Trug und Schein: Ein Briefwechsel

06. November 1939

Bibel in Bildern 1860 001
Juli­us Schnorr von Carol­s­feld, Holz­schnitt aus “Die Bibel in Bil­dern”, 1860, Ers­ter Tag, Gott schei­det das Licht von der Fins­ter­nis, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
[391106–1‑1]

S. am 6. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Es freut mich, daß Dich mein Zwei­fel nicht irre gemacht hat, und daß Du mir nicht grollst des­halb. Ach Liebs­te, es war nur ein ganz lei­ser Zwei­fel, und unter den Gedan­ken, die mich heu­te abend bewe­gen, bricht er ganz zusam­men. Liebs­te, wenn ich alles beden­ke, unse­ren gemein­sa­men Weg bis­her, dann kann ich nur glau­ben, daß Gott ihn uns führ­te. Von dem Tage an, da ich ihn bat, er möch­te mich klar sehen las­sen — über den Tag, da Du mich riefst — durch die man­cher­lei Fähr­nis­se und Zwei­fel uns[e]rer Begeg­nun­gen — bis auf den heu­ti­gen Tag. So wahr ich zuwei­len das Gefühl habe, daß Glück sei mir in den Schoß gefal­len, unver­dient, so steht außer Zwei­fel, daß wir nicht ohne Fügung einer höhe­ren Macht zuein­an­der fan­den. Ich muß­te nach O. kom­men, ich muß­te es wie­der ver­las­sen, damit Du Dei­ner Lie­be erst ganz bewußt wur­dest und damit ich den Wert Dei­ner Lie­be erst recht erkann­te. Wenn die Wege aller Men­schen Got­tes Wege und Schick­sal sind, so dünkt mich der unse­re es in beson­de­rem Maße und in beson­de­rer Deut­lich­keit: Er ist so unge­wöhn­lich, er tat sich uns bei­den auf in einer Not, er brach­te mir viel Freu­de und Frie­den.  Liebs­te, den Glau­ben las­se ich mir nicht neh­men: Uns[e]re Lie­be ist Got­tes Geschenk, und für mich im beson­de­ren [sic] ein Geschenk sei­ner Gna­de. Dar­über dür­fen wir ganz froh wer­den. Dar­aus kön­nen wir Ver­trau­en fas­sen für alle Zukunft, wenn wir nur wei­ter­hin auch auf Gott schau­en und bau­en und nach ihm fra­gen und Lie­bes und Lei­des aus sei­ner Hand neh­men. Ich neh­me unse­ren Bund als Got­tes Schick­sal. Lie­be [Hil­de], ich will dank­bar und froh und unver­zagt Ja sagen.

Und so erscheint mir uns[e]re Lie­be und unser Bund erst recht als ein­zig­ar­tig und ein­ma­lig und unwi­der­ruf­lich und unzer­stör­bar. Liebs­te, Du bist ganz mein, ich bin ganz Dein!

