7. Januar 1940

16th-century unknown painters - Epiphany - WGA23751
Epi­pha­nie, unbe­kann­ter Deut­scher Maler­meis­ter, etwa 1510, gemein­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2015.

[400107–1-1]

S. am 7. Janu­ar 1940

Herz­al­ler­liebs­te, Du! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Mit die­sen Zei­len schließt sich die Tür zum Weih­nachts­land, zum Zau­ber­land, Mär­chen­land, Feri­en­land — für dies­mal. Ich sit­ze wie­der in S. und füh­le es: Ich ste­he wie­der allein, bin wie­der etwas für mich, sel­ber ein klei­ner Mit­tel­punkt; und das Aus­span­nen im Eltern­haus war nur Traum­land, Feri­en­land. Ich ste­he nun wie­der für mich — und ich schaue mich um, ob ich nicht ganz allein ste­he in der Käl­te, der Fins­ter­nis, dem Sturm der Zeit, ent­fernt von den Lie­ben.

Du! Liebs­te! Da triffst Du zu mir, grö­ßer, deut­li­cher als sonst. Wir bei­de wol­len ja zusam­men­stehn [sic]. Liebs­te, ich ste­he nicht mehr allein! Du! Wie bit­ter­hart wäre das in die­ser Zeit! Nein. Ich habe Dich! Ich habe Dich ganz! Einen guten Kame­ra­den! Du! Und ich schaue wei­ter um mich: Gott.

Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te! Wir wol­len ihm dan­ken aus vol­lem Her­zen, wir wol­len ihm unend­lich Dank­bar sein. Unse­rem Feri­en­plan hat er wie­der Gelin­gen geschenkt. Und wir wol­len ihn bit­ten: daß er uns gnä­dig bleibt, uns nicht ver­wirft, sein Ant­litz nicht von uns wen­det. Daß er Geduld haben möge mit uns und daß er uns lei­te, damit wir gute Frucht brin­gen.

Ich ste­cke nun wie­der mit­ten in Geschäf­ten. Der Tag geht genau auf. Die Arbeit bis Ostern über­bli­ckend, möch­te mir manch­mal schwind­lig wer­den vor dem Berg: Das was an rei­ner Schul­ar­beit in jeder Klas­se noch zu tun bleibt, Zen­su­ren, Ent­las­sungs­fei­ern, Jah­res­be­richt usw. Ach, ich fürch­te mich nicht vor der Arbeit. Nur die letz­ten Wochen zer­mürbt einen das vie­ler­lei Durch­ein­an­der, was man so schnell in einem ande­ren Beru­fe nicht wie­der­fin­det. Da heißt es haus­hal­ten mit den Kräf­ten. Na, ich tue, was ich kann, und für Dich muß auch Zeit freiblei­ben. Die­se ers­ten Tage nach den Feri­en fühlt man die gesam­mel­ten fri­schen Kräf­te und man emp­fin­det auch Freu­de an der Arbeit.

Für dei­nen lie­ben, lan­gen Brief herz­li­chen Dank. Herz­al­ler­liebs­te! Das ers­te Zei­chen eines Miß­ver­ste­hens zwi­schen zwei Men­schen ist die Lee­re und der Über­druß. Die­sen Anzei­chen galt mei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit in der Zeit uns[e]rer Prü­fung. Ich besin­ne mich, sie zwei­mal deut­lich gespürt zu haben. Das eine Mal auf der Mei­ßen­wan­de­rung, damals bestimmt eine Ermü­dungs­er­schei­nung, sie war auch rasch über­wun­den und auf der Bahn­fahrt von Cos­wig war die Ver­bin­dung wie­der­her­ge­stellt. Das and[e]re mal in L., Du besinnst Dich, damals mehr in der Ein­bil­dung, ein Gespenst der Sor­ge. Seit­dem habe ich sie nicht wie­der gespürt. Und seit­dem w[ir] uns[e]re Lie­be ein­an­der nicht mehr nur mit Wor­ten ver­si­chern dür­fen, da sind uns ja die Stun­den uns[e]rer Begeg­nun­gen viel zu rasch ent­schwun­den. Aber nun erhebt sich die Sor­ge um die Lee­re wie­der in einem ande­ren Sin­ne. Wir haben es ein­an­der schon gestan­den, wie uns das Neue über­wäl­tig­te, wie wir die Herr­schaft über uns ver­lo­ren. Es berei­te­te mir wirk­lich Sor­ge und mein gan­zes Trach­ten ging nun dahin, Dich noch viel mehr mit dei­nem Wesen lieb­zu­ge­win­nen. Und ich bin so froh, daß es mir gelun­gen ist. Die Freu­de und Lust der grö­be­ren Sin­ne wird die rei­ne­re Freu­de nicht mehr ersti­cken und über­tö­nen kön­nen, und das Glücks­ge­fühl ist nur dort, wo bei­de sich die Waa­ge hal­ten.

Raate road
Lei­che von sowje­ti­scher Sol­da­ten nach der Schlacht von Raa­te-Stra­ße, Janu­ar 1940, gemein­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 01.2014.
Ich ver­gaß, eini­ge Fra­gen zu beant­wor­ten. Elfrie­de wird nicht nach K. kom­men. Wahr­schein­lich wird sie den Löbau­er Chris­ti­an wie­der zu sich neh­men. Der ist Mut­ter zu laut. Sie hat auch davon gespro­chen, den Schul­dienst wie­der­auf­zu­neh­men. Mut­ter wird sich scho­nen, so gut sie kann. Mut­ter und Hell­muth nah­men die Ein­be­ru­fung ganz gelas­sen auf. In gewis­ser Hin­sicht ist Hell­muth sogar froh. Die Arbeit in Löbau gefällt ihm gar nicht. Er tut mir manch­mal recht leid. Möch­te sich so gern ent­fal­ten und schaf­fen nach sei­nem Sinn — und er hat wirk­lich gute Ein­fäl­le — und kann nicht, wird dar­an über­all gehin­dert. Ich gön­ne ihm ein gutes Geschick von gan­zem Her­zen. Gelacht haben wir am Sonn­tag bis zur letz­ten Minu­te. Am Vor­mit­tag haben wir alle gemorst und gefunkt. Heu­te ist es hier mord­s­kalt. Hier am Was­ser ist die Käl­te bis­si­ger. Auf der Elbe trei­ben mäch­ti­ge Schol­len. Enten flit­zen auf und ab, betu­en [sic] sich im Was­ser wie im Som­mer, set­zen sich auch manch­mal auf eine Schol­le und las­sen sich spa­zie­ren fah­ren. Es scheint ihnen Ver­gnü­gen zu machen.

Dei­nen lie­ben Eltern will ich in den Sonn­tags­brief eini­ge Zei­len schrei­ben. Grü­ße sie von mir recht herz­lich. Herz­al­ler­liebs­te! Behü­te Dich Gott! Blei­be froh und gesund! Hal­te Dich warm in die­sen kal­ten Tagen.

Dir gilt mei­ne gan­ze Lie­be. Ich möch­te Dich beglü­cken damit[,] wie Du mich beglückst.

Ich bin Dir ganz nahe. Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!T&Savatarsm

Dein [Roland].

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