28. Januar 1940

[400128–2‑1]

O., am 28. Janu­ar 1939 [1940!].

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Sonn­tag ist nun heu­te, und ich bin allein, und wenn für mich rech­ter Sonn­tag sein soll, dann mußt Du bei uns sein, Liebs­ter! Es geht nicht an, daß wir alle Fei­er­ta­ge zusam­men sein dür­fen. Und dies ist wohl auch eines der äuße­ren Zei­chen mit, daß wir noch nicht für ganz uns ange­hö­ren. Ich bin nicht trau­rig oder kopf­hän­ge­risch des­halb — obwohl wir das Recht hät­ten, nach 6 arbeits­rei­chen Tagen gemein­sam Sonn­tag zu fei­ern — ich neh­me es als Selbst­ver­ständ­lich­keit, wenn ich die Umstän­de und noch die jet­zi­gen Ver­hält­nis­se beden­ke. Ich bin ja auch schon so glück­lich und ganz zufrie­den, wenn ich dar­an den­ke, daß wir die Frist, die zwi­schen unse­ren Begeg­nun­gen liegt, schon auf 14 Tage her­ab­ge­drückt haben, Du!

Sonn­tag ist, wenn ich Dich bei mir füh­le, wenn ich Dei­ne Stim­me höre. Ohne Dich kann mir nichts so recht fest­lich sein.

Ges­tern, gegen Abend fei­er­te ich ganz allein mit Dir, inner­lich, Sonn­tag. Ich las in Dei­nen Brie­fen und da warst Du mir ganz nahe, Liebs­ter!

Dreams - Fitzgerald
John Ans­ter Fitz­ge­rald: Der Stoff, aus dem die Träu­me sind, 1858, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
Freu­de­trun­ken, müde und froh war ich danach; ja, ich glau­be, das sind die rech­ten Wor­te für das, was ich emp­fand — und dann hat­te ich das Bedürf­nis zu schla­fen, die seli­gen Gedan­ken mit hin­über zu neh­men in die Träu­me. Das Traum­haf­te, Unwirk­li­che kann mich manch­mal so in sei­nen Bann zie­hen, wie eine unwi­der­steh­li­che Macht, der ich mich nicht zu ent­win­den ver­mag.

Aber hier, im Glück­sträu­men — so könn­te ich’s nen­nen — nimmt ja das Traum­haf­te sei­nen Aus­gang vom Wirk­li­chen. Dar­um kann ich mich auch nicht ernst­lich schel­ten, ob die­ser Schwä­che.

Sen­ti­men­tal könn­te man das alles bezeich­nen — jun­ge Men­schen sind oft sen­ti­men­tal, beson­ders Mäd­chen.

So wie ich mir die­sen Begriff vor Augen hal­te, has­se ich ihn. Ich mag und ich will nicht so sein. Bin ich doch so?

Ich kann sehr phan­ta­sie­voll sein, ich bin auch schwär­me­risch ver­an­lagt, habe einen star­ken Hang zum Mys­ti­schen.

Aber ich neh­me mich doch so zusam­men, alles zu mei­den, was töricht ist; beson­ders letz­te­res, weil ich weiß, daß es Dir Freu­de macht.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Die Lie­be ist es, die den Men­schen auf­wühlt bis in sein Inners­tes hin­ein. Sie ist wie eine Flam­me, die im Her­zen brennt, und jeder selbst ist Hüter die­ser Flam­me.

Und jeder ist somit ver­ant­wort­lich für sie — ob er ver­derb­li­che Ein­flüs­se her­an­kom­men läßt, sie ver­nach­läs­sigt, sie dadurch erstickt, ver­lö­schen macht. Ob er sich aus­gibt im Voll­ge­fühl des Besit­zes sei­ner Flam­me und sich so an ihr ver­zeh­ren muß. Oder ob er sich an ihr erfreut, wie sie in ruhi­gem Gleich­ma­ße dahin brennt, dann und wann auf­sprüht in neu­er Kraft. Wohl jeder Mensch lernt ein­mal im Leben die Lie­be ken­nen; jeder anders; jeder muß fer­tig wer­den mit ihr.

