03. November 1939

Bundesarchiv Bild 121-0270, Polen, Krakau, Polizeiparade, Hans Frank
Hans Frank, Poli­zei­pa­ra­de, Kra­kau, Gene­ral­gou­ver­ne­ment, DBa, Bild 121‑0270 / CC-BY-SA, Public Domain über Wiki­pe­dia Com­mons, 10.2014
[391103–1‑1]

S. am 1. Novem­ber 1939.

Am Mitt­woch.

Herz­al­ler­liebs­te!

Erfreu­lich und über­ra­schend pünkt­lich lan­de­te ich noch vor 10 Uhr in Ostsach­sen. Ein Stück der Heim­fahrt habe ich ver­schla­fen. Hof­fent­lich wird mir mor­gen die Kun­de von Dei­ner guten Heim­kehr. Der Mensch, der Dir Augen mach­te, hat mich noch ein­paar­mal geängs­tigt. Na wart nur, bald wer­den wir dem Hühn­chen ein Ring­lein ums Pföt­chen legen, damit jeder­mann gleich sieht, wem es gehört. Ach Liebs­te, der Abschied droh­te so schwer zu wer­den — und nun ward er uns leich­ter denn je in der Erwar­tung des Kom­men­den. Ich freue mich so für Dich, und für Dei­ne Mut­ter! Und nun kann ich heu­te gar nicht weh­mü­tig den ent­schwun­de­nen Stun­den nach­hän­gen. Aber ver­ges­sen wer­de ich sie des­halb nie, Liebs­te, Du! Erlöst bin ich nun von vie­len schwü­len, quä­len­den Träu­men. Es blei­ben Freu­de und Wun­dern und Seh­nen. Liebs­te, Du hast mir ein gro­ßes Geschenk gemacht, Du hast mir mei­nen geheims­ten Wunsch erfüllt. Liebs­te, Du kennst mich nicht genug von frü­her, als daß Du bestä­ti­gen könn­test, wie scheu und ängst­lich vor ande­ren und vor mir selbst ich in die­sen Din­gen gewe­sen bin. Wo ich doch sonst allem herz­haft und unbe­fan­gen gegen­über tre­ten kann, hier konn­te ich es nicht. Irgend­wann ein­mal hat man mir hier eine fal­sche Angst ein­ge­jagt. Mit Dir und bei Dir kann ich alle Befan­gen­heit ver­ges­sen, und Du weißt, das ist nicht Frech­heit und Anma­ßung oder das Aus­spie­len einer Über­le­gen­heit. Und ich weiß, daß ich es nur kann, weil ich Dir ganz ver­trau­en darf und weil Du so gütig und groß­mü­tig bist. Liebs­te, Du machst mich glück­lich! Ein Geschenk, ein gutes Geschenk, beglückt auch den Schen­ken­den. Hast Du gese­hen, wie ich es ange­nom­men habe? Mei­ne Augen? Liebs­te, ich war andäch­tig gestimmt. B Liebs­te, war er unbil­lig, mein Wunsch? Reut Dich Dein Geschenk? Hat Dich die­ser Wunsch, auch nur für einen Augen­blick, irre gemacht an mir? Ich kann es nicht glau­ben. Du bist groß­mü­tig — ich bin es auch. Die­se Eigen­schaft bewahrt uns bei­de davor, die­se Groß­mut gegen­sei­tig aus­zu­nüt­zen. Ich wür­de mich tief schä­men, wenn ich mich je dabei ertapp­te. War­um ich so viel Wor­te dar­um ver­lie­re? Ich möch­te nicht, daß Du mei­nen Wunsch irgend­wie falsch ver­stan­den hast. Ich wäre betrübt, wenn Dein gro­ßes Geschenk Dich geschmerzt hät­te, wenn ich Dir, und sei es auch nur einen Augen­blick, klein und unwür­dig und wie all die ande­ren erschie­nen wäre.

