05. November 1939

Hegewald Adam und Eva detail
Zacha­ri­as Hege­wald, Adam und Eva als Lie­bes­paar, um 1530, Elfen­bein, Kunst­kam­mer Würth, Foto­gra­fiert im Bode-Muse­um Ber­lin, Bild: Andre­as Pra­ef­cke, 2007, über Wiki­pe­dia Com­mons, 10.2014
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O., am 5. Novem­ber 1939.

Herz­al­ler­liebs­ter, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Wie­der geht ein Sonn­tag sei­nem Ende zu; er war wie so vie­le Tage in die­sem Monat sind, reg­ne­risch und kalt. Ich bin heu­te noch nicht ein­mal bis vor die Tür gekom­men, schon wenn ich durch’s Fens­ter schaue, über­kommt mich ein Frös­teln und weil mir sowie­so nicht ganz gut ist, so habe ich den heu­ti­gen Sonn­tag aus­ge­füllt so, daß ich mir ein wenig Ruhe gön­nen kann, wäh­rend doch dabei die Stun­den nicht nutz­los ver­ge­hen. Ja, der Weih­nachts­mann pocht auf sein Recht. Du, Liebs­ter! Ich habe heu­te mor­gen bis ½ 9 geschla­fen — das Klin­geln des Post­bo­ten weck­te mich erst — Du hat­test um die­se Zeit gewiß schon längst den Mor­gen­kaf­fee mit Dei­nen Lie­ben ein­ge­nom­men. Über mei­ner Arbeit konn­te ich so vie­le Stun­den mit mei­nen Gedan­ken bei Euch sein, die Zeit ist so rasch hin­ge­flo­gen. Wir haben in uns[e]rer Stu­be geheizt, ich fin­de es gemüt­li­cher da wenn wir alle bei­sam­men sind, und die gro­ße Lam­pe macht es heim­li­cher im Zim­mer. Vor acht Tagen erst saßen wir hier im Krei­se bei­ein­an­der, und jetzt um die­se Zeit bist Du auch schon wie­der geschie­den von den Dei­nen aus K. — viel­leicht sitzt Du gar schon in Dei­nem Stüb­chen in S.. Ach Du, Liebs­ter! Wenn Dein neu­es Heim auch nicht äußer­lich unser[e]m Glücks­mär­chen­häus­chen gleicht — weil ihm das Alter­tüm­li­che fehlt, das alles Erle­ben so mär­chen­haft, unwirk­lich schei­nen läßt — so ist es mir doch schon nach mei­nem ers­ten Besu­che als klei­nes Para­dies erschie­nen.

Wenn man zum ers­ten Male vor dem Häu­sel steht, das sich da fast wie schutz­su­chend dicht an die hohen Fel­sen schmiegt, und einem aus sei­nen hel­len, blin­ken­den Fens­tern, wie aus freund­li­chen Augen anschaut, dann kann man sich schwer­lich auf eine Ent­täu­schung gefaßt machen, die man im Innern erle­ben könn­te. Ich fand alles so nett und sau­ber, die Küche hat­te es mir gleich ein wenig ange­tan. Die Art der Ein­rich­tung ließ auch erken­nen: Dies ist nicht nur das Arbeits­feld der Haus­frau, hier kann sie sich auch Stun­den der Erho­lung und Ent­span­nung gön­nen.

Wenn die Raum­ver­hält­nis­se gestat­ten, daß sich eine Koch­kü­che und ein Wohn­zim­mer ein­rich­ten las­sen, ist es natür­lich nicht nur inso­fern ange­neh­mer, als man nicht jeden Besuch ins Küchen­reich ein­läßt; auch die Haus­frau selbst kann sagen: So — nach geta­ner Arbeit in eine and[e]re Umge­bung, die wie­der anregt zu neu­em Schaf­fen and[e]rer Art. Aber mit ein wenig Geschick und Geschmack kann man auch eine Küche, in der man mit woh­nen muß, so ein­rich­ten, daß man nicht jeder­zeit unlieb­sam oder auf­dring­lich nur an die Haus­frau­en­pflich­ten gemahnt wird.

Und zu Dei­nen Räum­lich­kei­ten? Mir schien, das Schlaf­zim­mer ent­behrt nichts; Dein Arbeits­zim­mer ent­hält alle not­wen­di­gen Din­ge; ein net­ter Raum mit einem schö­nen Blick durchs gro­ße Fens­ter nach […]. Frei­lich könn­te es durch ein paar Klein­mö­bel noch etwas wohn­li­cher und gemüt­li­cher wir­ken, aber ich mei­ne, die Zeit, die Du da zu woh­nen gedenkst, hältst Du es auch so aus. Das Zim­mer mutet etwas kahl an und wenn ich den­ke, daß Du Dich nun man­che Stun­de so allein da befin­dest — dann tust Du mir leid Liebs­ter. Die Hälf­te des Tages bringst Du ja in der Schu­le zu und die Mahl­zei­ten ent­we­der außer­halb oder drü­ben bei Frau S.. Nächs­tes Jahr um die­se Zeit, mein Lieb! Du! Will’s Gott, da wird es anders sein.

