11. Dezember 1939

 

Hans Lody 1939
Der deut­sche Zer­stö­rer Z 10 Hans Lody, 1939. Zusam­men mit der Zer­stö­rer Erich Gie­se führ­te er am 6./7. Dezem­ber ein Minen­un­ter­neh­men durch, bei dem die Erich Gie­se den bri­ti­schen Zer­stö­rer HMS Jer­sey tor­pe­dier­te. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
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S. am 11. Dezem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Heu­te wur­de ich mit dem Gruß vom Lichtlabend über­rascht. Mir ward so eigen zumu­te, als ich die Namen las und mir die Lichtlabend­run­de vor­stell­te. Einst gehör­te auch ich dazu. Alle die halb­dienst­li­chen oder halb­amt­li­chen Zusam­men­künf­te hat­ten den beson­de­ren Reiz, daß man sich per­sön­lich ein wenig näher­kam; ihr Aus­klang war aber für mich meist schmerz­lich, als ich spür­te und es dop­pelt emp­fand, daß ich ein­sam war. Du gehörst noch zu die­ser Run­de wie vor Jah­ren. Du warst damals eine von den vie­len, mit denen mich wei­ter nicht viel mehr ver­band als das gemein­sa­me Inter­es­se an der Arbeit des Sin­gens. Es ver­bin­det die Men­schen auch, aber doch unper­sön­lich, sozu­sa­gen dienst­lich. Und nun bist Du mei­nes Her­zens Ver­trau­te, die Zutritt hat zu allen mei­nen Geheim­nis­sen, Dein Eigen­tum bin ich. Herz­al­ler­liebs­te, das ist so son­der­bar und wun­der­sam.

Einen dicken Brief bekommst Du heu­te. Den nächs­ten Ver­wand­ten wol­len wir doch eine Nach­richt zukom­men las­sen in Form eines Advents­gru­ßes. Ges­tern bin ich in K. eine Stun­de auf- und abge­gan­gen und habe alle Rest­pos­ten an Advents­kar­ten in Umschlä­gen auf­ge­kauft. Ich habe mir gedacht, daß es hübsch ist, wenn wir uns bei­de eigen­hän­dig unter­schrei­ben. Ich bit­te Dich, die Kar­ten mei­ner Ver­wandt­schaft zu unter­schrei­ben, zuzu­kle­ben und zur Post zu geben. In der Annah­me, daß mein Ver­fah­ren Dei­nen Bei­fall fin­det, habe ich mich auf Dei­nen Kar­ten schon unter­schrie­ben. Es ist wohl so, daß auf Ver­lo­bungs­an­zei­gen die Dame zuerst zeich­net.

Am Sonn­abend bin ich also nach Dres­den gefah­ren. Durch das Stadtin­ne­re bin ich gepil­gert hin und wie­der, mit Augen nur für Uhr­ma­cher, Uhr­lä­den und Tisch­uh­ren. Die Uhr, in die ich mich ver­guckt hat­te, war ver­kauft. Zuletzt hat­ten mich wie­der zwei Model­le umgarnt und es hät­te nicht viel gefehlt, hät­te ich zuge­grif­fen. Aber im letz­ten Augen­blick ver­lor ich doch die Cou­ra­ge und ich schied mit der Ein­sicht, die Uhr müs­sen wir bei­de kau­fen, ich mag nicht allein dane­ben­grei­fen. Am drit­ten Fei­er­tag, wenn wir zurück­fah­ren zu Dir, den­ke ich, machen wir uns an die­ses Geschäft. Und wir packen nicht eher zu, als bis uns etwas pas­send erscheint und gefällt. Und nun sind mei­ne Gedan­ken schon bei Weih­nach­ten und wenn sie zu Dir gehen, da sind sie auch bei dem Fest, an dem wir will’s Gott uns wie­der­se­hen, Herz­al­ler­liebs­te, Du, für eine gan­ze Rei­he von Tagen, für so vie­le Stun­den, in fro­her, trau­li­cher Run­de! Du! Auch für ein paar süße Stun­den mit Dir allein, ganz ganz allein, Du! ganz nahe bei Dir?

