11. November 1939

[391111–2-1]

O., am 9. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Buergerbraeukeller
Das Bür­ger­bräu­kel­ler im Rosen­hei­mer Stra­ße 29, Mün­chen, 8./9. Novem­ber 1933, Foto­ar­chiv Hoff­man, über His­to­ri­sches Lexi­kon Bay­erns und Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Für Dei­nen lie­ben Brief mei­nen herz­lichs­ten Dank. Ich wuß­te, daß Du mir heu­te schrei­ben wirst. Es ist etwas so Eigen­ar­ti­ges um die Gedan­ken und um die Sehn­sucht. Bei­de gehen so unend­lich weit, wie unsicht­ba­re Fäden ver­bin­den sie uns. Sie drin­gen durch den letz­ten Wider­stand hin­durch, der sich bie­tet und gelan­gen doch zu der See­le, die sie suchen.

Ich habe so deut­lich gefühlt, wie Du mei­ner denkst, Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Gar kei­ne bestimm­ten Gedan­ken sind’s, die mich fes­seln dabei — es ist wie ein fort­wäh­ren­des Lau­schen nach innen, vol­ler fro­her Erwar­tung.

Robert Campin 006
Robert Cam­pin, Die Ver­kün­dung, 1420–40, König­li­ches Muse­um der Schö­nen Kuns­ten zu Bel­gi­en, [Public domain], über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Ja, so froh hast Du mich gemacht mit Dei­nen Zei­len. Du gibst mit den rech­ten Wor­ten Aus­druck für das Schick­sal unse­res Bun­des. Und wie könn­te ich anders emp­fin­den als Du. Alles gemein­sam Erleb­te, gibt es nicht Zeug­nis davon, daß Got­tes Wil­le an uns offen­bar wur­de?  Wie win­zig, unschein­bar und schwach dünkt mich ein Mensch auf die­ser Erde — was wäre er ohne Got­tes Füh­rung? Ein Nichts.  Wie arm, wie bedau­erns­wert sind die Men­schen, die nie im Leben die wun­der­ba­re Kraft des Gött­li­chen ken­nen ler­nen. Wir haben einen Zugang zu Gott und wir erkann­ten und wir glau­ben dar­an, daß es nichts Höhe­res, nichts Bes­se­res gibt, als uns ihm ganz anzu­be­feh­len, als sei­ne Gna­de und Güte zu errin­gen.  Über allem Glück auf Erden dür­fen wir nie­mals ver­ges­sen, daß nur ein Leben in Got­tes Namen lebens­wert ist.

Got­tes Geschenk ist unse­re Lie­be, Du!

Da wir uns nun so ganz gefun­den, da wir dies nun auch den Außen­ste­hen­den kund tun [sic] wol­len, indem wir sicht­bar durch das äuße­re Zei­chen, den Ring, unse­re Zusam­men­ge­hö­rig­keit bewei­sen — Liebs­ter! Da wir vor dem ers­ten öffent­li­chen Fest uns[e]rer Lie­be ste­hen, gehen mei­ne Gedan­ken zurück — vori­ges Jahr um die­se Zeit.     Freund­schaft ver­band uns damals — ich weiß so genau noch, daß ich sie in Gefahr brach­te — bewies es sich nicht auch damals, daß unser Schick­sal nach eines [sic] Höhe­ren Plan sich erfüll­te?

Ach Du! Ich glau­be, alles, so wie es kam — auch das Erle­ben an der See — es muß­te sein; ich wur­de dadurch mei­ner Lie­be zu Dir nur deut­li­cher und tie­fer bewußt.  Gott hat­te mir die­se Prü­fun­gen gestellt um sich von der Wahr­heit mei­ner Lie­be zu Dir zu über­zeu­gen. Und die Wahr­heit blieb bestän­dig.  Ich habe mei­ne Lie­be zu Dir rein und unbe­fleckt hin­durch­ge­tra­gen, durch alle Fähr­nis­se, und nun ward mir der schöns­te Lohn: Du schau­test mein Herz — Dei­ne Lie­be ward mein! Und die gan­ze Selig­keit Dei­ner Lie­be kann ich erst erfas­sen, seit ich Dir mein Herz schenk­te, Du!

