29. Januar 1940

Johannes gumpp
Johan­nes Gumpp, Selbst­bild­nis, 1646, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
[400129–1‑1]

S. am 29. Janu­ar 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Bis gegen 9 Uhr habe ich ges­tern im Bett gele­gen. Ich kam dar­auf zu sin­nen, wel­chen Weg mein Leben bis­her genom­men hat. Die­ser Weg ist so man­nig­fach ver­schlun­gen, hat soviel Sei­ten­äs­te und Sta­tio­nen, daß ich erstau­ne, und wenn ich mir die Bil­der ver­ge­gen­wär­ti­ge, so kom­men mir man­che eben nur noch wie Bil­der vor, so fern und unwirk­lich. Und auf die­sen Bil­dern sehe ich mich selbst, wie ich gewach­sen bin. Ein Rei­sen­der kommt gewiß viel mehr her­um und wei­ter hin­aus. Aber ich war auf mei­nen Rei­sen doch über­all gezwun­gen, län­ger Sta­ti­on zu machen, Men­schen ken­nen zu ler­nen und mei­ne Kraft anzu­set­zen. Jede neue Sta­ti­on muß­te ich für einen neu­en Mit­tel­punkt anse­hen.

Saxonia Museum für saechsische Vaterlandskunde II 47
Der Fleisch­markt mit der Peter­kir­che in Baut­zen, 1836. Bild: Saxo­nia Muse­um für saech­si­sche Vater­lands­kun­de. Band 2, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
Wenn ich an die vie­len Sonn­tags­fahr­ten den­ke! Aber wich­ti­ger waren die Men­schen, mit denen ich in Berüh­rung kam. Neue Kin­der, Kol­le­gen, Wirts­leu­te, die Men­schen in den Ver­ei­nen. Eini­ge­mal bra­chen die Brü­cken von einem Ort zum ander[e]n gar nicht so schnell ab. Als ich in Lich­ten­berg bei Zit­tau war, nahm ich noch an eini­gen Fahr­ten des Bautz[e]ner Domcho­res teil. Von einer die­ser Fahr­ten kehr­te ich mor­gens um ½ 4 in mein ent­le­ge­nes Nest zurück. Die Spur, die man so nun äußer­lich in Wirk­lich­keit gezo­gen hat,— ach, sie ist ja vie­len­orts sicher längst ver­weht und meis­ten­orts auch in den Men­schen ver­blaßt — die ist bewahrt in unse­rem Gedächt­nis, unse­rem Bewußt­sein, ihr ent­spricht die Spur uns[e]rer Erin­ne­rung. Auch die­se Spur wird schwä­cher und lücken­haft. Dafür erkennt man nun aber deut­li­cher die tie­fen Stel­len die­ser Spur: wo das Vor­wärts­kom­men Mühe mach­te, wo man hart ange­faßt wur­de oder selbst anfaß­te, wo man mit einem Men­schen in nähe­re Berüh­rung kamen. Am deut­lichs­ten aber die Stel­len, wo das Herz rascher schlug in Sehn­sucht und Hoff­nung. Ich sah über­all auch die Men­schen sich freu­en, die Män­ner meist beim Bier, die Frau­en bei der­ben Scher­zen. Es war gan­ze sel­ten ech­te Freu­de, die ist ja so sel­ten. Gute Freu­de in Gesel­lig­keit fand ich noch nir­gends, außer im Fami­li­en­kreis. Die Lie­be und Wär­me des Eltern­hau­ses wur­de mir nir­gends ersetzt. Und das war mir schon zei­tig klar, daß die schöns­te Freu­de bei einem Men­schen­kin­de liegt, dem man sich ganz anver­trau­en kann, daß sie in dem Glü­cke rei­ner, inni­ger Lie­be beschlos­sen liegt. Und nach die­sem Glü­cke habe ich au[s]geschaut immer und über­all. Die­ses Glück in uns[e]rer Zeit zu fin­den, ist so schwer. Ich hat­te ein gar schar­fes Auge und führ­te ein gar stren­gen Maß­stab mit mir. Viel­lieb­chen und Kurz­lieb­chen hiel­ten ihm nicht stand. Aber gera­de Treue und Bestän­dig­keit zu prü­fen ist so schwer. Und so blieb ich allein, Du! An den vie­len frei­en Tagen, auf den vie­len Wan­der­we­gen! War nur Zuschau­er des Glü­ckes der ande­ren, sel­ten, daß ich es ihnen nei­de­te. Und dann war ich doch eines Tages ver­liebt, rich­tig ver­liebt, so wie ich es mir erhoff­te. Ich durf­te hof­fen, und es war mir ganz leicht gemacht. Ich gab mei­ne Nei­gung zu erken­nen. War­um sprach ich nicht das erlö­sen­de Wort? Gewiß, ich woll­te auch ihr der Ein­zi­ge, der Liebs­te sein. Ich gab ihr Zei­chen genug, daß sie erken­nen muß­te, sie sei mir die Eine und Ein­zi­ge. Dann ging ich weg, nach Dres­den. Und dann bot sich ein Anlaß, ihr zu schrei­ben, so, daß sie Ant­wort geben muß­te — die Ant­wort blieb aus. Die Prü­fung war nicht bestan­den, ich war ihr nicht der Liebs­te, nicht der Ein­zi­ge. Das bes­te an der Lie­be ist die Treue, und die ist dann a[m] sichers­ten ver­bürgt, wenn wir den Men­schen fin­den, der uns der ein­zig pas­sen­de erscheint.

