20. Dezember 1939

El sueño de jacob
José de Ribe­ra, Jakobs Traum, 1639, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
391220–1-1

S. am 17. Dezem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Zum ers­ten Male ver­leb­te ich einen Sonn­tag hier in S.. Ges­tern abend über­fiel mich ganz plötz­lich eine Müdig­keit. Bin­nen weni­gen Minu­ten muß ich fest ein­ge­schla­fen sein, ich habe es gar nicht gemerkt. ¼ 4 Uhr mor­gens erwach­te ich, aus selt­sa­men Träu­men.

Zuletzt war Ver­lo­bungs­fei­er oder Hoch­zeit, in einer alten Kir­sche, 2 Pfar­rer waren da, Onkel Erich war der eine, vie­le Ver­wand­te sah ich, ich ging unbe­merkt, noch gar nicht fest­lich her­ge­rich­tet, mit­ten durch die Men­ge, alle Vor­be­rei­tun­gen über­prü­fend, lan­ge Rei­hen Stüh­le stan­den da. Zuletzt traf ich uns[e]re Groß­mutter, und ging mit ihr und habe mich mit ihr unter­hal­ten. Ihr Gesicht war das gewohn­te, aber groß war sie, ging gera­de und auf­ge­rich­tet, mit einem Talar beklei­det. Dich habe ich nicht gese­hen. Du warst jeden­falls noch über den Vor­be­rei­tun­gen, Herz­lie­bes. Lan­ge habe ich dann wach gele­gen, und immer wie­der zog es mei­ne Gedan­ken auf das Ver­gan­ge­ne. Bei unse­ren süßen Stun­den woll­te ich ver­wei­len, es gelang nicht. Erst gegen 9 Uhr habe ich mich erho­ben, habe mei­ne Mor­gen­toi­let­te sonn­täg­lich behä­big in die Län­ge gezo­gen, sodaß ich um 11 Uhr glück­lich bereit war zu einem Gang ins Schul­haus. Am Nach­mit­tag um 3 Uhr war Got­tes­dienst in S.. Im Win­ter­halb­jahr sind all­mo­nat­lich Got­tes­diens­te in der Schu­le gehal­ten wor­den. Der Schul­raum darf dazu nicht mehr benutzt wer­den. So muß­te das gro­ße Zim­mer in der Hel­ve­tia als Got­tes­haus die­nen. Der Pfar­rer ging mich an, die Musik zu über­neh­men. Ich erklär­te mich bereit. So ward es ein rech­ter Advents­sonn­tag. Zum ers­ten Male zeig­te sich die Son­ne wie­der unver­hüllt nach lan­ger Zeit. -10° zeig­te das Ther­mo­me­ter heu­te früh, die nied­rigs­te Tem­pe­ra­tur seit­her. Genau vor einem Jah­re hat­ten wir auch solch kal­ten Zip­fel, Du! Wir bei­de unter­wegs, noch obdach­los mit uns[e]rer Lie­be, uns[e]rer Lie­be auch noch unsi­cher und damit zurück­hal­tend. Nach mei­nem Plan woll­ten wir auch zurück­lau­fen. Ich rech­ne­te, daß wir gegen Son­nen­un­ter­gang auf der M. sein könn­ten. Dort woll­te ich Dir sagen: Wenn wir über[‘]s Jahr noch zusam­men sind, wol­len wir an dem­sel­ben Orte uns Lie­be und Treue ver­spre­chen.

Nun kam es doch nur wenig anders, Herz­lie­bes. Denkst Du noch an den Weg zum Bahn­hof, an die Bahn­fahrt? Du! Anders kam es, bes­ser und schö­ner, als wir hof­fen konn­ten. Wie gut haben wir es nun, wie leicht! Uns[e]re Lie­be hat ein Heim. Fast ist es uns nun unver­ständ­lich, daß wir auf aben­teu­er­li­chen Fahr­ten das Wei­te such­ten mit uns[e]rer Lie­be, so daß wir so vor­sich­tig waren und geheim taten. Und doch war es not­wen­dig, jede der Sta­tio­nen uns[e]rer Freund­schaft und Lie­be. Nun ist ein Teil uns[e]rer Hoff­nun­gen Erfül­lung, Herz­al­ler­liebs­te. Wir ste­hen am ers­ten Ziel — und sind nicht ent­täuscht, und sind nicht satt und lust­los; das ers­te Ziel gibt den Blick frei auf neue, wei­te­re Zie­le, die wir nun gemein­sam ansteu­ern, Herz­al­ler­liebs­te Du! Und auch das Höchs­te, Bes­te ins Auge gefaßt, wer­den wir nie Lan­ge­wei­le haben und ohne Auf­ga­ben sein, die Höchs­te wird uns bis zu unse­rem Ende in Anspruch neh­men. Herz­lie­bes! Seit ich Dich habe und wie­der beten kann, ist mir alles kla­rer, ein­fa­cher und deut­li­cher.

