6. Februar 1940

Fastnachtsvergnügen im Schwarzwald 1890
Gus­tav Hei­ne, Fast­nachts­ver­gnü­gen im Schwarz­wald, 1890, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 02.2015.
[400206–2‑1]

O., am Fast­nachts­tag 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Nun ist es schon der zwei­te Tag, daß Du fort bist. Ich war am Sonn­abend und Sonn­tag so glück­lich und froh und ruhig, weil Du bei mir warst. Ich weiß und ich füh­le und erken­ne es aus Dei­nem gan­zen Wesen, wie lieb Du mich hast, und wie Du mir die Treue hältst. Du, Liebs­ter! Kann ich das Dir jemals genug dan­ken?

Ich hat­te Angst vor den kom­men­den Tagen ohne Dich. Es war eine fal­sche Angst – ich habe ein gutes Gewis­sen – es war Angst vor dem Unbe­kann­ten, Unge­wis­sen, daß mei­ner war­te­te; von dem ich nicht wuß­te, ob ein Schat­ten auf unser Glück fiel, durch die Unvor­sich­tig­keit mei­ner Freun­din.

Dies über­haupt anzu­neh­men, oder mir zu erklä­ren wie das wohl zuge­hen soll­te, dar­auf kann ich mir selbst kei­ne deut­li­che Ant­wort geben – ich weiß nur, daß ich mei­ner Freun­din vie­les zutraue, daß ich nicht mehr ihr ver­trau­en kann, seit die­sem Fall. Die­ser böse Klatsch – man soll­te erha­ben dar­über sein – er lag mir immer oben­auf und das Grü­beln dar­über, macht einen ganz krank.

Es war mir nicht lieb, daß ich Dir davon berich­te­te. Aber ich konn­te es Dir nicht ver­heim­li­chen und mir ward frei­er, als ich mich Dir anver­trau­te.

Geteil­tes Leid ist hal­bes Leid.

Ganz tref­fend ist das Wort eben für die­sen Fall nicht. Aber die­se wid­ri­ge Ange­le­gen­heit ließ uns die kom­men­den Tage nicht in einem freund­li­chen Lich­te [sic] schei­nen wie sonst; sie bedrück­te mich, als es an den Abschied ging, Du! Daß ich so wei­nen muß­te, es war nicht nur der Gedan­ke an das Allein­sein; Bit­ter­keit gegen Lui­se – daß ich ohn­mäch­tig, die­sem Gan­ge aus­ge­lie­fert war – Trau­rig­keit auch, daß ich Dich damit beläs­tigt hat­te – ich konn­te mir auch nicht die See­le frei reden, – ich kann auch sehr schwer Lui­se Vor­wür­fe machen, lie­ber ver­bei­ße ich alles im Inner[e]n; ich kann sie nicht mit der Nase dar­auf drü­cken, wo sie selbst füh­len müß­te, was ich ihr als Freun­din war – mei­ne Ner­ven waren über­reizt, des­halb war ich so auf­ge­löst.

Daß Du in die­sen Tagen bei mir warst, daß Du mir Dei­ne gro­ße Lie­be bewie­sen hast und daß Du mich hin­führ­test zu dem, der immer Rat und Hil­fe sche[nk]t einer irren­den See­le, das dan­ke ich Dir von gan­zem Her­zen, Du mein lie­ber [Roland]!

Der Mon­tag kam; als ich mit­tags ver­ge­bens nach einer Vor­la­dung aus­schau­te, mein­te ich schon, S.s hät­ten die Geschich­te zurück­ge­zo­gen. Ab Mon­tag arbei­ten wir bis abends 6 Uhr. Nach­mit­tags brach­te der Rats­bo­te mei­ne Vor­la­dung für 5 Uhr in der Poli­zei­wachstu­be.

Mut­ter über­gab sie mir – 1/4 7 sprach ich vor. Ich fand den Komis­sar und Lui­se im Zim­mer sit­zend. Grüß­te nur mit ‚Heil Hit­ler‘, ent­ge­gen mei­ner sons­ti­gen Gewohn­heit, Lui­se mit Hand­schlag zu begrü­ßen. Sie war ziem­lich blaß – beob­ach­te­te mich unaus­ge­setzt[,] ich begeg­ne­te ihren Bli­cken ruhig und kühl.

