Drasch. Am Frei­tag habe ich geba­cken, abends um ½ 9 nach dem Rei­ne­ma­chen, wir muß­ten auch noch baden, und vor lau­ter Auf­re­gung ist mir der Asch­ku­chen dane­ben gera­ten — schliff, zu zei­tig aus dem Ofen genom­men. Heu­te waren wir schon um 3 Uhr ganz fer­tig zum Emp­fang. Der Sonn­tags­bra­ten brut­zel­te im Ofen, der Kar­tof­fel­sa­lat stand bereit. Onkel Fritz aus M. brach­te mit dem 4 Zylin­der die Wurst ange­fah­ren. Vater woll­te Dich vom Zug abho­len um 5, wie Du schon am letz­ten Male ankamst; ich wehr­te es ihm, ich woll­te Dich doch nur für mich haben im ers­ten Augen­blick des Wie­der­se­hens, Du! Und heu­te hät­te ich Dich im Son­nen­schein, bei strah­lend blau­em Him­mel heim­ge­führt zu mir.

Nie­mand kam, den ich unter Tau­sen­den hät­te her­aus­ge­fun­den. Ein wenig ent­täuscht war ich, doch die Hoff­nung, daß Du eine Stun­de spä­ter wür­dest kom­men, blieb. Zum nächs­ten Zuge woll­te Vater, ich ließ ihn gehen — er kam allein zurück.

Nun sage bloß, hat denn [Roland] geschrie­ben, daß er heu­te kom­men will?“ — „Nein!“ — „Na, wie kannst Du ihn dann so fest erwar­ten?“ „Ich hab‘ dar­an geglaubt!“

Nun lachen sie mich aus und nen­nen mich ein Schä­fel, ich lache und scher­ze mit, spie­le auch ein biss[e]l die Belei­dig­te wenn’s toll wird.

Du! Nun bin ich doch ein wenig trau­rig.

Heu­te hat­te ich mich schön gemacht, für Dich, Du! Nun sind die Eltern schla­fen gegan­gen, ich bin allein i[n] uns[e]rer Stu­be, warm ist es — so schön warm und die Uhr zeigt erst ¼ 9.

Ich den­ke an Dich, Liebs­ter! Herz­al­ler­liebs­ter! Ich habe Dich so sehr lieb, Du!

War­um muß­te ich mich so sehr auf Dich freu­en?

Mein Bett­lein war­tet auf mich, es ist frisch bezo­gen, ich will hin­über zu ihm, es ist mir heu­te der liebs­te Trost. Ein wenig soll das Licht noch bren­nen, daß ich Dich noch lan­ge sehen kann, ehe ich ein­schla­fen wer­de. War­ten muß ich, noch eine lan­ge Nacht, bis Dein Bote anklopft.

Du! Sag, hast Du auch Sehn­sucht nach mir?

Liebs­ter, bit­te denk an mich, wie ich an Dich den­ken wer­de, wenn ich im Bett lie­ge.

Ich möch­te so sehr ger­ne bei Dir sein, Herz­al­ler­liebs­ter! Behüt dich Gott! Schlaf wohl!

Ich küs­se Dich, Du! Du!

Dei­ne [Hil­de].

Herz­al­ler­liebs­ter, mein [Roland]!

Nun bist Du doch zu mir gekom­men heu­te früh, durch Dei­nen lie­ben Boten. Ich dan­ke Dir recht sehr, Du!, ich fühl­te Dich ganz bei mir und ich weiß, daß Du auch jetzt noch bei mir bist in Gedan­ken.

