13. Dezember 1939

Bundesarchiv DVM 10 Bild-23-63-06, Panzerschiff "Admiral Graf Spee"
Pan­zer­schiff “Admi­ral Graf Spee”, 1936. Quel­le: DBa, DVM 10 Bild-23–63-06, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
391213–2‑1

O., am 13. Dezem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Wenn ich die­se Zei­len an Dich rich­te, ver­set­ze ich mich in Gedan­ken um ein Jahr zurück.

Zum ers­ten Male durf­te ich damals mei­ne Glück­wün­sche per­sön­lich an Dich rich­ten, obwohl ich doch schon so lan­ge vor­her um Dei­nen Namens­tag wuß­te.

Ein unglück­li­ches Geschick ließ damals mei­nen Blu­men­gruß ins Unge­wis­se gehen.

Und zwei­mal vor­her, als Du noch in O. warst, konn­te ich Dei­nen Geburts­tag mit­er­le­ben.

Wir haben noch heu­te in der Sing­stun­de den schö­nen Brauch, dem Geburts­tags­kin­de ein Ständ­chen zu brin­gen. Es war so eigen­ar­tig — ich war nur ein Glied der Ket­te, die sich Kan­to­rei nann­te, ich durf­te Dir nur, wie alle andern, die Hand drü­cken und mei­ne Glück­wün­sche aus­spre­chen.

Und — ach, wie so ger­ne hät­te ich mehr getan — mehr Lie­bes, Du — für Dich.

Man muß doch einem Men­schen, den man liebt, immer und wo man nur kann Lie­bes und Gutes erwei­sen.

Du! heu­te will ich es Dir sagen:

Als Du 30 Jah­re alt wür­dest, war ich fest ent­schlos­sen, Dir ganz beson­ders zu gra­tu­lie­ren, nicht nur im Bei­sein der ande­ren.

Ich habe damals mit mir gekämpft, habe geschwankt. Rote Rosen woll­te ich Dir schi­cken, einen gro­ßen Strauß. Ich war auf dem Weg zum Gärt­ner — und ich füh­le noch heu­te, wie rasend mir das Herz schlug, als ich an Dei­nem Hau­se vor­bei ging; mit jedem Schritt häm­mer­te es ein­dring­li­cher: Was willst Du tun? Du bist ja nur ein Mäd­chen! Ich ward fei­ge, mein fes­ter Wil­le brach — ich ging beim Gärt­ner vor­bei, ging zurück — vol­ler inner­li­chen Zorn auf mich und mei­nen jäm­mer­li­chen Mut — vol­ler Weh zugleich, daß ich mein Geschick nicht wen­den konn­te.

An einem Mitt­woch war Dein Geburts­tag.

Am nächs­ten Tage fehl­test Du in der Sing­stun­de. Du warst zum Kon­zert in Chem­nitz.

Ich war so sehr trau­rig und ent­täuscht dar­über.

Ich muß­te immer dar­an den­ken, daß Du doch noch fremd hier warst, allein, daß wohl nie­mand an Dein Wie­gen­fest denkt, außer den Dei­nen.

Ich war so ein­fäl­tig — ich woll­te Dir beim Glück­wunsch ganz fest und warm die Hand drü­cken, und ich glaub­te so sehr dar­an, daß Du aus mei­nen Augen dabei viel mehr lesen soll­test, als nur mei­ne guten Wün­sche für Dich.

Es soll­te nicht sein.

Ach, Du! Es war manch­mal so selig-süß, das Ban­gen um Dich. Und oft war mir so trau­rig, ver­las­sen zumu­te, als müß­te ich alle Qual und Sehn­sucht des Her­zens hin­aus wei­nen. Immer und immer wie­der zog es mich mit allen Fasern mei­nes Her­zens zu Dir hin.

War­um nur?

Die­se Fra­ge wer­de ich mir wohl nie­mals bis ins Letz­te beant­wor­ten kön­nen.

Du! Daß ich Dich so lie­ben muß!

Das ist ein gro­ßes Wun­der.

Ein Jahr geht nun wie­der zu Ende, ein unru­hi­ges, stür­mi­sches Jahr in jeder Bezie­hung, das kann man wohl sagen.

Wenn ich beden­ke, wie so froh ich schon an Dei­nem letz­ten Geburts­ta­ge uns[e]rer Freund­schaft war, dann bin ich heu­te vol­ler unend­li­cher Dank­bar­keit gegen Gott.