Hans Frank’s ordinance on counteracting the acts of violence in Generalgouvernement 01
Hans Frank, Ver­ord­nung zur Bekämp­fung von Gewalt­ta­ten im Gene­ral­gou­ver­ne­ment von 31. Okto­ber 1939, Public Domain über Wiki­pe­dia Com­mons, 10.2014
Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Wäre mein Wunsch einer unlau­te­ren und unsau­be­ren Regung ent­sprun­gen, in dem Augen­blick sei­ner Erfül­lung wäre mei­ne Lie­be zu Dir klei­ner gewor­den. Sie ist aber grö­ßer gewor­den. Du, ich lie­be Dich! Ich mag Dich nim­mer las­sen. Gut Nacht! Herz­lie­bes!

Am Don­ners­tag.

Herz­al­ler­liebs­te!

Noch ein Schat­ten, den ich erst weg­wi­schen will. Viel­leicht lachst Du mich aus dar­um, und das wäre mir bei­na­he die liebs­te Ant­wort. Damit Du den Schat­ten auch siehst, muß ich ihn Dir durchs Ver­grö­ße­rungs­glas zei­gen:

() Liebs­te, Dein Pfer­de­wunsch. Ich kann ihn gar nicht nur als töricht oder nur im Spaß gemeint hinnehmen.Es steckt in Dir ein wenig Lust zum Tol­len und Toben. Ich habe Dich so lieb und Du bist mir so wert, daß ich Dir so gern jeden ver­nünf­ti­gen Wunsch erfül­len möch­te. Du weißt aber auch, daß mei­nem Gewäh­ren har­te Gren­zen gesetzt sind, sodaß uns[e]re Wün­sche nicht all­zu­sehr aus­ein­an­der­ge­hen dür­fen, wenn über­haupt eini­ge davon in Erfül­lung gehen sol­len. Eine Rei­se, ein paar Kon­zert und Thea­ter, ein paar Bücher und Noten: ich glau­be, dann bin ich bald am Ende mei­ner Kunst. Liebs­te, wirst Du damit zufrie­den sein? Wirst Du dabei nicht zu kurz kom­men? Das wür­de mich so sehr schmer­zen. Das Leben ist lang, Liebs­te! Viel­leicht erwachst Du an mei­ner Sei­te erst recht zum Bewußt­sein Dei­ner Kräf­te und Nei­gun­gen. Siehst Du, da ist sie wie­der, die Eifer­sucht auf den unbe­kann­ten Ande­ren, bei dem Du fin­dest, was ich Dir bin, und der Dir dar­über­hin­aus auch noch Dei­ne gro­ßen Wün­sche und Ansprü­che bes­ser erfül­len kann. Liebs­te, ich schel­te mich die­ser Schwä­che und fra­ge nur, woher sie kommt. Mit Dir ist mir so gro­ßes Glück wider­fah­ren, es ist mir in den Schoß gefal­len, und manch­mal mei­ne ich, ich habe es gar nicht ver­dient, und es könn­te mir wie­der ent­fal­len. Ich bin mit Dir so ganz zufrie­den, ich habe gar kei­nen Wunsch mehr als den, daß ich Dich immer behal­ten darf. Liebs­te, Liebs­te! Wirst Du denn mit mir zufrie­den sein? Ach Du! Uns[e]re Begeg­nung gab ja doch sonst zu sol­chen Fra­gen gar kei­nen Anlaß. Wir haben uns wie­der gut ver­stan­den und waren unse­res Glü­ckes eini­ge­ma­le fro­her bewußt denn ja je. Ich glau­be, es hat sich in die­sen Zei­ten nun doch die Weh­mut des Abschie­des Luft gemacht.

