01. Oktober 1940

Fox Terrier (wire-hair) from 1915
Draht­haar­fox, 1915. Quel­le: W. E. Mason, Dogs of all Nati­ons, USA, vor 1923. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
[401001–1‑1]

Diens­tag, den 1. Okto­ber 1940

Lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Ein schö­ner Spät­som­mer­tag geht zu Ende.

Uns[e]re Exer­zier­wie­se sah heut[e] mor­gen weiß aus. Vom Mee­re blies ein fri­scher Wind. Ange­nehm, wie die­ser Tag war auch der Dienst heu­te. Für den Sport war es das rich­ti­ge Wet­ter, und als Abschluß gab es einen klei­nen Aus­marsch mit umge­häng­tem Gewehr.Heu­te stell­te sich der neue Leut­nant vor, ein Reser­ve­of­fi­zier von etwas drei­ßig Jah­ren. Er besitzt einen Draht­haar­fox. Der hat den gan­zen Dienst mit­ge­tan, er war immer zwi­schen uns, er wich nicht und ließ sich weder im Guten noch Bösen bei­sei­te­brin­gen. Am Nach­mit­tag beim Sport war er ganz aus dem Häus­chen. Unver­dros­sen und furcht­los lief er dem Bal­le nach, meng­te sich unter die Spie­ler, er trieb es zu bunt, so daß man ihn am Schla­witt­schen [sic] abfuh­ren muß­te. Wir hat­ten mäch­ti­gen Spaß an die­sem tüch­ti­gen Kom­pa­nie­hund.

"Unser Johann," Zeichnung von Roland, Auszug aus dem Brief.
“Unser Johann,” Zeich­nung von Roland, Aus­zug aus dem Brief.

Weil ich vom Spaß spre­che. Unser Johann, das ist die Glanz­num­mer uns[e]re Stu­be, die Quel­le man­cher Hei­ter­keit, ein Urvieh. Er stammt aus dem Sude­ten­gau, redet Rund­schrift. Er besitzt ein Süß­wa­ren­ge­schäft, ist frü­her auf den Jahr­märk­ten her­um­ge­zo­gen. Er könn­te 50 Jah­re alt sein sei­ner Erschei­nung nach, ist gut beleibt, aber unbe­hol­fen und töl­pisch. Er hat viel­leicht in sei­nem Leben noch nicht geturnt. Er ist von Natur behä­big, etwas lang­sam in der Aus­fres­sung. Die Aus­bil­der spre­chen ihm viel zu schnell. Nun möch­te er alles recht gut machen, dabei ver­krampft sei­ne Hal­tung und sei­ne Bewe­gun­gen. Es ist das Schmer­zes­kind uns[e]rer Aus­bil­der, hinkt immer nach, fällt dau­ernd auf, und ist doch sei­nes Gut­mü­tig­keit, einer gewis­sen bau­ern­schlaue [^] wegen und als Witz­blatt über­all bekannt als Johann und beliebt bei Mann­schaf­ten und Maa­ten. Zwi­schen dem Dienst heißt es plötz­lich: “Her­zig! Vor­tre­ten! Ein Witz!” Dann erzählt er. Meist sind es der­be und fre­che Wit­ze. Als es an die Aus­bil­ding mit dem Gewehr ging, hat er gar sehr gejam­mert. Na, genug von ihm. Was soll ich Dir sehr noch erzäh­len heu­te? Dein lie­ber Bote blieb heu­te aus, die Post funk­tio­niert nicht ganz, auch die Kame­ra­den kla­gen. Mei­ne Kar­te zur Sing­stun­de ist wohl nicht ganz pünkt­lich ange­kom­men. Hast ein­mal nach den Ster­nen gese­hen, Herz­lie­bes? Am Ost­him­mel zie­hen am Abend zwie [sic] Pla­ne­ten auf, Jupi­ter und Saturn. Am Mor­gen­him­mel steht dann noch Venus. Herz­lie­bes, mor­gen kommt Dein Bote, ich freue mich schon dar­auf. In der Nacht auf heu­te Diens­tag fand ich kei­ne Ruhe zum Schlaf. Gegen 4 Uhr war ich ganz mun­ter und habe Dei­ner gedacht, Du! Aus­ge­malt habe ich mir, wie es sein wür­de, wenn ich auf Urlaub kön­ne. Liebs­te, es ist doch nun fast wie­der wie in der Braut­zeit.

Genug für heu­te.

Hof­fent­lich sind Euch die Fei­er­ta­ge gut bekom­men.

Kei­ne ver­stimm­ten Mägen? Kei­ne ver­ka­ter­ten Stim­men? Kei­ne zer­tanz­ten Schu­he? Na, ich wer­de es aus dem Kir­mes­gruß erken­nen.

Behüt Dich Gott, Herz­al­ler­liebs­te!

Ich den­ke Dei­ner immer in Lie­be und Sehn­sucht, ich bin Dein, ganz Dein, und Du bist mein, Das ist mein Glück, mein Leben, Du!

Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich von gan­zen Her­zen und blei­be in Treue

Dein [Roland].

T&SavatarsmBit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.