10. Dezember 1939

Liesel 09-12-2012 2. Advent
2. Advent, 9 Dezem­ber 2012. Bild: Lie­sel, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
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O., am 2. Advent 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Zwei so lie­be Boten sind nun schon in mei­ner Hand, Du! Ich dan­ke Dir.

Wie ein recht trü­ber Tag sich doch schwer auf’s mensch­li­che Gemüt legen kann. Das fühlt man erst deut­lich, wenn die Son­ne wie­der scheint; die Son­ne, die alles Trü­be, Graue in den Schat­ten stellt, die Beherr­sche­rin des Guten und Schö­nen, deren segen­spen­den­de Kraft auch die Men­schen­her­zen erquickt, sie erlöst aus dump­fen, schwer­mü­ti­gem Brü­ten. Könn­te sie uns nicht Vor­bild sein? Es ist schwer, Mensch­li­ches Gött­li­chem gleich zu tun. Es ist aber schon ein beacht­li­cher Schritt auf dem Wege Freu­den­spen­der zu sein, wenn man das Ver­lan­gen und den Wil­len in sich trägt, Son­ne und Glück dem ande­ren zu brin­gen; die­se inne­re Erkennt­nis will wie eine Blu­me gepflegt sein: mit viel Lie­be und Geduld. Das Leben ist oft rauh, zumal in uns[e]rer Zeit — da heißt es nur: Treu sein, tap­fer sein, nicht ver­za­gen.

Immer Son­ne im Her­zen behal­ten, wenn drau­ßen noch so düs­te­re Wol­ken sich bal­len.

Du! Mein [Roland]! Wir sind ja jetzt zu zwei­en, nicht mehr allein — das Wach­sen und Stark­wer­den am ande­ren ist so etwas Bese­li­gen­des. Ich habe es gefühlt in die­sen Tagen und schon so oft. Du! Daß ich Dein bin!

Du hast mit Dei­nen Wor­ten die letz­ten Schat­ten ver­scheucht. Ich bin wie­der froh und getrost. Du hast ja so recht, Herz­al­ler­liebs­ter!

Unser Weg hat einen Sinn vor Gott, das zu wis­sen, ist schon so rei­cher Trost. Ich glau­be und ver­traue mit Dir ganz auf Gott, daß sein Wil­le uns zum Guten gereicht. An Dei­ner Hand will ich nicht ver­za­gen, und wir wol­len, trotz allem, unse­rem Glau­ben treu blei­ben.

Nun ist schon der zwei­te Advent her­an­ge­kom­men, eine Woche ist erst ver­gan­gen seit unse­rem Fest. Es scheint mir schon so lang her, daß Du bei mir warst. Mei­ne Sehn­sucht nach Dir wird immer grö­ßer, Du! Wie kühl ich das Ring­lein füh­le auf mei­nem Mun­de, aber es ist nicht kühl genug, um mei­ne Sehn­sucht aus­zu­lö­schen.

Ich freue mich so sehr auf Weih­nach­ten. Die Vor­weih­nachts­zeit ist eine seli­ge Zeit. Oder wird mir das dies­mal so beson­ders deut­lich bewußt, weil es nun mei­ne Braut­zeit ist? Du!

Seit Don­ners­tag ist drau­ßen wie­der alles in Weiß gehüllt. Wie ich solch einen Win­ter­tag lie­be, die­se wei­he­vol­le Stil­le, die­ser wun­der­sa­me Frie­den — zu den­ken, daß sich bei­des mit dem unru­hi­gen Welt­ge­trie­be ver­ei­nen könn­te!

Ach Du! Mich hat die Freu­de auf Weih­nach­ten so gepackt und ich möch­te nun am liebs­ten alle Welt so froh wis­sen wie mich.

Liebs­ter! Ges­tern muß­te ich die­sen Brief an Dich unter­bre­chen, es war Besuch gekom­men. Ein den Eltern gut bekann­tes Ehe­paar aus der Nach­bar­schaft, bela­den mit einem Geschenk für mich. Ja Du, das geht immer noch so fort!

