6. Dezember 1939

Talvisota Bombing of Helsinki 30.11.39
Zer­stö­run­gen nach der Bom­bar­die­rung Hel­sin­ki, Finn­land am Anfang des Win­ter­kriegs, 30. Novem­ber 1939, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
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S. am 4. Dezem­ber 1939.

Am Mon­tag.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Es ist Abend. Nun sind wohl alle wie­der an Ort und Stel­le. Und nun wird es auch in Euren Räu­men wie­der ruhig gewor­den sein. Mei­ne Gedan­ken zie­hen mich immer wie­der zurück zu den kur­zen süßen Stun­den fröh­li­chen Tru­bels und ein­mü­ti­gen Bei­sam­men­seins. Ich bin so allein heu­te abend. Du! Ich glau­be, ich bin nicht am rich­ti­gen Ort. Ist es der Ring, der nach sei­nem Gesel­len ruft? Herz­al­ler­liebs­te, er ist mir ein unschätz­ba­rer Bür­ge und Zeu­ge dafür, daß alles nicht nur ein Traum war. Und heu­te abend ist er mir ein süßer Trost, weil ich weiß, daß sein Gesel­le bei Dir ist, an Dei­ner Hand, immer und immer, und daß er sich eben­so sehnt, und daß er auch heu­te abend bei Dir ist in Dei­nem Käm­mer­lein, Herz­lie­bes, Du!

Ich bin bei Dir. Ich küs­se Dich. Ich lie­be Dich! Du!

Am Diens­tag.

Herz­lie­bes!

Glædelig Jul, ca 1913
Glæ­de­lig Jul, Post­kar­te ca 1913, Natio­nal­bi­blio­thek Nor­we­gen, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Ein wenig in Unord­nung und durch­ein­an­der­ge­bracht bin ich immer, wenn ich von Dir kom­me, Du! Aber dies­mal ist mir doch beson­ders, als habe ich einen lie­ben und trau­ten Ort hin­ter mir gelas­sen. Wir haben zwar nicht pho­to­gra­phiert, aber ich wer­de die Bil­der nicht leicht ver­ges­sen. Eure Wohn­stu­be, so echt nach Bru­ders Plan umge­stürzt und zum Schlaf­zim­mer her­ge­rich­tet. Die fest­li­che Mit­tags­ta­fel; die Son­ne, die sich jetzt so sel­ten macht, hat dar­auf geschie­nen. Der Ver­lo­bungs­kaf­fee beim Lich­ter­glanz der Weih­nachts­en­gel. Und unser Lichtlabend, uns[e]re Lichtl­nacht zu zwei­en, Herz­al­ler­liebs­te! Ach Du! Wir brau­chen so wenig, um glück­lich zu sein! Wie wür­dig haben Dei­ne lie­ben Eltern unser Fest aus­ge­rich­tet, so gut vor­ge­sorgt und vor­be­rei­tet. Und nun war es doch eigent­lich wie immer, wenn ich mit Dir bin: ich spü­re und emp­fin­de es als ein gro­ßes Glück: Du bist das Men­schen­kind, an das ich mich hal­ten kann, das mir anbe­foh­len ist, das ich lie­be. Unser Ring­lein? Herz­al­ler­liebs­te, es ist doch ein köst­li­ches Ding. Wie warm und son­nig es glänzt! Wie es mich anstrahlt, wann ich nur will, immer ist es zur Hand. Es ist doch ein schö­nes, sin­ni­ges Zei­chen. Es ist mir ein kost­ba­res Unter­pfand. Du bist mein!, so kün­det es mir strah­lend, so kün­det es ande­ren bestimmt und trot­zig fun­kelnd. Ganz mein bist Du nun! Du! Und die Eltern haben zuge­stimmt. Liebs­te! Herz­al­ler­liebs­te! Ich bin so glück­lich mit Dir!

Dein [Roland].

Am Mitt­woch.

Herz­al­ler­liebs­te!

