26. Februar 1940

[400226–2-1]

O., am 25. Febru­ar 1940

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Ein herr­li­cher Sonn­tag ist heu­te, mit soviel Son­nen­schein und blau­em Him­mel. Ach Du! Nun wird bestimmt rich­ti­ger Früh­ling — wie ich mich freue, die­ses Jahr — ich kann es kaum noch erwar­ten, bis ich wie­der mit Dir hin­ein­wan­dern kann in die schö­ne, blü­hen­de Welt. Du!, wie die Vögel heu­te schon zwit­schern und gro­ße, wei­ße Wol­ken zie­hen am Him­mel lang. Ich habe eine lan­ge Wei­le am Fens­ter gestan­den und ihnen zuge­se­hen.

Du! Liebs­ter! Ich hab so gro­ße Sehn­sucht nach Dir. Du mußt bald wie­der zu mir kom­men!

Rote Orchideen, Illustrierte Film-Kurier, 1938, http://www.rarefilmsandmore.com/de/rote-orchideen-1938#.VN1l5LDF_fY, 02.2015
Rote Orchi­de­en, Illus­trier­te Film-Kurier, 1938, http://www.rarefilmsand more.com, 02.2015

Sieh, wenn ich so allein hin­aus­lau­fe in den Wald, oder in’s Freie und mich freu­en soll­te an der Natur, wie sie befreit auf­at­met von der Last des vie­len Schnee’s, so muß ich immer nur an Dich den­ken, muß trau­rig sein weil Du mir fern bist, kann die Freu­de am Weg nicht ste­hen sehen; ohne Dich ist es nicht so hell das Freu­en und das Wun­dern.

Wo Du jetzt sein magst?

Es geht auf vier Uhr. Ob Du heu­te den W.berg bezwun­gen hast? Ach Du! Könn­te ich bei Dir sein. Wo Du jetzt bist, muß das War­ten auf den Früh­ling so schön sein. Am Fluß, wo die Bäu­me zuerst sich begrü­nen — wo nun bald, bald wie­der reges Leben sein wird. Und auf den Ber­gen, wo man dem Him­mel so nahe ist — wo die Hän­ge begin­nen saf­tig grün zu wer­den und wo die ers­ten Früh­lings­blu­men­kin­der sich her­vor­wa­gen.

Du! Liebs­ter! Wenn es nun bald soweit ist, dann will ich ein­mal zu Dir kom­men.

Ob man so sehn­süch­tig und voll Freu­de im Her­zen auf den Früh­ling war­tet, wenn man liebt?

Nicht grü­beln will ich, nicht nach­den­ken — will glau­ben an das Glück, das so wirk­lich­keits­na­he vor mir steht.

O Liebs­ter, Herz­al­ler­liebs­ter, Du!

Nie in mei­nem Leben war ich so namen­los glück­lich wie jetzt, da ich Dein bin.

Unse­re Uhr schlägt, 1/2 9 — Du? Wirst Du schon im Bett lie­gen? Es war heu­te so son­der­bar, ich hat­te den gan­zen Tag eine Unrast in mir, ein Seh­nen; zog es mich hin­aus in’s Freie? Ja und nein.

Die Reise nach Tilset, Illustrierte Film-Kurier, 1939
Die Rei­se nach Til­set, Illus­trier­te Film-Kurier, 1939

Ich fürch­te­te mich vor dem Allein­sein. Ich begann Dei­nen Brief — daß ich Dich lie­be, daß ich glück­lich bin, daß ich mich nach Dir seh­ne — die­ses zu schrei­ben, ist mein Bedürf­nis, es scheint mir das ein­zig Wich­tigs­te. Mei­ne Sehn­sucht ließ sich heu­te nicht stil­len mit dem Gedan­ken an das sonst so bese­li­gend süße Gefühl der Hoff­nung auf Dich und Dein kom­men — mei­ne Sehn­sucht wur­de quä­lend. Still sit­zen mit einer Arbeit? Lesen, in unse­rem Buche, des­sen Inhalt ich nur dann erst lieb­ge­win­ne, wenn Du ihn mir gibst?

Du! O Du! Hin­ter allem, was ich heu­te anfaß­te , stan­dest Du — mit einer Ein­dring­lich­keit wie sel­ten schon, es mach­te mich so unru­hig.

