Trug und Schein: Ein Briefwechsel

15. November 1939

[391115–1‑1]

S. am 15. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

John Henry Fuseli - The Nightmare
John Hen­ri Fuse­li, der Nacht­mahr, 1781, Insti­tu­te of Fine Arts Detroit, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Wie ein Traum, oder wie ein Spuk oder wie sonst irgend­ei­ne unwirk­li­che Geschich­te, so kommt mir unser Leben jetzt manch­mal vor. Nichts steht fest, alles schwankt; nichts ist von Bestand, alles flüch­tig; nichts ist abso­lut gül­tig, alles ist frag­wür­dig; nir­gends Gebor­gen­heit, über­all Unru­he, Unrast, Unsi­cher­heit, Ungewißheit.
Volksempfaenger391115
Volks­emp­fän­ger VE301W, 1933, Hihi­man, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.

Uns[e]re sonn­täg­li­chen Zusam­men­künf­te in der Fami­lie: sie sind wie ein Traum, so kurz und des­halb so unwirk­lich, kaum hat man sich gegrüßt, geht es schon wie­der ans Abschied­neh­men; längst hat man sich noch nicht alles gesagt, da zieht schon ein jeder wie­der ab, jeder in eine and[e]re Rich­tung, ins Dunk­le, Unge­wis­se, man weiß nicht, ob man ihn jemals wie­der­sieht. Da ist das Radio: die­ses Gespenst, die­ses Unge­heu­er, die­ser Zau­ber­kas­ten, wie aus einer Traum­welt her­über­ge­holt, unheim­lich speit er immer ande­re meist beun­ru­hi­gen­de Neu­ig­kei­ten, die man dann im oder am Kop­fe wie eine böse Beu­le mit sich her­um­trägt, und die einen bis in den Schlaf ver­fol­gen. Da ist abends die Dun­kel­heit. Zu Hau­se beun­ru­higt es einen nicht. Aber unter­wegs, im Getüm­mel der Bahn­hö­fe, wie alle durch­ein­an­der­su­chen und wüh­len und kreb­sen wie das Getier auf einem Mee­res­grund, das ist ver­wir­rend und geis­ter­haft. Mein Dasein hier in S. selbst: Es ist dar­in ein unsi­che­rer Fak­tor: Mein Tages­lauf bleibt nur so, solan­ge der Krieg dau­ert, denn von rechts­we­gen [sic] muß ich ja pen­deln. Und noch traum­haf­ter erscheint mir alles, wenn ich den­ke, daß ich mit­ten in dem Has­ten und Ängs­ten die­ser Zeit Dich fand, wenn ich an uns[e]re Begeg­nun­gen den­ke, die man­cher­lei Umstän­de, an die seli­gen, süßen Stun­den, Du! Wie ein Traum alles. Mei­ne lie­be [Hil­de]! Es ist eine rau­he, wil­de Zeit, die wir jetzt erle­ben; eine Zeit voll Gefah­ren, eine Zeit mit mehr schwan­ken­den und flüch­ti­gen Erschei­nun­gen und Gestal­ten als fes­ten, eine Zeit der Erpro­bung und Heim­su­chung. Und wenn alle Zei­ten Sinn und Gestalt von Gott erhal­ten, dann ist es eine Zeit der Got­tes­fer­ne — oder der Got­tes­nä­he. Es ist wenig Got­tes­furcht unter den Men­schen, aber Gott ist hin­ter den Men­schen […] in den man­cher­lei Unge­wit­tern. Daß ich es sehe und glau­ben kann, wie die­ser tol­le Wir­bel uns[e]rer Zeit nicht das mut­wil­li­ge Spiel eines Zufalls oder der Mensch­heit ist, son­dern daß Gott als Obers­ter sei­ne Hand im Spie­le hat, das gibt mir Kraft und Mut zur Hoff­nung, das allein kann uns bewah­ren vor der Ver­zweif­lung. Und mit die­ser Hoff­nung bau­en wir getrost wei­ter mit mit­ten, [sic] im Sturm der Zeit, baue ich mit Dir, Herz­lie­bes, Du mein Kame­rad, mein Lebens­ge­fähr­te, und bau­en wol­len wir nicht für die nächs­te Stun­de und den nächs­ten Tag, bau­en wol­len wir für ein gan­zes Leben im Ange­sicht Gottes.

Moscow negotiations paaskivi yrjokoskinen nykopp paasonen 1939
Innen­mi­nis­ter Juho Kus­ti Paasik­i­vi, zwei­ter von links, kommt 16. Okto­ber 1939 für die Ver­hand­lung in Mos­kau an, die 13. Novem­ber geschei­tert ist. Quel­le: Juk­ka Neva­ki­vi: Apu jota ei annet­tu, ISBN 951–0‑24676‑x, S. 213 Pho­to 9, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2014.
Herz­al­ler­liebs­te! Die bei­lie­gen­de Kar­te war als ein Gruß an Dich gedacht. Der Maler war erst ganz zuletzt in Stim­mung und dann ging alles in Eile. Ich wer­de Dir sel­ber eini­ge Erläu­te­run­gen geben müs­sen. Wir waren alle bei­sam­men. Ganz über­ra­schend erschien in der schwar­zen Pan­zer­uni­form Sieg­fried, auf Sonn­tags­ur­laub aus Erfurt. Daß Du nicht unter uns weil­test, dar­über war ich ein­mal froh — Hell­muth ist zu schlecht aus­ge­stat­tet, es wäre mir sel­ber pein­lich gewe­sen, am Sonn­tag ist es mir erst recht auf­ge­fal­len, es hat mir den gan­zen Tag etwas ver­lei­det — zum ander[e]n war es scha­de: Hell­muth hat von sei­ner See­rei­se ein paar recht schö­ne Bil­der heim ange­bracht, vier davon hat eine Kunst­hand­lung in Dres­den in Kom­mis­si­on genom­men. Ich wer­de Dir von mei­nen Ein­drü­cken noch erzäh­len. Du! Seit Sonn­tag­abend lie­gen im Schatz­käst­chen zwei run­de, gel­be Din­ger, Liebste!

