22. Oktober 1939

Bundesarchiv Bild 146-1979-050-21A, Polen, Volksdeutsche begrüßen deutsche Soldaten.jpg
Volks­deutsche begrüßen deutsche Sol­dat­en, 02. Sep­tem­ber 1939, Unter­schrift: “Ein Tag, der ihnen unvergesslich bleiben wird. Seit dem frühen Mor­gen, als sich da Gerücht vom Her­an­na­hen deutsch­er Trup­pen ver­bre­it­et, warteten die deutschen Frauen und Mäd­chen jen­seits der Gren­ze mit Broten, Obst und Getränken auf ihre Befreier. Nach dem harten Kampf und einem lan­gen Nacht­marsch sind die Besatzun­gen der Tankwa­gen diese Erfrischun­gen dop­pelt willkom­men.” DBa Bild 146‑1979-050–21A, Licensed under CC-BY-SA-3.0-de via Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

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O., am 22. Okto­ber 1939.

Herza­ller­lieb­ster, mein lieber, lieber [Roland]!

Es ist mir in diesen Tagen so deut­lich gewor­den, daß es stark macht, einen Men­schen zur Seite zu wis­sen, dem man ganz zu Eigen ist, bei dem man sich so ganz gebor­gen weiß. Lieb­ster! Wie kön­nte es auch anders sein, als daß ich alles in stillem Ein­vernehmen mit Dir tue? Mir scheint, als füh­le ich in Tagen der Sorge mehr denn je, daß wir bei­de zusam­menge­hören. Und das ist wohl gut so — Sorge und Leid ket­tet die Men­schen fes­ter, inniger aneinan­der; wir wollen doch nicht nur an Son­nen­t­a­gen zueinan­der find­en — aber wir wollen so fest einan­der ver­bun­den sein, daß wir aus eigen­er Kraft Sor­gen­t­age in Son­nen­t­age wan­deln.

Ich habe gewußt, mein Lieb­ster, daß Du die recht­en Worte find­en wirst in mein­er Not, und ich danke Dir für Deinen lieben Brief, Du! Wie von ein­er Ahnung getrieben eilte ich am Fre­itag­mor­gen heim — und nicht vergebens!

Wenn ich Deine Zeilen lese, so ist es, als hörte ich Deine liebe Stimme — ich kann mich aufricht­en an Deinen Worten und wie von ein­er unsicht­baren Kraft gestützt, trage ich den Kopf höher und biete allem, was auf mich zukom­men will, frei die Stirn.

Welch wun­der­bares Geheim­nis ist doch um die Ver­bun­den­heit zweier See­len, sie kön­nen durchs Leben gehen und was sie auch antr­e­f­fen mögen — sie bleiben unange­focht­en.

Bundesarchiv Bild 146-2006-205, Nürnberg, Reichsparteitag, Arbeitsdienst-Zeltlager.jpg
Arbeits­di­enst-Zelt­lager, Reichsparteitag, Nürn­berg, DBa Bild 146‑2006-205, Lizen­ziert unter CC-BY-SA-3.0-de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Vielle­icht sollst Du recht behal­ten, wenn Du die Sorge um den Arbeits­di­enst als kleine betra­cht­est. Ich würde mich glück­lich schätzen, hätte ich die Sorge schon ganz über­wun­den. Die guten Vorsätze wer­den immer wieder ein wenig geschwächt wenn ich sehe, wie eine nach der ander[e]n fort muß. Und so ist es auch nicht so leicht, unter dreien, die sich nun mit der unab­wend­baren Tat­sache abge­fun­den haben, allein auf einen guten Aus­gang der Dinge zu hof­fen — an das Glück der Frei­heit zu glauben, daß dann allein mir zuteil würde, wenn Du im Ern­st­falle zum let­zten Mit­tel grei[fe]n willst: mich zu Dir zu holen.

