18. Dezember 1939

Admiral Graf Spee
Pan­zer­schiff “Admi­ral Graf Spee” wur­de 17. Dezem­ber in der Mün­dung des Rio de la Pla­ta ver­senkt. Quel­le: Impe­ri­al War Muse­ums, Samm­lung 4700–01, Bild A 3, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
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O., am 3. Advent 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

18. Dezem­ber 1938.

Start: Bahn­hof L..

Bei minus 20° in flot­ter Fahrt durch Feld und Wald, vol­ler Unter­neh­mungs­lust zum Christ­markt nach H..

Trotz klir­ren­dem Fros­te über­all fro­her Tru­bel — und nicht ein ein­zi­ger dunk­ler Gedan­ke an Krieg stahl sich damals unter das lus­ti­ge Trei­ben. Behag­li­che Rast im schöns­ten Hotel am Plat­ze. Reich­li­che Triebstoff­auf­nah­me über­all, und beden­ken­los wur­de die Rück­fahrt ange­tre­ten. Zum ers­ten Male im Leben fuhr ich die­se Stre­cke nach Chem­nitz — die­se ver­häng­nis­vol­le Stre­cke! Was war das End­ergeb­nis?:

Christmarkt Freiberg 3
Christ­markt Frei­berg, 18. Dezem­ber 2009. Bild: Scha­ef­bo, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Eis­kal­te Bei­ne — ein fro­hes, war­mes Herz; erfro­re­ne Ohren — ein him­mel­hoch­jauch­zen­des, heim­li­ches Gluck!

Ich küß­te Dich, Du! Herz­al­ler­liebs­ter!

Zum ers­ten Male — und wenn Du Dich auch sträub­test dage­gen — wäre es an einem ande­ren Ort gesche­hen, wo wir kei­ne heim­li­chen Lau­scher zu fürch­ten brauch­ten, Du! Ich hät­te Dich geküßt, daß Dir der Atem ver­gan­gen wäre!

Ich hat­te Dich an dem Tag so sehr lieb, Du! All das, was heu­te vor einem Jah­re geschah, fiel mir wie­der ein, als ich am Nach­mit­tag mit Mut­ter nach L. ging, einen Christ­baum han­deln. Es ist so sehr kalt drau­ßen, doch das küm­mert die Leu­te nicht — es wim­melt von Men­schen in der Stadt. Die Bäu­me sind so rar heu­er, wir erwisch­ten end­lich noch einen Fich­ten­baum, der sich eini­ger­ma­ßen unse­ren Raum­ver­hält­nis­sen anpaßt, nach­dem Mut­ter ges­tern schon fast 3 Stun­den nach einem Ba[um] lief — möch­te wis­sen, ob das über­all so ist. Christ­bäu­me kön­nen sie doch bald nicht hams­tern. Zu Hau­se bei uns duf­tet es lieb­lich nach Weih­nachts­stol­len, heu­te früh um 6 haben wir geba­cken; zum Nach­mit­tags­kaf­fee wur­de Kost­pro­be abge­legt, ob der Kar­tof­fel­ku­chen auch schmeckt. Wie soll­te er wohl nicht — ach, ich dach­te dabei an Dich, ob Du wohl immer noch in Dei­nen Amts­räu­men stö­berst?

Du! Ich ahne was — ich muß Dir’s sagen, wenn Du mich auch ver­haust.

Heinzelmännchenbrunnen - Detail 3 (4076-78)
Edmund und Hein­rich Renard, Hein­zel­männ­chen­brun­nen, Köln. Bild: Rai­mond Spek­king / CC BY-SA 4.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.

