23. Januar 1940

HMS (H02) Exmouth in leaving the port of Bilbao in 1936
Der britis­che Zer­stör­er HMS Exmouth, der am 21. Jan­u­ar 1940 von einem U-Boot ver­sunken wurde. Bild: Jesús Elósegui Irazus­ta, 22. Okto­ber 1936, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
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S. am 23. Jan­u­ar 1940.

Herza­ller­lieb­ste, meine liebe, liebe [Hilde]!

Schreiben soll ich Dir, damit Du gewiß seiest, daß es mir gut geht und daß ich Dich liebe. Du! Daß ich Dich liebe, diesen Beweis will ich Dir gern und immer aufs neue erbrin­gen. Ich brauche ihn wohl nicht von allem Anbe­ginn zu führen, und Du woll­test mit Deinen Worten doch wohl sagen, daß es Dich beglückt, wenn ich Dich mein­er Liebe ver­sichere, Du woll­test damit gewiß nicht meine Liebe in Zweifel ziehen.

Mosbruch St. Blasius 13
Blei­glas­fen­ster in der katholis­chen Fil­ialkirche St. Bla­sius in Mos­bruch. Bild: Rein­hard­hauke, 1. Okto­ber 2012, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
Ach Lieb­ste, Du wirst es selb­st schon erfahren haben, manch­mal fehlt es an der Kraft, manch­mal gebricht es an guten Ein­fällen, manch­mal will es nicht gelin­gen, auch in der Liebe. Liebende wer­den sich deshalb nicht mißver­ste­hen. Sie nehmen das Wollen für das Voll­brin­gen, sie haben ein feines Empfind­en für Aufrichtigkeit und Treue wie für Unehrlichkeit und Untreue. Wir lasen am Son­ntag von der Ehe. Ohne daß ich es aussprach, weißt Du, wie ich den Bund der Ehe auf­fasse. Sie ist ein heiliger Stand, von Gott geset­zt, unlös­bar. Diese Auf­fas­sung habe ich mir nicht nur ange­le­sen, sie entspricht auch meinem Wesen. Im Bewußt­sein ihrer Größe und ihres Ern­stes gab ich mein Jawort. Ich kon­nte es Dir geben, weil ich Dir ganz ver­traue und weil ich Dich Liebe. Mit diesem Jawort fiel eine Tür ins Schloß, mit diesem Jawort haben wir einen Wun­sch ver­tan. Nun wohnen wir allein miteinan­der in unserem Ehe­haus. Und die daran vor­beige­hen, sehen neugierig, wie wir es uns ein­richt­en und sie tauschen Ver­mu­tun­gen und Erwartun­gen. Wir aber fühlen uns gebor­gen darin im Ver­trauen auf Gottes Schutz. Die Blicke und Reden der Zuschauer kön­nen uns nicht irre machen, Lieb­ste, sie kön­nten mich nicht von Dein­er Seite lock­en. Ich bin ganz Dein! Was wis­sen die anderen, wie froh und glück­lich wir miteinan­der sind? Lieb­ste, ich bin jet­zt ganz unange­focht­en von Ver­suchun­gen. Du sollst gar nicht denken, daß ich Dir untreu wer­den kön­nte, unzufrieden mit Dir oder Dein­er über­drüs­sig und satt. Das ist ja unmöglich, Du! Her­zliebes! Du bist ja so reich! Muß ich es Dir sagen, daß Du mich entzückst und beza­uberst? Du, o Du! Es ist mir ja so leid, wenn ich müde und abges­pan­nt bei Dir bin. Du darf­st es nicht als Kälte und Gle­ichgültigkeit deuten. Ich glaube nicht, daß wir bei­de einan­der über­drüs­sig wer­den kön­nen, jet­zt nicht, und dann, wenn gemein­same Auf­gaben uns binden, erst recht nicht.

Dein uner­warteter Brief hat mir viel Freude bere­it­et. Unser Wieder­se­hen war ja so kurz, der Abschied kam so schnell, daß wir einan­der nicht alles sagen, einan­der gar nicht ganz inne wer­den kon­nten. Was seid ihr Weiberchen doch für wun­der­liche Krea­turen, und eben deshalb doch erst recht liebenswert. Du gib­st mir Rät­sel auf: „Ich war in heißer Angst.”

Ja warum, und war ich denn der Schuldige? Ach, wenn nur alles gut ist, ich will gar nicht Antwort haben. Aber recht habe ich also doch, wenn ich behut­sam und besorgt bin, Du!

