15. Dezember 1939

HMS Exeter off Sumatra in 1942
Der eng­li­sche Schwe­re Kreu­zer Exe­ter, der am Gefecht gegen das deut­sche Pan­zer­schiff Admi­ral Graf Spee teil­nahm, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
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S. am 15. Dezem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Fast zwei Wochen bist Du mir (schon) wie­der aus dem Auge, und bin ich Dir aus dem Auge. Was Wun­der, wenn da die Amts­mie­ne wie­der über­hand nimmt, und wenn ich ein wenig län­ger dahin­träu­men muß, um mir Dein Wesen vor­zu­hal­ten? Manch­mal kann ich mir vor­stel­len, es sei noch alles wie frü­her. Da sit­ze ich nun eben wie­der auf einem ande­ren Nest, wer weiß, wie lan­ge; eine mehr oder min­der gleich­gül­ti­ge Per­son; ein trei­ben­des Schiff­lein auf dem Oze­an; nach des Diens­tes Ver­druß winkt ein Hafen, das Eltern­haus — — — Aber so ist es ja gar nicht mehr, Herz­lie­bes, Du! Wenn die Gedan­ken ledig sind ihrer Pflicht, dann flie­gen sie jetzt zuerst an einen ande­ren lie­ben Ort. Ach Du! Hin­ter dem Bücher­stoß und hin­ter den Geschäf­ten liegt jetzt nicht mehr eine mit Seh­nen erfüll­te Lee­re, nein, da steht mir eine Tür offen zu einem war­men guten Her­zen, und wenn nir­gend­wo sonst, dort fin­de ich Unter­schlupf vor der Käl­te, vor der Gleich­gül­tig­keit, vor der Lee­re. Herz­al­ler­liebs­te, des wol­len wir wie­der recht froh wer­den, wenn wir das nächs­te Mal zusam­men sind. Vor dem Schul­schluß drän­gen sich die Geschäf­te wie­der beängs­ti­gend, und der heu­ti­ge Sonn­abend und der Sonn­tag sind damit voll besetzt. Ich möch­te ja doch auch mit dem guten Gewis­sen in die Feri­en fah­ren, nichts ver­säumt zu haben. So will ich heu­te in den Schrän­ken der Schu­le mal ein wenig Ord­nung schaf­fen. Es stürzt und liegt noch alles so bunt durch­ein­an­der, wie ich es über­nom­men habe. Der Sonn­tags­gru­ße wird des­halb auch etwas kurz aus­fal­len. Was ich ver­ges­se, will ich Dir mor­gen in einer ruhi­ge­ren Stun­de schrei­ben. Uns[e]re letz­ten Brie­fe haben sich gekreuzt. Sei nur recht schön bedankt für Dei­nen lie­ben lan­gen Brief. Was Du aus der Sing­stun­de berich­test, hat mich amü­siert. Lan­ge­wei­le hast Du ja nun gera­de auch nicht. Du, wenn unser Haus­we­sen wird ein­mal im Gedrän­ge des Fest­tru­bels ste­hen, eine Stünd­chen für uns bei­de muß auch am dicks­ten Tage abfal­len!

Ich sehe eben die Lis­te uns[e]rer Begeg­nun­gen durch. Haben wir bis zum Wie­der­se­hen doch wie­der brav drei Wochen aus­hal­ten müs­sen. In K. bist Du zuletzt zum Geburts­tag der Eltern gewe­sen. Und nun? — — Du, jetzt bist Du mei­ne Braut, mei­ne lie­be Braut. Weißt Du denn eigent­lich, was das bedeu­tet? Braut, mit­tel­hoch­deutsch brut heißt Neu­ver­mähl­te, Bräu­ti­gam bedeu­tet eigent­lich ‚Mann der Braut‘. Du, nun gehö­ren wir ganz eng zusam­men, nie­mand darf es uns weh­ren, nie­mand wird sich mehr dar­über wun­dern, ja, jeder­mann erwar­tet nun von uns, daß wir eng zusam­men sind, Du, Herz­al­ler­liebs­te, und die Eltern müs­sen jetzt schön artig pochen, wenn sie uns stö­ren wol­len. Du! Ach, sie haben es ja bis­her schon getan. Und nun gebe Gott, daß wir uns bald froh uns gesund ganz nahe sein dür­fen. Gott behü­te Dich.

Ver­le­be mit Dei­nen lie­ben Eltern einen recht fro­hen Sonn­tag. Herz­al­ler­liebs­te! Du mei­ne Freu­de, mein Son­nen­schein, mein gan­zes Erd­englück! Du mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!T&Savatarsm

Ich lie­be Dich!                                    Dein [Roland].

 

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