Daß etwas mit Dir gesche­hen ist? Die­sen Gedan­ken will ich ver­wer­fen — Du!, seit ges­tern abend muß ich [so] sehr Dei­ner den­ken — zu unse­rem Jah­res­es­sen — ich kam mir so allein und ver­las­sen vor, Du mußt es ja gefühlt haben, wie mich’s nach Dir ver­lang­te. Du! Ich kann nir­gends mehr sein ohne Dich.

Es ist so kalt und ohne See­le, bei den ande­ren. Etwas ande­res sehen und hören kön­nen, damit die Gedan­ken ein­mal auf ganz ande­re Bah­nen gelenkt wer­den, es schien mir der ein­zigs­te Aus­weg — Du! So mach­te ich [m]ich nach 5 Uhr mit den Eltern auf, ein Kino zu besu­chen. Sel­ten kam es vor, daß Mut­ter mit­kam, heu­te ließ sie sich bere­den. ‚Die Rei­se nach Til­sit’ war in Augen­schein genom­men, jedoch alles über­füllt, im Apol­lo läuft der ‚Polen­feld­zug’, eben­falls aus­ver­kauft. Eines blieb übrig  ‚Rote Orchi­de­en’, ein Kri­mi­nal­film. Ein Film, wie er zu Hun­der­ten gezeigt wird, Hoch­ver­rat, Fäl­schun­gen; schö­ne Frau­en sind im Spie­le, umrah­men das Gan­ze. Für 2 Stun­den wer­den die Gedan­ken abge­lenkt, die Ner­ven in Span­nung gehal­ten und dann? Dann steht man drau­ßen im Dun­kel, sieht über sich die Ster­ne, den end­lo­sen Raum über sich und es nimmt einen wun­der, wie ein ver­nünf­ti­ger Mensch hin­ge­hen kann, aus die­sem flim­mern­den Hokus­po­kus sein inne­res Gleich­ge­wicht wie­der zu erlan­gen. Vie­le wer­den, gleich mir sich dort ein­ge­fun­den haben, sich zu zer­streu­en, abzu­len­ken, oder Ver­ges­sen zu suchen — ich fand nicht, was ich such­te. Aber auf dem Heim­weg war ich des­sen froh und dank­bar gewiß: Mein Wesen lehnt es ab, sich mit lee­rem Schall zu betäu­ben und mei­ne Sin­ne und mein Herz sind dem auf­ge­schlos­sen, das licht und klar ist wie die Ster­ne, das groß und mäch­tig ist wie das Him­mels­ge­wöl­be.

Ein Gang durch die stil­le Schön­heit der Natur, aus der das Gött­li­che spricht, — bei Tag, bei Nacht, das ist ganz gleich — läßt uns immer unser see­li­sches Gleich­ge­wicht wie­der­fin­den.

Man soll­te nie­mals dem Drang und dem mensch­li­chen Wahn nach­ge­hen, bei Gesel­lig­keit und Ver­gnü­gen wah­ren Frie­den zu suchen und zu fin­den.

Wah­rer Frie­den des Her­zens muß von innen her­aus gebo­ren wer­den — sonst kann er nicht von Dau­er sein — man muß emp­fäng­lich sein für die All­macht des Gött­li­chen, muß sich los­rei­ßen kön­nen von den Nöten des Irdi­schen, um so, über­wäl­tigt und ergrif­fen von der Gna­de Got­tes sei­ne eige­ne klei­ne Her­zens­not ganz in den Hin­ter­grund zu stel­len.

So sind mei­ne Gedan­ken, da ich von dem Gang zurück­leh­re. Liebs­ter! Mei­ne unge­stü­me Sehn­sucht ist ver­gan­gen, sie ist einer tie­fen, ver­klär­ten Freu­de gewi­chen. Und ich bin dem Herr­gott dank­bar, daß er mir den rech­ten Weg wies.

Still und rein ist’s in mir, wie nach einem Gewit­ter — ich den­ke Dei­ner in gro­ßer, inni­ger Lie­be, Du!

Froh will ich mich nun schla­fen legen — mit fro­hem Sinn will ich auch die Tage sich anein­an­der rei­hen sehen, die Dich mir immer näher füh­ren Du, Liebs­ter!

Behüt Dich Gott! Schlaf wohl, Herz­liebs­ter!