Ob ich bereits wüß­te, in wel­cher Ange­le­gen­heit man mich her­bat? Ich bejah­te. Ver­hielt mich ganz reser­viert. Der Komis­sar war sehr anstän­dig, stell­te eigent­lich nur 3 Fra­gen. Ob ich zu jeman­den von mei­ner Freun­din sprach? Ob ich eine Per­son die­ser Schrei­be­rei ver­däch­ti­gen könn­te? Ob ich gewillt sei, mei­ner Freun­din dar­in behilf­lich zu sein, die­se Per­son aus­fin­dig zu machen? Ers­te bei­den Fra­gen ver­nein­te ich, die drit­te bejah­te ich. Er gab Lui­se noch Ver­hal­tungs­maß­re­geln; gab Anhalts­punk­te, die auf einen Ver­dacht schlie­ßen könn­ten – er ver­mu­tet die Per­son in der Fabrik – Lui­se ver­nein­te u. besteht eben­so wie ich dar­auf, daß sie nie­man­den ver­däch­ti­gen kön­ne. Wir waren ent­las­sen, mit dem Bescheid, daß die Sache ruhen müs­se, bis irgend etwas Neu­es geschieht oder wie­der ein Brief ankommt. Lui­se berich­te­te mir drau­ßen, daß sämt­li­che Post­äm­ter benach­rich­tigt sei­en: O., L., Chem­nitz; sie wol­len den Schrei­ber durch Fin­ger­ab­drü­cke fan­gen, auch einen Detek­tiv wol­len sie zu rate zie­hen. Ich sag­te, daß die Anschul­di­gun­gen doch auf Wahr­heit beru­hen; ihr Ver­lob­ter u. des­sen Eltern wür­den sich ja auch nicht dar­an sto­ßen, was vor 2 oder 3 Jah­ren war – ihr Ver­hält­nis bestün­de ja erst rich­tig seit einem Jahr. Sie wol­len nur der­je­ni­gen Per­son ver­be­ten haben, daß sie sich in ihre Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten mischt, die Jah­re zurück­lä­gen und ande­ren gar­nichts angin­gen. Ich sage gar­nichts aber auch gar­nichts mehr dazu–, ich weiß von nichts – gut damit. Mag nun wer­den, was will. Ich glau­be kaum, daß etwas her­aus­kommt. Dann das Neu­es­te. Ich erfuhr im Geschäft, daß Lui­se ver­gan­ge­nen Frei­tag Befehl vom Arbeits­amt bekam, nach Schwe­rin in eine Fabrik! Ich sag­te kein Wort zu ihr. Und sie rede­te am Mon­tag dar­über zu mir. Am Frei­tag geht der ers­te Trans­port ab, sie muß zurück­ge­stellt wer­den bis zum nächs­ten, weil schon über­füllt sei. Sie wei­gert sich nicht, sie ist froh, daß sie mal von hier fort­kommt! Ich weiß nun nicht mehr, was ich den­ken soll. In 14 Tagen und in 3 Wochen fah­ren die nächs­ten Trans­por­te, kann also sein, daß ich sie dann schon nicht mehr wie­der­se­he. Ich bin nicht ver­zankt mit ihr, ich muß nur mein Ver­hal­ten ändern; denn als Freun­din betrach­te ich sie von nun an nicht mehr. Für ihr Aus­blei­ben am Sonn­tag fand sie ohne Befan­gen­heit eine pas­sen­de Aus­re­de. Sie bedank­te sich bei mir, daß ich gekom­men war.

Ich weiß nun nicht,  ob man mich noch ein­mal brau­chen wird  –  hof­fent­lich nicht.  Kannst  Du mir nach­füh­len,  daß ich auf­at­me­te,  als ich den Gang  hin­ter mir  wuß­te? –

Ich habe nicht Ban­ge, wenn der Befehl an mich her­an­tritt, d[ie] Eltern wer­den mich nicht fort­las­sen, Du auch nicht und wenn dann das Her­an­zie­hen zum Bau­ern wie­der beginnt – dem man sich nicht ent­zie­hen kann – dann mußt Du kom­men, mußt mich zu Dir holen, oder mir Dei­nen Namen geben, Du! Wirst Du wol­len? Du, Liebs­ter! Ich weiß es ja, ich habe dein Herz, ich habe Dich ganz, Du wirst mich nie mehr ver­las­sen, mein [Roland]! Ich dan­ke Dir, auch im Namen der Eltern für Dei­ne Lie­be Kar­te, Du! Ja, ich weiß es noch, es war an einem Som­mer­abend, nach dem Kon­zert – so viel Was­ser führ­te die Elbe. Es ist der Weg, da Du zu mir über das Loben sprachst. Weißt Du noch? Du, wenn doch erst Früh­ling wäre – heu­te reg­net es so sehr – er ist gewiß schon auf dem Weg. Und nun den­ke ich nur noch an Dich und dar­an, wie glück­lich Du mich machst mit Dei­ner Lie­be. Ich möch­te Dir so nahe sein, wie an den ver­gan­ge­nen bei­den Tagen,T&Savatarsm denkst Du züruck [sic], Du! Behüt Dich Gott! Ich lie­be Dich! Immer Dei­ne [Hil­de].

 

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