21. Oktober 1939

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K. am 21. Okto­ber 1939.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Die Woche war so schnell um. Es ist jetzt nicht mehr viel am Tage. Der heu­ti­ge Sonn­abend ist dicht besetzt. Und unter den Num­mern des Nach­mit­tags steht auch der Sonn­tags­gruß an Dich. Er wird nicht sehr lang aus­fal­len kön­nen, denn bis zum Post­au­to ist nicht mehr viel Zeit. Es ist mir immer ein wenig unbe­hag­lich, wenn ich nun unter dem Druck der Stun­den schrei­ben muß. Aber Du ver­stehst mich ja.

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Umsied­ler aus Süd­ti­rol, Inns­bruck, 31. Dezem­ber 1939, nach einem Abkom­men zwi­schen Deutsch­land und Ita­li­en vom 18. Okto­ber 1939, Bild: Mari­an A. J. Schwa­bik, DBa Bild 137–055690, Lizen­ziert unter CC-BY-SA-3.0-de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Ich habe Dei­ner und uns[e]rer oft gedacht in die­sen Tagen, lang und zusam­men­hän­gend ges­tern, als ich in die Pil­ze ging am Nach­mit­tag. Den­sel­ben Weg bin ich mit Dir gegan­gen nach dem W.berg. Aus­ge­malt habe ich mir, wie es sein wird, wenn wir [zu]sammen schaf­fen kön­nen. Hell und freund­lich waren die Far­ben die­ses Bil­des. Ich kann mir gar nicht anders den­ken, als daß wir fröh­lich mit­ein­an­der sind, froh, wenn alles rich­tig geht, fröh­lich, wenn etwas schief geht und wir eine Dumm­heit machen, ich den­ke, daß alle von uns[e]rer Fröh­lich­keit ange­steckt wer­den müß­ten.

Ob ich Pil­ze heim­brach­te? 4 Pfund, lau­ter Samt­män­nel, es mach­te viel Spaß zu suchen.

Mein Dienst in die­ser Woche? Ach Du, die Büro­ar­beit ist so ganz anders als uns[e]re Schul­ar­beit. Schon der Anfang. Da lie­gen gedul­dig und ruhig die Bogen und Akten. Nimmst Du mich oder nimmst Du mich nicht? Es ist mir gleich.

Wenn ich in die Schul­stu­be tre­te, da ist Hoch­span­nung. Der Leh­rer gela­den mit Stoff und Vor­sät­zen und so aller­lei Ener­gi­en; die Kin­der, lau­ernd und unru­hig: was wird denn jetzt kom­men, was wird er denn heu­te brin­gen usw? Und nun muß es los­ge­hen, sonst wird Krach. O, ein gro­ßer Unter­schied! Die­se Büro­ar­beit braucht gar kei­nen Atem, man ver­gißt das Atmen rich­tig und atmet tief über­haupt nicht.

0012 Deutsche Ehrenwache vor dem Grab des polnischen Marschalls Pilsudski, Wawel-Krakau, October 1939.jpg
Deut­sche Ehren­wa­che vor dem Grab des pol­ni­schen Mar­schalls Pil­sud­ski, Wawel-Kra­kau, Ilus­tro­wa­ny Kurier Pol­ski, 13. Octo­ber 1939, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Zieh Dich schön warm an, man erkäl­tet sich so leicht im Sit­zen. Und in 8 Tagen, Liebs­te, wenn alles gut geht? Die Zusa­ge der Eltern wird euch spä­tes­tens (spät genug) am Mitt­woch errei­chen. Sie wird nur noch ver­zö­gert dadurch, daß es mög­lich wäre, unser Sol­dat mel­de­te sich über die Fei­er­ta­ge für ein paar Tage Urlaub an. Dann könn­ten die Eltern natür­lich nicht weg. Aber bis Mitt­woch ent­schei­det sich das. Sage das mit herz­li­chen Grü­ßen von uns allen bit­te auch Dei­nen lie­ben Eltern. Und Du, sieh ein biß­chen mit dar­auf, daß nicht viel Umstän­de gemacht wer­den. Die Haupt­sa­che ist doch, daß wir uns sehen und ken­nen­ler­nen. Ich kann sagen, daß ich mich auf ein paar gemüt­li­che Stun­den zumal am Sonn­abend freue. Wo wer­den wir denn alle schla­fen? Ich, und Du?

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Hoecker­haus-Kachel­ofen-1880, Bild: Paul Hoecker, Fami­li­en­ar­chiv Becker, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Wir kön­nen erst mit dem Zug […] in Chem­nitz ein­tref­fen, und haben dann über eine Stun­de Auf­ent­halt. Kannst Du den durch Dei­ne Anwe­sen­heit in Chem­nitz uns (Mir) viel­leicht ein wenig ver­kür­zen? Mut­ter ist schlecht zu Fuß. Wir bum­meln ein wenig durch die Stadt im neu­en Hut! Soll­ten die Eltern nicht kom­men kön­nen, dann mußt Du mich in S. besu­chen. Womög­lich arbei­tet ihr nicht am Mon­tag?! Mor­gen Nach­mit­tag sit­ze ich also wie­der auf der Bahn. Ich bin’s gewöhnt. Umso lie­ber sind mir nun noch die paar Sonn­abend­stun­den. Ich besor­ge jetzt Dei­nen Brief und mache noch ein Rin­gel und bil­de mir ein, Du gin­gest neben mir. Dann essen wir gemüt­lich Abend­brot. War­me Wurst gibt’s heu­te abend! Du, ich habe rich­tig einen Bauch gekriegt in die­sen Tagen. Wenn er nächs­ten Sonn­abend noch dran ist, kannst Du ihn begut­ach­ten. Und dann nach dem Auf­wa­schen schie­be ich mir den Lehn­stuhl in Ofen­nä­he, Bei­ne über den Stuhl, mal sehen, was das Radio bringt, dann sind ja alle still, ich aber höre nur halb hin und den­ke an Dich, und an uns. Gön­ne auch Du Dir ein paar ruhi­ge, gemüt­li­che Stun­den. Was wirst Du mor­gen ange­ben? Ich freue mich auf Dei­nen nächs­ten Brief.

So, jetzt ist es Zeit. Es fällt mir auch nichts mehr ein. Der Brief gefällt mir nicht. Der nächs­te wird bes­ser sein.

Ach Du, unser Bote, treu ist er schon und dank­bar müs­sen wir ihm sein, und eine Zeit­lang muß­te ich ihn benei­den — aber nun? Das Feins­te und Bes­te müs­sen wir uns Aug in Auge sagen, Du!

Behüt Dich Gott, Liebs­te!

T&SavatarsmIch küs­se Dich, ich lie­be Dich, Herz­lie­bes, Du!

Dein [Roland].

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