Dei­ne Hil­de.

 

 

Herz­al­ler­liebs­ter!

Wie­der neigt sich ein Tag dem Ende zu, drau­ßen zeig­te er sich so präch­tig wie ges­tern. Drin­nen, im Raum wo ich mit den ande­ren sein muß, herrsch­te um des Son­nen­schein wil­len fro­he Lau­ne und die geht schließ­lich auch auf den letz­ten Gries­gram über, mag er sich noch so wild in die böse Arbeit ver­bis­sen haben. Ich gehö­re [ü]brigens nicht zu die­ser Sor­te, Du!

Mei­ne Gedan­ken gin­gen zu Dir, am Nach­mit­tag beson­ders oft. Hof­fent­lich nützt Du auch das schö­ne Vor­früh­lings­wet­ter gut aus, wo Du jetzt kei­nen so stren­gen Dienst hast; wenn Du bis­sel zei­tig auf­stehst, Dei­ne Arbeit am Vor­mit­tag ver­rich­test, kannst Du gleich nach Mit­tag schon spa­zie­ren gehen. Ach Du! Wenn Du wüß­test, wie mich dies Wet­ter hin­aus lockt, wie ich unru­hig wer­de, sobald ich dar­an den­ke, daß Du nun allein los­zie­hen wirst.

Aber die heim­li­che Freu­de dar­auf, daß ich ein­mal die­ser Fes­sel ledig sein wer­de — Liebs­ter, so Gott will im Som­mer schon — die schenkt mir immer wie­der Geduld und neu­en Mut. Die Zeit eilt ja so rasch dahin und glaub mir, ehe wir es recht fas­sen wer­den, dür­fen wir für immer umein­an­der sein, mein Lieb!

Da sit­ze ich nun beim Lam­pen­schein in uns[e]rer Küche, die Mut­ter näht mei­ne Wäsche — Du!, uns[e]re Wäsche, für uns[e]re Bet­ten und ich den­ke dar­an, wie schön es sein wird, wenn ich Dich bei mir habe und umsor­gen kann, Du! Heu­te, vor einem Jah­re, emp­fing ich den ers­ten Brief von Dir im neu­en Heim — Du schick­test Dei­nen Boten in’s neue Käm­mer­lein. Warst voll Erwar­tung, wie Du es antref­fen wür­dest, warst erfüllt von dem heim­li­chen Wunsch, mich dar­in zu fin­den. Und heu­te, ein Jahr spä­ter — Liebs­ter! Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Bei­de haben wir erlebt, wie sich alles so wun­der­bar erfüll­te — wir kön­nen nicht genug dank­bar sein — Du hast mich gefun­den, so ganz, in mei­nem Käm­mer­lein. Es war ein glück­li­ches Jahr, das wir erleb­ten. So vie­les in der Welt war um uns — gegen uns — auf­wärt hob sich unser Blick, vor­wärts schritt unser Fuß — immer deut­li­cher, immer gera­der führ­te unser Schick­sals­weg in die Zukunft; stark und mutig fan­den wir uns bei uns[e]rer Auf­ga­be, die unend­li­che Lie­be und das gro­ße Ver­trau­en zuein­an­der erleich­ter­ten sie uns, sie för­der­ten und fes­tig­te unse­ren Bund; den höchs­ten Wert aber und den letz­ten und tiefs­ten Sinn unse­rer Ver­bun­den­heit füh­len und erken­nen wir dar­in; in der Lie­be und Güte Got­tes, die uns alle­zeit beglei­te­te, und die wir uns zu erhal­ten mühen wol­len immer, solan­ge wir leben.

Am letz­ten Bei­sam­men­sein taten wir wie­der einen Schritt mehr, wei­ter vor­wärts zu unser[e]m Ziel.

Damit tru­gen wir wie­der ein wenig mehr Erstau­nen und Ver­wun­dern unter die Leu­te.

