6. Dezember 1939

Schneedünen
Schnee­dü­nen, 8. Febru­ar 2008. Bild: Svick­o­va, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
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O., am 6. Dezem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Jetzt habe ich mal eine Stun­de, wo ich mit all mei­nen Gedan­ken bei Dir sein kann — das konn­te ich in den ver­gan­ge­nen drei Tagen doch nur abends, wenn ich in mei­nem Bett lag. Du! Liebs­ter! Vater ist zum Dienst gegan­gen, Mut­ter sitzt am Ofen und strickt; drau­ßen tobt sich wie­der ein hef­ti­ges Schnee­trei­ben aus und ich glau­be, heu­te wird sich nie­mand auf die Bei­ne machen, um Besu­che abzu­stat­ten. Unser Geschenk­tisch hat sich schon wie­der um vie­les berei­chert, und vier Besu­cher haben sich ange­mel­det für die­ser Tage. Jeden Tag erle­be ich Freu­de, mir ist rich­tig schon wie Weih­nach­ten zumu­te.

Gifts xmas
Weih­nachts­ge­schen­ke, 25. Dezem­ber 2003. Bild: Kel­vin Kay, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Ich woll­te Dir alle neu­en Geschen­ke auf­zäh­len, daß Du Dich mit freu­en kannst, aber ich hab[e] mir[‘]s nun anders über­legt: Du mußt schön gedul­dig sein und war­ten bis Weih­nach­ten, Du kennst ja Dei­ne Geschen­ke alle schon; dann hast Du wenigs­tens eine Über­ra­schung. Bist Du nun böse auf mich? Neben mei­nem Schrei­be­bo­gen liegt mei­ne lin­ke Hand und bei jeder Bewe­gung blitzt es gol­den auf. Nun den­ke: Solch schma­ler, klei­ner, gol­de­ner Ring — und durch ihn so viel Auf­re­gung, Glück­se­lig­keit und Freu­de. Obgleich ich das Ring­tra­gen schon gewöhnt bin, so ist mir doch die­se Art neu und sel­ten. Du, mein Lieb!

Tags­über, wenn mei­ne Hän­de geschäf­tig sich mit der Arbeit zu schaf­fen machen, dann hän­gen mei­ne Augen immer­zu an dem gol­de­nen Reif. Die Gedan­ken aber gehen zu Dir; von Dei­ner Hand ist dies sicht­ba­re Zei­chen uns[e]rer Ver­bun­den­heit, von Dei­ner Hand wur­de mir die­se gol­de­ne Fes­sel ange­legt, und wenn ich den­ke, daß Du, Liebs­ter, die glei­che Fes­sel von mei­ner Hand wil[li]g und mit Freu­den dul­den willst, daß sie uns bei­de nie­mals als Last bedrü­cken wird, son­dern immer wie­der an Lie­be und Treue zuein­an­der gemah­nen wird — auch wenn das Schick­sal es bestimmt, ein­mal Fer­ne und Zeit zwi­schen uns zu legen — dann Herz­al­ler­liebs­ter, wird mir so froh und leicht ums Herz. Wir Men­schen sind in Got­tes Hand und sein Wil­le bleibt uns jetzt noch ver­bor­gen. Aber eines ist mir so unver­hüllt und klar wie das Son­nen­licht: Mei­ne Lie­be zu Dir. Sie ist Dein, mag sich zwi­schen uns drän­gen, was auch sich will.

Sie gehört allein nur Dir, solan­ge Leben in mir ist.

Du sollst das nie­mals im Leben ver­ges­sen, mein [Roland]!

Soviet invade Finland-1939-11-30
Die Rote Armee mar­schiert in Finn­land ein, 30. Novem­ber 1939, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Das ist mein hei­li­ges, erns­tes Ver­spre­chen, Du! Ich weiß nicht wie es kommt, ich kann so rei­ne, kind­lich hel­le Freu­de emp­fin­den, ich kann so namen­los glück­lich sein mit Dir und dann, wenn ich allein bin krei­sen mei­ne Gedan­ken immer wei­ter, bis sie an einen Punkt kom­men[,] der so dun­kel scheint, der sich so gar­nicht mit mei­ner Glück­se­lig­keit ver­ei­nen will. Immer, wenn ich mich so recht von Her­zen freue, steht die Angst auf, daß plötz­lich irgend etwas dazwi­schen tritt, daß uns[e]re Freu­de zer­schla­gen will. Manch­mal habe ich schon gedacht, daß ich nur immer zum Kämp­fen gebo­ren bin, daß ich nur für den Schat­ten bestimmt bin und im rei­nen, dau­ern­den Son­nen­schein gar­nicht leben kann. Liebs­ter! Du hast auch selbst schon erlebt, daß ich mit­ten im Glück­lich­sein plötz­lich tief­sin­nig wur­de, mir ist es hin­ter­drein so leid; aber ich kann mich ein­fach die­ses Gefühls nicht erweh­ren, es kommt über mich und läßt mich nicht los. Ich glau­be in mir lebt zu viel Phan­ta­sie — mei­ne Gedan­ken ver­stri­cken und ver­lie­ren sich zu weit ins Unwirk­li­che. Als ich noch nicht zu Dir gehör­te, quäl­te mich das noch viel öfter. Du hast Dich gemüht und ver­sucht in sol­chen Stun­den mei­ne Gedan­ken auf die rech­te Bahn zu len­ken und ich sehe auch ein, daß nur ein wenig Selbst­zucht erfor­der­lich ist, um die trü­ben Gedan­ken zu ver­scheu­chen. Dein Wesen atmet viel mehr Ruhe und ich bin über­zeugt, daß sich die­ser Zustand ein­mal ganz ver­liert, wenn Du immer um mich bist. Ich bin täg­lich vie­le Stun­den unter Men­schen, die so ver­schie­de­ner Art sind, ich habe Umgang mit ihnen, ich höre ihre Gesprä­che. Ach Du! Es hat ja kei­nen Sinn, wenn ich Dir ein­zel­ne Schick­sa­le nen­nen will. Es ist Krieg. Und das wird uns allen ein­mal mehr oder min­der grau­sam bewußt. Der Krieg fragt nicht nach Her­zens­not und Angst, fragt nicht, was er mit all sei­nen Aus­wir­kun­gen anrich­tet, zer­stört, ver­schüt­tet und zer­reißt. Er kennt kei­ne Rück­sicht — er for­dert nur.

