09. Februar 1940

S. am 9. Febru­ar 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Henri de Toulouse-Lautrec 014
Hen­ri de Tou­lou­se-Lautrec, Die bei­den Freun­din­nen, 1894, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2015.
[400209–1‑1]Dei­ne Freun­din. Ein­mal hab ich Dich gefragt, ob Du mir (ein­mal) etwas über dei­ne Freun­din schrei­ben wol­lest. Heu­te kann ich es sagen, es geschah mit Vor­be­dacht. Ich woll­te dei­ne Urteils­fä­hig­keit auf die Pro­be stel­len und woll­te sehen, nach wel­chen Wert­maß­stä­ben Du den Dir nahe­ste­hen­den Men­schen beur­teilst. Soviel ich mich besin­ne, bist Du dem aus­ge­wi­chen. In dei­nem zwei­ten Brief an mich klagst Du mir ja, daß die Freun­din Dich nicht ver­steht. Also war sie schon damals kei­ne wah­re Freun­din. Frau­en haben ein star­kes Bedürf­nis sich mit­zu­tei­len und anzu­ver­trau­en, Mäd­chen zumal in der Zeit, da sie mit dem star­ken Geschlecht Bekannt­schaft machen. Wir Jun­gens waren übri­gens genau­so, aber die Freund­schaft unter uns lebt doch auch von viel Ande­rem. Ich hät­te Dir eine gute Freun­din von Her­zen gegönnt, die alles mit Dir gemein­sam erleb­te, die Dein Geheim­nis hüten half. Ich kann mir nichts Schö­ne­res den­ken als sol­che Freund­schaft. Eine bes­te Freun­din kann ich mir den­ken, die alle mei­ne Brie­fe mit­ge­le­sen hät­te — ich wäre Dir nicht böse des­we­gen. Ich mag Lui­se nicht nahe­tre­ten — ich ken­ne sie nicht genug — aber rein gefühls­mä­ßig wage ich zu sagen: ich kann mir nicht den­ken, daß Du ihr nur einen Brief hät­test geben oder Dich mit ihr dar­über unter­hal­ten kön­nen. Und so ist es also doch auch gewe­sen. Du weißt, daß mir Lui­se ein Rät­sel war, ein Mensch ohne Hand­ha­ben, an denen man ihn hät­te packen kön­nen, ein Mensch ohne Grund­sät­ze, nach denen man ihn hät­te beur­tei­len kön­nen. Daß wir ein paar ganz ent­ge­gen­ge­setz­te Natu­ren sind, das hat sie ja selbst auch gefühlt und zum Aus­druck gebracht. Meist ist es so, daß unter 2 Freun­den einer die Füh­rung, die Herr­schaft gewinnt, den grö­ße­ren Ein­fluß. So wie ich mir nach Dei­nen Dar­stel­lun­gen ein Bild machen kann, war Eure Freund­schaft zuletzt eine ganz ein­sei­ti­ge Ange­le­gen­heit. Du fühl­test Dich ver­pflich­tet und ver­ant­wort­lich, über den Weg der Freun­din zu wachen, jeder­zeit bereit, ihr dei­ne Hil­fe zu lei­hen, ihr ein Halt zu sein — sie nahm Dei­nen Dienst, ohne an eine Ver­pflich­tung ihrer­seits auch nur zu den­ken. Liebs­te, Dei­ne Freun­din ist auf schie­fer Bahn, Güte und Ermah­nun­gen wer­den sie nicht ändern, viel­leicht muß sie erst ein­mal bit­te­re Erfah­run­gen machen. Sie wird noch viel ler­nen müs­sen im Leben. Wie sie sich aber letzt­hin Dir gegen­über benom­men hat, das ist so selt­sam und undank­bar, daß sie dei­ne Freund­schaft nicht mehr ver­dient. Kaum ein Vier­tel­jahr ist es her, daß Du ihr Dei­ne Hand aufs neue botest. Ich den­ke an die Ver­lo­bungs­fei­er, an Dein tat­kräf­ti­ges Ein­grei­fen. Der Dank dafür ist, daß sie Dir beden­ken­los und gedan­ken­los eine Vor­la­dung zur Poli­zei ins Haus schickt.