Altmark Incident
Sar­ge mit deut­schen Totn wur­den nach dem Alt­mark-Zwi­schen­fall zur Grab gebracht, Jøs­sing­fjord, Nor­way, 16. Febru­ar 1940, 02.2015
Wir sind uns[e]rer Lie­be froh und gewiß, sind dadurch unemp­fäng­lich der Mei­nung und dem Gere­de and[e]rer. Es gibt Stun­den und Tage, da ich klein­gläu­big wer­de, da ich mit Zagen an all das Bevor­ste­hen­de den­ke, an das Leben an Dei­ner Sei­te, vor den ande­ren Men­schen aus Dei­nem Krei­sen. Es ist weni­ger Feig­heit, Schwä­che mei­ner Unfä­hig­keit, Zag­haf­tig­keit — mit Dir fürch­te ich nichts — als Sor­ge aus Lie­be zu Dir. Ich möch­te Dir, der Du so lan­ge ein­sam stan­dest nur Lie­bes berei­ten, alle Stei­ne aus dem Wege räu­men und zweif­le doch manch­mal an mei­ner Kraft, weil ich noch so jung bin.

Das Anse­hen, die Wert­schät­zung, die Du Dir erran­gest, darf nicht durch mich her­ab­ge­drückt wer­den. Ich ertrü­ge es nicht. Nicht alle Men­schen den­ken so gut und edel wie Du, Liebs­ter! Den Glau­ben an mich fin­de ich wie­der bei Dir, Du bist so gütig und lieb zu mir — Du machst es mir so leicht, das Ein­le­ben in Dei­ne Welt. Und wenn ich sehe, wie Du mich liebst, so wie ich bin, dann wird mir so froh und leicht ums Herz — es soll mich ja kei­ner lie­ben als Du, ich will ja kei­nem das sein, was ich Dir bin.

Es wäre aber töricht und kurz­sich­tig, zu den­ken, auf die­ser gro­ßen Welt könn­ten wir bei­de nur ein­an­der leben; das, was fehlt an mir, um Dir vor der Welt eben­bür­tig zu sein, das glau­be ich an Dei­ner Hand noch zu ler­nen und mir anzu­eig­nen, eben, weil ich noch so jung und dar­um bieg­sam bin und weil ich es nicht zuletzt aus Lie­be zu Dir tun will.

Eines, was mir viel mehr noch am Her­zen lag, war die Gewiβheit, daß Dei­ne lie­ben Eltern mich wür­den lie­ben kön­nen, ach­ten kön­nen und daß über­haupt uns[e]re lie­ben Eltern unse­ren Schritt wür­den gut­hei­ßen, uns ihre Güte und Hil­fe nicht ver­sa­gen wür­den.

Liebs­ter, Du! Des­sen dür­fen wir doch nun ganz gewiβ sein, und ist eigent­lich die­se Gewiβheit und die­ses Bewußt­sein nicht so viel köst­li­cher als alles ande­re?

Heu­te, am Mon­tag, schrieb dei­ne lie­be Mut­ter und über­sand­te mir die Hei­rats­ur­kun­de. Unse­re hab ich schon hin­ge­tra­gen, sie lag in M. bei Groß­mutter F.. Ach, am Diens­tag hin­gen wir schon im Kas­ten, man sag­te es mir früh im Geschäft. Am Mitt­woch wuß­ten sie es schon in der Sing­stun­de, sogar Lui­se hielt mir vor, daß ich ihr nun davon nichts sagen wür­de! Die Mus­te­rung für den R.A.D. schrei­tet rüs­tig fort. Du!, ich bin froh, daß wir auf dem Stan­des­amt waren, wie auf einer fried­li­chen Insel gebor­gen füh­le ich mich, mit­ten im Stru­del der auf­ge­reg­ten Zeit. Unse­re Mädels im Geschäft, die in mei­nem Alter sind ganz aus dem Häu­sel, sie sam­meln schon Büch­sen und sämt­li­chen Alt­wa­ren­kram: „Wenn wir noch nicht ein­ge­zo­gen sind, Du sollst aber einen Pol­ter­abend erle­ben!”

Ach, Liebs­ter, Du! Jetzt muß ich erst mal auf­hö­ren.

Hast Du wie­der vol­len Dienst? Darf ich Dich bald wie­der bei mir haben? Du!? Die Eltern haben sich recht gefreut über Dei­nen lie­ben Brief, sie dan­ken Dir und sagen auf fro­hes Wiederseh[e]n!

Und nun mein Lieb? Behüt Dich Gott!

Herz­al­ler­liebs­ter! Ich seh­ne mich nach Dir! Ich habe Dich so von gan­zem Her­zen lieb!

T&SavatarsmDei­ne [Hil­de].

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