7. Januar 1940

Die Neujahrsbretzel für den Herrn Pfarrer
“Die Neu­jahrs­bret­zel für den Herrn Pfar­rer”, 1884, gemein­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.
[400107–2-1]

O., am 7. Janu­ar 1940

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Jetzt ist es nun gera­de wie­der so, wie vor acht Tagen. Alle Spu­ren vom Mit­tags­tisch zu drei­en sind besei­tigt, das ist wohl ein alt­ein­ge­ses­se­nes Übel, bei uns wird’s nie vor 1 Uhr Essens­zeit Sonn­tags; weil wir noch so schö­nes, war­mes Was­ser hat­ten, habe ich gleich noch mei­nen Kopf gewa­schen — es hät­te sogar noch mit für Dei­nen gereicht! Und nun ist es unter­des­sen schön warm in der Stu­be gewor­den, ich sit­ze in Ofen­nä­he, damit das Haar bald trock­net, der Son­nen­schein fällt durch’s Fens­ter, er beleuch­tet unse­ren Lam­pen­schirm und tas­tet nach unse­ren Engeln, die auf der Kre­denz ste­hen; ja und nun suchen mei­ne Augen immer mehr im Zim­mer umher nach dem, was noch vor einer Woche da war. Unser Christ­baum. Ich habe ihn schon Tags dar­auf, als Du fort fuhrst abge­leert, er nadel­te so stark und Vater hat­te sei­nen Ärger, weil die Nadeln in sämt­li­chen Stu­ben umher­ge­tra­gen wur­den. Wir haben nun auch wie­der mehr Platz. Am Sonn­abend­früh ging’s los mit Geschen­ken weg­pa­cken. Alles Geschirr fand im gro­ßen Rei­se­korb Platz, etli­che Vasen und Scha­len eben­falls; die übri­gen Geschen­ke ver­stau­ten wir auf mei­nem Schrank im Stüb­chen und nun ist auch im Buf­fet das Fach wie­der frei für mei­ne Wäsche. Ach, und nun schlägt die Uhr, unse­re schö­ne Uhr, Du! Und jetzt ist mir nun auch klar, wes­halb es doch nicht so sein kann, wie vor acht Tagen: Weil Du mir fehlst, Liebs­ter!

3 Uhr schlug es. Nun hast Du auch daheim in K. wie­der Abschied neh­men müs­sen, und bei einem etwas herz­li­cher und für län­ge­re Zeit als gewöhn­lich, ich war seit ges­tern schon mit mei­nen Gedan­ken fest bei Euch, hof­fend, daß Hell­muth und Elfrie­de bei Euch wei­len, um zum letz­ten Male vor sei­ner Ein­be­ru­fung in trau­li­cher Run­de zu sit­zen, wie ehe­dem.

305 — ein Vogel ist dem elter­li­chen Nes­te ent­schlüpft und rollt nun mit der Bahn der Elbe zu. Könn­te ich ihm auf raschen Schwin­gen ent­ge­gen eilen, könn­te ich ihn schon erwar­ten im lie­be­voll zurecht­ge­mach­ten ande­ren Nes­te. Ach Du! Will’s Gott, so soll es bald so sein, Liebs­ter! Müde von Dei­nen Fahr­ten, erfro­ren, brauchst Du dann nicht mehr zu ruhen und Dich zu wär­men am frem­den Her­de, dann kommst Du heim, Liebs­ter und zu mir — daß Du Dich daheim fühlst, mein Roland, die­se Gedan­ken und das Bewußt­sein sol­len mich immer erfül­len, auch schon jetzt, in allem, was ich tue für unser künf­ti­ges Heim. Ach Du! Wenn ich hier so sit­ze und um mich her die Möbel­stü­cke betrach­te, die mit uns gehen wer­den, dann ist’s, als sei ich gar­nicht mehr die [Hil­de], die sorg­los daheim bei Mut­tern die Bei­ne untern Tisch steckt und ihrem [Roland] schreibt. Dann kom­me ich mir so groß und erwach­sen vor, als säße ich in mei­nen eige­nen vier Wän­den in eine Schreib­ar­beit ver­tieft und der Schlag der Uhr lie­ße mich hoch­fah­ren aus mei­nen Träu­men, an mei­ne Pflich­ten gemah­nen: Gleich wird ‚er‘ kom­men, bist Du bereit, ihn zu emp­fan­gen?

