23. Januar 1940

Bundesarchiv Bild 170-272, Potsdam, Putte an der Fahnentreppe am Stadtschloß
Max Baur, Putte an der Fah­nen­treppe am Stadtschloß, Pots­dam, zwis­chen etwa 1928 und 1944. Der Win­ter 1939/1940 war am käl­testen in Europa seit über 100 Jahren. Bild: DBa, Bild 170–272 / Max Baur / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
[400123–2-1]

O., am 23. Jan­u­ar 1940.

Herza­ller­lieb­ster, mein lieber, lieber [Roland]!

Mit­ten im stren­gen Win­ter ein Gruß, der wie ein warmer Son­nen­strahl mich trifft und ganz plöt­zlich ein ungestümes Sehnen nach dem Früh­ling in mir wach ruft. Früh­ling und Liebe — junges, zartes, auf­brechen­des Grün — aufquel­lende Seligkeit im Herzen; welch­er junge Men­sch ken­nt sie nicht, die süßeste der Jahreszeit­en?

Sind es Elfenkinder? Sie kom­men heim­lich, leise — doch nur bei Nacht; im Traum kön­nen wir sie sehen, oder das Mondlicht ver­mag sie uns vorzuza­ubern wenn aus den Wiesen der Nebel steigt.

Schemen­hafte Spukgestal­ten die, wenn sie vor unseren Augen ver­schwinden, nichts in uns zurück­lassen, als ein traumhaftes, unwirk­lich­es Gefühl.

Paul Klee ~ Angelus Militans ~ 1940
Angelus Mil­i­tans, Paul Klee, 1940, geme­in­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
Engel müssen es sein, die unser Herz und unser darin ver­bor­genes Glück tra­gen sollen.

Engel, sie sind unsicht­bar, doch fühlbar. Und so deute ich mir Deinen Gruß, Lieb­ster! Auf Engelss­chwin­gen wollen wir unsere Herzen hinein­tra­gen in den jubel­nden, klin­gen­den Früh­ling — durch Kälte und Win­ter­nacht hin­durch. Du! Ich ganz allein sehe die bei­den, fast kaum erken­ntlichen Buch­staben von dein­er Hand. Ich habe zweimal gründlich auf deine Karte gese­hen, während, daß Du mir ein Zeichen send­est, das nur für mich bes­timmt ist und wirk­lich.….! Ich sehe jet­zt nur noch das Herz mit den bei­den Buch­staben — ich fragte die Eltern, ob ihnen etwas auffiele — arg­wöh­nisch, ob das Geheim­nis ganz mein ist — sie studierten bei­de lange — nein! Glaub­st Du mir Lieb­ster, daß ich ganz när­risch froh darüber bin?

Mein armer, lieber [Roland] Du! Nun wun­dere ich mich nicht mehr, daß ich am Son­ntagabend keine Ruhe fand und erst gegen Mor­gen ein wenig schlief. Gewiß mußtest Du in Chem­nitz so lange warten auf deinen Zug. Wirst haben frieren müssen, dieweil ich im Bette lag. Ich möchte Dich jet­zt ganz fest an mich drück­en, Du! Lieb­ster, Herza­ller­lieb­ster Du! Alles um meinetwillen. Aber auch ich hätte die reine Freude ver­loren, hättest Du Deine Pflicht ver­nach­läs­sigt. Ich bin so dankbar, daß Du gesund wieder ankamst — ich habe am Abend so gebetet für Dich. Den Eltern tust Du so sehr leid, sie kö[nn]en sich gar­nicht zufrieden geben, weil Du die ganze Nacht in der Kälte zubrin­gen mußtest. Ich beruhige sie, wie ich nur kann, weil ich um jeden Preis zu Dir will, Du! Denke nur, bei unserem Zugunglück wur­den 4 schw­er ver­let­zt, ein­er ist gestor­ben. Heute schneit es wieder, doch ich behalte die Hoff­nung auf ein Wieder­se­hen in K., wenn auch noch mehr Züge eingestellt wer­den. Unser Besuch ging nach 11 erst heim!— Ich liebe Dich so sehr, Du mein [Roland]! Und ich füh­le jet­zt, wie ich allein bin, Du! Am Mon­tag früh erschrak ich, als ich fühlte, daß ich krank war — gewiß hab ich sehr gefroren — warum ich das schreibe? Bitte sorge Dich nicht! Ich hat­te am Sonnabend einen Augen­blick lang heiße Angst, ich bin froh, daß Du es nicht bemerk­test Du sorgst Dich so um mich. Du! Ich liebe Dich von ganzem Herzen! Ich küsse Dich! Behüte Dich Gott!

Behalte recht lieb.T&Savatarsm

Deine [Hilde].

 

 

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