Zurück­bli­ckend auf die ver­gan­ge­ne Zeit emp­fin­den wir so deut­lich, daß er immer mit uns war. Trotz man­cher Schwie­rig­kei­ten knüpf­te sich das Band uns[e]rer Freund­schaft immer enger.

Das fast inbrüns­ti­ge Ver­lan­gen, das mein gan­zes Sein erfüll­te, seit ich Dich ken­ne:, Dein zu sein, Dir zu gehö­ren mit allem, was ich habe, es erfüll­te ich in die­sem Jah­re.

Barg es nicht tau­send­fäl­ti­ges Glück in sich, nur für uns?

Du! Mein [Roland]! Seit Du mir sag­test: Ich lie­be Dich! Kann­te mein Glück kei­ne Gren­zen mehr.

Motocykl Böhmerland
Motor­rä­der Böh­mer­land. Bild: Mirek256, 1. Sep­tem­ber 2007, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Du! Herz­al­ler­liebs­ter!

Denkst Du noch an unse­re ers­te, gemein­sa­me Rei­se in’s schö­ne Böh­mer­land?

Du! Zum ers­ten Male im Leben stan­den wir bei­de selig, berauscht, wie ver­zau­bert vor dem Tor zum gro­ßen Lie­bes­glück.

Ich wuß­te es ja schon damals, daß ich nim­mer wür­de von Dir las­sen kön­nen!

An einem Sonn­abend im Sep­tem­ber war’s — vor unse­rem Kirch­weih­fest und einen Tag nach Herbst­an­fang.

Du! O, Du! Weißt Du noch?

War es nicht, als woll­te uns das Herz zer­sprin­gen vor Won­ne; war es nicht, als müß­ten wir die­sen seligs­ten der Augen­bli­cke fest­hal­ten, für ewig? O Liebs­ter! Herz­al­ler­liebs­ter, Du!

Wenn wir alle die glück­vol­len Stun­den wach­ru­fen, die nie ver­ges­se­nen, die uns anein­an­der ket­ten und die uns so deut­lich bewei­sen, daß wir zusam­men­ge­hö­ren für alle Zei­ten, daß nichts uns tren­nen kann, als einst der Tod.

Du! Dann müs­sen wir doch auch in der dun­kels­ten Stun­de, die uns das Leben berei­tet Mut und Kraft fin­den, uns an uns[e]rer gro­ßen Lie­be auf­zu­rich­ten, auf’s Neue Zuver­sicht und Ver­trau­en zu fas­sen, zu dem All­mäch­ti­gen, der unser bei­der unver­rück­ba­rer Grund blei­ben wird, auf den wir bau­en.

Henry Scott Tuke - The Promise - Google Art Project
Hen­ry Scott Tuke, Das Ver­pre­chen, 1888, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Wir haben in die­sem Jah­re den wich­tigs­ten Schritt getan im Namen unse­rer bei­der lie­ben Eltern, wir leg­ten unse­re Hän­de inein­an­der für immer — das war an unse­rem Fest­tag eben­so ernst und wich­tig gehan­delt, wie bei einer Trau­ung.

Ein Ver­spre­chen vor­ein­an­der muß uns eben­so wich­tig und hei­lig sein, wie ein Ver­spre­chen vor Gesetz und Kir­che.

Möge Gott wei­ter­hin mit uns sein, daß unse­re jun­ge Saat, die wir mit unse­rem ehr­li­chen, bes­ten Kön­nen, mit unse­rer gan­zen Kraft aus­zu­streu­en bemüht sind rei­che Frucht bringt, zu unse­rer lie­ben Eltern Freu­de und zu sei­nem Lob und Preis.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

An Dei­nem Namens­ta­ge nimm von mir aus volls­tem Her­zen kom­mend die innigs­ten Glück- und Segens­wün­sche! Möch­te Dich der Herr­gott fer­ner­hin schir­men auf allen Dei­nen Wegen, möge er Dir Gesund­heit schen­ken und immer fro­hen Mut, zu jeder Zeit. Möch­te er Dir Dei­ne Lie­be zu mir eben­so fest und treu im Her­zen erhal­ten, wie ich mei­ne Lie­be zu Dir immer bewah­ren will.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du bist mein gan­zes Glück! Ich bin Dein — immer und ewig! Ich lie­be Dich!T&Savatarsm

Dei­ne [Hil­de].

 

 

 

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