Bei die­sen Gedan­ken wird mir gar­nicht schwer, oder eng um’s Herz, Du! Ich freue mich auf das Leben an Dei­ner Sei­te. Ich freue mich auf den Tag, da ich nicht mehr unter­ge­ord­net schaf­fen wer­de und freud­los an einer Sache, die mich kaum tie­fer berührt. Ich seh­ne mich danach, gemein­sam mit Dir etwas zu leis­ten, was den gan­zen Men­schen erfor­dert und was dann am Ende ein Bild geben soll von unse­ren Fähig­kei­ten und von unse­rem Sein. Hin­ga­be, Auf­op­fe­rung, Pflicht­be­wußt­sein, die­se drei sind die obers­ten Richt­li­ni­en, so glaub ich, die ein Lebens­werk mit gestal­ten hel­fen.

Daß ich alles, mein Bes­tes dazu bei­tra­ge, dazu hel­fe mir Gott. Wir wol­len uns zusam­men­tun als ein fes­tes, unzer­stör­ba­res Gan­zes — in mir spü­re ich viel gutes Wol­len, doch um es zu ent­fal­ten, brau­che ich Dich, Du, den Älte­ren, der mir so viel mehr sein kann als nur Gelieb­ter. Was Du mir alles bist, Liebs­ter! Davon geben Zeug­nis die Tage und die Stun­den die wir wie­der gemein­sam ver­le­ben konn­ten. Ich habe Dich so sehr lieb und ich kann Dich nim­mer las­sen, Du!

Und ich weiß und fühl­te, wie Du mich eben­so liebst. Die­se Erkennt­nis über­strahlt alles mit ihrem gol­de­nen Lich­te — auch, daß ich heu­te so ein­sam bin, Du! Ergän­zen müs­sen wir uns ein­an­der im Leben, dar­an muß ich eben den­ken und mir scheint, als haben die­se Gedan­ken ihren Aus­gang davon: Ich kann nicht ver­ges­sen, wie ich Dich ein­mal maß­los lie­ben muß­te. Was die Jugend beden­ken­los im Über­schwang ihrer Gefüh­le hin­gibt, nimmt das rei­fe­re Alter beglückt — und auch hung­rig — doch mit allen Sin­nen.

Mein lie­ber [Roland]! Ich erken­ne das Glück­haf­te zwei­er Men­schen, die sich zusam­men­fin­den dar­in, daß sie sich nicht ver­lie­ren und ver­ges­sen in einem, son­dern, daß sie einen Aus­gleich schaf­fen, der bei­den gut und wert­voll ist. Die­ser Aus­gleich läßt sie nicht in Gefahr lau­fen, von der Lee­re ent­täuscht zu wer­den. Es gibt die­ses Bei­spiel nicht nur für die Lie­be.

Ich weiß, daß Du mich viel zu lieb hast, um mir einen Fall, wie wir ihn erleb­ten sach­lich, nüch­tern klar­zu­le­gen, ich glau­be aber, wir sind schon soweit auf­ein­an­der ein­ge­stimmt, daß ich Dich auch ohne eine sach­li­che Erklä­rung ver­stand, und ich hof­fe, daß ich die rech­ten Wor­te fand, um mich Dir hin­durch ver­ständ­lich zu machen. So wol­len wir es im Leben hal­ten: Wo wir der Gefahr eines ‚Zuviel‘ oder auch eines ‚Zuwe­nig‘ gegen­über­ste­hen, wol­len wir ein­an­der ergän­zen hel­fen im rech­ten Mom[en]t, ohne dabei ein­an­der weh zu tun.

Du, Liebs­ter! Ich bin Dir so dank­bar, daß Du auch an Dei­nem letz­ten Feri­en­ta­ge bei uns, Dei­ne weni­ge Frei­zeit opfer­test, um in den Besitz die­ser Schrift­stü­cke zu gelan­gen. Ahnst Du, wel­che Beru­hi­gung das für mich ist? Nun kann kom­men, was will, den letz­ten Trumpf wer­den wir aus­spie­len. Ja, Du! Ich kann auch scha­den­froh sein.

Liebs­ter! Du fragst Dich ein wenig zag­haft, ob auch die Eltern Freu­de hat­ten über dei­nen Besuch. Du! Das mußt Du doch nun wis­sen: Sie haben Dich eben­so lieb wie mich — wäre es anders, hät­ten sie mich ja Dir ver­sagt — und Du mußt es doch auch füh­len, wenn sie es auch nicht so rich­tig aus­drü­cken kön­nen. Wenn Du nach O. kommst, dann den­ke nicht: Ich fah­re zu Besuch, son­dern: Ich fah­re heim.

Du bist nun auch unser lie­ber Jun­ge!