Vori­ges Jahr um die Advents­zeit wuß­te ich Dich in L.. Weißt Du noch, wie wir die Ker­zen am Advents­kranz als Sinn­bil­der benann­ten? Du! Um den drit­ten Advent schriebst Du ein­mal unge­fähr:

Gebe Gott, daß ich die 4. Ker­ze übers Jahr dazu­brin­gen kann, — wie sie hei­ßen müß­te?‘

Mein Lieb, Du! Heu­te, ein Jahr spä­ter, ward Dein heim­li­cher Wunsch Erfül­lung. Und Dei­ne Fra­ge? Ist sie nun beant­wor­tet?

Ach Liebs­ter! Wenn ich bei mei­ner Arbeit sit­ze und mei­ne Gedan­ken gehen zu Dir, zu unse­rem Bund, dann kann ich oft das gro­ße Glück kaum fas­sen — dann seh­ne ich mich so sehr nach Dir — nur wenn ich in Dei­ne Augen sehe, wenn ich Dei­ne lie­be Hand hal­te und Dich ganz bei mir weiß, dann bin ich zufrie­den und ganz wunsch­los. Nun sind es nur noch sie­ben Tage — end­lich bist Du dann bei mir, Du! Ich freue mich so sehr. Der 19. soll­te unser Fest­tag sein.

Liebs­ter, Du! Des­sen sei ganz gewiß: Ich bin gar nicht ent­täuscht über Dei­ne Nach­richt. Ers­tens habe ich gewußt, daß es jetzt schwie­rig ist, Rin­ge zu erste­hen — der­ar­ti­ge Neu­ig­kei­ten erfah­ren wir im Geschäft sofort — ich hat­te mich schon auf eine Nach­richt gefaßt gemacht, die gegen unser[e]n Plan geht. Und, Liebs­ter!

Ich emp­fin­de auch jetzt, daß es doch viel schö­ner und sin­ni­ger ist, wenn wir als unse­ren Fest­tag den 1. Advent wäh­len.  Ich will die kur­ze Zeit ger­ne noch war­ten, uns drängt ja auch nichts. Es wäre mir auch recht sehr lieb, wenn Dei­ne lie­ben Eltern mit dabei sein könn­ten, Du! Ich habe nun unter­des­sen den Eltern davon berich­tet und sie möch­ten schon auch ger­ne, daß die Eltern [Nord­hoff] mit­kom­men.  Wie die Nach­richt auf­ge­nom­men wur­de?  Na, sehr über­rascht waren sie nicht mehr, sie hat­ten kurz über lang ein­mal mit die­ser Eröff­nung gerech­net. Aber daß es so plötz­lich kom­men wür­de, dach­ten die Eltern nun nicht, Du! Mut­ter ließ schon wie­der die prak­ti­sche Sei­te durch­bli­cken, indem sie mein­te: Es sei dumm, daß wir’s nicht gleich am letz­ten Male gefei­ert hät­ten, wo wir alle bei­sam­men waren — nun müß­ten Dei­ne Eltern noch­mal die kost­spie­li­ge Rei­se tun. Ach, wir kom­men eben ein bis­sel spät dahin­ter — wir gehen nun mal unser[e]n eige­nen Weg. Es ist etwas sehr Wah­res an dem Wort: Gut Ding will Wei­le haben!

Und ich bin fest über­zeugt davon, wenn auch uns[e]re Ver­lo­bung kein gro­ßes Fest wird, Dei­ne lie­ben Eltern wer­den uns bestimmt die gro­ße Freu­de machen und an unser[e]m Fest­tag teil­neh­men.

Liebs­ter! Du hast auch noch wei­ter gedacht.