Stedrovecerni smazeny kapr s bramborovym salatem
Das tra­di­tio­nel­le tsche­chi­sche Weih­nachts­es­sen — Gebra­te­ner Karp­fen mit Kar­tof­fel­sa­lat. Bild: Ludek, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Am Vor­mit­tag habe ich erst mit Mut­ter die Wäsche gespült und auf­ge­hängt, Köchin gespielt, (Haupt­rol­le!) Karp­fen blau gab es, Dei­ne Spe­zia­li­tät. Und am Nach­mit­tag beant­wor­te­te ich Elfrie­des lie­ben Glück­wunsch­brief, den sie an uns bei­de rich­te­te ver­gan­ge­nen Mitt­woch. Du wirst ihn noch lesen. Sie bit­tet uns, daß wir ohne Genie­ren unse­re Wün­sche äußern, und fragt auch an, ob wir ein hand­ge­web­tes Kis­sen mögen. Weil mir das Dei­ner Mut­ter so gut gefiel, habe ich mit Freu­den zuge­stimmt ohne erst Dei­ne Wün­sche zu erfah­ren. Wirst mir nun Schwie­rig­kei­ten machen Du!?

Sieh, Du darfst Dich doch auch mit dar­auf legen! Sie möch­te auch erfah­ren, ob wir uns zum Fes­te sehen, bei ihr in B.. Auf ein Weih­nach­ten zu dritt freut sie sich, ihre Schwes­ter Lise­lot­te kommt. Nun wer­den wir wohl Elfrie­de und Hel­mut gar nicht antref­fen in K.? Ich teil­te ihr mit, daß sie auf unse­ren Besuch in B. nicht rech­nen kön­nen, da ich doch nur auf die zwei Fei­er­ta­ge ange­wie­sen bin. Wer weiß, ob Sieg­fried kom­men kann, dann wären wir ja ganz allein. Heu­te habe ich mir über­legt, daß ich Sieg­fried eine klei­ne Freu­de machen will, als Ent­schä­di­gung für die ein­ge­büß­te Ver­lo­bungs­fei­er. Ein Feld­post­pa­ket soll er wenigs­tens haben, was ich aber hin­ein­pa­cke ist mir noch rät­sel­haft, mor­gen will ich mal auf die Suche gehen. Bis zum 15. müs­sen alle Pake­te auf­ge­ge­ben sein.

Ranftl Der kleine Reitersmann
Johann Mat­thi­as Ranftl, Der Klei­ne Rei­ters­mann, 1832, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Du! Am Sonn­abend ½ 2 bin ich mit Mut­ter nach Chem­nitz gefah­ren. Es schnei­te, was vom Him­mel her­un­ter konn­te und die­se Men­schen! Aber es macht doch unge­mein viel Spaß, vom Strom der drän­gen­den und schub­sen­den Men­schen­men­ge mit fort­ge­trie­ben zu wer­den; auf allen Gesich­tern stand freu­di­ge Erwar­tung geschrie­ben, trotz der ekli­gen Punkt­ge­schich­te. Die Geschäf­te, die Waren ohne Bezug­schei­ne und Punk­te feil boten, waren natür­lich über­lau­fen. Na, Lan­ge­wei­le hat­ten die Ver­käu­fer bestimmt in kei­nem Geschäft, man glaubt ja nicht, wel­che Men­ge Leu­te am Wochen­en­de vom Lan­de in die Stadt fah­ren. Allein auf dem Wege zum Bahn­hof tra­fen wir 3 Bau­ern, die mit einem Schau­kel­pfer­de bela­den waren.