Die fei­er­li­che Amts­ein­füh­rung des Reichs­statt­hal­ters (Dan­zig) und Gau­lei­ters (Wart­he­gau) Arthur Grei­ser durch Reichs­in­nen­mi­nis­ter Dr. Frick in Posen, DBa Bild 183-E12078 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Wo wir auch wei­len mögen, drau­ßen bei Frem­den, oder daheim bei unser[e]n Eltern — drau­ßen in Wind und Wet­ter, oder drin­nen im trau­li­chen Stüb­chen — über­all ist das Glück uns[e]rer Lie­be mit uns. Spürst Du nicht auch, wie uns dies Glück Kraft schenkt, den All­tag zu meis­tern? Ich kehr­te heim froh und beglückt, wie seit lan­gem nicht; der Abschied dies­mal stimm­te mich nicht so weh­mü­tig wie ander­mal — das macht die gro­ße Freu­de auf das Kom­men­de, Du! Nicht die­ses allein Liebs­ter. Ich habe gefühlt, daß uns das letz­te Bei­sam­men­sein wie­der um einen gro­ßen Schritt näher zusam­men­führ­te. Das gro­ße, wun­der­ba­re Gefühl, das in mir ist, wenn ich Dich beschen­ke, Liebs­ter — das mir erst so recht bewußt wird, wenn ich lese, was in Dei­nen Augen steht, Du! Das läßt mich erken­nen die inni­ge Zusam­men­ge­hö­rig­keit uns[e]rer Her­zen.

Hend­rick Golt­zi­us, Venus, etwa 1596, Muse­um Kunst­pa­last, inv. nos. KA (FP) 5148, über Goog­le Art Pro­ject und Wiki­me­dia Com­mons, 10.2014
Du! Wie könn­te ich Dir mei­ne gro­ße Lie­be bes­ser offen­ba­ren, als Dich zu beschen­ken mit dem, dem Größ­ten und Schöns­ten, was ein Weib zu schen­ken ver­mag? Liebs­ter Du! Nicht einen ein­zi­gen Augen­blick ward ich irre an Dir! Ich bin ganz Dein! Das darfst Du mir glau­ben: Ich bin so froh, daß ich aus rei­nem, lau­te­ren Her­zen schen­ken kann, was nie zuvor ande­ren zuteil wur­de; daß ich mit die­sem Schen­ken den Men­schen beglü­cken kann, den ich lie­be mit all mei­ner Kraft der See­le — und der des­sen wür­dig ist. Du, wenn ich zöger­te, Dei­nen Wunsch zu erfül­len — und ich glau­be jetzt fast, nur mein Zögern hat Dich auf die­se Gedan­ken gebracht — so darfst Du das nicht als einen Wider­streit mei­ner Emp­fin­dun­gen für Dich auf­fas­sen — Du, Liebs­ter! Es ist noch nicht lan­ge her, daß ich zum Wei­be erwach­te, manch­mal erschre­cke ich und mir wird ban­ge vor dem Weib­sein — Du, es liegt an der uns eige­nen, mäd­chen­haf­ten Scheu. Du ver­stehst mich doch recht, Liebs­ter? Mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Du lie­ber gro­ßer, ver­nünf­ti­ger Mann! Wenn ich Dich jetzt bei mir hät­te, wür­de ich Dich an bei­den Ohren fas­sen und so alle Dei­ne dum­men Gedan­ken aus dem Kop­fe schüt­teln, Du! Lei­der geht das nun nicht und so muß ich Dei­ne Tief­sin­nig­keit auch der Weh­mut des Abschie­des zuschrei­ben und ver­su­chen, Dich im Brie­fe zu über­zeu­gen. Glaubst Du gro­ßes Dum­mer­le etwa, ich wür­de es an der Sei­te eines Men­schen aus­hal­ten, den ich nicht lie­ben könn­te? Der mir die Ster­ne vom Him­mel holen woll­te — sei er Bau­meis­ters­sohn oder Pro­ku­rist — der mir 3 Pfer­de schen­ken woll­te mit einem Stall dazu? Nein — um kei­nen Preis möch­te ich einen unge­lieb­ten Mann an mei­ner Sei­te wis­sen. Ich wür­de zeit­le­bens unglück­lich sein, jeder Blick, jedes Wort, das ich ihm schenk­te, wür­de mich mei­ner Unehr­lich­keit gemah­nen. Auch mit Ver­nunft läßt sich Lie­be nicht zwin­gen.