Und das ist mein Glau­be: Wenn die Lie­be in eines Men­schen Herz fällt, dann erlebt er sie so wie er ist, als Mensch, mit allen sei­nen Schwä­chen, ohne einen Deck­man­tel, ohne Heu­che­lei; denn wah­re, rei­ne Lie­be kann nur in der Wahr­heit leben.

Und auch ich muß mei­nen Gefüh­len und mei­nen Emp­fin­dun­gen so Aus­druck geben, wie ich bin.

Daß Du mich liebst, so wie ich bin, Du! Liebs­ter! Des­sen bin ich gewiß. Und die­se Gewiß­heit gibt mir auch den Mut und die Kraft, Dir alles zu sagen.

Ich kann mir nicht aus­den­ken, wie es wäre, wenn uns dies Ver­traut­sein bis ins Letz­te nicht ver­bän­de. Ich wür­de an mei­ner Lie­be zu Dir zugrun­de gehen.

Ach Du! Alles ist fast zu schön, um wahr zu sein. Ges­tern bin ich die Geschich­te unse­rer Lie­be wie­der ein­mal durch­ge­gan­gen — Stu­fe um Stu­fe — mir ward so froh inne, daß über allem, was geschah, Got­tes Güte wal­te­te. Mir ist, als trä­te ich die Rei­se in ein Mär­chen­land an, und in die­sem Lan­de blüht eine Blu­me — unse­re Lie­be — und unter unse­ren Augen erblüht sie mehr und mehr, die erst eine Knos­pe war, zu ihrer gan­zen Pracht und Schön­heit. Glück­lich und froh sind wir bei­de in uns[e]rer Lie­be, ich weiß es, Du! Wie in einen Kreis hin­ein­ge­ho­ben füh­len wir uns bei­de, aus dem kein Weg mehr her­aus­führt. Und seit jener Nacht, da wir in die letz­te Erfül­lung hin­ein­gin­gen — Du! Liebs­ter! Seit­dem wis­sen wir, daß nichts uns mehr aus­ein­an­der rei­ßen wird.

Heu­te früh, beim Glo­cken­läu­ten öff­ne­te ich Dei­nen so lie­ben Brief. Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Ich dan­ke Dir. Dei­ne Zei­len machen mein Glück, das von ges­tern noch in mir ist, voll­kom­men. Daß auch Du Dich mir anver­traust, das macht mich so froh und wie könn­te ich Dich nicht ver­ste­hen. Was Du mir Lie­bes und Schö­nes sagst, Du! Das will ich Dir dan­ken mit mei­ner Lie­be und Treue. Ich bin erleich­tert, weil ich sehe, daß Du nicht Scha­den genom­men hast auf Dei­ner Rück­rei­se; beim Frie­ren zieht man sich schnell etwas zu.

Liebs­ter! Sei ganz unbe­sorgt, ich bin wie­der gesund und es ist alles noch gut. Als Du vori­gen Sonn­abend bei mir warst, Du! Emp­fand ich ein­mal einen so hef­ti­gen Schmerz, daß ich mein­te, dies sei nun das Letz­te, was ich Dir schenk­te. Ich habe mich getäuscht, ich weiß es bestimmt. Und ich war eigent­lich froh dar­über — froh, daß wir unse­rem Vor­sat­ze treu blie­ben — Du sollst nicht etwa den­ken, daß es etwas gäbe, was mich gereu­en wür­de, Dir zu schen­ken, Du!

Ich sage Dir das nur, damit Du ganz beru­higt sein sollst. Sie sagen ich sei krank. Es ist nicht wahr.