Benzin Mangel-Hinweis 1940
Bekannt­ma­chung, 13. Febru­ar 1940, zu Ben­zin Man­gel, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2015.
Herz­al­ler­liebs­te! Eure Gegend ist ein schlim­mer Sumpf. Das sage ich nicht, um mich frei­zu­spre­chen und zum Rich­ter auf­zu­schwin­gen. In uns allen wohnt das Böse neben dem Guten. Aber schlimm ist es, wenn das Böse unge­niert und öffent­lich sich zei­gen darf. Das schlimms­te aber, wenn die Men­schen das Gewis­sen für gut und böse ver­lie­ren und jeden Maß­stab für falsch und echt, wert und unwert. Wie in eurer Gegend das Wort ‚Freund‘ für den Lieb­ha­ber gebraucht wird, das war mir ganz neu. In Zei­ten absin­ken­der Moral ver­schmäht man star­ke, deut­li­che Wor­te wie Schuld, Sün­de, Lie­be, Wahr­heit, Ehre. So möch­te ich auch anneh­men, daß man das Wort Freund braucht, um sich über den Ernst und die Bedeu­tung des Ver­kehrs mit einem Man­ne hin­weg­zu­täu­schen, sich selbst zu betrü­gen, um sein Gewis­sen zu beschwich­ti­gen, wenn man vom einem zum andern wech­selt. Ja, wie soll­te man denn sagen? Ich weiß, daß man bei uns sag­te: sie geht mit dem und dem. — Jetzt bist Du mei­ne lie­be Braut. Und vor­her warst Du mei­ne Liebs­te, und vor­her Fräu­lein [Lau­be]; mei­ne Freun­din hät­te ich Dich nie genannt, weil ich das unpas­send fin­de. Es ist fast kein Wort im Sprach­gut um die Lie­be, daß durch blö­de und fre­che Wit­ze­lei­en nicht ein­mal ent­stellt und ver­zerrt wor­den wäre. So hat auch das Wort Liebs­te im Gebrauch der Gas­se einen Bei­geschmack des Hoh­nes und Spot­tes. Aber dar­um küm­mern wir uns nicht.

Carl Spitzweg - Der arme Poet (Neue Pinakothek)
Franz Karl Spitz­weg, Der arme Poet, 1839, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2015.
Doch heu­te genug davon.

Das Neu­es­te? Wir müs­sen 14 Tage Koh­len­fe­ri­en hal­ten, alle Schu­len im Bezirk ohne Anse­hen des Koh­len­vor­ra­tes. 2mal wöchent­lich müs­sen Haus­auf­ga­ben gege­ben und durch­ge­se­hen wer­den. Ich hof­fe, daß davon ein oder zwei Tage für uns[e]re nächs­te Begeg­nung abfal­len wer­den. Mor­gen will ich nach Hau­se fah­ren, Mon­tag nach S. zurück­keh­ren. Am Frei­tag wer­de ich ver­su­chen, zu Euch, zu Dir zu kom­men, Herz­al­ler­liebs­te! So lan­ge mußt Du nun wie­der arbei­ten! Über­nimm Dich nur nicht, denk auch an Dich!

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Aus­zug aus dem Brief: alte deut­sche Kur­r­ent­schrift

Herz­al­ler­liebs­te! All mei­ne Gedan­ken sind bei Dir. Ich habe Dich so lieb! Seit Mitt­woch­früh bin ich regel­mä­ßig um 5 wach. Da sind mir die Ver­se ein­ge­kom­men. Ich freue mich auf die Heim­fahrt. Die schöns­ten Lie­der will ich Dir wie­der ein­mal sin­gen. 2 Aben­de wird nun neben dem mei­nen ein lee­res Bett­lein ste­hen, Du! Ich bin so glück­lich, daß Du mein bist. Gott gebe, daß es lan­ge, lan­ge so bleibt, solan­ge wir leben. Er erhal­te Dich froh und gesund. Dazu die lie­ben Eltern. Bit­te bestel­le Ihnen herz­li­che Grü­ße.