Den Weih­nachts­mann such­ten wir auf. Ja, es sah böse aus, dem Wun­sche der Mut­ter (Du weißt schon) konn­te er gar­nicht gerecht wer­den. Und der L.er Weih­nachts­mann konn­te es in dem Punk­te gleich gar­nicht. Ich weiß nicht, was nun wer­den soll. In L. war­tet man jeden Tag auf die Sen­dung, halt nur Du auch die Dau­men mit fest, daß etwas für uns dabei ist! Beim Geburts­tags­mann sah es schon bes­ser aus. Das macht auch, weil ich mich schon lan­ge vor­her danach umge­se­hen hat­te, wo der rich­ti­ge wohnt. Vie­le schö­ne Sachen zeig­te er mir, Du! Und mir fiel die Wahl ziem­lich schwer. Mal sehen, ob in die­sem Jah­re die Post Pake­te an Geburts­tags­kin­der rich­tig beför­dert!! Dann kannst Du urtei­len, ob ich bei mei­ner Wahl Dei­nen Geschmack traf. Es ist recht­eckig, (liebst Du die­se Form?) oben befin­det sich eine Öff­nung da hin­ein sind zwei­er­lei wich­ti­ge und prak­ti­sche Sachen gesteckt. Auf der Ober­sei­te ist noch ein lan­ges, schma­les Etwas ange­bracht, ich kann Dir’s gar­nicht recht beschrei­ben, nur, daß es rot und ver­schnör­kelt aus­sieht. Nun aber Schluß — am Ende bekommst Du das Geheim­nis gar noch her­aus!!

Shoe testing1
Ein Teil der Schuh­prüf­stre­cke im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen, in der die Schu­he Sala­man­ders ab Juli 1940 geprüft wur­den. Bild: Ukas, 20. April 2005, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Für Dei­ne lie­be Mut­ter haben wir eine Vase erstan­den, aus Por­zel­lan, mit Streu­blu­men­mus­ter eine Form, die mir gut gefiel. Mut­ter möch­te die­sel­be haben. Hof­fent­lich gefällt sie Euch auch. Und einen Fang haben wir gemacht: Ich kauf­te mir bei Sala­man­der ein Paar Schu­he; am Frei­tag erhielt ich mei­nen Bezug­schein. Nach­mit­tags genau ½ 5 schluß­te es mich so hef­tig, um die­se Zeit bist Du wohl in Dres­den her­um­ge­strom­ert? Wie ging es denn zu Hau­se? Hat­te Mut­ter die gro­ße Wäsche zu Ran­de, sind alle gesund? Ich den­ke, daß wir in den nächs­ten Tagen etwas von ihnen hören wer­den.

Heu­te wirst Du nun die Grü­ße von unser[e]m Lichtl-Abend erhal­ten haben. Frl. S. erin­ner­te mi[ch] erst dar­an (wie beschä­mend!) Ich ließ sie auch gleich zuerst unter­schrei­ben, damit sie sich beru­hig­te. Du hät­test bloß mal die Empö­rung sehen sol­len, weil mei­ne Grü­ße so kurz und sach­lich gehal­ten wären, gar­nicht wie die Zei­len einer Braut!

Ach, hab[e] ich mich schon köst­lich amü­siert über die Neu­gier vie­ler ‚Damen‘. Du kennst ja mei­ne Paro­le: Wer dumm fragt, erhält eine dum­me Ant­wort; die, neben­bei bemerkt, abso­lut nicht belei­di­gend sein muß. Vori­gen Don­ners­tag ging ich wie immer zur Sing­stun­de, vie­le waren schon da, ich tat ganz gleich­mü­tig, begrüß­te sie, setz­te mich auf mei­nen Platz und zog Lui­se, die neben mir sitzt in ein Gespräch. Kei­ner merk­te was, kei­ner wuß­te schon was! Es mach­te mir so viel Spaß. Dann aber, Du weißt ja, wie Lui­se ist, konn­te sie nicht mehr an sich hal­ten und frag­te laut in die nächst­sit­zen­de Run­de hin­ein: Na, habt ihr denn uns[e]rer Braut immer noch nicht gra­tu­liert? Auf ihr Fra­gen wies sie auf mich, über­all ungläu­bi­ges Kopf­schüt­teln und ich bestärk­te sie noch dar­in. Bis sie mei­ne Hand mit Gewalt her­auf­zo­gen. Für Frl. S. und W.s war[‘]s natür­lich unfaß­bar, daß sie es erst an dem Tage erfuh­ren. Das gan­ze Drum und Dran kannst Du Dir wohl vor­stel­len. Herr G. hielt eine Anspra­che, die ich aber vor Ver­wir­rung und Auf­re­gung gar­nicht in mich auf­neh­men konn­te. Erst als der Sän­ger­spruch ver­klun­gen und alle Glück­wün­sche vor­über­ge­rauscht waren, kam ich wie­der zu mir.