Bei uns an der Elbe liegt ja nur wenig Schnee. Aber über­all sonst ist ja schon dicker Win­ter, ich war ganz erstaunt. Der Eisen­bahn ist er schon in die Glie­der gefah­ren, sie macht Ver­spä­tun­gen. Wenn Du Dich auf die Rei­se machst zu uns, nimm nur genug zu essen mit. Ach, ich über­le­ge schon, wie wir es recht machen. Es wäre ja so schön, wenn Du schon am Sonnabend oder Sonn­tag kom­men könn­test. Die Rei­se wür­de sich dann erst recht loh­nen und wir könn­ten wenigs­tens uns zwei Tage erhe­ben, ohne an das lei­di­ge Rei­sen den­ken zu müs­sen. Dei­ne klei­nen Feri­en wür­den durch den Rei­se­drasch mit­ten­drin nicht zer­ris­sen, und wir brauch­ten nicht unru­hig auf Dei­ne Ankunft zu war­ten. Auch in Euren Hei­lig­abend bräch­ten die Rei­se­vor­be­rei­tun­gen eini­ge Unru­he. Aber nun müs­sen wir noch an Dei­ne Eltern den­ken. Wür­den sie Dei­ne Abwe­sen­heit recht schmerz­lich emp­fin­den? Wür­den sie sich leicht damit trös­ten, daß sie zu den Fei­er­ta­gen um Neu­jahr doch uns bei­de haben? So wird es ja nun die kom­men­den Jah­re sein: abwech­selnd wer­den wir bei Dei­nen Eltern den Hei­lig­abend, bei mei­nen die Jah­res­wen­de ver­le­ben, wenn wir nicht zu Hau­se blei­ben. Ich wür­de mich ohne wei­te­res bereit­fin­den, den Hei­lig­abend bei Euch mit zu ver­le­ben, wenn uns dadurch nicht dop­pel­te Fahrt­kos­ten ent­stün­den; denn in den paar Tagen vor dem Fest muß ich der Mut­ter noch ein wenig zur Hand gehen; und ein­mal möch­test Du doch dies Weih­nach­ten auch bei uns gewe­sen sein. Das laß Dir ein­mal durch den Kopf gehen, Herz­lie­bes. Die gan­ze Geschich­te ist nicht von gro­ßer Wich­tig­keit. Ich rüh­re dar­an nur, weil ich an den man­gel­haf­ten Bahn­be­trieb den­ke und weil ich wün­sche, daß auch Du zu ein paar Stun­den rich­ti­ger fei­er­täg­li­cher Ruhe und Freu­de kommst.

So, nun mögen die Tage dahin ein wenig schnel­ler ver­ge­hen — oder ein wenig lang­sa­mer? Vor­freu­de ist die schöns­te Freu­de, heißt es. Ach Herz­lie­bes, mit Dir ist es anders. Die Freu­de ist doch dann am größ­ten, wenn Du erst rich­tig bei mir bist. Aber die Vor­freu­de ist nicht unwich­tig, und wenn sie echt ist, kann sie der Freu­de nach­her auch nicht scha­den.

Die Tage wer­den schnell ver­ge­hen. Sie wer­den umglänzt von der nahen Weih­nacht. Ich wer­de ihr auch in der nüch­ter­nen Schul­stu­be ein wenig Raum geben und wer­de mich von der Freu­de der Kin­der gern ein wenig anste­cken las­sen.

Du aber, Herz­lie­bes, blei­be bis dahin froh und gesund. Gott behü­te Dich mir.

Du bist mein gan­zer Schatz, mein Ein und Alles.

Ich drü­cke Dich an mich, ich küs­se Dich,

Ich lie­be Dich, Du, Herz­al­ler­liebs­te! [Hil­de], Du!T&Savatarsm

Dein [Roland].

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