Bei der Ein­stel­lung in den Arbeits­di­enst (wo man mich direkt in ein Lager steck­en will,) hätte ich in Anbe­tra­cht meines Vorhabens, den Ein­wand ein­er Ver­di­en­st­möglichkeit gebracht. Aber nun, da sie uns in Muni­tions- und Gas­masken­fab­riken steck­en, sage ich auf keinen Fall, daß ich noch etwas ver­di­enen muß; dann wäre ich bes­timmt eine der ersten von unser[e]m Betrieb, die weg kommt.

Bundesarchiv Bild 183-L04352, Deutschland, Rüstungsproduktion, Panzer.jpg
Rüs­tung­spro­duk­tion, Panz­er, 1. Jan­u­ar 1940, Bild: wahrschein­lich Rudolf Schmidt, DBa Bild 183-L04352, Lizen­ziert unter CC-BY-SA-3.0-de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014.

Daß Mädels bei dieser Art „Arbeits­di­enst“ eine andere Löh­nung erhal­ten, als im Lager, ist meines Eracht­ens selb­stver­ständlich. Weißt Du um die Arbeit in ein­er Pul­ver­fab­rik? Ich würde sie nicht ver­richt­en, auch nicht für einen Tages­lohn von 25 Pfen­ni­gen. Wenn’s so kom­men sollte, dann werde ich kündi­gen und noch bis zu uns[e]rer fest­ge­set­zten Zeit im näch­sten Jahr zu Hause bleiben und den Haushalt führen. Mut­ter kön­nte somit voll ihrer Beschäf­ti­gung nachge­hen und ich hätte dann in mein­er Freizeit die beste Gele­gen­heit, meine Wäsche gebrauchs­fer­tig zu machen. So forsch wie Dein Vater denkt, müßten wir dann eben han­deln! So schön, wie ich mir das alles in meinen Träu­men aus­malte, würde es freilich nicht.

Unseren Tag‘ lassen wir uns zunächst von Men­schen nicht ver­schieben! So klar und ein­deutig ste­hen diese Worte vor mir. Lieb­ster, Du! Und ich kann ja nicht anders, ich will’s ja nicht anders, als Dir freudig zus­tim­men! Gebe Gott, daß sich unser größter Wun­sch erfüllen möge.

Ich war gestern früh auf der Polizei­wache, man schick­te mich in[‘]s Rathaus, Zim­mer 4. Erst las ich die Anschläge; die waren fast im gle­ichen Wort­laute gehal­ten wie die Aus­führun­gen in den Zeitun­gen. Unter anderem stand da, alle Mäd­chen, die seit Okto­ber d. Jhrs. im Besitz eines Arbeits­buch­es sind und die im verkürzten Arbeitsver­hält­nisse ste­hen, haben sich bis 15. Okto­ber schriftlich nach Chem­nitz ‚Meldestelle des Reich­sar­beits­di­en­stes‘ zu melden. Es standen eigentlich mehrere Bedin­gun­gen da, von denen ich ausgenom­men wäre. Nähere Einzel­heit­en kön­nte ich Dir jet­zt gar­nicht anführen, es ste­ht so viel in dem Kas­ten, daß ich’s mir nicht merken kann. Um mir let­zte, volle Gewißheit zu holen, ging ich nach Zim­mer 4 und erkundigte mich, wie ich mich zu ver­hal­ten hätte. Ich fand vor­wiegend älteres, weib­lich­es Per­son­al vor; eine Dame bedeutete mir: ob vollbeschäftigt, ob ich im Dien­ste der Heeres­liefer­ung stünde oder nicht, alle Mädels, die den Jahrgän­gen 1920/21 ange­hören, haben sich umge­hend in Chem­nitz schriftlich zu melden; ob ich nun herange­zo­gen würde, sei noch dahingestellt; weit­ere Befehle ergin­gen dann auf amtlichem Wege an mich per­sön­lich. Na, nun weiß ich Bescheid. Drüben im Kas­ten ste­hen eine ganze Rei­he beson­dere Anhalt­spunk­te, die zu beacht­en sind bei der Mel­dung, die ich aber nicht alle merken kon­nte, auch die Anschrift hab[e] ich schon wieder vergessen. So will ich mich mor­gen mit Zettel und Bleis­tift bewaffnen um das „Wichtige, Wis­senswerte“ aufzuschreiben. Ich bin bloß neugierig, was dann aus mir wird.

