29. November 1939

William-Adolphe Bouguereau (1825-1905) - The Proposal (1872)
Wil­liam-Adol­phe Bou­gue­reau, Der Antrag, 1872, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
[391128–1-1]

S. am 28. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Nun tren­nen uns nur noch wenig Stun­den von unse­rem Fest­tag, Herz­lie­bes! So wie wir zuein­an­der ste­hen, ergab sich die­ses Ereig­nis eigent­lich wie von selbst, es schien uns nur noch eine For­ma­li­tät, eini­ge Wochen frü­her oder spä­ter, das schien ohne Bedeu­tung. Nun, da ich Dei­nen Eltern geschrie­ben habe und sie um Dei­ne Hand bit­te, erscheint mir die­ser Tag wich­ti­ger, und es ist mir rich­tig fei­er­lich zumu­te gewor­den. Herz­lie­bes, ich habe mich Dir schon ver­spro­chen. Aber nun habe ich mich Dir auch ver­schrie­ben, ganz, für immer, Du! Die Tür ist ins Schloß gefal­len. Wir sind gefan­gen. Mein bist Du nun, und ich will nur Dir gehö­ren. Eigent­lich ist die­ser Ver­lo­bungs­tag wich­ter [sic] als der Hoch­zeits­tag. Es ist ein Ver­spre­chen so bedeut­sam und gül­tig und bin­dend wie das ande­re. Herz­al­ler­liebs­te! Ohne Herz­klop­fen habe ich den Brief zum Zug gebracht, ohne Zögern habe ich ihn aus der Hand gege­ben und in den Kas­ten fal­len las­sen. Du! Weil ich Dich lie­be und weiß, daß Du mich wie­der liebst. Es ist mir nicht ban­ge vor unse­rem Schritt. Was Gott uns schickt und vor­be­hält, wir wis­sen es nicht. Aber wir ver­trau­en ihm und sind gewillt, es mit­ein­an­der zu tra­gen. Die Lie­be wird uns Kraft geben dazu auch in schwe­ren Tagen. Liebs­te! Wie reich und schön erfüllt sich nun, wor­auf wir hoff­ten und wor­um wir bang­ten. Ich habe Dich lieb gewon­nen und habe mir Dich erwählt.