Dora P. drück­te mir die Hand und wünsch­te alles Gute. Das hat mich froh gemacht. Ich hat­te das Gefühl, daß ihr Glück­wunsch außer den Jün­ge­ren und den Män­nern wohl der auf­rich­tigs­te war. Dem nach­zu­sin­nen ist wohl auch töricht von mir, allen denen, die mir nicht beson­ders nahe ste­hen, ist es wohl mehr eine Form­sa­che, mir zu gra­tu­lie­ren. Herr S. und Herr G. mein­ten, Du sol­lest nur in den Feri­en mal mit­kom­men, ihr hät­tet euch doch immer gut ver­tra­gen. Herr W. und Frl. S. mach­ten mir ein Geschenk.

Im Geschäft war natür­lich auch gro­ßes Tra­ra, sie kamen alle gestürzt, um zu gra­tu­lie­ren. Die Fop­pe­rei blieb auch nicht aus dabei, einem guten Witz gehe ich nicht aus dem Wege, Dreis­tig­keit quit­tie­re ich ein­fach mit Nicht­ach­tung. Du, es ist zu lus­tig, mei­nem Chef geht es gera­de wie Dei­ner Groß­mutter. Wenn er so um mich her­um geht, mich von der Sei­te mus­tert und sich nicht traut mich anzu­spre­chen, Du! Dann muß ich mich zusam­men­rei­ßen, um nicht vor Lachen her­aus­zu­plat­zen. Vori­gen Mon­tag, als Dei­ne lie­ben Eltern mit dem Mit­tags­zu­ge heim­fuh­ren, saß er mit im glei­chen Wagen. Ach ja, ich bin froh, daß nun der größ­te Tru­bel vor­bei ist, man kommt ganz aus der Ord­nung. Jeden Abend fast kam Besuch und ich woll­te d[och] so ger­ne ein­mal aus­schla­fen!

Sonn­tag in acht Tagen ist nun schon Hei­li­ger Abend — dann noch ein­mal schla­fen und dann? Du! O Du! Wie ich mich nach Dir seh­ne, Herz­al­ler­liebs­ter! Ich habe mir schon eine Ver­bin­dung aus­ge­sucht nach K., wo ich nicht umstei­gen muß, so alles plan­mä­ßig ver­läuft! Ver­glei­che doch bit­te ein­mal und gib mir Bescheid ob[‘]s so stimmt. Mut­ter will mit­fah­ren zu ihrer Schwes­ter nach Chem­nitz, sie ver­treibt mir ein bis­sel die War­te­zeit.

Nun war­te ich auf Dei­ne ‚Anzei­gen‘ damit ich mich mit unter­zeich­ne! 3 Brie­fe müs­sen in 4 Tagen unter­wegs sein. Und noch eine schwie­ri­ge Arbeit hat mir der Weih­nachts­mann auf­ge­tra­gen! Wäsche legen, plät­ten, Gar­di­nen auf­ma­chen, baden mir wird ganz schwind­lig. Nur noch knapp 14 Tage! Ach, alles will ich tun, Liebs­ter! Herz­al­ler­liebs­ter! Wenn ich nur dann zum Loh­ne [sic] dafür bei Dir sein kann. Gott behü­te Dich mir. Du! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Ich küs­se Dich!

Ich lie­be Dich! Ich bin ganz Dei­ne

[Hil­de].T&Savatarsm

Herzl. Grü­ße von den Eltern!

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