Trug und Schein: Ein Briefwechsel

01. März 1940

Fritz von Wille 0200
Fritz von Wil­le, Ker­pen, Unter­dorf mit Burg­ka­pel­le, 1907, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
[400301–1‑1]

S. am 01. März, 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

In dem Welt­en­thea­ter, des­sen Zuschau­er ich bin von mei­nem Fens­ter­sitz aus, steht noch immer die Win­ter­ku­lis­se, und augen­blick­lich läßt es der Regis­seur schnei­en. Der Win­ter führt noch das Regi­ment: das wur­de mir auch klar, als ich am Sonn­tag von höhe­rer War­te ein grö­ße­res Stück Welt über­schau­en konn­te. Es liegt noch viel, viel Schnee, der Käl­te­vor­rat ist noch groß, zum Früh­ling ist es noch ein Stück. Nur der Son­nen­stand gemahnt an den nahen­den Freu­den­brin­ger. Es wecken die­se Tage bei mir ganz eige­ne Erin­ne­run­gen. Die Oster­zeit ist eine Zeit gestei­ger­ter Hoff­nun­gen und Erwar­tun­gen, für den Leh­rer auch dienst­lich, denn es ist die Zeit des Wech­sels und der Ver­än­de­run­gen. Beson­ders deut­lich ste­hen mir noch die Vor­früh­lings­ta­ge des Jah­res 1936, mei­nes Wan­der­jah­res, vor Augen. Noch ein­mal im Febru­ar wur­de ich damals ver­scho­ben auf 6 Wochen nach H.. Als Fremd­ling in einer Klein­stadt, auf 6 Wochen nur: ich habe die­se Tage rich­tig aus­ge­kos­tet. Ein­mal lock­te die Früh­lings­son­ne ins Freie und lud ein zum Spa­zier­gang im schö­nen wech­sel­vol­len S.. Dann jag­te der Win­ter wie­der alles pol­ternd hin­ter den Ofen. Ein Kla­vier stand in mei­nem Zim­mer. Und dazu hat­te mir auf der Bahn­fahrt ein lie­bes Men­schen­kind alle Sehn­sucht auf­ge­weckt, daß ich eine Woche lang krank davon war.

Dann aber den­ke ich an den ers­ten Sonn­tag in O. im Früh­jahr des­sel­ben Jah­res. Es wech­sel­ten Stun­den des Son­nen­scheins mit mäch­ti­gen Güs­sen.   West­wärts trieb es mich, in der Frem­de einen Ort auf­zu­su­chen, der doch wenigs­tens in einer Bezie­hung zur Hei­mat stand, W.. So schmerz­voll habe ich Frem­de nie­mals emp­fun­den als damals, da ich vor neu­en schwie­ri­gen Auf­ga­ben stand, da ich eine so wenig zusa­gen­de Blei­be fand, einen ungüns­ti­gen Dienst­plan, und das alles mit der Aus­sicht auf län­ge­re Zeit. Am liebs­ten wäre ich an die­sem Sonn­tag immer wei­ter mar­schiert, geflo­hen, ach, es war eine schmerz­li­che Rück­kehr. Ich bin dann die­sen Weg noch öfter gegan­gen, bin ihn auch gegan­gen den letz­ten Sonn­tag mei­nes Auf­ent­hal­tes, wie­der in der Zeit der Wen­de zum Früh­ling. An die­sem Wege konn­te ich mes­sen, wie ich der Schwie­rig­kei­ten all­mäh­lich Herr wur­de. In den G. Park habe ich ein gut Teil mei­ner Sehn­sucht getra­gen. Mit die­sen Erleb­nis­sen reist der Mensch, lernt er sich ken­nen und bezwingen.

Freistadt Pfarrkirche - Schlussstein Südschiff 2 Hand Gottes
Frei­stadt, Ober­ös­ter­reich, Pfarr­kir­che St.Katharina, Goti­scher Schluss­stein ( ca. 1370 ) mit Hand Got­tes. Bild: 2. Mai 2014, Wolf­gang Sau­ber, Lizenz Crea­ti­ve Com­mons, 03.2015.
Herz­al­ler­liebs­te! Die Woche ist mir schnell ver­gan­gen. Heu­te end­lich ward es sicher, daß am Sonn­tag­nach­mit­tag 3 Uhr Got­tes­dienst ist, und daß der nächs­te Sonn­tag dann uns gehö­ren soll. Das ist mir lieb auch aus 2 ande­ren Grün­den: 1) ich bin ein wenig ver­schnupft, 2) wäre der Sonn­tag frei gewe­sen, hät­te ich Hell­muth besu­chen müs­sen, er liegt an Grip­pe im Laza­rett. Hüte dich nur ja vor Erkäl­tung in die­ser kri­ti­schen Zeit! Heu­te hat es Frau S. ein wenig gepackt. Daß ich mei­ner gere­gel­ten Arbeit na[ch]gehen kann, ist mir lieb. Die Feri­en sind plötz­lich von Reichs­we­gen ver­kürzt wor­den auf die Zeit vom 20. — 27. März. Das ist wie­der ein­mal eine recht kurz­sich­ti­ge Maß­nah­me, die ver­mut­lich noch ein­mal geän­dert wird. Klas­sen­wech­sel, Leh­rerwech­sel, Rei­ni­gung der Gebäu­de, alles in 7 Tagen, von denen 4 Fei­er­ta­ge sind, das ist ja unmög­lich. Außer­dem wer­den vie­le Schu­len bis dahin noch kei­ne Koh­len haben. Also war­ten wir erst ein­mal ab, eh wir schimp­fen und uns ent­rüs­ten. Der Unter­richt, der mir selbst den meis­ten Gewinn bringt, ist die Reli­gi­ons­stun­de. Die Kin­der in die schwie­ri­gen Gedan­ken zu füh­ren, nötigt mich zu eig­ner Klar­heit und Rechen­schaft. ‚War­um wir uns Gott als Per­son vor­stel­len.” ‚Die Welt läuft nach einem gött­li­chen Plan und jeder Mensch ist dar­in gerech­net.’ , Jeder von uns gehört sich selbst, dem Staat und Volk, Gott’: Die­se The­men wähl­te ich zur Betrach­tung in der letz­ten Zeit. Bei der Behand­lung des letz­ten kam mir selbst wie­der recht zum Bewußt­sein, wie wir doch in sei­ner Hand ste­hen. Der Mensch gebie­tet sich selbst. Der Staat gebie­tet uns. Das ist klar. Und Gott gebie­tet uns, er greift in unser Leben ein. Das wird beson­ders deut­lich an den Lebens­läu­fen der gro­ßen Män­ner. Aber wer nur auf­merkt, erkennt auch in sei­nem unbe­deu­ten­den Leben die unsicht­ba­re Hand, die uns hier schei­tern, dort gelin­gen läßt, die uns da ver­sagt und dort gewährt.