Schlau­er Diplo­mat, der Du bist! Hast Du etwa Ban­ge, daß der gestren­ge Herr Schul­lei­ter auf Weih­nachts­ur­laub kommt und in Dei­nem schau­rig-schö­nen Laden umher schnüf­felt? Ich an Dei­ner Stel­le wür­de einen dicken Packen unkor­ri­gier­te Hef­te aufs Pult legen mit einem Zet­tel dabei: Ich begrü­ße die neu­gie­ri­gen Hein­zel­männ­chen mit einer Weih­nachts­über­ra­schung! Unse­re Arbeit vor dem Fes­te geht noch nicht ganz zu Ende, doch bis Mitt­woch muß Schluß sein für mich — wie für Dich — dann beginnt die schö­ne­re Arbeit: das Rüs­ten für die Rei­se. Ob ich denn auch Dei­nen lie­ben Eltern schon vor dem Hei­lig­abend will­kom­men wäre? Sie erwar­ten mich, wie aus­ge­macht, erst am 1. Fei­er­tag. Wür­de denn eine Nach­richt noch zur Zeit ankom­men, oder genüg­te es, wenn Du nächs­te Woche münd­lich Bericht erstat­test? Du! Liebs­ter! So lan­ge mit Dir zusam­men, nicht einen Tag wol­len wir aus­las­sen? Ach, Du weißt ja, wie glück­lich Du mich machst mit Dei­nem Plan und Wunsch, ohne daß ich vie­le Wor­te dar­über schrei­be! Ich habe ihn den Eltern eröff­net, sie wis­sen ihn auch selbst von Dir. Ich bet­tel­te nicht, ich bestand nicht ein­fach dar­auf, daß sie mich fort las­sen. Ich will sie selbst ent­schei­den las­sen. Ich kann es den Eltern, Mut­ter vor allem, wohl nach­füh­len, daß es kein ganz leich­ter Ent­schluß wird. Daß es nun in Zukunft immer so sein wird, daß wir immer abwech­selnd ein Fest bei unser[e]n bei­den Eltern ver­le­ben wol­len, wenn wir nicht zu Hau­se blei­ben, stell­te ich ihnen vor und daß wir zur Jah­res­wen­de bei­de hier sei­en. Einen Tag über­dach­ten sie mei­ne Rede, Dei­nen Plan und nun, ihre Äuße­run­gen dazu, Du! Sie haben mei­ne Hoff­nung stei­gen, stei­gen las­sen!

Dominion and Empire Forces in the United Kingdom 1939-45 H589
Kana­di­sches 1es Bat­tali­on Toron­to Scot­tish Regi­ment zur Para­de in Alder­shot, Dezem­ber 1939. Kana­di­sche Trup­pen kamen Dezem­ber 1939 nach Euro­pa. Quel­le: Impe­ri­al War Muse­ums, Bild H 589, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Die gestren­ge Frau Mama sitzt mir gegen­über und ver­faßt das wich­ti­ge Schrei­ben, das mein Weih­nachts­schick­sal besie­gelt! Vor­keh­run­gen hab[e] ich ja schon wie­der getrof­fen, falls ich doch mal Sonn­abends schnell nach K. fah­ren wür­de!! Bit­te um Begut­ach­tung! Du! Ich habe gar kei­ne Ruhe mehr, ich ste­cke vol­ler Über­mut, ich muß bald zu Dir kom­men! Sogar im Geschäft trei­be ich schon nichts als Unfug und sie sagen, ich kön­ne von Glück reden, daß noch kein Don­ner­wet­ter auf mich her­un­ter­ge­pras­selt wäre! Ach, der Chef war ja so gut zu mir: Den­ke, ich bestell­te mir Un[ter]wäsche für ziem­lich 14 RM und er schenk­te mir die Hälf­te, es sei sein Ver­lo­bungs­ge­schenk! Und den 3. Fei­er­tag schenk­te er mir oben­drein, nach­dem ich um Urlaub bat. Ja, Du Leicht­fuß redest da so hin: am 3. Fei­er­tag, wenn wir zurück­fah­ren.…… . Nun will ich Dir aber erst mal recht herz­lich dan­ken für Dei­ne Brie­fe, vor allem für den dicken, Du! Habe alles gut besorgt, noch am glei­chen Tage — wirk­lich schön hast Du das gemacht, mein Lob!! Das sag[e] ich Dir: Wenn Du Dei­nen Namen noch­mal so breit schreibst, daß ich mich zur Not eben mit hin­ein­pres­sen kann, dann zie­he ich Dich mal gehö­rig an den Ohren! — Ich hab[e] immer die Ahnung, daß Sieg­fried nicht kommt. Sein Paket ist hof­fent­lich auf fro­her Fahrt, ein Stol­len ist drin und ein Brief von 4 Sei­ten. Sie woll­ten es gar­nicht anneh­men, weil’s über wog.

Und nun? Herz­al­ler­liebs­ter Du! Gebe Gott, daß wir uns am Sonn­abend in K. froh u. gesund wie­der­se­hen. Möge er Dich behü­ten! Ich habe kei­nen Wunsch, als den:

Bei Dir sein Du, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Ich seh­ne mich so sehr nach Dir, Du! Mein gan­zes Glück!T&Savatarsm

Ich lie­be Dich!                                    Dei­ne [Hil­de].

 

 

 

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