Über Dei­nen Brief habe ich mich recht gefreut. Der 1. Advent ist nun unser Fest­tag, Herz­lie­bes, daß Du zustimm­test, auch dar­über freue ich mich. Vater und Mut­ter wol­len ihn mit uns begehen.

Herz­lie­bes! In freu­di­ger Erwar­tung sehe ich nach dem Ende die­ser Woche. Ich weiß schon nim­mer ganz, wie Du aus­siehst. Lieb von Dir, daß Du mich in Chem­nitz erwar­ten willst. Wenn er pünkt­lich ist, […] läuft mein Zug ein.

Nun behüt’ Dich Gott.

Bit­te grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern.

Ich will zu Dir, Liebs­te. Ich seh­ne mich nach Dir.

Ich will Dich küs­sen und recht lieb haben,

Du! mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de],T&Savatarsm

Dein [Roland].

 

 

 

 

 

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15. Novem­ber 1939

Ein Gedanke zu „15. November 1939

  1. In die­sem Brief von 1938 wird die poli­ti­sche Span­nung des Natio­nal­so­zia­lis­mus sehr deut­lich. Vor allem im ers­ten Abschnitt wie­der­holt Roland immer wie­der die Unge­wiss­heit der Welt und der Unbe­stän­dig­keit des All­tags. Er ver­wen­det dafür eini­ge sprach­li­che Stil­mit­tel um die­se Zeit beson­ders deut­lich zu machen. Die Alli­te­ra­ti­on “Über­all Unru­he, Unrast, Unsi­cher­heit, Unge­wiss­heit” spie­gelt das Leben nur zu deut­lich wie­der. Die Zusam­men­künf­te mit der Fami­lie erschei­nen Roland wie ein Traum, zu kurz, zu unsi­cher für die­se Zeit — als wür­de er jede Minu­te mit sei­ner Fami­lie emp­fin­den, als kön­ne es eben­so die letz­te sein. Er spricht auch tech­ni­sche Inno­va­ti­on an — wie das Auf­kom­men des Radi­os, das von der Dik­ta­tur des Regimes als Pro­pa­gan­da­mit­tel genutzt wur­de. Im Gegen­zug scheint die Lie­be zu Hil­de wie ein Licht­blick zu sein. Die zwei­te Hälf­te des Brie­fes beschreibt die schö­nen, sinn­li­chen Stun­den mit Hil­de, wäh­rend eines Spa­zier­gangs oder dem ein­fa­chen roman­ti­schen Zusam­men­sein. Der Kon­trast zwi­schen der schreck­li­chen poli­ti­schen Zeit und einer so unschul­di­gen Lie­be kann nicht deut­li­cher beschrie­ben wer­den. Immer wie­der wird auch Gott ange­spro­chen — Gott, an den kein Mensch mehr denkt, doch der hin­ter jedem steht, jeden behü­tet und auf jeden Acht gibt. Und Gott, der Hil­de und Roland zusam­men­ge­führt hat. Hil­de ist für Roland nicht nur die Gelieb­te, son­dern er spricht sie als Lebens­ge­fähr­tin und Part­ne­rin an. Eine Per­son, mit der man durch dick und dünn gehen will — eben­so durch schwe­re Zei­ten wie die­sen der Tren­nung und des Krie­ges. Aus dem Brief geht her­vor, dass er ihr ein Por­trait (?) mit­schick­te. Und zwei für mich per­sön­lich neue Figu­ren tre­ten ins Bild: Sieg­fried, der in Uni­form geklei­det ist und zu Besuch kam und Hell­mut, der anschei­nend See­fah­rer ist und Bil­der mit­ge­bracht hat als Geschen­ke. Kann mir jemand wei­ter­hel­fen und erläu­tern, wer die­se bei­den Per­sön­lich­kei­ten sind und in wel­cher Bezie­hung sie zu Roland ste­hen? Ein wei­te­re Hin­weis sind die zwei run­den, gel­ben Din­ger, die Roland anspricht: dies sol­len sicher die Ehe­rin­ge sein, die bereit lie­gen für die Hoch­zeit. Hat er ihr bereits einen Antrag gemacht? Und wenn ja, wann ist die Hoch­zeit geplant? Denn der Brief­kon­takt geht schließ­lich noch min­des­tens 2 Jah­re so wei­ter… Sie schei­nen sich lan­ge nicht gese­hen zu haben, denn er pos­tu­liert, dass er kaum noch weiß, wie sie aus­sieht. Sei­ne Schreib­wei­se ist noch sehr bedacht, sehr aus­ge­schmückt und anschau­lich beschreibt er das All­tags­le­ben und die Nut­zung der Stil­mit­tel ist hier beson­ders her­vor­zu­he­ben! Meta­phern, Alli­te­ra­tio­nen, Über­trei­bun­gen etc. wer­de fast in jedem Satz gebracht.

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