21. November 1939

Militärfahrkarte1938
Mili­tär­fahr­kar­te, 1938, Lizenz­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014
[391121–1-1]

S. am 21. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Nun muß ich Dir mei­ne gute Heim­kehr mel­den. Sie ver­lief plan­mä­ßig und ziem­lich pünkt­lich. Von Chem­nitz aus teil­te ich mein Abteil mit einem ein­zi­gen Sol­da­ten. Wir haben uns lang gemacht, ich habe halb schlum­mernd, müde und froh, dahin­ge­däm­mert. Ich muß dar­an den­ken, wie es war, wenn ich frü­her von uns[e]rer Begeg­nung heim­fuhr, als wir ein­an­der noch nicht gewiß waren. Da waren alle Sin­ne damit beschäf­tigt, die neu­en Ein­drü­cke dem bis­he­ri­gen Bil­de ein­zu­fü­gen, Erwar­tung und Erfül­lung gegen­ein­an­der abzu­wä­gen, neue Plä­ne zu schmie­den. Ja Liebs­te, wir sind uns nicht sogleich um den Hals gefal­len, ich zumal habe gezau­dert und gezwei­felt, ich kann mich gar nicht mehr recht dar­ein ver­set­zen, wie wir damals ein­an­der gegen­über­stan­den, Du erscheinst mir ganz anders heu­te, und recht deut­lich ist mir nur, wie gro­ßes Ver­trau­en wir inein­an­der set­zen. Ich glau­be, Du hast Dich auch irgend­wie ver­än­dert in die­ser Zeit, sodaß wir nun bes­ser als vor­her zuein­an­der pas­sen. Daß Ehe­leu­te sich ähn­lich wer­den, inner­lich und äußer­lich, das ist ja eine bekann­te Erschei­nung. Schon frü­her ein­mal, dies­mal aber beson­ders deut­lich, habe ichemp­fun­den, daß Du mir beim ers­ten Wie­der­se­hen etwas fremd warst in Aus­se­hen und Stim­me und Mie­ne, daß Du mir beim Abschied wie­der ganz bekannt und ver­traut vor­kamst. Du warst frisch fri­siert — ich habe Dich lan­ge nicht mehr gese­hen — das mag alles mit­spre­chen, aber zur Erklä­rung langt es nicht ganz.

Bundesarchiv Bild 101II-MW-6307-32, Minen auf S-Booten im Bunker
Mit See­mi­nen bela­de­ne Schnell­boo­te im Bun­ker. Deut­sche U-Boo­te und die Luft­waf­fe fin­gen 20. Novem­ber 1939 an, die Fluss­mün­dung des Tha­mes, Eng­land zu ver­mi­nen. DBa Bild 101II-MW-6307–32, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Es ist wohl so, daß man sich auf den Umgang mit einem Men­schen erst wie­der ein­stim­men muß. Daß mir Fräu­lein Schüt­ze in den Weg lau­fen muß­te, war mir durch­aus nicht recht. Es ist schwie­rig, sich vor ande­ren Leu­ten mit einer Dame zu unter­hal­ten, zu deren Leben man wenig Bezie­hung hat, und dabei dar­auf zu ach­ten, daß die Gren­ze des Ver­trau­li­chen nicht über­schrit­ten wird. Wenn ich zu Dir fah­re, bin ich am liebs­ten ganz für mich, auch wenn ich heim­rei­se. Von einem Pfingst­aus­flug zum H. berich­tend, schrieb ich Dir ein­mal: Unter den vie­len Mäd­chen darf ich nun wäh­len, und darf doch nur eine wäh­len, es möch­te einen ban­gen, Frei­heit und Beschrän­kung so mit­ein­an­der ver­kop­pelt. Herz­lie­bes, ich bin so glück­lich dar­über, daß Du mei­ne Gedan­ken und mein Sin­nen so ganz erfüllst, daß ich die Schran­ken gar nicht spü­re, daß ich gar nicht anders wäh­len möch­te.

Nun muß ich mei­ne Sonn­tags­ja­cke wie­der in den Schrank räu­men und die glück­li­chen Stun­den uns[e]res Bei­sam­men­seins wie­der der Erin­ne­rung anver­trau­en, sie waren so kurz, Liebs­te, wir kön­nen uns viel län­ger lieb­ha­ben, wenn auch nicht so stür­misch, Du! Wills Gott, dür­fen wir in den Weih­nachts­fe­ri­en wie­der recht glück­lich mit­ein­an­der sein. Wenn ich bei Dir bin, dann ist Sonn­tag, Son­nen­tag, Fest­tag, dann span­ne ich aus, dann gehö­re ich mir selbst, ledig der Pflicht des Amtes. So ist es jetzt, Herz­al­ler­liebs­te. Fest­ta­ge sind uns[e]re Begeg­nun­gen, ein­ge­spart und frei­ge­macht durch dop­pel­te Arbeit vor­her und durch der Eltern lie­be hel­fen­de Hän­de.

Und dann Herz­lie­bes? Dar­auf wer­den wir ach­ten, Du, daß unse­re Tage nicht ein grau­es Einer­lei der Arbeit wer­den, son­dern daß wir dazwi­schen aus­ru­hen und fei­ern und uns besin­nen wie jetzt, daß jeder Tag auch eine Wür­ze erhält.  Aber dar­um ist mir nicht ban­ge.  Was ich nicht sehe und mer­ke, das bemerkst Du, und was Dir ent­geht, das hal­te ich fest.  Zwei Nasen (und was für wel­che), zwei Zun­gen, zwei, nein vier Ohren und vier Hän­desind wir dann.

Bastei im Winter 12
Bas­tei im Win­ter, Natio­nal­park Säch­si­sche Schweiz, Bild: Dr. Bernd Gross, über Wiki­me­dia Com­mons 11.2014
 Der Buß­tag fiel also aus heu­te.  Am Sonn­abend geden­ke ich nach Dres­den zu fah­ren, am Sonn­tag nach L., wenn das Wet­ter gut ist.  Kaf­fee kochen und hei­zen muß ich mir nun 2 Tage selbst.  Das kann ich ja, ist wie­der ein­mal eine inter­es­san­te Abwechs­lung, die mir die Zeit bis zu unse­rem Fest­tag schnel­ler ver­ge­hen läßt.    Mon­tag früh zeig­te sich die Welt in Weiß.  Die Elbe führt wie­der Hoch­was­ser, das größ­te, seit ich hier bin.  Heu­te früh war ich um 5 Uhr mun­ter.  Da habe ich mir mei­ne gro­ße Rede zurecht­ge­legt.  Dei­nen Eltern will ich auch bald schrei­ben.  Bit­te gru­ße sie von mir und sage ihnen Dank für ihre Her­ber­ge am Sonn­tag.

Liebs­te, ich kom­me so gern nach O. jetzt, S.straße […]. Kannst Du Dir den­ken, war­um?  Zwie Stüb­chen fin­det man dort, die Zeit steht still dar­in, dafür tickt und schlägt dort ein Herz, so groß und lieb, so süß, und manch­mal so wild, Du!  Bald wird es wie­der so weit sein.

Behüt Dich Gott, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Voll gehei­mer Sehn­sucht und Freu­de sehe ich uns[e]rer Stun­de ent­ge­gen, Herz­al­ler­liebs­te, und unse­rem Tag.

Dann will ich Dich umschlin­gen, und Dich küs­sen und mich Dei­ner Nähe freu­en.

Ich lie­be Dich, Herz­lie­bes, Du mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!T&Savatarsm

Dein [Roland].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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