8. Dezember 1939

Doerstling - Preußisches Liebesglück
Emil Doerst­ling, Preu­ßi­sches Lie­bes­glück, 1890, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
[391208–1‑1]

S. am 8. Dezem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Ach könn­test Du hier sein zu sehen, wie warm mir wird ums Herz, wenn Du so Dich anlehnst und mir ver­traust und mich liebst, Herz­lie­bes, Du, es gehört zu mei­nem Lie­bes­glück. Und von mei­ner Wär­me will ich Dir abge­ben, soviel ich kann.

Herz­lie­bes! Wenn ich fra­ge, wel­chen Sinn es wohl hat, daß wir uns fan­den und zusam­men­ta­ten — daß es einen Sinn hat, glau­be ich fest — dann kommt mir als Ant­wort zuerst: Ich soll Dich schüt­zen und füh­ren, Du sollst mich Lie­be und Güte leh­ren. Ach, Herz­al­ler­liebs­te! Zu den­ken und zu wis­sen, daß unser Weg einen Sinn hat vor Gott, das ist schon ein so rei­cher Trost. Was auch geschieht, es ist gut so, es ist von Gott, ist nicht unnütz und ver­ge­bens — Liebs­te, daß wir die­sen Glau­ben haben ist eine gro­ße Gna­de und ein gro­ßes Glück. Und ein klei­ner Schritt ist es von da zu dem Ver­trau­en in Got­tes Güte und Gna­de und Gerech­tig­keit,: er belas­tet uns nach unse­ren Kräf­ten und Gaben, er hat unser Bes­tes im Auge.

Herz­lie­bes, die­ser Glau­be ist ein fes­ter guter Anker in der Ver­wor­ren­heit uns[e]rer Tage, er ist der ein­zi­ge. Und die­ses Glau­bens dür­fen wir Men­schen gewiß sein, seit der Hei­land über die­se Erde ging. Die­sem Glau­ben will ich treu blei­ben und kos­te es mich Amt und Wür­den.

Albrecht Dürer Betende Hände
Albrecht Dürer, Beten­de Hän­de, ca 1508, über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2014.
Seit ich Dich fand, habe ich wie­der beten gelernt. Ich schä­me mich des­sen nicht. Ohne gro­ße Erschüt­te­run­gen äuße­rer Art, ist mein Leben lan­ge dahin­ge­gan­gen. In der guten und siche­ren Obhut der Eltern habe ich den Ernst des gro­ßen Krie­ges und Vaters böser, jah­re­lan­ger Krank­heit noch nicht tief emp­fun­den. In der Not der Ent­wick­lungs­jah­re habe ich mich zuerst wie­der auf mein Kin­der­ge­bet beson­nen. Das lan­ge Kran­ken­la­ger in Bay­ern, Groß­mutters Tod, die Lie­be zu Dir, das neue Kriegs­un­glück: sie haben mir die Hän­de zusam­men­ge­preßt, und gefal­tet zum Gebet. Ich will sie nun immer fal­ten, auch in guten Tagen. Herz­lie­bes! An wie­viel schwa­chen, dün­nen Fäden hängt unser Lie­bes­glück, wenn wir nur an den wan­kel­mü­ti­gen, lau­ni­schen Zufall glau­ben woll­ten. Wir müß­ten ver­ge­hen vor Angst und Weh, wenn wir nicht um Got­tes Plan und Füh­rung wüß­ten. So wie Du war auch ich gera­de am Mitt­woch bedrückt und nie­der­ge­schla­gen.

Die Fin­nen tun mir so leid. Und der Gedan­ke, daß der Rus­se den Fin­nen ver­ge­wal­tigt mit uns[e]rer stil­len Bil­li­gung, läßt mich wie­der ein­mal zwei­feln und irre wer­den an allem. Furcht­bar ver­wor­ren ist die Welt. Wo ist noch Recht und Wahr­heit, Gut und Böse? Wohin­aus will das alles? Bricht Got­tes Gericht her­ein über die Men­schen? Vie­le Men­schen täu­schen sich über den Ernst und die Schwe­re uns[e]rer Zeit hin­weg, erken­nen sie gar nicht oder betäu­ben sich, sehen nur die Unsi­cher­heit des Lebens über­all und leben des­halb in den Tag hin­ein, sie stel­len nicht die Fra­ge nach dem Sinn uns[e]rer Zeit und spü­ren nicht den Fin­ger Got­tes.

Sie sind arm, und ihre Fröh­lich­keit ist fal­sche, kurz­sich­ti­ge Fröh­lich­keit. Sie wis­sen nicht um die gro­ße hei­li­ge Freu­de, der wir jetzt zu Weih­nach­ten wie­der teil­haf­tig wer­den, sie spü­ren nicht die Kraft, die davon aus­geht und die Men­schen so fest zusam­men­bin­det zu gegen­sei­ti­gem Lie­ben und Hel­fen. Herz­al­ler­liebs­te! Auch das kann Dich ein wenig getrost machen: uns[e]re Lie­ben sor­gen sich und hel­fen und raten mit uns.

Aber so schwach und ver­zagt bist Du ja auch selbst nicht. Das habe ich schon erfah­ren.

Dei­ne gro­ße Lie­be macht mich so froh, sie gibt mir Kraft und Ent­schlos­sen­heit, nach dem rech­ten Weg zu spü­ren. Ach Herz­lie­bes! An Dei­ner Lie­be habe ich eigent­lich nie gezwei­felt. Ban­ge war ich nur dar­um, daß ich sie wür­de auch erwi­dern kön­nen, und ban­ge dar­um, daß Dei­ne Lie­be wür­de Genü­ge fin­den an mir. Aber nun bist Du ganz mein Eigen, das ich fest­hal­te mit mei­ner gan­zen Lie­be, mei­ner gan­zen Treue. Wett­ei­fern will ich mit Dir um die Lie­be.

Herz­al­ler­liebs­te! Sei wie­der froh und getrost.

Gott behü­te Dich mir!

Du bist mein Liebs­tes, mein Bes­tes, Du, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

Über den Dresd­ner Weih­nachts­mann bin ich gleich ein­mal nach Hau­se gefah­ren.T&Savatarsm

Bit­te grü­ße die Eltern.

 

 

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