10. November 1939

Bundesarchiv Bild 183-E12329, München, Bürgerbräukeller, Sprengstoffanschlag
Die Trüm­mer­stät­te nach den ers­ten Auf­räum­ar­bei­ten am 9.11 im Fol­ge von dem Spreng­stoff­an­schlag am 8.11.1939 im Bür­ger­bräu­kel­ler in Mün­chen, ADN-ZB/­Ar­chiv Faschis­ti­sches Deutsch­land 1933–45, Bild: Wag­ner, DBa Bild 183-E12329 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
[391110–1‑1]

S. am 10. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Das ist wohl eine Erfah­rung, die alle die­je­ni­gen machen, wel­che sich für Sonn­abend und Sonn­tag etwas Beson­de­res vor­neh­men: Mon­tag und Diens­tag sind die längs­ten Wochen­ta­ge, aber von Mitt­woch an zer­rin­nen die Stun­den nur so unter den Fin­gern. Ich bin schon wie­der start­be­reit. In acht Tagen, wills Gott, bin ich es für Dich, Lie­bes. Über das Pro­gramm wer­den wir uns im Lau­fe der Woche noch einig. Beach­te bit­te den Spiel­plan der Thea­ter. In dem Gedrän­ge der letz­ten Tage, über dem auf­se­hen­er­re­gen­den poli­ti­schen Ereig­nis, und weil der Bote von Dir noch aus­steht, bist Du bei­na­he ein wenig ins Hin­ter­tref­fen gera­ten. Nicht so, daß ich Dich nicht ver­miß­te, daß Du über­flüs­sig wärst. Mit der Sicher­heit und Gebor­gen­heit eines Kin­des tum­me­le ich mich auf der Stra­ße, jeder­zeit die schüt­zen­de Zuflucht des Eltern­hau­ses hin­ter mir wis­send. Da ist das Schatz­käst­lein, da ist das Album und da ist die Erin­ne­rung an uns[e]re Stun­den und die Erwar­tung, sie sind die Gebor­gen­heit, in die ich mich jeder­zeit zurück­zie­hen kann, die gehö­ren zu mei­nem Gepäck, auch wenn ich sie ein­mal nicht spüre.

Emil Rau Besuch auf der Alm
Emil Rau, Besuch auf der Alm, spä­tes­tens 1937, Doro­the­um, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Ich war so müde ges­tern abend, und nun bin ich schon in B. und schrei­be Dei­nen Sonn­tags­brief fer­tig. Hell­muth ist mit Mut­ter allein zu Hau­se. Elfrie­de ist nach L. gefah­ren, ihre Mut­ter ist ope­riert wor­den, es sieht böse aus. Mor­gen Vor­mit­tag wird Vater sich noch ein­stel­len. Es ver­spricht recht gemüt­lich zu wer­den. Ich wünsch­te Dich dabei. Ich wer­de froh sein, wenn das unste­te Hin­und­her zwi­schen drei Orten ein­mal ein Ende haben wird. Es ist wohl anre­gend, den Schau­platz ein­mal zu wech­seln und zumal den Arbeits­platz hin­ter sich zu wis­sen, aber so ist es auf­rei­bend. Dar­auf wer­den wir bei unser[e]m Nest­bau unser Augen­merk rich­ten, daß unser Heim ein beson­de­rer Schau­platz bleibt. Daß es so sein wird, dafür bürgt mir schon, daß ich Dich dar­in fin­den wer­de. Herz­lie­bes, ich freue mich auf das Nest­bau­en. Herr sein im eige­nen Hau­se. Über­haupt zum ers­ten Male etwas Eige­nes in die­se Welt stel­len. Eine eige­ne Tür mit dem Schild [Nord­hoff], und dahin­ter hau­sen zweie, [Hil­de] und [Roland] hei­ßen sie, haben sich zusam­men­ge­tan, wol­len ganz für sich sei[n,] ganz für sich etwas schaf­fen und dar­stel­len, wer­den gar nicht jeder­mann ein­las­sen, und ihr Nest wird bald einen eige­nen Geruch haben, wer­den eine Welt für sich sein, und das Geheims­te und Bes­te wird nie nach außen drin­gen, das Feind­li­che und Böse aber soll nie­mals dar­in Raum fin­den, und ein­mal soll es Eltern­haus sein, und den Kin­dern eine gute Erzie­hung und ein gutes Eltern­haus bie­ten, noch bes­ser als die eige­nen es waren, den Kin­dern ein Hort, Halt und Weg­wei­ser sein. Das sind Zie­le, die ich mir ste­cken möch­te, es sind auch Zie­le, auf die mich mein Beruf hin­weist. Sie sind nicht kühn und hoch­tra­bend, aber sie sind auch kei­nes­wegs leicht und klein. Und ich weiß, Du wirst mit allen Dei­nen Kräf­ten mit­ar­bei­ten. Herz­al­ler­liebs­te! Schon stel­len sich die ers­ten Geburts­tags­kaf­fee­gäs­te ein, es ist ½ 4 Uhr. Ich wer­de mit­es­sen für Dich.

Herz­lie­bes! Ich freue mich auf einen Gruß von Dir. Ver­le­be Dei­nen Sonn­tag recht froh und zufrie­den. Bit­te grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern.

Über acht Tage, Liebs­te, dann brau­che ich Dir nicht zu schrei­ben, daß ich Dich lie­be. Gott behü­te Dich!

Ich bin ganz Dein. Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

T&SavatarsmDu, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

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10. Novem­ber 1939

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