Mein lieber, lieber [Roland]! Ich hat­te heute nur ganz im Geheimen mit einem Son­ntags­gruß gerech­net, um[s]o freudi­ger eilte ich heute mor­gen nach dem Klin­geln hin­unter, Deinen Boten zu emp­fan­gen. Ich danke Dir recht sehr, Lieb­ster, Du! Die Uhr zeigt ½ 4, Du wirst schon wieder im Zuge sitzen. Ich wün­schte, jet­zt in S. zu sein und Dich im war­men, traulichen Zim­mer zu emp­fan­gen. Wir wür­den eine gemütliche Kaf­feestunde hal­ten; miteinan­der plaud­ern; für mor­gen früh alles bere­it leg­en, damit der Anfang schön klappt und da[nn]?

O Du! Dann würde ich Dich so sehr lieb­haben, wie ich nur kön­nte — weil ich mich nach Dir sehne, Du!

Es ist draußen so trübe und es reg­net. Ob denn Frau Scheibe weiß, daß Du nach­mit­tags kommst? Hof­fentlich hat sie Dir geheizt und Dir alles wohn­lich gemacht. Wird sie denn auch ein bis­sel lieb zu Dir sein, daß Du das Allein­sein nicht so sehr empfind­est?

Territoriale Veränderungen nach dem Polenfeldzug 1939Ach, mein Lieb­ster, Du! Kön­nte ich doch bei Dir sein! Es ist lieb von Dir, daß Du mir so schön aus­führlich schreib­st, wie Du Deine Ferien ver­bracht hast. Von Dein­er Mut­ter erfuhr ich, Du wollest voraus­sichtlich erst am Mittwoch 18. von Dein­er ‚Geschäft­sreise‘ wiederkom­men; da hab[e] ich Dich nun in Gedanken wo anders gesucht, während Du längst bei Mut­tern weil­test. Schade ist nur, daß Du Dich in den paar Tagen auch noch mit dem Steuer­amt abgeben mußtest. Vater Staat müßte ja auch zugrunde geh[e]n, wenn er auch nur einen, der in den Zwangs­fe­rien müßig geht, bezahlt! Ich weiß gewiß, Du drückst Dich nicht von ein­er Arbeit — aber mich hätte es für die Mut­ter gefreut, weil sie grade so schlecht zu Fuß ist. Fußerkrankun­gen sind meist lang­wierig, man muß geduldig sein; hof­fentlich hält sie sich, damit es nicht schlim­mer wird. Nun hast Du allein nach dem Berg und in den Wald gehen müssen. Wie habe ich ges­taunt, daß Du so viel Glück hat­test beim Pilz­suchen — ich meinte die Zeit wäre nun vor­bei — da wird sich Deine Mut­ter schön gefreut haben. Du, ich glaube wir bei­de pfeifen in der Ern­tezeit mal auf die Lebens­mit­telka­rten — wenn’s noch welche gibt — wir nähren uns von Feld und Wald! Ach und wenn ich daran denke, daß wir mal einen Garten haben, wenn wir zusam­men sein wer­den, ist er auch nur klein, so freue ich mich schon jet­zt darauf, aller­lei nüt­zliche und natür­lich auch leckere Sachen mit Dir zu erbauen. Ja, nun bin ich doch schon wieder bei dem The­ma ‚wir‘ angekom­men; es ist aber auch uner­schöpflich. Wenn ich uns[e]rer denke, so erge­ht es mir eben­so wie Dir. Alles schaue ich fre­undlich und hell — ich kann mir auch nicht denken, daß es etwas gibt, was wir nicht in bester Kam­er­ad­schaft und im guten Ver­ste­hen miteinan­der schaf­fen. Ich wün­sche wie Du, daß sich auch bald dies, wie so viele wieder­holen möge: Der Frieden vor ein­er Woche im Osten.