Pfer­de bei einer Wehr­macht-Übung, Lie­ben­wer­da­er Hei­de, 1939, Fami­li­en­ar­chiv BB, Crea­ti­ve-Com­mons-Lizenz „Namens­nen­nung – Wei­ter­ga­be unter glei­chen Bedin­gun­gen 3.0 nicht por­tiert,” über Wiki­pe­dia Com­mons, 10.2014
Gut Nacht, Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te! Behal­te mich lieb, Du!

Am Frei­tag.

Herz­lie­bes!

Erst heu­te erhielt ich Dei­nen Brief. Ich schä­me mich dar­über, daß Du schrei­ben mußt „Kei­ne Ban­ge — — —“. Aber Liebs­te, mei­ne Sor­ge um Dich ist kein Miß­trau­en zu Dei­ner Lie­be und Treue, sie ist auch nicht nur Eifer­sucht, sie ist zum Teil rich­ti­ge Sor­ge. Ich habe in einem frü­he­ren Brie­fe schon ein­mal davon geschrie­ben.

Ob ich glück­lich bin Liebs­te? Du! Nun bin ich es wie­der ganz, da ich Dich wie­der gebor­gen zu Hau­se weiß. Ich bin ganz gefan­gen in Dei­nen Net­zen — und bin doch glück­lich. Und auch Du kannst nicht mehr zurück, Liebs­te!

Die Tage rei­chen kaum aus, soviel Geschäf­te habe ich zu besor­gen. Seit Du fort bist, habe ich noch kei­ne Vier­tel­stun­de übrig gehabt. Die Hef­te lie­gen da immer noch nicht kor­ri­giert. Und jeden Tag war jetzt auch ein Geschäft für Dich dabei, Liebs­te, und des­halb ging ich mit Freu­de auch an die ande­ren Geschäf­te. Ein Geschäft am Mitt­woch — Du wirst es bald erfah­ren — der Rohr­stock ist es nicht, den ich am Mitt­woch in B. ein­han­del­te. Am Don­ners­tag — auch das wirst Du bald wis­sen. Am Frei­tag: neben mir liegt das Gesuch auf um Erstat­tung des Fahr­gel­des. Ich bin ganz unbe­hel­ligt nach Hau­se gekom­men und habe so gar nicht bemerkt, daß ich eine fal­sche Fahr­kar­te hat­te. Heu­te hat sie mir der Beam­te auf unse­rem Bahn­hof her­aus­ge­sucht, ich schi­cke sie mit ein als Beweis­stück. Sonn­abend: Herz­lie­bes, da will ich an ein ganz beson­de­res und sel­te­nes Geschäft gehen, Du! Mein Herz pocht mir ein wenig vor Freu­de und Erwar­tung. Das Brief­schrei­ben jeden Tag ist gar nicht mit gerech­net.

Zu unse­ren Bil­dern: Du willst mich über­all in den Him­mel heben — ich aber bin bemüht, Dir den Him­mel auf die Erde zu bri[nge]n. Das ist sonst im Ergeb­nis das­sel­be; nur wenn es sich um Fotos han­delt, ist die Wir­kung ver­schie­den. Auf einem Bil­de treibt der Wind ein ganz arti­ges Spiel, [Hil­de] in Pump­ho­sen.

Mor­gen ist Rei­se­tag, schon wie­der, Du weißt es. Die Tage wer­den schnell ver­ge­hen. Nun sind ja auch die zu Hau­se Teil­ha­ber und Zeu­gen uns[e]res Glü­ckes. Wir wer­den von Dir spre­chen, von unse­rem Besuch bei Euch — und ich wer­de ganz froh sein dabei. Bit­te grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern und sage Ihnen Dank für ihre gast­li­che Auf­nah­me.

Wir wer­den ein­mal Mühe haben, all uns[e]re Para­die­se ins Gedächt­nis zu rufen. Und nun wur­de uns auch hier eines der schöns­ten.

Mei­ne lie­be [Hil­de]! Gott behü­te Dich.

Ich möch­te Dich ganz lieb­ha­ben. Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich! Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

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