27. November 1939

Talvisota 7th Army 1939
Die Rote Armee rückt 2. Dezem­ber 1939 in die Kare­li­sche Land­enge vor. Quel­le: Pan­sar i Vin­ter­k­ri­get by Mak­sym Kolo­my­jec, Bild: CAFM, gemein­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
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O., am 27. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Dies­mal weiß ich vor lau­ter Auf­re­gung und Freu­de gar­nicht, wo ich zuerst begin­nen soll. Allem vor­an muß ich Dir aber recht herz­lich dan­ken, für Dei­ne lie­be Brief­kar­te. Wenn Dein Bote ges­tern auch mal einen kür­zer gefaß­ten Inhalt barg, so hat er mich doch herz­lich erfreut; denn er ent­hielt alles, was ich wis­sen muß, Du! Daß Du gesund und froh bist und — daß Du mich liebst, Du! Drei Wor­te sind’s nur, ob Du sie mir schreibst, ob Du sie mir sagst unzäh­li­ge Male — immer bin ich dar­über so unsag­bar glück­lich, als hör­te ich sie zum ers­ten Male. Wor­über ich ges­tern noch so froh wur­de?

Du! Dei­ne lie­ben Eltern schick­ten mir einen so lie­ben Brief — in Anbe­tracht uns[e]res Fes­tes; Du sollst ihn lesen, Liebs­ter! Auch mei­nen Eltern schrie­ben sie einen lie­ben Brief.

Freudenspiegel deß ewigen Lebens 412
Phil­ipp Nico­lai, “Wachet auf, ruft uns die Stim­me”, 1599. Die­ses Kir­chen­lied wird im Got­tes­dienst am Toten­sonn­tag, oder Ewig­keits­sonn­tag, gesun­gen wird. Lizenz­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Der Toten­sonn­tag bescher­te uns ein fürch­ter­li­ches Wet­ter, Schnee- und Regen­schau­er ver­bun­den mit unheim­li­chen [sic] Sturm, der auch heu­te noch anhält. Ich muß­te den gan­zen Tag Dei­ner den­ken, ob Du in L. bist. Früh war ich im Got­tes­dienst. Herr G., als Haupt­mann, wohn­te ihm auch bei — danach kam er her­auf zu uns und begrüß­te jeden ein­zeln. Sei­ne ers­te Fra­ge galt Dir, er läßt Dich viel­mals und herz­lich grü­ßen. Sonst sah er ziem­lich wohl aus, im Gesicht, wie auch kör­per­lich. Durch Krank­heit (viel­leicht das alte Übel) sei er zu die­sem Urlaub gekom­men, mein­te Ger­trud, sei­ne Toch­ter. Am Nach­mit­tag war ich zu S.s zum Kaf­fee gela­den. Du! Dem Weih­nachts­mann gegen­über hab[e] ich nun ein leich­tes Gewis­sen: ich bin fer­tig mit mei­ner Arbeit! Hörst Du, wie ich tief auf­at­me?

Lui­se weiß seit ges­tern um unser Fest. Es gab die Rede davon und sie frag­te mich, ob wir uns zu Weih­nach­ten ver­lo­ben wür­den. Ihre Fra­ge wört­lich genom­men hät­te ich ver­nei­nen kön­nen. Wenn sie aber nach dem 1. Advent sieht, daß es so ist, wür­de sie als ers­tes fra­gen: Hast Du das vor­her gewußt? Ich müß­te sie dann belü­gen. Ich will das nicht. Ich habe mir als Ziel gesetzt, uns[e]re neu­erstan­de­ne Freund­schaft immer rein zu erhal­ten, und ich glau­be, sie ist soviel Offen­heit wert.