Ich weiß, das Leben ist lang, und ich glau­be Dir auch, daß in die­sem Leben man­ches in mir noch erwa­chen wird, was jetzt noch schlum­mert. Als Leit­stern über allem aber wird unse­re Lie­be ste­hen! Erseh­ne ich denn mit mei­ner Lie­be zu Dir nicht auch Dei­ne Welt? Wenn mich das alles, was ich bis­her mit Dir erle­ben durf­te leer und schal dünk­te, wenn ich Dich nicht ver­ste­hen, Dir nicht fol­gen könn­te; ja, hät­ten wir uns dann so innig zusam­men­fin­den kön­nen? Ich habe in der Umge­bung, in der ich so lang mich bewe­ge erken­nen gelernt, daß die­ses Leben zwei Sei­ten bie­tet und hät­te nicht das Schick­sal Dich mir in den Weg geführt, mein Seh­nen wäre noch heu­te uner­füllt geblie­ben. Aus eige­ner Kraft hät­te ich den Weg, den ich nun mit Dir gehe, nicht fin­den kön­nen.

Mei­ne Wün­sche, Liebs­ter! Ein Men­schen­herz hat oft so törich­te Wün­sche und wenn der Herr­gott alle die­se Wün­sche erfül­len woll­te, so wür­de der Mensch doch bald der Ein­fäl­tig­keit sei­ner Wün­sche gewiß wer­den.

Gro­ße, heim­li­che Wün­sche erfül­len ist soviel wie, ein­an­der den Him­mel auf Erden berei­ten, so glaub[e] ich. Es ist auch gut und edel gedacht ein­an­der alles zu erfül­len, wenn es nur irgend mög­lich ist. Doch wenn ich ganz ehr­lich zu mir bin und das ist mir schon so ergan­gen: Wenn ein gro­ßer Wunsch end­lich erfüllt wird, dann ist die Freu­de des Besit­zens oft gar­nicht so groß wie das Gefühl des Begeh­rens vor­her. Es gibt auch hier Aus­nah­men. Das Bes­te was wir uns wün­schen kön­nen vom Herr­gott dro­ben sind: Gesund­heit, Zufrie­den­heit und Got­tes Segen.

Von die­sen Din­gen hängt alles and[e]re Glück und alle and[e]re Freu­de ab. Ach, Liebs­ter! Ich habe so gar kei­ne Ban­ge an Dei­ner Sei­te, mag kom­men, was auch will.

Ich lie­be Dich, so wie Du bist, Du!

Nun will ich mich aber erst ein­mal bedan­ken für Dei­ne lie­be Über­ra­schung Du! Das hät­te ich gar­nicht erwar­tet, ich dan­ke Dir recht sehr, Du Lie­ber! Dein lie­ber Brief hat mich froh gemacht und mit den Bil­dern hast Du uns alle erfreut. Sogar um eine ‚5‘ hab[e] ich Dich noch erleich­tert, wenn nur Herr P. wüß­te, was er alles für mich bringt. So vie­le Geschäf­te hast Du nun täg­lich; ich freue mich, daß Du mich an allem teil­ha­ben läßt. Scho­ne nur die Hosen­bö­den Du! Es gibt so wenig Stoff! Ges­tern hab[e] ich mir Klei­der­stoff gekauft. Viel­leicht bist Du ent­täuscht, doch ich ver­spre­che mir nicht wenig davon: schwarz ist’s. Du sprichst so geheim­nis­voll von Dei­nen Geschäf­ten! In die­sen Tagen habe ich über­legt, was als Weih­nachts­ge­schenk anstatt eines Schmuck­käst­chens für uns bei­de bes­ser wäre, ich weiß nur nicht, ob’s zu teu­er wird! Ich möch­te erst noch­mal mit Dir spre­chen, ehe Du etwa schon zum Weih­nachts­mann gehst. Du, mein Lieb! Noch 13 Tage, dann bist Du bei mir. Ich kann mei­ne Freu­de auf den bevor­ste­hen­den Fest­tag manch­mal kaum noch ver­ber­gen, wann schreibst Du den Eltern? Hast Du Dei­nen Eltern davon erzählt? Den­ke, am 19. fin­det in uns[e]rer Kir­che das Refor­ma­ti­ons­spiel statt; nach­mit­tags, ich muß mit­sin­gen! Und nun Herz­al­ler­liebs­ter? Bist Du wie­der ganz gesund? Wie gehts zu Hau­se? Ich seh­ne mich nach Dir, Du! Behüt Dich Gott!

T&SavatarsmMein lie­ber, lie­ber [Roland] Du! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

Dei­ne [Hil­de].

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