Nun ist noch soviel Platz auf dem Bogen, daß ich no[ch] viel Lie­bes dar­auf schrei­ben soll­te. Aber heu­te ist es genug. Ich müß­te erst nach Wor­ten suchen, und das Liebs­te ver­möch­ten sie doch nicht aus­zu­drü­cken, das Schwei­gen der seligs­ten Stun­den ver­möch­ten sie doch nicht zu über­tref­fen. Ob ich ihrer den­ke? Du! Du! Herz­lieb!

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Ich lie­be Dich so sehr!

Dein [Roland].

 

Was nie­mand vor mir schau­te,
kein and­rer Dir ent­wand,
die Gabe letz­ter Trau­te
der Lie­be bes­tes Pfand:

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Aus­zug aus dem Brief: Süt­ter­lin

Ich habe Dich gese­hen -
Geheim­nis tiefs­ter Nacht -
ich hielt dein Herz umfan­gen,
ich schau­te Wei­bes Pracht!

Ich brauch­te nicht zu lau­schen,
— das Her­ze pocht so wild -
ich braucht’ es nicht zu rau­ben,
das lang­be­gehr­te Bild,

Du schobst ihn selbst zurücke,
den Schlei­er letz­ter Scheu,
zu mei­nem höchs­ten Glü­cke -
und bliebst Dir sel­ber treu.

Nun ist mein Auge trun­ken,
benom­men ist mein Sinn,
es jubeln alle Him­mel,
daß ich der Dei­ne bin!

Der Dei­ne und der Eine,
den dei­ne Gunst erhob,
bezau­bert und berü­cket
sing ich Der Liebs­ten Lob.

O Liebs­te, laß Dir dan­ken,
laß mich Dich lie­ben sehr,
voll Treue, ohne Wan­ken,
je län­ge, mehr und mehr!

Nun hüp­fe Nadel, schnur­re Räd­chen,
es stockt mein Herz — : jetzt denkt er mein,
und auf und nie­der,
und hin und wie­der,
und mor­gen wird er bei mir sein!

Nun hüp­fe Nadel, glei­te Fäd­chen,
der Liebs­te ist schon auf der Bahn,
und auf und nie­der,
und hin und wie­der,
daß wir ihm froh und fer­tig nah’n.

Nun ruhe Nadel, Räd­chen stil­le,
der Liebs­te steht schon vor dem Tor.
Und auf und nie­der -
und hin und wie­der.
Herz­al­ler­liebs­ter, tritt her­vor!,
Daß ich die Arme um Dich schlin­ge,
daß ich Dir mei­ne Lie­be brin­ge.
Dein [Roland]!

 

400209-1-1if
Aus­zug aus dem Brief

Zum Abschied.
Ich irre durch die Räu­me,
ich weiß nicht, was ich will,
ich spü­re Dei­ne Nähe,
und alles ist so still.

Die uns des Glü­ckes Stun­den
getreu­lich zuge­zählt;
das uns, in Lieb’ ver­bun­den,
so eng und traut ver­mählt;

Dein Hut, der Pelz, die Tasche
Dein Bett, dein Käm­mer­lein:
Sie rufen: Bleib, oh blei­be!
Bleib bei der Liebs­ten Dein!

Ich suche, ord­ne, packe -
es greift mir weh ans Herz,
oh Liebs­te, sieh mein Trau­ern,
sieh mei­ner Lie­be Schmerz!

Möcht mich aufs Bet­te wer­fen,
Möcht wei­nen über­laut,
möcht alle Brü­cken bre­chen,
die mir zurück gebaut.

Ich blie­be doch so ger­ne!
Laß alles hier zurück!
Bin ein­sam in der Fer­ne!
Du bist mein gan­zes Glück!
Dein [Roland].

 

und zum Zei­chen mei­ner guten Rück­kehr.T&Savatarsm

Ich lie­be Dich so sehr!

 

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