Raffaels Angels
Raf­fa­el, Die zwei Put­ten am unte­ren Bild­rand, Six­ti­ni­scher Madon­na, 1512/1513, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Ja und weil ich eben von der Offen­heit schrei­be, brin­ge ich sie noch ein­mal in Ver­bin­dung einer  ande­ren Sache. Manch­mal nann­test Du mich Engel­chen. Heu­te nun las ich einen Brief, der zwar an mei­ne Eltern gerich­tet war; aber als dazu­ge­hö­ri­ges Glied der Fami­lie sah ich dar­in kein Unrecht, wenn ich ihn auch las. Der Absen­der läßt einen gewis­sen Wild­fang und Tunicht­gut grü­ßen. Wir haben ja kei­nen ander[e]n mehr von der Sor­te, also bin ich gemeint. Na, wel­che Gefüh­le ich beim Lesen hat­te, kannst Du Dir wohl unschwer vor­stel­len. Kom­me Du bloß erst zu mir!! Einen guten Rat will ich Dir gnä­digst ertei­len: Ent­we­der, ruhe Dich vor­her gut aus, damit Du wider­stands­fä­hig bist, oder rei­che ein paar Tage Erho­lungs­ur­laub ein! Nun aber zur Haupt­sa­che. (Und das muß ich trotz allem sagen: Mei­ne Aner­ken­nung Du, für Dei­nen schö­nen Brief an die Eltern, daß ich stolz auf Dich bin, wür­de ich sowie­so nicht zuge­ben, auch wenn Du das schon wüß­test!)

Cookies - Till Westermayer
Weih­nachts­ku­chen, Frei­burg, 23 Dezem­ber 2010, Bild: Till Wes­ter­may­er, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Wie sehr ich mich freue, Du! Daß nun doch noch alle die lie­ben Gesich­ter um uns sein sol­len, die nun mal bei einem Fest in der Fami­lie dazu­ge­hö­ren, das kannst Du Dir kaum den­ken. Und die Eltern freu­en sich mit mir, Du! Ja, alle sol­len kom­men, wenn sie nur irgend kön­nen, so hat­ten wir’s ja auch schon vor­her gedacht. Ach, zu Leben wer­den wir schon haben ihre 11, dar­um ist mir nicht ban­ge. Und bei Tische wird Platz geschafft, indem wir das Sofa her­aus­tra­gen. Der Tisch wird lang aus­ge­zo­gen und bis an die Fens­ter gescho­ben — zu bei­den Sei­ten sit­zen die Gäs­te[,] genug Sitz­ge­le­gen­heit ist auch da. Dann die Bet­ten. Mut­ter mein­te, ein­mal gin­ge es schon, wenn alle paar­wei­se schlie­fen, bloß wir bei­den nicht!! Im Eltern­schlaf­zim­mer: Vaters Bett, Dei­ne Eltern. Mut­ters Bett, Mama und ich. Mein Bett: Hell­muth u. Elfrie­de. Die übri­gen 3 Sofas: 3 übri­gen Män­ner. Na, sind sie nicht mühe­los unter­ge­bracht, wenn auch nicht mit allem Kom­fort? Es han­delt sich doch nur um eine Nacht, vom Sonn­tag zum Mon­tag sind’s doch nur noch 6, die kön­nen dann schon bis­sel beque­mer schla­fen. Also mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Bit­te lade sie alle recht, recht herz­lich ein, in mei­nem und der Eltern Namen — in Dei­nem natür­lich auch mit! Und tu’s sobald wie mög­lich; ich rech­ne, daß Du Mitt­woch mei­ne Zei­len bekommst und am Nach­mit­tag bist Du ja frei, ja? Ach, ich bin nun schon so auf­ge­regt, Du! Am Sonn­abend hab[e] ich schon die Geschen­ke von mei­nen Eltern mit ein­ge­kauft. Wenn Du mich neu­gie­rig machst, so tu’ ich’s auch. Ich ver­ra­te nischt [sic]! Ges­tern gegen Abend haben wir noch Tee­ge­bäck geba­cken, heu­te wol­len wir der Mut­ter noch ein Kleid fer­tig nähen, dann geht’s Rei­ne­ma­chen los; es ist nun bis Sonn­abend jede Stun­de besetzt. Ich will mich schon nicht über­an­stren­gen. Am Sonn­abend will ich Dich, Liebs­ter, bezw. ‚Euch‘ in Chem­nitz erwar­ten, wie üblich. Willst Du? Herz­al­ler­liebs­ter, mein [Roland]! Angst hab[e] ich und Freu­de zugleich. Wenn Du nur erst wie­der bei mir bist, ich seh­ne mich so nach Dir, Du! Herz­liebs­ter! Behüt Dich Gott! Möge er uns zum Fest alle recht froh u. glück­lich fin­den. Auf Wie­der­se­hen, Du! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!T&Savatarsm

Dei­ne [Hil­de].

 

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