Heu­te bin ich gar nicht mehr trau­rig — Du! Ver­gan­ge­ne Nacht warst Du im Traum bei mir, ganz nahe, Liebs­ter! Ich war so glück­lich dar­über als ich las, auch Du sehnst Dich nach mir. Will’s Gott, dür­fen wir am nächs­ten Wochen­en­de uns gehö­ren Du!, dann wol­len wir uns umso fro­her und dank­ba­rer in die Augen bli­cken und uns[e]rer Nähe freu­en. Liebs­ter, auch Du halt Dich schön warm, beu­ge ein wenig vor, damit die Grip­pe Dich nicht packen kann. Bei uns hier geht sie auch um, man muß vor­sich­tig sein. Das Wet­ter täuscht jetzt so sehr; in den letz­ten Tagen mein­te man, der Früh­ling sei da und im Moment jetzt schneit es g[e]rade mal. Wir wer­den heu­te nicht raus­ge­hen, ich hel­fe dann der Mut­ter Wäsche nähen.

Ich hab[‘] auch noch etwas Beson­de­res vor, das ich heu­te unbe­dingt erle­di­gen muß, um es mor­gen früh zur Wei­ter­ga­be zu brin­gen. Du wirst es schon in den nächs­ten Tagen erfah­ren, Diens­tag rech­ne ich. Du darfst nicht um den Sonn­tags­kaf­fee kom­men, mein [Roland]! Es geschah alles, indem wir die Gedan­ken auf Dich rich­te­ten, nun wol­len wir auch gemein­sa­me Freu­de erle­ben — uns allen wür­de es sonst heu­te nicht schme­cken. Wirst Dich nun anschi­cken zum Got­tes­dienst zu gehen. Ich bin froh dar­über, daß Du ihn mit aus­schmü­cken darfst — ich wün­sche mir, ein­mal mit dabei zu sein. Ostern, Du! Wenn ich bei Euch in K. bin, wol­len wir mit­ein­an­der zur Kir­che, ich freue mich drauf. Ich las schon in der Zei­tung von den son­der­ba­ren Feri­en, hab[‘] die Tage schon ange­stri­chen auf mei­nem Kalen­der. Uns[e]re Feri­en­plä­ne müs­sen wir vor­der­hand auf spä­ter ver­ta­gen. Wer­den wir denn die lie­ben Sol­da­ten daheim begrü­ßen kön­nen, zu Ostern? Der Hell­muth tut mir leid, hof­fent­lich kann er sich erst wie­der rich­tig erho­len, ehe er Dienst tun muß. Bit­te grü­ße ihn auch recht herz­lich von mir, wenn Du wie­der schreibst.

Ja, Liebs­ter! Und Siegfried’s Geburts­tags­pa­ket­chen ist schon seit Don­ners­tag in vol­ler Fahrt gen Wes­ten. Da staunst Du, ja? Als Dei­ne lie­be Mut­ter die Hei­rats­ur­kun­de schick­te, sand­te sie auch ein paar Zei­len an mich und daher.…..

Zeit­ge­nös­si­sches Pfund­sym­bol aus Hil­des Brief.

Wir haben ein ½ [Pfund] Pra­li­nen erwischt und die habe ich in das Herz vom Weih­nachts­mann gefüllt und Sieg­fried geschickt mit einer Gra­tu­la­ti­on. Einen Moment lang hat­te ich ganz dum­me Gedan­ken dabei: das Herz — es ist ja nur von Pap­pe — mein Herz, mein rich­ti­ges Herz, das ist doch ganz Dein, Herz­al­ler­liebs­ter! So viel ist noch in mir, was ich Dir schrei­ben könn­te, aber das, was ich heu­te und immer für Dich emp­fin­de, ver­möch­te es doch nicht aus­zu­drü­cken.

Liebs­ter! Mein Liebs­ter! Heu­te will ich Dir nur noch sagen, daß ich wie­der ganz froh bin, daß ich voll Sehn­sucht auf Dich war­ten wer­de, bis ich Dich, mein gan­zes Glück in mei­nen Armen hal­ten kann und Dir sagen[.] Ich lie­be Dich, Du! aus tiefs­ten Her­zen!

Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

Behüt Dich Gott! Möge er Dich gesund u[nd] froh zu mir füh­ren.

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.