Ach Liebs­ter! Wenn wie­der ein Tag ver­ging, der mich die gan­ze Wucht uns[e]res Zeit­ge­sche­hens ein­mal so recht deut­lich erken­nen ließ, dann muß ich mich fast ver­zwei­felnd fra­gen: War­um läßt das alles unser Herr­gott dro­ben zu?

Ist das nicht Knecht­schaft, was sie uns aufzwi[ng]en wol­len und auf die­se Art?

Und wie­der­um — bin ich ver­mes­sen, dün­ke ich mich mehr oder bes­ser, als eine and[e]re, die auch aus uns[e]rer Mit­te kommt — geschieht nicht alles für unser Vater­land?

WernerGoldberg
Bild von Wer­ner Gold­berg, der “idea­li­sche deut­sche Sol­dat”, Ber­li­ner Tage­blatt 1939, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Ist es denn aber nicht wie eine Fol­ter, einen Men­schen wäh­len zu las­sen zwi­schen Lie­be und Lie­be zum Vater­land?

Ach Du! Ich will ja alles tun, wenn Du mir nur bleibst — ich kann doch nicht sein ohne Dich.

Herz­al­ler­liebs­ter! Sei mir nicht böse, wenn ich im Geden­ken an unser gro­ßes Glück der Lie­be mich von einem trü­ben Tag so beein­flus­sen las­se. Bit­te, sei nicht trau­rig. Es ist so im Leben: Man kann nicht einen Tag so froh sein wie den ande­ren. Ich woll­te Dir nun heu­te einen recht lie­ben Brief schrei­ben, in dem die Erin­ne­rung an unse­ren schö­nen Fest­tag nach­klin­gen soll­te und nun muß ich Dir wie­der Sor­ge machen. Mein lie­ber [Roland], Du wirst mich recht ver­ste­hen — es ver­lang­te mich so, Dir zu schrei­ben. Ich woll­te Dich mit mei­nen Zei­len so froh machen — so froh wie Du warst bei mir und wie Du von mir gingst, Du!

Mein Brief ist nicht von einem him­mel­hoch­jauch­zen­den Glück durch­drun­gen. Aber ich wün­sche mir so sehr, daß Du füh­len mögest, Liebs­ter, wie so ganz ich mich Dir anver­traue in Lie­be, wie so fest mein Herz mit dem Dei­nen ver­an­kert ist, wie ich mich an Dich leh­nen möch­te in Freud und Leid.

Du Ring an mei­nem Fin­ger‘, so heißt es im Lie­de, rufst du nicht zu jeder Stun­de alles Glück her­bei, das eben erst bei mir war und nun bei mir blei­ben will? So möch­te ich mich fra­gen. Manch­mal kann Leid das Glück über­wie­gen. Das Gute, Edle bleibt bestän­dig. Hast Du nicht mit eige­nen Augen gese­hen, hast Du nicht selbst mit erlebt, daß Got­tes Güte immer mit uns war, ist das alles unwich­tig, gegen­über mensch­li­chen Han­delns? Die­se Fra­ge drängt sich vor und es ist mir (dabei), als blick­ten mich dabei Dei­ne lie­ben Augen ernst und ant­wort­hei­schend an. Ja, Du, Liebs­ter! Des­sen will ich immer ein­ge­denk sein: Zu aller Not nie klein­gläu­big wer­den, was kommt, das schickt Got­tes Hand und wie bis­her, so wol­len wir[‘]s auch wei­ter­hin hal­ten: Im Ver­trau­en auf ihn, wol­len wir unse­ren Weg zuver­sicht­lich fort­set­zen.

Bundesarchiv B 145 Bild-P019923, Berlin, beleuchteter Weihnachtsbaum am Abend
Weih­nachts­markt Ber­lin, 1939. Quel­le: DBa, B145 Bild-P019923, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Er muß uns doch auch ein­mal den Frie­den schen­ken in der Welt, der für so vie­le Men­schen einen Grund­pfei­ler bedeu­tet, ohne den ihr Werk kei­nen Halt fin­det.

Weih­nacht will nun wer­den, das Fest der Lie­be. Beim Geden­ken an dies Fest wird uns allen warm ums Herz, Frie­den will ein­zie­hen. Weih­nacht soll’s wer­den in aller Welt. Ein­mal las ich irgend­wo, nir­gends erlebt man Weih­nach­ten inni­ger und schö­ner als in Deutsch­land. Kennt denn nicht alle Welt die Geschich­te vom Hei­land, der zu uns kommt in der Wei­hen­acht, daß mit ihm der Frie­den ein­zieht? O könn­ten doch alle Frem­den ein­mal das gro­ße Wun­der deut­scher Wei­hen­acht erle­ben, wür­den dann nicht alle ihre Her­zen fried­lich gestimmt wer­den, zum Segen für die gan­ze Mensch­heit?

Liebs­ter, Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Nun behü­te Dich Gott! Ich habe Dich unend­lich lieb! Du!T&Savatarsm

Dei­ne [Hil­de].

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