Detail, 1.Wandgemälde im Trau­zim­mer von Adolf Amberg, Neue Kanz­lei, Altes Rat­haus, Heil­bronn, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Und nun zu unse­rem Fest­tag, Liebs­te! Am Sonn­abend woll­te ich uns[e]re Rin­ge kau­fen, und ich muß­te erfah­ren, daß auch hier der Krieg einen Rie­gel vor­ge­scho­ben hat. Tr[au]ringe wer­den nur gegen die Beschei­ni­gung des Auf­ge­bo­tes oder gegen eine gewis­se Men­ge Gold ver­kauft. Ähn­li­che Bestim­mun­gen gel­ten für den Ver­kauf jeden Gold­schmu­ckes. Was nütz­te mir nun mei­ne dicke Brief­ta­sche? Nun habe ich mit Vater und Mut­ter uns[e]re Plä­ne bespro­chen. Sie stim­men uns[e]rer bal­di­gen Ver­lo­bung freu­dig zu. Am liebs­ten wür­den bei­de gern zuge­gen sein, Vater aber will es ganz bestimmt. Und er wür­de es gern sehen, wenn wir den 1. Advent zu unse­rem Fest­tag wähl­ten. Die­sem Wun­sche konn­te ich mich nicht ver­schlie­ßen, zumal auch die Beschaf­fung der Rin­ge sich etwas ver­zö­gert. Liebs­te, wirst Du ent­täuscht sein über die­sen Auf­schub? Es sind auch bis dahin kei­ne 4 Wochen mehr. Ges­tern fiel mir ein: Es fällt in Dei­ne bösen Tage! Möch­test Du das nicht? Liebs­te, laß es mich wis­sen! Wir müß­ten dann auf den fol­gen­den Sonn­tag zukom­men. Am Sonn­tag­vor­mit­tag bin ich mit Vater bei einem K.er Gold­schmied gewe­sen. Er ist bereit, gegen Hin­ter­le­gung zwei­er alter Trau­rin­ge und gegen Über­las­sung von etwa 3 Gramm Gold uns die Rin­ge zu ver­kau­fen. Kom­men­den Sonn­abend will ich mit Mut­ter bei einem noch bes­ser bekann­ten Juwe­lier in B. ein­mal fra­gen. Stellt er uns nicht güns­ti­ge­re Bedin­gun­gen, dann schlie­ßen wir den Kauf in K. ab. Mut­ter hat eine lan­ge gol­de­ne Ket­te, von der ich ein Drit­tel bekom­me. Daß wir zur Ver­lo­bung die Rin­ge tra­gen, das hal­ten wir alle für rich­tig.  Nun müs­sen wir uns also nun ein paar Tage län­ger gedul­den, die Besche­rung ver­zö­gert sich, wir müs­sen län­ger war­ten vor der Tür. Du, Lie­bes, brauchst ja nicht allein zu war­ten. Wir wol­len uns die Zeit schon ver­kür­zen. Und bis dahin darf ich Dich noch ein­mal besu­chen, zum letz­ten­mal als mein Lieb, Du! Dann bist Du ja mei­ne Braut — für all die ande­ren, für mich bist Du es ja schon län­ger. Bist Du wie­der ganz gesund? Mein Schnup­fen ist vor­über, auch sonst ist alles wie­der heil.

Sol­da­ten oder Sicher­heits­po­li­zei und Ein­hei­mi­sche vor einem Gebäu­de, War­schau, Nov. 1939, DBa Bild 121‑0283 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014

Zu Hau­se traf ich außer unse­rem Sol­da­ten auch unse­ren Onkel Karl an. Wir sehen ihn gern zu Besuch kom­men. Am Sonn­tag in der Frü­he stell­te sich auch Hell­muth ein. Sieg­frieds Urlaub ging Sonn­tag­mit­tag zu Ende. Wir ande­ren drei reis­ten um 5 Uhr ab und muß­ten nun die Eltern ganz allein las­sen. Die Zei­ten wan­deln sich. Jun­ge Leu­te möch­ten gern allein sein, die Eltern möch­ten gern die Kin­der um sich haben. Wir trenn­ten uns am Sonntagabend auf ein Wie­der­se­hen in B. kom­men­den Sonn­abend. Man rech­net unbe­dingt auch mit mei­nem Besuch. Ich fah­re ja auch gern. Aber mein Herz­lieb möch­te ich fra­gen, ob ich denn auch darf, ob es nicht mit will? (Es will nicht. Es scheut die wei­te Rei­se. Es muß jetzt spa­ren und für Weih­nach­ten arbei­ten und nach sei­nem eige­nen Besuch acht Tage spä­ter aus­schau­en). Du bist mir doch nicht böse, daß ich die Ant­wort gleich selbst gebe? Ich möch­te Dir wirk­lich die wei­te Rei­se erspa­ren. Ein Besuch bei Hell­muth wird damit nur auf­ge­scho­ben. Mitt­woch ist schon wie­der. Bald ist der Sonn­abend her­an. Es muß in der Luft lie­gen heu­te, daß ich mich nach dem Wes­ten seh­ne, wenn ich durchs Fens­ter schaue. Und ich bin froh bei dem Gedan­ken, daß Du die­sen Gruß mor­gen schon in Hän­den hast.

Gott behü­te Dich!

Mehr als sonst sind mei­ne Gedan­ken bei Dir. Und den Mitt­woch, mei­nen Tag, weiß ich nicht bes­ser aus­zu­fül­len als mit dem Geden­ken an Dich. Herz­al­ler­liebs­te, Du machst mich so glück­lich! Ich war­te mit Dir. Ich möch­te Dich recht lieb­ha­ben. Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich! [Hil­de], Du!

T&SavatarsmDein [Roland].

Bit­te grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern.

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06. Novem­ber 1939

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