Völcker Blume1
Gott­fried Wil­helm Volcker, Still­le­ben mit einem Arran­ge­ment ver­schie­de­ner Blu­men, 1847, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Mit Dir und durch Dich erle­be ich das Glück der Lie­be zum ers­ten Male. (Wir) Ich erle­be es als sinn­li­che Lust; als Freu­de an weib­li­cher Schön­heit und weib­li­chem Wesen; als Gebor­gen­heit, Zuflucht und Hei­mat mei­ner Gedan­ken und Sehn­süch­te und Stre­bun­gen; als ord­nen­den, rich­tung­ge­ben­den Mit­tel­punkt; als eine lie­be, köst­li­che Pflicht, für eine lie­be Per­son ein­zu­tre­ten, zu sor­gen und zu schaf­fen; und in dem unbe­schreib­lich bese­li­gen­den Gefühl, geliebt zu wer­den, und engs­ten Ver­traut­seins. Und noch rei­cher wird sich die­se Blu­me ent­fal­ten, wenn wir sie recht pfle­gen. Wir wer­den erle­ben, wie sie uns auch erzieht zu Rück­sicht und Geduld. Jetzt ist sie uns viel mehr eine beglü­cken­de Nei­gung, der wir sorg­los nach­ge­ben. Dann wird sie sich wei­ten zu gemein­sa­mer Pflicht. Herz­lie­bes, mein Leben ist so viel rei­cher gewor­den durch Dich. Freu­de und Son­nen­schein, Ord­nung und Rich­tung hast Du gebracht. Eine lie­be Hand darf ich in der mei­nen hal­ten, aus einem Augen­paar darf ich lesen, daß jemand mich lieb­hat. Arm, unwich­tig und gleich­gül­tig war mein Leben vor­her. Ich habe ja manch­mal gedacht, es könnt[e] mich über­haupt nie­mand lieb­ha­ben und lieb­ge­win­nen. Mit den Jah­ren war ich jeder Lie­be ent­wöhnt, die Sehn­sucht danach wur­de sel­te­ner. Sie wur­de nur wie­der laut, wenn der Schmerz eines Abschie­des oder einer neu­en Frem­de mich mei­ne Ein­sam­keit deut­li­cher emp­fin­den ließ. In sol­chem Schmerz traf mich Dein Ruf. Zwei wun­de Her­zen tra­fen sich. Herz­al­ler­liebs­te! Die­ser Anfang war so sel­ten. Er soll uns ein köst­li­ches Geheim­nis blei­ben. Ande­re wür­den ihn viel­leicht unwich­tig fin­den und könn­ten dar­über spöt­teln. Ich bin ja so glück­lich, Herz­lie­bes, daß Du mit mir alles erlebst, wie Kin­der erle­ben, ehr­lich, dank­bar, wun­der­gläu­big, kind­lich, wenn wir uns das bewah­ren könn­ten! Wie ich Dich lie­be, Du, so wie Du bist! Ich bin so glück­lich und ganz zufrie­den. Du hast gesagt, daß Du es auch bist. Ich glau­be es Dir. Aber nun ist mir, als müß­te ich selbst noch ein­mal nach­se­hen, ob das mög­lich ist. Und nun betrach­te ich mich und sehe an mir her­un­ter, ob ich Dei­ner auch wür­dig bin. Ich weiß ja nicht, was euch Frau­en an den Män­nern gefällt. Das Ide­al wan­delt sich auch. In Roma­nen spie­len Män­ner, sieg­ge­wohn­te Her­zen­bre­cher; Hel­den der Gesell­schaft mit schar­fem Geist und fun­keln­dem Witz, immer schlag­fer­tig; wir ken­nen bei­de Helm­hold, den der erfolg­rei­chen Frei­beu­ter, über­ra­gend und glück­lich in sei­nem Beruf; meist sind sie stark und kühn, haben ihr Leben jeden Augen­blick (ihr Leben) fest in der Hand, sind erfolg­reich, in allen Sät­teln gerecht, kön­nen so und kön­nen auch anders. So ist es im Roman. Das Leben ist anders. Wir dür­fen uns nur umse­hen im Krei­se uns[e]rer Bekann­ten. Und ich bin nun eben der [Roland]. Du hast ihn ein wenig ken­nen­ge­lernt, und wirst ihn noch bes­ser ken­nen ler­nen. Ich gab Dir dazu man­chen Hin­weis. Wie ich mich so betrach­te, fällt mir eben noch einer ein, den ich Dir nicht vor­ent­hal­ten möch­te. Es steckt in uns und auch in mir ein gut [sic] Stück bäu­er­li­cher Sinn, der sich äußert in einem gewis­sen Her­rensein und in Zurück­hal­tung gegen­über dem Welt­ge­trie­be, bis zur Ableh­nung und zum Trotz kön­nen sie sich ver­stei­fen. Dort wo alle ren­nen, ren­nen wir nicht mit. Jeman­dem nach­lau­fen, sich auf­drän­gen, krie­chen, das ken­nen wir nicht. Nach klei­nem, fal­schem Ruhen steht nicht mein Sinn. Mei­ne Kraft kann ich nur an eine Sache wen­den, die ich für gut und wert erkannt habe. Auf einen Erfolg, auf ein hohes Amt, das ich mit mei­ner per­sön­li­chen Frei­heit bezah­len muß, ver­zich­te ich. Dort, wo es ankam, war auch ich erfolg­reich in mei­ner Lauf­bahn. Ich hät­te es gewiß wei­ter­ge­bracht und wäre in eine Stel­lung gelangt, in der ich ohne Buh­len um eine Gunst frei wie jetzt grö­ße­res Anse­hen und bes­se­ren Erfolg gehabt hät­te. Es blieb mir ver­sagt. Ich bin nun Schul­meis­ter, einer unter viel­tau­send. Auf mei­nem Arbeits­feld gibt es kein Ruhen zu erja­gen, da ist nur stil­le, zähe Arbeit. Die vor­ge­setz­te Behör­de behan­delt uns als Num­mern, um Erfolg oder Mißer­folg einer Tätig­keit kann sie sich nicht kü[m]mern, sie springt wenig freund­lich mit uns um, ent­lohnt die­se Arbeit schlecht. Das alles bleibt nicht ohne Rück­wir­kung auf die Arbeits- und Ein­satz­freu­dig­keit. Man tut sei­ne Pflicht. Lie­be und Frei­wil­lig­keit wen­den sich einer Lieb­ha­be­rei zu, Du weißt, Lie­bes. Ich habe das alles schon manch­mal recht nie­der­drü­ckend emp­fun­den. Aber mit Dir gemein­sam wird mein Blick auf Hohes gerich­tet blei­ben. Du wirst das Vor­an­ste­hen­de bestä­tigt fin­den, wenn Du Dir eini­ge Vor­komm­nis­se ins Gedächt­nis zurück­rufst. In Zukunft wirst D[u] in mir also auch den Bau­er sehen müs­sen. Umso mehr bin ich froh, daß ich nun alle freie Kraft einem lie­ben Men­schen wid­men darf. Und das wirst Du mir glau­ben: ein har­tes Muß oder eine Sache, die mir beson­ders wert erscheint, kann es nur sein, die mich bewegt, von die­ser frei­en Kraft etwas abzu­tre­ten. Was ande­re von mir hal­ten und den­ken, wird mich mehr oder weni­ger gleich­gül­tig las­sen, aber Dir, Herz­al­ler­liebs­te, möch­te ich mich wert erwei­sen, Dich möch­te ich beglü­cken und zufrie­den­stel­len, Du, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Lie­be [Hil­de]! Wir hat­ten dar­an gedacht, das Tisch­chen aus Chem­nitz mit­zu­neh­men. Soll es dabei blei­ben? […] Uhr will ich in Chem­nitz ankom­men. Wir könn­ten uns bei die­ser Gele­gen­heit noch ein­mal nach einer Tisch­uhr umse­hen. Das über­leg Dir also bit­te. Dei­ner lie­ben Mut­ter rich­te bit­te aus: Ham­mel gibt es nicht in S.. Ich wer­de dafür ein Stück Schwei­ner­nes, doch min­des­tens ein Pfund, mit­brin­gen kön­nen.