Krank ist man nur, wenn man immer lie­gen muß, wenn man hohes Fie­ber hat und viel mehr schwind­lig ist. Ich habe ein bis­sel Hals­weh und es ist ganz gewiß ein ver­setz­ter Schnup­fen, der dem Kopf so dröh­nen macht, daß es manch­mal ein wenig dun­kel wird vor mei­nen Augen und wenn ich ganz fest auf­tre­te, bin ich auch nicht schwind­lig. Ein bis­sel komisch war mir schon die gan­ze Woche zumu­te, ich den­ke aber, weil ich doch krank war; daß ich Leib­schmer­zen hat­te, kam davon, weil ich gefro­ren habe.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Das ist immer so. Aber manch­mal war ich plötz­lich so schwach, daß ich mich schnell an mei­ner Maschi­ne fest­hal­ten muß­te. Es sah nie­mand und es weiß auch nie­mand — und Du sagst es nicht mei­ner Mut­ter? Bit­te, nein! Ich hal­te mich ganz warm und ich gurg­le und trin­ke Tee, und ich habe heiß geba­det am Sonn­abend­nach­mit­tag, mit der Wärm­fla­sche auf dem Sofa gele­gen bis abends und dann in’s Bett, bis heu­te früh ½ 9 habe ich im Bett gele­gen. Heu­te war mir’s ganz schön. Und sie glau­ben es mir nicht, weil ich so blaß wäre. Ich muß­te ins Bett und ich bin wie­der auf­ge­stan­den, weil ich ja Dir schrei­ben muß. Ich habe es doch gese­hen wie Du drau­ßen stehst in dem Schnee­trei­ben und wie Du war­test auf mei­nen Brief. Es ist ja gar­nicht kalt hier drin­nen, wenn ich an Dich den­ke schon gar­nicht. Es knackt über­all, ich den­ke immer sie kom­men und wol­len mich ins Bett jagen. Es ist ja zum Lachen, im Nacht­hem­de schrei­be ich Dir, abends ist mir so warm, ich habe ganz hei­ße Backen. Ich muß mor­gen um 6 auf­ste­hen, ich kom­me nun abends erst um 5 heim und Sonn­abends arbei­ten wir auch. Ob ich denn nun am Sonn­abend zu Dir fah­ren darf? Ich glau­be es nicht, sie wer­den es nicht zulas­sen. Die Mut­ter hat einen Brief geschrie­ben und ich habe gesagt, daß ich ihn mit in mei­nen hin­ein­ste­cke, nun habe ich ihn gele­sen. Wenn ich nur nicht zum Lie­gen kom­me. Du! Mein lie­ber [Roland]! Wirst Du dann am Sonn­abend zu mir kom­men, weil ich nicht darf? Ach und ich hat­te mich schon so gefreut und ich habe Dei­nen Eltern einen Brief geschrie­ben.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Du, es ist so unheim­lich, ich glau­be ich fürch­te mich. Es sieht aus, als lan­ge jemand aus der Dun­kel­heit her zu mir, wenn die Flam­me sich bewegt beim Gesel­le. Es sieht, als wäre es wie­der der gro­ße, blon­de Mensch, der immer so son­der­bar her­sah im Lager unten.

Baltendeutsche Umsiedler mit ihrem Gepäck auf dem Hof des Baltenlagers, Posen, Wartheland, 1940, Bundesarchiv Deutschland, Deutsches Ausland-Institut, Bild 137-051843, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_137-051843,_Posen,_Umsiedlung,_Baltenlager.jpg, herunterladen Dezember 2013.
Bal­ten­deut­sche Umsied­ler mit ihrem Gepäck auf dem Hof des Bal­ten­la­gers, Posen, Wart­he­land, 1940, Bun­des­ar­chiv Deutsch­land, Deut­sches Aus­land-Insti­tut, Bild 137–051843, http://commons.wikimedia.org/wiki/File: Bundesarchiv_Bild_137-051843,_ Posen,_Umsiedlung,_Baltenlager.jpg, her­un­ter­la­den Dezem­ber 2013.

