18. Oktober 1939

[391018–1‑1]

K. am 18. Okto­ber 1939.

Herz­lie­bes, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Herz­lie­bes! Daß ich die­se Anre­de ein­mal schrei­ben dürf­te, das schweb­te mir vor als der Inbe­griff höchs­ten Lie­bes­glü­ckes. Du! Wo bin ich jetzt? So möch­te ich Dir zu raten auf­ge­ben, wenn ich es nicht schon ver­ra­ten hät­te. Wie­der daheim bei Muttern. 

RAD Arbeitsgau XV Sachsen.jpg
Reichs­ar­beits­dienst Arbeits­gau XV Sach­sen, Bild: Zeit­schrift Uni­form-Markt, 4:1943, Lizen­ziert unter CC0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Du! wie unheim­lich selt­sam sich alles wie­der­holt! Und ein Rei­se­on­kel bin ich gewor­den, bald hier, bald da, und doch über­all mit Dir und bei Dir. Du! Wie sicher und unan­ge­foch­ten ich jetzt über­all bin, vor allen Mäd­chen und Frau­en. Ich bin ja Dein Eigen­tum, an dem nur Du ein Recht hast. Und ich glau­be, man sieht es mir an, auch wenn ich kei­nen Ring tra­ge: „Ver­kauft“. Auf­merk­sa­mer als die Ein­zel­gän­ger betrach­te ich jetzt manch­mal die Paa­re. Und wenn ich dann zwei recht froh mit­ein­an­der sehe, dann über­läuft es mich warm bei dem Gedan­ken: So glück­lich bin auch ich, sind auch wir, Du! Herz­lie­bes! An der Tat­sa­che die­ses Glü­ckes müs­sen alle klei­nen Sor­gen zer­schel­len. Und Dei­ne Sor­ge um die Arbeits­dienst­pflicht will mir nur als klei­ne Sor­ge erschei­nen. Ich weiß nicht, ob ich das rich­tig beur­tei­le. Weil wir ja nun fest ent­schlos­sen sind, uns im kom­men­den Jah­re die Hand zu rei­chen, kön­nen wir mit die­sem wich­ti­gen, fes­ten Ent­schlus­se dem Gang der Din­ge mit Ruhe ent­ge­gen sehen. Die Arbeits­dienst­pflicht ist not­wen­dig und wich­tig; uns[e]re Hei­rat ist wich­ti­ger. „Sie sind noch jung und kom­men zurecht“, die­se Vor­hal­tung könn­te man wohl Dir machen, aber nicht mir. Des­halb ist mein Rat für[‘]s ers­te: Laß Dich ruhig mus­tern, und wenn Du nicht aus­drück­lich gefragt wirst, oder wenn Du das Gefühl hast, hier ein Wort zu ver­lie­ren, ist nicht die rich­ti­ge Stel­le, dann schwei­ge. Heu­te und mor­gen wer­det ihr ja noch nicht ein­ge­zo­gen. Bis dahin haben sich 100 und 1000 ähn­li­che Fäl­le wie der unse­re erge­ben, für die dann eine Rege­lung erscheint. Bis dahin hal­ten wir bei­de Aus­schau nach dem rich­ti­gen Weg für eine Rekla­ma­ti­on. Daß Du von die­ser Pflicht frei­kommst, dar­auf zu bestehen bin ich fest ent­schlos­sen. Zum ers­ten, um Dir und Dei­nen lie­ben Eltern das ohne­hin gro­ße Opfer zu erleich­tern; zum andern, um Dir das unge­wis­se Los zu erspa­ren; um unser bei­der Wunsch, recht bald für immer umein­an­der zu sein, erfül­len zu kön­nen. Du! Ich habe dem Staat mit mei­nem lan­gen War­ten schon etli­che Tau­send geschenkt, und mag ihn auch kei­nen Pfen­nig mehr an mir (und dazu gehörst ja auch Du) ver­die­nen las­sen. Ich stell­te heu­te zu Mit­tag den Eltern die Lage vor. Sie sind mei­ner Mei­nung. Vater mein­te ganz radi­kal: Wenn nichts ver­fängt, dann laßt Ihr euch eben stan­des­amt­lich trau­en, und dann seid ihr eben ver­hei­ra­tet. So herz­haft und ent­schlos­sen sehen wir die Sache, und das mag Euch zunächst beru­hi­gen. Mit einer gewis­sen Scheu baue ich in die Zukunft und set­ze Ter­mi­ne. Aber jetzt bin ich doch froh, daß wir uns im Ver­trau­en auf Got­tes Hil­fe sogar auf den Tag fest­ge­legt haben. Und den, Liebs­te, las­sen wir uns zunächst von Men­schen nicht verschieben!