Der 1. Advent fällt gera­de in eine kri­ti­sche Zeit.

Nun ist es bei mir nicht der Fall, daß ich von star­kem, kör­per­li­chen Unbe­ha­gen heim­ge­sucht wer­de — frei­lich, so frisch und frei und unge­zwun­gen wie sonst füh­le ich mich nicht; aber, daß ich des­halb irgend­wie stö­rend auf mei­ne Umwelt wir­ke, das glaub[e] ich nicht.

Ich muß dar­an den­ken, Liebs­ter!

Ein Fest fei­ern, das ist immer etwas Beson­de­res, Schö­nes, und der eigent­li­che Reiz eines Fes­tes liegt doch immer in der Krö­nung, die es erhält.

Bei unse­rem Fest, mein Lieb, Du! Läge da die Krö­nung in der Stun­de, die nur uns bei­den gehört? Da wir uns beschen­ken mit dem Höchs­ten, das Lie­ben­de zu schen­ken ver­mö­gen?

Du! Ich kann aber nicht glau­ben, daß die höchs­te Selig­keit ein­zig und allein nur in die­ser Stun­de liegt. Waren wir nicht schon oft so glück­lich mit­ein­an­der, wenn wir nur unse­re Nähe spür­ten?

Dei­ne Ant­wort aber hier­auf sollst Du mir geben, wenn Du zu mir kommst, Herz­al­ler­liebs­ter!

Sonn­tag­vor­mit­tag ist es jetzt, da ich Dei­ner den­ke.

Du bist wie­der mit Dei­nen Lie­ben ver­sam­melt und mei­ne Gedan­ken sind schon seit ges­tern mit­tag nach Schul­schluß ganz fest bei Dir. Wäh­rend ich Dei­nen Brief vom Don­ners­tag beant­wor­te, ist nun schon wie­der Dein lie­ber Sonn­tags­gruß her­ein­ge­flat­tert zu mir. Dafür, daß Du mei­ner so oft denkst, will ich Dich recht lieb­ha­ben, wenn Du bei mir bist! Du darfst aber nicht den­ken, daß ich nicht an Dich den­ke, Du! Wenn ich auch nicht die Zeit fin­de, all mei­ne Gedan­ken für Dich auf­zu­schreiben und Dir zu sen­den, so sind sie aber fast immer nur bei Dir, Liebs­ter! Das darfst Du mir glau­ben.

Ges­tern war ich nicht im Geschäft und so konn­te ich schon am frü­hen Mor­gen mit Mut­ter begin­nen, die Woh­nung gründ­lich zu säu­bern für über acht Tage — ich will nur wenig Arbeit übrig las­sen, damit ich nicht abge­spannt und müde bin, wenn Du kommst. Weil Vater Nacht­dienst hat­te, bade­ten wir erst ges­tern Nach­mit­tag und zuvor war ich mit Mut­ter in L., um mein ‚Braut­bett‘ zu holen, so bezeich­ne­te es näm­lich uns[e]re Bett­fe­dern­frau! Ich bin neu­gie­rig, ob es auch Dei­nen Bei­fall fin­det, Du sollst es am Sonn­abend ein­wei­hen und Dein Gut­ach­ten able­gen. Mein Weih­nachts­ge­schenk und das der Eltern ist bei­na­he so gut wie ent­schie­den; am Sonn­tag­vor­mit­tag sollst Du ein­mal mit­kom­men, es Dir anse­hen — schließ­lich muß es uns doch bei­den gefal­len, nicht wahr? Heu­te will ich nun noch ein­mal tüch­tig mei­ner Weih­nachts­ar­beit zu Lei­be gehen, auch mei­nen Win­ter­man­tel muß ich heu­te noch kür­zer machen, das ist kei­ne Arbeit für die Abend­stun­den.  Das Wet­ter ist nicht viel wert, es lockt mich nicht hin­aus und Freun­din­nen­be­such erwar­te ich eben­falls nicht. Sie geht heu­te mit ihren Eltern aus.