Ach Du, das weißt Du doch noch gar­nicht! Wir haben am Mitt­woch gesun­gen bei den Bal­ten­deut­schen und sie haben sich so sehr gefreut und sie haben Bei­fall gespen­det wie toll. Einer stand ganz allein an der Wand und er sah immer­fort her zu mir und ich hat­te Angst vor sei­nen Augen und ich kann das gar­nicht ver­ges­sen, immer wenn ich mich fürch­te, sehe ich die Augen. Er hat mich auf­ge­lau­ert auf der Trep­pe, es waren so viel Leu­te da und ich ließ Lui­se nicht von mei­ner Sei­te. Er hat mit den Augen reden kön­nen, ich weiß gewiß, daß ich unten auf ihn war­ten soll­te, weil er mit mir spre­chen woll­te. Ich sah, wie er hin­ter uns her kam. Wie hät­te ich gekonnt, Du! Wo ich doch gar kei­nen frem­den Mann brau­chen kann. Ich habe doch nur einen ein­zi­gen Mann lieb und nur die­sem ein­zi­gen schen­ke [ic]h alles, auch mei­ne Bli­cke und mei­ne Wor­te. Ich habe nun Dein Bild bei mir und das ist so tröst­lich, fühlst Du es, wie ich mich nach Dir seh­ne, Du! Du darfst nicht den­ken, daß ich Fie­ber habe, abends hab ich meis­tens einen hei­ßen Kopf und was so rauscht, das ist mein Blut, das in den Ohren klingt. Ich gehe ja schon schla­fen. Du! Mein liebs­ter [Roland]! Läßt Du mich allein? Es wird mir so Angst! Du! Komm bald zu mir, komm am Sonn­abend, weil ich nicht darf, Du! Bete für mich, daß ich gesund wer­de. Ich hab Dich ja so lieb! Ich muß gesund wer­den. Bit­te, sage den Eltern nichts, schrei­be nichts! Behü­te Dich Gott! Du, mein Liebs­ter, Du! Ich bin so müde. Gut Nacht, Du! Ich küs­se Dich!T&Savatarsm

Dei­ne [Hil­de].

 

 

 

 

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Eine Antwort auf „28. Januar 1940“

  1. Obwohl sich die Zeit­ab­stän­de der Tref­fen zwi­schen Roland und Hil­de sich anschei­nend schon deut­lich ver­kürzt haben, über­kommt Hil­de immer wie­der erneut eine gro­ße Sehn­sucht nach Roland, beson­ders wenn es ihnen ver­wehrt bleibt Sonn- und Fei­er­ta­ge mit­ein­an­der zu ver­brin­gen. Spie­len hier mit­un­ter auch die Umstän­de eine Rol­le, dass sie noch ein unver­hei­ra­te­tes Paar sind?
    Um die Sehn­sucht etwas zu stil­len, liest Hil­de alte Brie­fe von Roland und flüch­tet sich, wie sie selbst schreibt, in “Glück­sträu­me”. Sie tut dies als typi­sche Sen­ti­men­ta­li­tät von jun­gen Mäd­chen ab und ver­sucht wohl Roland zulie­be im Den­ken und Ver­hal­ten erwach­se­ner auf­zu­tre­ten.
    Jedoch muss sie für sich selbst ein­ge­ste­hen, dass dies ein­fach ihre Art ist den Gefüh­len der Lie­be Roland gegen­über Aus­druck zu ver­lei­hen bzw. damit umzu­ge­hen. Dies scheint für sie eine Schwä­che dar­zu­stel­len. Durch die Gewiss­heit, dass Roland sie jedoch so akzep­tiert als Mensch wie sie ist, hat sie den Mut ihm eben­falls sol­che All­tags­ge­scheh­nis­se mit­zu­tei­len.
    Auch ihre Bezie­hung zu ein­an­der hat ver­mut­lich eine neue Stu­fe erreicht. So schreibt Hil­de in ihrem Brief die Zei­len: “Und seit jener Nacht, da wir in die letz­te Erfül­lung hin­ein­gin­gen — Du! Liebs­ter! Seit­dem wis­sen wir, dass uns nichts mehr aus­ein­an­der rei­ßen wird.” Ist dies eine Andeu­tung auf ihr ers­tes gemein­sa­mes Mal mit­ein­an­der?

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