Und wohin kam ich nun auf mei­nem Gedan­ken­sonn­tag­mor­gensspa­zier­gang? Du!

Je ruhe­lo­ser mein Leben wur­de, des­to unsich[e]rer wur­de nun mei­ne Spur. Das war nicht nach mei­nem Sinn, daß erschwer­te mein Suchen bedeu­tend.

Herz­al­ler­liebs­te! Hät­test Du mich nicht bei der Hand genom­men und es mir gezeigt, das Glück, ich hät­te es nicht gese­hen. Als Du mir schriebst, war das schwers­te Stück der Prü­fung schon bestan­den. Du warst treu, Herz­lie­bes, treu über vie­le Hin­der­nis­se und Ent­täu­schun­gen, treu aus dem Emp­fin­den, das ich Dir der Liebs­te bin. Das wer­de ich Dir nie ver­ges­sen und immer dan­ken. Nun wuß­te ich, daß mir ein Herz schlägt in Lie­be und Treue. Es erscheint mir noch heu­te wie ein Wun­der. Ich kann­te Dich viel zu wenig. Ich ahn­te kaum, daß Du Dich mit mir beschäf­tig­test und hät­te nicht erwar­tet, daß ein Mäd­chen aus die­sem Krei­se über­haupt mich wür­de schät­zen und lie­ben kön­nen. Was Wun­der, daß mir nun Zwei­fel kamen an der Tie­fe Dei­ner Emp­fin­dun­gen, daß vor allem die Sor­ge auf­stieg, ob ich dei­ne Lie­be wür­de erwi­dern kön­nen? Aber Sor­ge und Zwei­fel, sie wur­den über­tönt von der Hoff­nung, die mir aufs neue erblüh­te, sie wur­den über­glänzt von der Sehn­sucht, die sich mäch­tig reg­te. Und heu­te, Du!, ist die­se Hoff­nung erfüllt, wie durch ein Wun­der. Du bist mir die Eine und Ein­zi­ge und Liebs­te. Mit Dir, das füh­le und emp­fin­de ich, wer­de ich bau­en kön­nen, was mir vor­schwebt, ein Heim, eine Hei­mat mit den guten Geis­tern uns[e]rer Eltern­häu­ser. Nun darf ich einem Men­schen­kin­de alle Ach­tung, Ver­eh­rung und Lie­be ent­ge­gen­brin­gen, die ich so lan­ge bereit hielt. Nun emp­fin­de ich glück­lich, daß ich die rei­che, die ers­te und gan­ze Lie­be eines Mäd­chens emp­fan­ge. Du! Lie­be! Zwei Glück­su­cher sind sich begeg­net und haben sich zusam­men­ge­tan.

Herz­al­ler­liebs­te! Heu­te erhielt ich dei­nen Brief. Am Sonn­tag hast Du geschrie­ben. Du bist krank. Ob es Dir bes­ser geht heu­te? Frei­tag und Sonn­abend war auch ich etwas unpaß, all­ge­mein Mat­tig­keit, dazu hat­te ich es ein wenig auf­lie­gen. Aber heu­te ist mir wie­der ganz wohl. Außer einem Schnup­fen habe ich nichts an mir. Herz­lie­bes! Zwin­ge Dich nicht. Laß es sich aus­to­ben. Schlepp Dich nicht hin. Am Sonn­abend will ich kom­men und nach dem Rech­ten sehen. Dei­ne Rei­se schie­ben wir auf. Wenn Du mir noch ein­mal Nach­richt gibst über Dein Befin­den, bin ich Dir recht dank­bar. Nimm Dich gut in acht, sei brav und ver­nünf­tig, damit Du bald gesun­dest.

Den Brief­schluß schrei­be ich im Schul­zim­mer. Das klei­ne Volk ist eben hin­aus. Ich möch­te, daß Du den Brief mor­gen schon hast. Mit Dei­nem Boten lief auch Nach­richt von Hau­se ein. Ich lege Dir Mut­ters Schrei­ben bei mit den Neu­ig­kei­ten vom Rekru­ten und der guten Bot­schaft, daß der Fuß heil ist. Heu­te gab es zum ers­ten­mal war­men Son­nen­schein, der den Früh­ling ahnen ließ.

Herz­lie­bes! Möch­te ich Dich am Sonn­abend froh und gesund antref­fen. Gott schüt­ze Dich und behü­te Dich!

[Ic]h fin­de gar kei­ne beson­de­ren Wor­te.

Möch­te der gan­ze Brief Dir ein Zei­chen mei­ner Lie­be und Treue sein. Möge die Son­ne unse­res Glücks Dei­nen Kör­per wär­mend und hei­lend durch­rie­seln zur Gene­sung. Und wenn Du bald gesund bist, darfst Du auch dar­an den­ken, daß ich Sonn­tag mit Dir fei­ern will, daß wir uns ganz nahe sein wol­len und ein­an­der das Glück aus den Augen lesen. Jetzt aber laß mich nur Dei­ne Hand strei­cheln, und das dröh­nen­de Köpf­chen, mußt ganz brav ruhig lie­gen, wenn es Dir auch schwer­fällt, Du!

Ich den­ke immer Dein. Ich bete für Dich.

Ich lie­be Dich! Du mei­ne lie­be [Hil­de], Herz­lie­bes!T&Savatarsm

Dein [Roland].

 

 

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