22. November 1939

Auszug, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frankfurt Digitale Sammlung, 11.2014.
Auszug, Bericht über den gesunke­nen hol­ländis­chen Pas­sagier­dampfer Simon Boli­var, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frank­furt Dig­i­tale Samm­lung, 11.2014.

[391122–2-1]

O., am 22. Novem­ber 1939.

Am Mon­tag.

Herza­ller­lieb­ster, mein lieber, lieber [Roland]!

Ich liege nun schon in meinem Bett — in unser[e]m Bett, Du! Es schlägt ger­ade 8 vom Kirch­turm. Wirst Du auch schon zur Ruhe gegan­gen sein? Ob Du auch wohlbe­hal­ten heim gekom­men bist? Wenn das Licht so hell scheint, dann bin ich ganz ruhig — aber im Dunkeln, Du!

O, wie so nahe sind mir da die seli­gen Stun­den, und die Sehn­sucht nach Dir wird so mächtig, Du! Ich muß meinen Kopf und mein Gesicht ganz tief in die Kissen drück­en, um recht viel Wärme zu spüren; dann umfängt mich auch ein Gefühl des Gebor­gen­seins — dann spüre ich wenig­stens nicht die Kälte im Zim­mer, die das Allein­sein um so deut­lich­er fühlbar macht.

Du! Ich hab[e] Dich so sehr lieb!

Und ich bin so froh und glück­lich, weil ich weiß, daß Du ganz mein bist, Du!

Unser Beisam­men­sein ver­lief wieder so froh und schön — wir ver­standen uns wieder so gut — wir wur­den uns[e]rer Liebe zueinan­der wieder so deut­lich bewußt, und weil wir bei­de ganz im Innern fühlen, daß unser Beschützer droben über unser[e]m Bunde wacht, — daß sein Wille an uns geschieht — sieh, darum Lieb­ster, kön­nen wir auch so recht von Herzen glück­lich sein.

Ich kon­nte auch beim Abschied nicht trau­rig sein, Du!

Ich weiß es ja, daß Dein Herz bei mir ist, immer, auch wenn ich Dich nicht um mich habe — und diese Gewißheit gibt mir so viel Kraft, die kurze Tren­nung zu ertra­gen — wenn es sein müßte, auch für län­gere Zeit — in 12 Tagen, so Gott will, Du! Dann hab[e] ich Dich doch schon wieder!

Lieb­ster! Heute früh kon­nte ich kaum fassen, was sich meinen Augen bot. Als ich zum Fen­ster hin­aus­sah, Du! Soweit ich blick­en kon­nte, nichts als Schnee und lauter Schnee! Du! War das ein her­rlich­es Bild, so viel auf ein­mal, man mußte bis zu den Knöcheln darin wat­en. Der Schnee hält sich, heute abend friert es draußen; wenn jemand unten am Hause vor­bei geht, höre ich, wie’s knirscht. Den ganzen Tag schon bin ich über dies Ereig­nis ger­adezu von ein­er kindlichen Freude erfüllt. Du, wenn in 14 Tagen noch Schnee liegt, dann wird rechte Advents- und Wei­h­nachtsstim­mung sein.

Ich war heute recht müde um die Nach­mit­tagszeit — ich mußte denken, daß Du da vielle­icht schläf­st — gewiß nur, weil so stark geheizt war im Raum. Du! Jet­zt sind meine Hände eiskalt, und meine Augen­lid­er wer­den so selt­sam schw­er.

Ich will nun schlafen Lieb­ster!

Behüt Dich Gott!

Her­zlieb­ster! Ich halte Dich ganz fest, ich küsse Dich, gut Nacht, Du!

Deine [Hilde].

Am Mittwoch.

Herza­ller­lieb­ster!

Gestern ging es stark auf Mit­ter­nacht, als ich schlafen ging. Luise war bei mir, wir hiel­ten zu dritt einen gemütlichen Han­dar­beitsabend, Mut­ter war die dritte — und über der Plaud­erei und dem fleißi­gen Arbeit­en, ver­gaßen wir die Zeit. Heute will ich nun die Zeilen für Dich fer­tig schreiben, damit Du nicht so lange auf ein Zeichen von mir warten mußt. Am Nach­mit­tag war wieder das selt­same Gefühl in mein­er Hand, daß noch nie trügte, wenn Du mir schreib­st! Mor­gen wird sich’s erweisen, da kann ich nun nicht schnell mal heim ren­nen; denn es liegt der Schnee noch und bit­terkalt ist’s draußen und zum Anziehen benötige ich zuviel Zeit, es wird mir bis­sel schw­er fall­en, das Warten!

Auszug, Bericht zur Jugendgruppe der NS-Frauenschaft, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frankfurt Digitale Sammlung, 11.2014.
Auszug, Bericht zur Jugend­gruppe der NS-Frauen­schaft, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frank­furt Dig­i­tale Samm­lung, 11.2014.

Luise meinte, mein Fehlen sei am Son­ntag nicht sehr aufge­fall­en; sie selb­st ist auch eher wieder gegan­gen, weil ihr das Spiel sehr miß­fall­en habe, Schulkinder führten es auf. Nun bereue ich beina­he, daß ich fehlte, um mir nicht selb­st ein Urteil bilden zu kön­nen.

Nun eine Über­raschung! Gewiß auch für Dich. Gestern erhielt ich einen recht lieben Brief von Ilse D. aus H.. Ich soll Dich recht her­zlich von ihr und ihrem Manne grüßen.