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Ein deutsch­er und ein sow­jetis­ch­er Offizier reichen sich in der End­phase des Polen­feldzugs die Hände, Sep­tem­ber-Okto­ber 1939, TASS Press Agency, über Wikipedia Com­mons, 09.2014

Die Tage ste­hen nun schon wieder unter der Vor­bere­itung der kom­menden Freude: Euer lieber Besuch! Vorige Woche habe ich die Dop­pelfen­ster abge­seift und geputzt, gestern alle die in der Woh­nung sauber gemacht und mit Vater einge­hängt. Mut­ter hat­te gestern nochmal Waschfest und über­ließ mir die Instand­set­zung des ‚oberen Reviers[‘] ganz allein. Heute hab[e] ich gekocht und einen Nach­mit­tagskaf­feekuchen geback­en, dann will ich noch fleißig stick­en, zum Aus­ge­hen ist uns das Wet­ter zu schlecht. Ich muß jeden Tag min­destens 2 Stun­den hin­ter mein­er Arbeit sitzen, son­st werde ich bis Wei­h­nacht­en nicht fer­tig. Nun zu Eurem Besuch: Sollte Siegfried kom­men, müssen Deine Eltern natür­lich daheim sein, dann wird eben die Reise ver­schoben. Bis Mittwoch wis­sen wir ja Bescheid. Wenn Ihr […] in Chem­nitz ankommt, dann muß ich Dir schon die Zeit vertreiben 1 Stunde lang — wom­öglich gehst Du son­st nochmal zum Hutkauf! Also: wenn Ihr kommt, so komme ich auch, Du! Weißt Du, woran ich dachte?

Wenn Du Son­ntag gegen abend wieder nach S. fahren mußt, weil Mon­tag Dich ja nie­mand vertreten kann, so fahre ich mit Dir. Bei uns ist die Arbeit sowieso nicht so eilig und es gibt doch Son­ntagskarten bis Mittwoch den 1. Novem­ber. Ich kön­nte während Du Schule hältst tüchtig stick­en, na und dann wäre es eben genau so, als ob Du bei mir wärst, nur umgekehrt. Dien­stag abend fahre ich dann wieder heim.

Ob da aber Deine Eltern böse wer­den, wenn wir bei­de zusam­men abfahren und wir lassen sie allein zurück? Du! Lieb­ster! Denk Dir nur ein­mal aus, wie schön das wäre! Was würde uns dann noch die elter­liche Bewachung aus­machen? Nicht aber darum allein, sieh, wir kön­nten 4 Tage beisam­men sein!

Und wenn Deine lieben Eltern nicht kom­men, dann fahre ich am Sonnabend früh zu Dir. Dann mußt Du mir aber bitte nochmal schreiben, wann ich hier abfahre, damit ich auch in Dres­den noch genü­gend Zeit habe nachzulösen — ich bekomme von hier aus keine Son­ntagskarte bis S.. Und in S. angekom­men, wie mußte ich dann gehen, um in Deine Behausung zu gelan­gen? Ich bin ziem­lich fest davon überzeugt, daß ich Mon­tag frei bekomme. Nun will ich abwarten, wie die Nachricht Dein­er lieben Eltern am Mittwoch aus­fällt. Ich gebe Dir dann sofort Bescheid. Wie sie nun auch aus­fall­en mag, wenn ich nur Dich an mein­er Seite weiß, Herza­ller­lieb­ster, das ist mir doch die aller­größte Haupt­sache!

Nun, mein Lieb­ster! Schluß für heute. Ich würde mich freuen, wenn meine Grüße Dich mor­gen schon erre­icht­en. So Gott will, in 8 Tagen auf fro­hes Wieder­se­hen!

Ich wün­sche Dir einen geseg­neten Anfang, Du!

Bald wird wieder alles Schöne, Süße und Geheimnisvolle vor uns ste­hen! Herza­ller­lieb­ster! Mein lieber, lieber Roland! Ich sehne mich nach Dir! Ich küsse Dich!

Ich liebe Dich!

T&SavatarsmDeine [Hilde].

Die Eltern lassen Dich auf[‘]s her­zlich­ste grüßen!

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