Advent wreath 4
Advents­kranz, 23. Janu­ar 2011, Bild: SolLu­na, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Herz­lie­bes! Advent wird wie­der sein kom­men­den Sonn­tag. Fro­he Zeit bricht dann wie­der an, und der Sonn­tag selbst schon wird ange­strahlt vom Schim­mer der Weih­nacht. Einen schö­nen Tag haben wir gewählt. Er hat für uns auch eine beson­de­re inne­re Bezie­hung. Einen Kranz hast Du mir geschenkt zum vori­gen Advent. 3 Lich­ter steck­ten dar­auf, 2 von Dir, Glau­be und Lie­be, eines von mir, Hoff­nung. Ehe ich damals aus­pack­te, las ich Dei­ne Zei­len. Beim Aus­pa­cken habe ich dann nur nach drei Lich­tern gesucht. Du hat­test vier bei­gege­ben. Das vier­te habe ich zufäl­lig nach Weih­nach­ten ein­mal gefun­den. „Gebe Gott, daß ich im nächs­ten Jahr das vier­te Licht dar­auf­ste­cken kann.“ Nun will ich es Dir brin­gen, Herz­al­ler­liebs­te, wie es hei­ßen soll? Du! Das will ich Dir selbst sagen.

Was ich für Dich emp­fin­de, ich mag nun nicht mehr davon schrei­ben, es wird erst recht wach, wenn ich bei Dir bin, Du, mei­ne lie­be [Hil­de]. Ich seh­ne mich nach dem Tag, an dem mir Dein lie­bes Wesen wird immer gegen­wär­tig sein. Nun wol­len wir Gott bit­ten, er möge unse­ren Bund seg­nen und über unser Glück gnä­dig sei­ne schüt­zen­de Hand brei­ten. Gott erhal­te Dich mir froh und gesund. Herz­al­ler­liebs­te! Du mein Son­nen­schein und Glück, wie könn­te ich Dich nicht lie­ben und Dir untreu wer­den? Ich lie­be Dich, und will Dich lie­ben immer­dar und Dir die Treue hal­ten!

Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich! Du mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

Herz­al­ler­liebs­te!

Heu­te Mitt­woch erhielt ich Eure Brie­fe.

Sage Dei­nen lie­ben Eltern herz­li­chen Dank.

Und nun sei auch Du bedankt.

Rich­tig ange­steckt hast Du mich mit Dei­ner Freu­de. Ich benei­de Euch ein wenig um den fro­hen Drasch. Mit die­ser Post gehen die Ein­la­dun­gen an die Brü­der ab.

So, nun möch­te ich Dir im Vor­über­ge­hen ein Schür­zen­bän­del auf­zie­hen und mal durch den Keh­richt lau­fen.

T&SavatarsmBleibt alle froh und gesund und seid herz­lich gegrüßt von Eurem [Roland].

 

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