Fiancees mg 0008
Lucas van Ley­den, Fian­cees, ca 1527, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Heu­te früh erhielt ich Eure beschwips­te Kar­te. Mit Eurem über­mü­ti­gen Schwips habt Ihr mich ange­steckt, sodaß ich bei­na­he in unse­ren erns­ten Mor­gen­ge­sang hät­te her­aus­plat­zen müs­sen. Ach Liebs­te! Ich wäre schon gern dabei gewe­sen als nüch­ter­ner Zuschau­er. Dich als aus­ge­las­se­nen Rädels­füh­rer unter Dei­nen Freun­din­nen zu sehen, hät­te mir schon gro­ßes Ver­gnü­gen berei­tet. Als ich am Mon­tag mein Schul­zim­mer betrat, prang­ten an der Tafel die Wor­te: „Wir gra­tu­lie­ren zur Ver­lo­bung” und beim Ein­tre­ten hör­te ich ein paar Mädel erregt flüs­tern: „Der Ring! Der Ring!” Erstaunt und betrof­fen quit­tier­te ich die­se Kund­ge­bung mit erzwun­ge­ner Gleich­gül­tig­keit und einem Lob für die schar­fen Spür­na­sen. Mir war zunächst ganz uner­find­lich, wie die Kin­der das erfah­ren haben soll­ten. Jetzt weiß ich es. Frau S. hat nicht ganz dicht gehal­ten, hat mit einer Nach­ba­rin geplau­dert und deren Jun­ge — —. Die Groß­mutter gibt mir Spaß. Die paßt doch gewiß gut auf, der ent­geht so leicht nichts, die stirbt auch nicht an Herz­drü­cken — sie fragt nicht, sie wun­dert sich nicht, und hat es doch bestimmt gemerkt. Ich kann ihr Ver­hal­ten nur so deu­ten, daß sie sich aus kauf­män­nisch-diplo­ma­ti­schen Grün­den zurück­hält. Ver­stehst Du? Mir gibt das Spaß.

Heu­te ist ein ganz grau­er Tag. Mei­nen Ein­kauf in S. habe ich ver­scho­ben. Mei­nen Brief will ich jetzt schlie­ßen und zum Kas­ten brin­gen.

Dei­nen lie­ben Eltern lege ich im nächs­ten ein paar Zei­len bei. Erzäh­le Ihnen etwas aus die­sem Brief, grü­ße sie bit­te recht herz­lich und bestel­le ihnen mei­nen Dank. Viel­leicht, daß der Sonn­tags­brief mit Ver­spä­tung erst am Mon­tag ankommt. Die nächs­ten Tage drängt sich wie­der alles zusam­men, und ich möch­te die­sem Brief uns[e]re ‚Ver­lo­bungs­an­zei­gen‘ bei­le­gen, damit Du Dich hand­schrift­lich unter­zeich­nen kannst. Du wirst schon sehen. Nun behü­te Dich mir Gott.

Du bist nun noch viel öfter bei mir, Herz­lie­bes, sooft ich das Ring­lein bemer­ke. Und das wird nicht Ruhe geben, als bis es sei­nen Gesel­len wie­der­hat, und die­se Unru­he tei­le ich mit ihm, bis ich Dich wie­der umfan­gen kann und küs­sen und Dir sagen: Ich lie­be Dich! Du!T&Savatarsm

Dein [Roland].

Eine Antwort auf „6. Dezember 1939“

  1. Roland und Hil­de freu­en sich so über­schweng­lich über ihre Ver­lo­bu­bung, sodass das Kriegs­ge­sche­hen in den Hin­ter­grund gedrängt wur­de.
    Aber einen Brief danach vom 8. Dez. machen sich doch bei­de Sor­gen über den Ein­marsch der Roten Armee in Finn­land.
    Es muss ihnen Anst machen. Robert fin­det es gar nicht gut, dass Russ­land ( Sowjet­uni­on ) ihe Trup­pen nach F. schickt, weil es im Ein­ver­ständ­nis mit der Deut­schen Regie­rung ( Hit­ler­re­gie­rung ) geschieht.

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