Ach Du! Ich möch­te Dir nun recht bald wie­der zei­gen, wie lieb ich Dich habe, und möch­te aus Dei­nen Augen lesen, wie lieb Du mich hast. Ich bin Dei­ner Lie­be ganz froh und gewiß. Ich kann mir nicht den­ken, wie ich sie in die­ser bösen Zeit ent­beh­ren könn­te.

Nun ist es über den man­cher­lei Geschäf­ten Diens­tag gewor­den. Mor­gen will ich in die Feri­en fah­ren. Mut­ter schrieb, daß Sieg­fried zu Hau­se weilt bis zum 21. Dezem­ber. Ein eigen­ar­ti­ger Urlaub! So wer­den sich nun für dies Jahr die Schul­pfor­ten schlie­ßen. Daß wir die Weih­nachts­lie­der nicht mehr sin­gen dür­fen, schmerzt mich doch und schmä­lert die Freu­de auf das Fest. Etli­che Glück­wunsch­kar­ten tru­del­ten die­ser Tage ein, Beweis dafür, daß Du mei­nen dicken Brief erhal­ten hast. Mor­gen rech­ne ich auf ein Brief­chen von Dir. Ihr seid doch über dem Erör­tern mei­nes Vor­schla­ges nicht etwa aus­ein­an­der­ge­ra­ten? Ich möch­te den Weih­nachts­frie­den damit kei­nes­falls stö­ren. Dein Fahr­plan ist rich­tig. Nur brauchst Du in O. nicht so zei­tig abzu­fah­ren.

Bundesarchiv B 145 Bild-F038543-0006A, Bonn, VW-Käfer mit Weihnachtsbaum
VW-Käfer mit Weih­nachts­baum, 1972. Quel­le: DBa, B 145 Bild-F038543-0006A, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Ja, Herz­al­ler­liebs­te, nun komm, komm zum ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten! Mit Dir, mei­ner lie­ben Braut, soll ich nun in den Christ­baum schau­en dür­fen, mit Dir durch die­se gehei­lig­ten zukunfts­träch­ti­gen Tage gehen! Du! Wie froh und glück­lich macht mich die­se Hoff­nung. So gern bin ich noch nie in die Weih­nachts­fe­ri­en gefah­ren.

Gotte behü­te Dich!

Komm nun, Liebs­te, zu mir und hol mich zu Dir.

Ich war­te, Du! Ich lie­be Dich!

Dein [Roland].

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern, mel­de mei­nen Besuch an und wün­sche Ihnen ein recht fro­hes, geseg­ne­tes Fest.

Herz­al­ler­liebs­te!

Heu­te Mitt­woch erhielt ich Dei­nen lie­ben Brief. Ich freue mich mit Dir. Die­sen Zusatz mache ich in K.. Eben bin ich hier gelan­det, mit dem Zug, den auch Du neh­men willst. Dein Fahr­plan ist gut und rich­tig. Nun gute Rei­se. Zu Hau­se tref­fe ich alles wohl und mun­ter. Du bist natür­lich herz­lich will­kom­men. Sag mir Dei­ner lie­ben Mut­ter herz­li­chen Dank für ihre lie­ben, güti­gen Zei­len.

Nun noch ein­mal alles Gute, glück­li­che Rei­se.

Dein [Roland].

Herz­lichst grüßt der ver­früh­te Weih­nachts­ur­lau­ber,T&Savatarsm

Sieg­fried.

 

 

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