Die Zei­tun­gen ste­hen voll von dem auf­se­hen­er­re­gen­den Ereig­nis am 8. Novem­ber. Ich habe die Rede des Füh­rers aus dem Bür­ger­bräu­kel­ler in Mün­chen gehört.

Dank­bar und froh könn­te man sein, daß der Füh­rer wie durch ein Wun­der die­sem fei­gen Anschlag ent­ging, wenn .…..  Ich weiß nicht, lie­ber [Roland], obwohl ich am Don­ners­tag­früh sehr erschro­cken war, als unser Chef die­se Nach­richt brach­te — ich kann mich doch trotz­dem eines eigen­ar­ti­gen Gefüh­les nicht erweh­ren. Ich will nichts schrei­ben. Ich möch­te heu­te mit bei [sic] Euch sein. Gebe Gott, das alles ein gutes Ende nimmt.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Mein Lieb! Es ist nun ½ 12 gewor­den, um 12 Uhr geht das Post­au­to, wie mir Herr P. Aus­kunft gab. Ich möch­te so ger­ne, daß Du mor­gen mei­nen Gruß in Hän­den hast. Est [sic] ist viel­leicht gar­nicht not­wen­dig, daß ich Dir bis Sonn­abend noch­mal schrei­be.

Friendrich Bethge, nationalsozialistischer Lyriker, Chefdramaturgen und Generalintendanten der Städtischen Bühnen in Frankfurt a. M. , Autor von Rebellion im Preussen, Bild: Digitales Kunst- und Kulturarchiv, Düsseldorf, 10.2014
Fri­end­rich Beth­ge, natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Lyri­ker, Chef­dra­ma­tur­gen und Gene­ral­inten­dan­ten der Städ­ti­schen Büh­nen in Frank­furt a. M. , Autor von Rebel­li­on im Preus­sen, Bild: Digi­ta­les Kunst- und Kul­tur­ar­chiv, Düs­sel­dorf, 10.2014

Die Spiel­plä­ne der Städ­ti­schen Thea­ter zu Chem­nitz sind nicht sehr viel wert. Das Opern­haus schei­det für uns aus, das ist Sonn­abend Tanz­abend. Schau­spiel­haus, um ½ 8 Uhr „Rebel­li­on um Preu­ßen“. Cen­tral Thea­ter, die Fle­der­maus, aber dahin seh­ne ich mich nicht.

Wir wer­den schon einen Plan schmie­den, dar­um ist mir nicht ban­ge, ich kom­me auf jeden Fall am Sonn­abend nach Chem­nitz und erwar­te Dich da. Soll­ten wir uns nicht fin­den, so war­ten wir am Bahn­hofs­ein­gang auf­ein­an­der. Am Sonn­tag­nach­mit­tag gehen wir zur Kir­che, Du weißt, das Refor­ma­ti­ons­fest­spiel. Wirst Du denn am Sonn­tag noch ganz dablei­ben kön­nen, Du?

Zwei­mal kurz hin­ter­ein­an­der kannst Du Dir wohl nicht Dei­nen Unter­richt ver­le­gen? Ich glau­be, ich hab[e] Dir nun alles Schrei­bens­wer­te mit­ge­teilt, ich tra­ge den Boten schnell zur Post, Du sollst nicht so lang war­ten müs­sen. Und nun mein Lieb?  Behü­te Dich Gott!  Erhal­te er Dich mir gesund und froh!  Mei­ne Gedan­ken wer­den immer bei Dir sein, bis ich Dich end­lich in mei­ne Arme schlie­ßen darf, Du mein Herz­al­ler­liebs­ter!

Ich seh­ne mich so nach Dir! Ich küs­se Dich!

Ich lie­be Dich! Du mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

T&SavatarsmIch bin ganz Dei­ne [Hil­de].

Die Eltern las­sen Dich auf fro­hes Wie­der­se­hen recht herz­lich grü­ßen.

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