Sudetenland Medal.PNG
Sude­ten­land Medail­le: zur Erin­ne­rung an die Wie­der­ver­ei­ni­gung der sude­ten­deut­schen Gebie­te mit dem Deut­schen Reich an 1. Okto­ber 1938, Gestif­tet von A. Hit­ler am 18. Okto­ber 1939. Bild: Rea­lis­mad­der, Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014.

Wie ich den Sonn­tag ver­leb­te? Weil der Sonn­abend sich reg­ne­risch anließ, habe ich die Fahrt nach L. ver­scho­ben. Am Sonn­tag­mor­gen habe ich mich auf[‘]s Rädel gesetzt, den Ruck­sack hin­ten­auf, im Ruck­sack das Gesang­buch. Weiß nicht, was mich so zog, den Got­tes­dienst zu besu­chen. Ich hör­te eine recht lehr­rei­che Pre­digt. Gegen 11 Uhr fuhr ich dann in B. ab. Frau Hoff­mann trug eben das Essen auf, und ihre Ein­la­dung, mit­zu­hal­ten, war mir recht will­kom­men. Es gab wie­der einen guten Schwei­ne­bra­ten. Ich soll Dich von Hoff­manns viel­mals grü­ßen. Bei Herrn Korek habe ich dann 20 Pfund Bir­nen gefaßt, sie waren schon gepflückt, und nach einem gemüt­li­chen Plin­senschmaus bei Hoff­manns bin ich vor Dun­kel­heit nach S. heim­ge­kehrt. Der Mon­tag­vor­mit­tag war Amts­ge­schäf­ten gewid­met. Am Nach­mit­tag habe ich mich dann ein­mal nach mei­nem eigent­li­chen und ver­ord­ne­ten Dienst­ort S. umge­se­hen. Diens­tag vor­mit­tag bin ich, mit mei­nen Bir­nen bela­den, nach K. zurück­ge­kehrt. Für die­se Zwangs­fe­ri­en haben wir aus­drück­lich Wei­sung erhal­ten, uns irgend­wie zur Ver­fü­gung zu stel­len. So bin ich heu­te in der Frü­he wie­der zum Rat­haus gepil­gert, und bin wie damals wie­der im Steu­er­amt ange­kom­men. Mit Dir zur sel­ben Zeit gehe ich also die­se Woche ins Geschäft. Aber nur über Vor­mit­tag. Das habe ich mir aus­be­dun­gen [sic], damit ich Mut­ter ein wenig zur Hand gehen kann. Daß auch Dein Sonn­tag inhalts­voll war, freut mich sehr. Ich wer­de Dich bit­ten, mir über die Unter­re­dung mit Lui­se gele­gent­lich mehr zu erzäh­len. Du tatest [sic] recht dar­an, Dich ihrer auf[‘]s neue anzu­neh­men, und ich bil­li­ge auch Dei­ne Mei­nung, daß sie Dein vol­les Ver­trau­en erst wie­der ver­die­nen und erwer­ben muß. Daß Du der Freun­din einen so wert­vol­len Dienst leis­ten kannst, erfüllt auch mich mit Freu­de, und ich wün­sche Dir, daß Du Erfolg damit hast und eige­nen Gewinn.

Execution of Poles by German Einsatzkomanndo Oktober1939.jpg
Erschie­ßun­gen von Polen durch ein deut­sches Ein­satz­kom­man­do im Okto­ber 1939, Głow­na Komis­ja Bada­nia Zbrod­ni Hit­le­row­skich w Polsce — Ter­ror w Polsce, z “Gdy­by Hit­ler zwy­cię­zył” War­saw 1969, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Die Eltern sind schon zu Bett. Vater hat mir auf­ge­tra­gen, Dir einen Extra­gruß aus­zu­rich­ten. Am Sonn­tag oder Mon­tag wir die ver­bind­li­che Zusa­ge des Besu­ches abge­hen. Bit­te grü­ße auch Dei­ne lie­ben Eltern recht herz­lich. Wie geht es Dei­nem Vater? Haben die Bäder den erwünsch­ten Erfolg? Nun wol­len wir hof­fen, daß auch dies sich wie­der­ho­len möge: Vor einer Woche ward Frie­den im Osten.

Du! Liebs­te! Beim nächs­ten Wie­der­se­hen wer­den wir zwar unter star­ker elter­li­cher Bewa­chung ste­hen, aber einen Spa­zier­gang und eine süße Stun­de wer­den wir schon zu ergat­tern wis­sen! Du!

Bis dahin behüt Dich Gott!

T&SavatarsmDu bist mein, ich bin Dein. Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich! Herz­lie­bes! Du mei­ne lie­be [Hil­de]!

Dein [Roland].

Plea­se fol­low and like us:
18. Okto­ber 1939

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen