Trug und Schein: Ein Briefwechsel

12. Februar 1940

MolotovRibbentropStalin
Abschluss der Deutsch-Sowje­ti­scher Grenz- und Freund­schafts­ver­tra­ges am 28. Sep­tem­ber 1939. Der Ver­trag wur­de am 11. Febru­ar 1940 über­ar­bei­tet. Quel­le: U. S. Natio­nal Archi­ves & Records Admi­nis­tra­ti­on, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2012.
[400212–2‑1]

O., am 11. Febru­ar 1940

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Sel­ten froh und voll inne­rer Glück­se­lig­keit bin ich heu­te. Ich bin es doch sonst nur so, wenn Du bei mir bist, Liebs­ter.

Du bist es, der mich so sehr glück­lich macht, Du! Daß wir uns fan­den — daß Du mein bist — daß wir uns ein­an­der beschen­ken dür­fen mit unse­rer gro­ßen Lie­be, die wir so lang schon bereit hiel­ten, — kei­ner soll und darf uns dar­an hin­dern — Du!, vor die­sem Gesche­hen ste­he ich ergrif­fen und erle­be es wun­der­gläu­big. Um die Lie­be muß etwas sel­ten Wun­der­sa­mes, Schö­nes sein, so dach­te und glaub­te ich immer, wenn ich dar­über las oder nach­dach­te.

Und nun, da ich die­se gan­ze Selig­keit erle­be, erle­be zusam­men mit einem Men­schen, dem ich gren­zen­los ver­traue, dem ich so ganz ange­hö­ren will, ihm fol­gen will, immer, weit — bis an’s Ende der Welt — nun ste­he ich beklom­men vor die­sem gro­ßen Glück und fra­ge mich zag­haft: Bin ich es denn Wert? Kann soviel Glück ein Men­schen­herz ertra­gen, ein Leben lang? Ach Du! Ich könn­te manch­mal aus über­vol­lem Her­zen hin­aus­ju­beln in alle Welt. Und doch tu ich’s nicht, aus Ban­ge davor, daß uns[e]re Lie­be zer­bre­chen könn­te, Scha­den neh­men könn­te an den schar­fen, bösen Kan­ten und Ecken, die drau­ßen in der Welt über­all her­vor­se­hen wie gif­ti­ge Kral­len.

Nein, unse­ren Glücks­gar­ten, den wol­len wir nur ein­an­der berei­ten, Du! Nur Du und ich sol­len Gärt­ner und Hüter dar­in sein.

Alle tie­fe, gro­ße Freu­de, alle Her­zens­se­lig­keit will ich hin­ein­ver­sen­ken in mein Inne­res; da soll es ruhen, alles Schö­ne, rein und unbe­fleckt, soll mich groß und stark wer­den las­sen gegen das Häß­li­che, das von außen hin­ein­drin­gen will; soll mei­ne Lie­be zu Dir immer grö­ßer, tie­fer und inni­ger gestal­ten.

Liebs­ter! Du hast mich heu­te so reich beschenkt. Die Freu­de und den Dank dafür lies aus mei­nen Augen; nimm, wenn Du bei mir bist, Herz­al­ler­liebs­ter! Du und Dei­ne Lie­be, die­se bei­den, daß ich sie besit­ze, sie sind wie ein unfaß­ba­res Wun­der — und doch bese­li­gen­de Gewiß­heit.   Du! O,Du!   Von gan­zem Her­zen dan­ke ich unser[e]m Herr­gott, daß ich Dich auf mei­nem Wege fand.

Du bist mir der Eine, der Ein­zi­ge, dem ich angehör[en] will bis in alle Ewig­keit. Mein [Roland], Du! Nur mit Dir, an Dei­ner Hand will ich den Weg gehen durchs gan­ze Leben, weil Dir allein mei­ne gan­ze Lie­be gehört. Mit Dir kann ich die größ­te, schöns­te, doch auch die schwers­te Auf­ga­be erfül­len, die sich zwei Men­schen stel­len, die Ehe — Du bist mir Kame­rad, Hel­fer, Trös­ter, Lie­ben­der zugleich. Ich kann mir nichts Bes­se­res und Schö­ne­res den­ken, als ein gemein­sa­mes Bau­en und Schaf­fen mit Dir, im Ver­trau­en auf Got­tes Gna­de und Schutz. In der Ehe haben dann alle guten Gedan­ken und Plä­ne Erfül­lung — gebe Gott, daß uns eine hel­le Zukunft bestimmt sein möge.

Nietzsche1882
Gus­tav-Adolf Schult­ze, Por­trait of Fried­rich Nietz­sche, 1882, gemain­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2015.
Ehe: so hei­ße ich den Wil­len zu Zwei­en,
das eine zu schaf­fen, das mehr ist als die
es schu­fen. Ehr­furcht vor­ein­an­der nen­ne ich Ehe
als vor den Wol­len­den eines sol­chen Wil­lens.

Der das Wort schrieb ist mir unbe­kannt, sein Name ent­fal­len [Fried­rich Nietz­sche, Also Sprach Zara­thus­tra, 1883–1891]; aber sein Wort dünk­te mich wert auf­zu­schrei­ben, es berühr­te mich eigen — ich muß den Schrei­ber die­ser Wor­te ach­ten; ich bin dem Zufall dank­bar, der sie mir in die Hän­de spiel­te.

Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Nun bist Du wie­der ein­mal daheim bei Dei­nen Lie­ben, sie wer­den sich freu­en. Mei­ne Gedan­ken sind oft bei Euch — fast glaub ich, daß ich Sehn­sucht habe, wie­der ein­mal nach K. zu kom­men. Ostern — so Gott will.

Wird der Baum noch ste­hen? Wirst Du allein sein mit den Eltern? Spie­len und sin­gen willst Du, für mich? Ach Du! Ich hab[e] heu­te gro­ße Sehn­sucht nach Dir! Dei­ne Ver­se haben Schuld dar­an, Du!

Es ist sehr kalt wie­der bei uns, ges­tern waren 14° , heu­te ist’s noch bis­si­ger. Um 1 Uhr waren wir heu­te mit allem fer­tig. Vater mach­te ein Mit­tags­schläf­chen, Mut­ter und ich gin­gen ein Stück, das Rin­gel wie wir’s immer geh[e]n, die H.straße lang nach der K., durch die Stadt heim. Wir kamen nach einer Stun­de durch­fro­ren wie­der an. Nun sit­zen wir in uns[e]rer schö­nen, war­men Stu­be; Kaf­fee­zeit ist vor­bei, es geht auf 6, Vater ist zu sei­ner Mut­ter gegan­gen. Jetzt beginnt es gar wie­der zu schnei­en, vor Käl­te kann’s gar nicht sehr. Ich muß jetzt wie­der an den Groß­va­ter den­ken, an die Beschul­di­gung. Es beschäf­tig­te mich noch lan­ge; so, wie ich mir sein Wesen ver­ge­gen­wär­ti­gen kann, glaub mir, ich kann es ihm nicht zutrau­en. Und die­se Per­son beschul­digt ihn des­sen so über­zeu­gend. Könn­te ich doch die­se Anschul­di­gung recht­fer­ti­gen vor Dir. Ich mag auch die Eltern, oder wenigs­tens Vater nicht in’s Ver­trau­en zie­hen, ich fürch­te einen Skan­dal, wenn Vater die­se Per­son zur Rede stellt.

Was mir noch nie auf­fiel, bemerk­te ich mit eini­gem Schre­cken an den eig[e]nen Eltern. Denkst Du noch dar­an? Vater im Omni­bus nach N., Mut­ter beim K. mit der But­ter. Ich habe mich inner­lich für sie geschämt vor Dir. Ja, ich konn­te nicht anders — wenn es auch noch kein schlim­mes Übel ist — es ist gegen mein Ehr­ge­fühl, die Ahnungs­lo­sig­keit and[e]rer aus­zu­nüt­zen. Aber ich hät­te mir auch nicht erlaubt, als Kind, die Eltern zu rügen, noch dazu in Dei­nem Bei­sein. Wenn das noch ein­mal vor­kommt, will ich ihnen in aller Anstän­dig­keit und Ruhe sagen, wie ich dar­über den­ke. Wenn ich ein­mal noch so mit dem Pfen­nig rech­nen (soll­te) müß­te, die Ehr­lich­keit muß über alles gehen. Dabei kann ich mit gutem Gewis­sen sagen, daß mei­ne Eltern sonst ganz unbe­schol­ten sind. Es ist eine Schwä­che zu nen­nen — eine unschö­ne, dum­me Genug­tu­ung, die sie haben dabei: „Na, durch dei­ne Nach­läs­sig­keit oder Unauf­merk­sam­keit hab ich dich aber gründ­lich übers Ohr gehau­en.“

Es ist nicht schön, wenn ich zu Dir Übles von mei­nen Eltern sage; doch in die­sem Zusam­men­han­ge konn­te ich nicht anders.

Ich ver­ach­te sie ja auch des­halb nicht — wir haben alle and[e]re Feh­ler — und ich muß sie lieb­ha­ben, trotz die­ses Feh­lers, weil sie mir so viel Gutes tun.

Ich weiß, auch Du bist groß­her­zig und wirst ihnen das ver­zei­hen. Und man kann einem Men­schen, von dem man sonst nur Gutes emp­fängt, einer Unzu­läng­lich­keit hal­ber nicht feind sein — beson­ders den Eltern nicht. — Und nun fliegt mir da heu­te eine so lie­be Über­ra­schung in’s Haus. Du Liebs­ter! Mein Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Am Frei­tag kannst Du schon zu mir kom­men? Ach Du! Wie ich mich da freue! Und nach lan­ger, lan­ger Zeit einen rich­ti­gen, gan­zen Sonn­tag mit Dir! Du fährst selbst­ver­ständ­lich erst am Mon­tag zurück — jetzt kannst Du Dich doch ein klein bis­sel bestechen las­sen von mir, Gro­ßer! Ja? Sieh, Du darfst Dir die Tage zum Dienst tun doch wäh­len. Und am Frei­tag, Du, bist Du dann schon da, wenn ich heim­kom­me? Ja, bit­te! Wir baden schon am Don­ners­tag, ach, und die Eltern freu­en sich, daß sich die Fahrt nun wenigs­tens mal ver­lohnt beson­ders; Vater legt sich schon sei­ne Gän­ge zurecht, damit er auch bis­sel „Ruhe“ hat und bei uns ist!

Über Mut­ter gibt mir’s Spaß. Weil sie nun daheim ist, hat sie ver­gan­ge­ne Woche gleich begon­nen mit dem Groß­rei­ne­ma­chen für Ostern. Die ers­ten Tage konn­te sie Fens­ter absei­fen und put­zen, weil’s mil­de war. Alle Möbel, Türen[,] Öfen, abge­seift; Fuß­bö­den gescheu­ert mit Sand u. Sei­fe, alles geboh­nert. Alles Geschirr aus dem Küchen­schrank auf­ge­wa­schen, den Schrank aus­ge­wa­schen, kurz, sie hat­te wie­der mal den Rei­ne­mach­fim­mel, wor­un­ter ich natür­lich mit lei­den muß­te — damit ich was ler­ne! Sogar unser ‚Küchenka­na­pee‘ hat sie unten dran gebaut, damit man nicht mehr so tief rein­plumpst. Ges­tern, als wir so über’ne Han­tie­ren waren, mein­te sie: „Ich weiß nicht, mir ist grad, als ob sich etwas Beson­de­res tun will, weil wir alles so fer­tig machen und vor­be­rei­ten.“

Ernst Ludwig Kirchner Frauen beim Tee 1914-1
Ernst Lud­wig Kirch­ner, Frau­en beim Tee, 1914, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2015.
Und wirk­lich, heu­te kam Dei­ne Über­ra­schung — nun braucht sie sich wenigs­tens nicht zu über­neh­men mit dem Rei­ne­ma­chen, kann sich noch schön Ruhe gön­nen, ehe sie wie­der anfängt zu arbei­ten. Ich bin gar­nicht zufrie­den heu­te mit ihrem Befin­den, sie muß sich erkäl­tet haben, ent­we­der beim Koh­len holen, oder beim Fens­ter put­zen. Tüch­ti­gen Hus­ten, ver­stock­ter Schnup­fen und Kopf­weh. Vor­hin habe ich ihr mal ein tüch­ti­ges Kamil­len­dampf­bad zurecht­ge­macht und einen gro­ßen Topf Flie­der­tee hin­ein­ge­zwun­gen. Ja, ich kann auch ener­gisch sein. Vor allem war mir’s ein woh­li­ges Gefühl, daß ich mich jetzt ein­mal revan­chie­ren konn­te für das, was ich aus­zu­ste­hen hab, wenn sie mich in ihre Kur nimmt! Auf die Art kann ich ver­flixt hart und unnach­gie­big sein.

Wenn Du auch län­ger bei mir bist, ich den­ke, daß wir trotz­dem nicht zum Jah­res­es­sen der Kan­to­rei gehen, es ist bes­ser so. Wir ver­ste­hen uns schon; wenn es nicht u[n]bedingt sein soll, wol­len wir Gesel­lig­kei­ten mit der Kan­to­rei mei­den. Und offen­ge­stan­den, wenn ich Dich jetzt bei mir habe, bin ich auf alles and[e]re neben Dir eifer­süch­tig. Ja, das ist wahr und ich habe geglaubt, daß ich das nie sein könn­te.

Und nun, Herz­al­ler­liebs­ter? Gebe Gott, daß sich unser Hof­fen und Wün­schen erfül­len möge, daß ich Dich, mein Glück am Frei­tag froh und gesund in mei­ne Arme schlie­ßen kann. Du weißt ja nicht, wie ich auf Dich war­ten wer­de, Du! Wie ich mich nach Dir seh­ne! Komm zu mir, Liebs­ter! Mein [Roland]! Ich lie­be Dich so sehr!

Dei­ne [Hil­de].

Vie­le herz­li­che Grü­ße von den Eltern!

 

Am Mon­tag

Herz­al­ler­liebs­ter, Du!

Der Mit­tag kam. Ich fand die Stu­be leer. In unser Glücks­stüb­chen trieb mich’s , zu suchen, nach einer Spur von Dir.

Ob ich es fühl­te?

Du! Herz­al­ler­liebs­ter Du!

Ich habe sie gefun­den Dei­ne Wor­te.

Es war so selbst­ver­ständ­lich — als ob Du mir vor­her gesagt hät­test, daß ich da ein Zei­chen von Dir fän­de — ich faß­te zuerst nach dem schwar­zen Buch, aus dem Kas­ten, und schlug die Sei­te auf, deren Datum für uns einen so wich­ti­gen Abschnitt umschließt.

Alles Blut fühl­te ich zum Her­zen strö­men, Du! Du!, daß ich Dich nicht bei mir hat­te, Dir zu dan­ken, mein Lieb!

Und nun ist es Abend.

Ich lie­ge in unse­rem Bett­lein und ich bin so sehr müde vom Tag, und ich kann doch nicht schla­fen vor Sehn­sucht nach Dir, Du!

Die seli­gen, glück­li­chen Stun­den ste­hen vor mir. Und ich mein [sic], die Tür müß­te sich auf­tun und Dich zu mir her­ein­las­sen, daß ich Dich bei mir füh­len und lieb­ha­ben könn­te.

Du! Herz­al­ler­liebs­ter Du! Alles in mir ver­langt nach Dir. Ich habe Dich so sehr lieb!

Du machst mich so glück­lich. Ich kann ja nicht mehr ohne Dich sein, Du!

Ich weiß, daß Du mich eben­so sehr lieb hast.

Dein Füh­len und Den­ken, Liebs­ter!, daß Du es mir auf so innig zar­te Wei­se erschlie­ßen kannst, das beglückt mich so tief.

Zu Dei­nen Wor­ten stehst Du vor mir mit Dei­ner gan­zen gro­ßen Lie­be, mit Dei­nem gro­ßen, rei­chen Her­zen und dei­ner rei­nen See­le.

Nur Dir will ich gehö­ren. Von gan­zem Her­zen muß ich Dich lie­ben immer­dar, Du! Weil Du mein Herz umschlos­sen hältst, weil Du mich so ganz umfan­gen hast mit Dei­ner Lie­be.

Ich bin unsag­bar glück­lich und froh, mein [Roland]! Mit dei­nen Wor­ten, Dei­nen Gruß an mich, will ich nun schla­fen, Du! Will nicht ver­ges­sen, dem Herr­gott dro­ben unse­re Lie­be anzu­be­feh­len, daß er uns getreu­lich lei­te und behü­te. Ich will schla­fen, mein Lieb[,] und träu­men von den selige[n] Stun­den mit Dir.

Ich den­ke Dein in treu­er Lie­be!

Dei­ne [Hil­de].

Liebs­ter! O Liebs­ter! Wärst Du bei mir! Soviel des Glü­ckes — und allein. Mei­ne Sehn­sucht wächst, Du! Ach, Du weißt ja nicht, wie Du mich beglückst, heu­te und immer. Ich fin­de kei­ne Wor­te mehr, die Dir mein gan­zes Glück und mei­nen inni­gen Dank zei­gen sol­len. Es ist nachts, da ich schrei­be, ich kam von der Sing­stun­de heim. Das ist heu­te mein Wunsch: Daß Du mei­ne Zei­len recht bald erhal­ten mögest[,] daß sie Dir sagen möch­ten, wie sehr Du mich erfreust und beglückst, daß sie Dich füh­len und erken­nen las­sen, wie ich Dir dank­bar bin, Du! Du! Daß ich Dich lie­be über alle Maßen!T&Savatarsm

Dei­ne [Hil­de].

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12. Febru­ar 1940

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