Großes Inter­esse zeigt sie daran, wo Du nun eigentlich steckst, was der Heeres­di­enst macht, ob w[ir] uns schon ver­lobt hät­ten, oder gar gle­ich Kriegstrau­ung machen! Aus­führlichen Bericht gibt sie mir über ihren kleinen ‚Schlumpf‘ — so nen­nt sie ihn — das ist ihre größte Freude; denn er gedei­ht prächtig. Am Erntedank­fest war die Taufe. Er sei im übri­gen sehr brav und artig, und sie könne sich gar­nicht denken, von wem er das habe — dahin­ter ste­ht ein dick­es Aus­rufeze­ichen!

Ihr Mann ist noch nicht einge­zo­gen und wird es wohl auch nicht wer­den. Er ist am 1. Okto­ber zum Schulleit­er befördert wor­den. Sie war am Son­ntag, da sie meinen Brief schrieb, auch wieder allein zu Haus, ihr Mann weilte in S. dien­stlich, als Kreisred­ner! Er habe über­haupt der­art viel Arbeit im Dienst, Partei, Gemeinde u.s.w..  Ein gewiss­er Stolz schwingt in diesen Zeilen, doch zugle­ich auch eine leise Wehmut, Entsa­gung.  So wie ich Ilse kenne, wird sie dieses Leben ein gut Teil Über­win­dung kosten — sie ist es anders gewöh­nt.  Doch nun ist sie ja Mut­ter, sie muß leben und froh sein für ihr Kind.  Aber nicht jede Natur ist geschaf­fen für ein Leben in engem Kreise, und dazu ist sie nun dort, man kön­nte sagen, verurteilt.  Auf dem Lande, außer der Schwiegermut­ter keine alten Fre­unde und Bekan­nte.

Es ist eine alte Tat­sache, je höher man im Beruf, oder irgend son­st die Rangstufen empor klimmt, umso mehr und umso fes­ter binden die Pflicht­en, hält einen die Ver­ant­wor­tung.

Auszug, Bericht zu Mädchen, die Strümpfe für Soldaten stopfen, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frankfurt Digitale Sammlung, 11.2014.
Auszug, Bericht zu Mäd­chen, die Strümpfe für Sol­dat­en stopfen, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frank­furt Dig­i­tale Samm­lung, 11.2014.

In uns[e]rer Zeit, wo doch fast jed­er Mann auf irgend eine Art, sei es nun frei­willig, oder pflicht­gemäß dem Vater­lande dienen muß, haben die Frauen und Müt­ter keine gerin­gen Auf­gaben.

Die Frauen, die dem Lebens­ge­fährten mehr Weib als Kam­er­ad sein wollen, kostet es einen guten Teil Ide­al­is­mus und Großherzigkeit, um nicht das häus­liche Glück im Strudel des Welt­geschehens, zer­schellen und versinken zu lassen.

Doch man darf auch nicht gar so schwarz sehen; die Brücke, die feste, sichere Brücke über alle Abgründe und Uneben­heit­en des Lebens, sie ist gestützt von drei Grundpfeil­ern: Ver­ste­hen, Ver­trauen und Liebe; sie wird zwei Men­schen, die zusam­menge­hören, immer wieder zueinan­der führen. Und wenn das Schick­sal ein­mal noch so rauh zupackt, wenn man glaubt, Men­schen­hand sei außer­stande das Böse, Schlimme abzuwen­den, wenn man meint, es sei zu schw­er, daß es ein Men­schen­herz tra­gen könne; so sind wir doch noch nicht am Ende, es gibt dann noch eines, das alles Leid der Welt wan­delt in stilles Dulden, etwas, das uns Zuflucht und Halt ist jed­erzeit. Lieb­ster! Wir wis­sen bei­de darum.

391122-2-1id
Auszug, Bericht zum Aufruf von Dr. Ley zur Kriegser­folge, Neueste Zeitung, 9/272 (20.11.1939), S. 1, über Uni-Frank­furt Dig­i­tale Samm­lung, 11.2014.

Und wohl denen, die in Not und Ver­wirrung den Weg dahin find­en kön­nen.

Der Weg der Ilse W.? Diese bei­den Men­schen haben sich gefun­den, zusam­menge­tan; gewiß verbindet sie Liebe und gemein­sames Inter­esse, auch an seinem parteiamtlichen Neben­berufe, der zwar ehren­voll ist, dafür aber auch oft große Opfer ver­langt. Was ich aus Ilse’s Brief her­aus­füh­le? Du weißt es nun. Aber das bedeutet für mich kein Zögern, Zurück­we­ichen oder Wanken in unseren Zukun­ft­splä­nen. Froh, freudig und glück­lich will ich weit­er­bauen mit Dir an unser[e]m Werk, das wir bei­de ganz eigens in die große Welt stellen und auch darin erhal­ten wollen. Je öfter und je mehr ich die Rich­tung uns[e]res Weges nach rück­wärts ver­folge, um so mehr erkenne ich, daß eine höhere Hand uns leit­et, die nicht umson­st uns die Treue hält. Mit allen meinen Kräften will ich Dir zur Seite ste­hen, furcht­los und mutig will ich mit Dir allen Wider­wär­tigkeit­en begeg­nen. Das Höch­ste und Wichtig­ste aber soll über unser[e]m Lebensweg leucht­en, dessen ersten Teil wir nun am 1. Advent gemein­sam begin­nen: Ein Leben in Gottes Namen. Wovor müssen wir dann noch ban­gen? Ich will zu Dir gehören, mit Leib und Seele, für immer, Du! Denn ich liebe Dich, wie nichts mehr auf der Welt, Mein lieber, lieber [Roland]!

T&SavatarsmDu bist mein ganzes Glück.

Deine [Hilde].

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.