Wuppertal Zwinglistr 0037
Der Frieren­der, Ernst Gerd Jent­gens, 1979. Bild: Ata­mari, 14. Jan­u­ar 2011, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
Habe ich denn auf mein­er Karte nicht geschrieben, daß ich im Christlichen Hos­piz genächtigt habe? Natür­lich habe ich. Zu dritt begehrten wir ½ 2 Uhr Ein­laß mit Erfolg. Das schlimm­ste auf der Rück­reise, daß man uns in Chem­nitz erst beschied, der Zug führe pünk­tlich, dann aber von Vier­tel­stunde zu Vier­tel­stunde auf die baldige Ankun­ft vertröstete und und [sic] uns so nahezu 1 Stunde auf dem Bahn­steig frieren ließ. Das war skan­dalös. Aber ich stand ja nicht allein da. Herza­ller­lieb­ste! Sollte der Win­ter bis zu uns[e]rer näch­sten verabre­de­ten Begeg­nung sich nicht bessern, mußt Du Dir die K.reise aus dem Sinn schla­gen. Ich mag nicht, daß Du bei diesen Ver­hält­nis­sen unter­wegs bist und frierst, Frosthäschen, kalter Laubfrosch Du! Ich komme dann wieder zu Dir. Du weißt, wie gern ich komme. Und Du mußt auch ver­ste­hen, daß ich ohne Notwendigkeit meine Pflicht nicht ver­let­zen darf. Abge­se­hen von der kleinen Unpünk­tlichkeit, wie schnell kann ich schuldig wer­den, daß ich mir zeitlebens Vor­würfe machen müßte. Ich möchte Dir alles zuliebe tun, aber das kann ich nicht. So, nun habe ich Dir meine Mei­n­ung gesagt. Vom großen Brud­er läßt man es sich schon ein­mal gefall­en.

Diese Woche ist so schnell ver­gan­gen. Wirst Du nun wieder gesund sein? Ach, Lieb­ste ich weiß Dich zu Hause in so guten Hän­den, daß ich nicht so schnell besorgt bin. Ich muß noch ein­mal an unser Gespräch von vor 8 Tagen denken. Nüt­zlich macht sich jed­er, wo er schafft, freilich mit Unter­schied. Ich glaube nicht, daß Du so leicht eine Beschäf­ti­gung find­est, in der Du Dich bin­nen kurzem nüt­zlich­er machen kön­ntest. Wichtiger wäre nun der Gesicht­spunkt, daß Du eine Arbeit fän­d­est, die Dich mehr zer­streut und abhält von trüben Gedanken. Aber dem ste­ht gegenüber, daß Du mit Änderung uns und Deinen Eltern neue Sor­gen und Ungewißheit her­auf­beschwörst. So tapfer wie Du bist, es ist für eine Weib­sper­son nicht leicht, allein in die Fremde. Daß Du zu Hause sein kannst, das macht mich so ruhig. Es hat keinen Zweck, diesen Gedanken läng[e]r nachzuhän­gen. Sorg, aber sorge nicht zu viel–.

Sonnabend­nach­mit­tag ist es. Nun hast auch Du frei, und nun gehören wir ja eigentlich zusam­men. Ich komme mir hier jet­zt unnütz und übrig vor, ich bin nicht mehr von­nöten. Bei Dir ist es ein wenig anders. Auf ein paar ruhige, freie Stun­den freue ich mich auch. Geset­zt, ich wäre gemütlich und nach Wun­sch ein­gerichtet, es stün­den mir dazu noch zur Wahl ein gutes The­ater oder eine Ein­ladung zu angeregter Gesel­ligkeit, dann möchte ich diese nun zählbaren Jungge­sel­len­son­ntage vielle­icht mit einigem Beha­gen auskosten. Kannst Du Dir das denken? Mit Beha­gen, weil ich mir die Jungge­sel­len­zeit nur vortäusche. Ehrlich gesagt, hat sie mir viel mehr Unbe­ha­gen bere­it­et als Beha­gen. Nun muß ich den Boten auf die weite Reise schick­en, daß er eine Brücke schlägt zwis­chen uns. Er kann Dir nicht aus­drück­en, was ich empfinde, wenn Du mich so reich beschenkst.

Daß Du mein bist, ist meine ganze Freude, mein Stolz, mein ganzes Glück. Du! Gott behüte Dich! Ich bin ganz Dein! Ich liebe Dich, Du!

Dein [Roland]T&Savatarsm

Bitte grüße mir Deine lieben Eltern.

 

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