Es ist für mich so schön zu sehen, wie die Eltern teil­ha­ben an unser[e]m Glück, wie sie ihr Leben mit ein­rei­hen in uns[e]re Plä­ne. Und ich sehe, wie sie auf­le­ben und wie sie gewis­ser und bestimm­ter schaf­fen, wenn ich sie manch­mal sagen höre: Bis da und dahin, wenn [Roland] kommt…! Ach ja, Du! Ist es nicht schön in dem Bewußt­sein zu bau­en, zwei so lie­be, hel­fen­de Eltern­paa­re zur Sei­te? Wenn uns nun der Herr­gott noch den Frie­den schen­ken woll­te, ich glau­be, dann hät­ten wir so bald kei­nen Wunsch mehr.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Es erging in den ver­gan­gen Tagen an alle Volks­ge­nos­sender Auf­ruf, Lie­bes­pa­ke­te zu spen­den, unse­ren lie­ben Sol­da­ten die inni­ge Ver­bun­den­heit mit der inne­ren Front zu bezeu­gen. Auch wir mach­ten ein klei­nes Päck­chen fer­tig mit Tabak, Ziga­ret­ten, Äpfeln, Lich­tern und einem Paket Streich­höl­zern. Auf dem Auf­ruf waren die vie­ler­lei begehr­tes­ten Arti­kel zu lesen. Ich schrieb auch ein paar lie­be Zei­len an den unbe­kann­ten Sol­da­ten im Namen der Eltern, aber ich habe den Absen­der auf dem Brie­fe [sic] ste­hen. Ich beken­ne: die Neu­gier ist doch manch­mal bei Frau­en eine bemer­kens­wer­te Schwä­che, viel­leicht erfah­re ich mal den Namen des unbe­kann­ten Sol­da­ten.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

 

Es ist nun fins­ter drau­ßen gewor­den, ich habe ver­dun­kelt, mein Gesel­le steht auf dem Tisch vor mir und leuch­tet, es ist schö­ner so — wenn ich bei Dir bin in Gedan­ken, oder in Wirk­lich­keit, so soll er uns leuch­ten. Nach unse­ren bei­den Ster­nen sah ich auch heu­te wie­der, sie ste­hen jetzt immer da, wo wir sie zuerst sahen, im Hofe über uns. Wirst Du sie in S. auch sehen?

Talvisodan sotilaita
Fin­ni­sche Sol­da­ten im Win­ter­krieg, 1939 oder 1940, gemein­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015
Ich las erleich­tert dei­ne Nach­richt, daß Mut­ter woh­ler ist, als wir dach­ten; wie es nun wer­den soll in betracht auf Elfrie­de, davon berich­test Du mir wohl noch näher. Wie nah­men denn bei­de Hellmuth’s Umstel­lung auf? Wir haben nun am Wochen­en­de die gan­ze Woh­nung wie­der umge­stürzt, doch von dei­nen Mar­ken kei­ne Spur, sieh nur noch mal genau in dei­nen Brief­schaf­ten nach. Du Schlin­gel! Wer hing wie­der schön am Haken, als ich heim­kam?: Dein Schal! Auch nach W. hast Du ihn ver­schmäht, da ver­gaß ich schon, Dich aus­zu­schimp­fen. War­te, wenn’s mal recht kalt ist und Du ver­langst ihn, dann wer­de ich ihn umbin­den. Du, wenn Du heu­te bei mir wärst! Seit d[em] frü­hen Nach­mit­tag bin ich allein, die Eltern sind bei der M.er Groß­mutter zum Kaf­fee ein­ge­la­den. Ich habe mich ent­schul­digt mei­ner vie­len Brief­schul­den hal­ber. Die Eltern wer­den nun was sehen wol­len, dabei schrei­be ich immer noch Dir, Du!

Dazwi­schen hab ich auch schön Kaf­fee getrun­ken u. für Dich mit geges­sen. Es ist fast ½ 7, Du bist nun wie­der unterm Dache. Mein lie­ber, gro­ßer [Roland], Du! Wer wird Dich nun heu­te schön zude­cken? Nun noch einen Sonn­tag war­ten und am nächs­ten, so Gott will, habe ich ihn wie­der, mei­nen Herz­al­ler­liebs­ten, Du, ich seh­ne mich ja schon heu­te so sehr nach Dir! Bleib auch Du schön gesund! Behüt Dich Gott, seg­ne er dei­ne Arbeit! Ich drü­cke Dich ganz fest an mein Herz voll Dank­bar­keit, Du mein gelieb­ter [Roland]! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.