Herz­al­ler­liebs­te! Mit die­ser Post geht ein Brief an Sieg­fried ab, er hat Geburs­tag am […]. Wenn wir alle Gra­tu­lan­ten voll­zäh­lig erschei­nen, wird es ihm Freu­de machen. Schi­cken sollst Du nichts. Tei­le mir nur bit­te in Dei­nem nächs­ten Brief die Geburs­ta­ge der Eltern mit, ich möch­te kei­nen verpassen.

Heimerlass
Erlaß des Würt­tem­ber­gi­schen Innen­mi­nis­ters vom 7. Novem­ber 1938 („Heim­erlass“), gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 03.2015.
Ach Liebs­te! Der Mit­tags­zug fuhr Heu­te ohne mich! 8 Tage muß ich noch war­ten. Ein Glück, daß nun etli­che Arbei­ten sich vor­drän­gen, damit ich mei­ne Unge­duld ver­ges­se. Ein Stoß Hef­te liegt auf der Bücher­bank. Nächs­te Woche muß ich Prü­fungs­ar­bei­ten schrei­ben las­sen. Die Ent­las­sungs­fei­er möch­te ich vor­be­rei­ten. Manch­mal den­ke ich, die­se Arbei­ten wer­den mir alle ein­mal schnel­ler von der Hand gehen, wenn wir zusam­men haus­hal­ten, wenn ich arbei­ten kann in einem behag­li­chen Zim­mer, wenn Du einen guten Ein­fall dazu­gibst, und wenn ich mich ein wenig beei­le, damit ich recht bald frei bin für Dich. Herz­al­le­liebs­te! Wills Gott, ste­he ich, ste­hen wir, vor einer gro­ßen Erfül­lung unse­res Lebens. Bis­her führ­te ich ein Zigeu­ner­le­ben, nir­gends zu Hau­se, nichts bei­sam­men, die Bücher, die Noten, die Klei­der. Wenn nicht die vie­len Feri­en immer gewe­sen wären, ich hät­te es gar nicht aus­ge­hal­ten, ohne Musik! Ohne Instru­ment! Und das soll nun anders wer­den durch Dich! Du Lie­be! Schon des­halb bist Du mein Glück­brin­ger. Aber ich woll­te mich gar nicht so dar­auf freu­en, wenn ich nicht däch­te, daß Du die­ses Glück mit mir tei­len willst. Herz­al­ler­liebs­te, ich habe den Schlüs­sel zu man­cher­lei Reich­tü­mern, die ich mit Dir beschau­en und in mich auf­neh­men möch­te, mei­ne Freu­de möch­te sich an der Dei­nen ent­zün­den, mein Herz sich an dem Dei­nen erwär­men. Dei­ne Nähe, Dein Blick erst las­sen mich recht froh wer­den des eige­nen Lebens. War­um nur? Ich weiß kei­nen geschei­ten Grund dafür. Weil ich Dich lie­be, Du! Ja Du! Ich lie­be Dich! Herz­al­ler­liebs­te, sind wir nicht glück­lich? Wir wol­len uns dank­bar dar­an freuen.

Nun drängt die Zeit schon wieder.

Behüt dich Gott! Blei­be froh und gesund Herzliebes!

Und den nächs­ten Sonn­tags­gruß, wills Gott, brin­ge ich Dir selbst. Den lie­ben Eltern bestel­le bit­te herz­li­che Grüße.

Du! Ich möch­te ger­ne bei Dir sein! Und wenn es gleich sein könn­te, wür­de ich viel­leicht ver­spre­chen, ganz brav zu sein.

Aber über 8 Tage — — — ? Nein, Du!

Dann will ich Dich auch küs­sen und recht lieb haben,

Herz­al­ler­liebs­te Du!

Ich lie­be Dich von gan­zem Herzen!T&Savatarsm

Dein [Roland].

 

 

 

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01. März 1940

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