13. Oktober 1939

Polen1939kart
Von Mul­ler­king­dom, CC-BY-SA‑3.0, via Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014
[391013–1‑1] K. am 13. Okto­ber 1939. Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Es ist 4 Uhr. Du kehrst jetzt heim von Dei­ner Arbeit — und bist allein. Liebs­te! Ach Du, daß wir noch nicht immer umein­an­der sein kön­nen! Ich bin nicht allein und möch­te es doch sein in die­sen Tagen, um alles Lie­be und Schö­ne und Gehei­me noch ein­mal zu umfan­gen. Wie auf einer Insel waren wir mit unse­rem Glück. Wenn ich Dir ins Auge sehe und neben Dir gehe, kann ich so alles vergessen.
Bundesarchiv Bild 146-1974-132-33A, Warschau, Parade vor Adolf Hitler.jpg
Para­de vor Adolf Hit­ler, War­schau, 5. Okto­ber 1939, Bild: Men­sing, DBa Bild 146‑1974-132–33A, Lizen­ziert unter CC-BY-SA‑3.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Liebs­te, ich kann nicht mehr las­sen von Dir! Wie mei­nem Schat­ten muß ich Dir fol­gen. Du bist ein Stück von mir. In Dei­nen Augen sehe ich mein Bild, ich gön­ne es nie­mand ande­rem. Jede Stun­de ent­rückt uns mehr den seli­gen Stun­den, aber jede Stun­de, Liebs­te, führt uns, will’s Gott, näher dem Ziel uns[e]rer Hoff­nung und Sehn­sucht. Die seli­gen Stun­den sind wohl ent­schwun­den, aber nicht ver­lo­ren, und über die Weh­mut siegt die glück­li­che Emp­fin­dung, das wir uns ganz nahe gekom­men sind, Liebs­te, daß wir höchs­tes Ver­trau­en tausch­ten und damit uns[e]re Ver­bun­den­heit für immer bekräf­tig­ten und besie­gel­ten. Was könn­te uns ent­zwei­en? So vie­les, was uns nun ver­bin­det und anein­an­der­fes­selt! Glück­lich und froh macht es mich. Vie­le gemein­sa­me Erleb­nis­se und Geheim­nis­se, Gedan­ken, Plä­ne, Sor­gen und Hoff­nun­gen, uns[e]re Eltern­häu­ser, Ver­wand­te und Bekann­te. War ich erst froh unse­res ängst­lich gehü­te­ten Geheim­nis­ses, so bin ich es jetzt der vie­len Zeu­gen uns[e]res Bun­des. [Hil­de], Liebs­te, Du bist mein! Die herz­li­chen Emp­fin­dun­gen für Dich sind kein Rausch, der ver­geht. Sie ent­sprin­gen viel­mehr der Freu­de auf gemein­sa­mes Schaf­fen und Schau­en. Unser Bei­sam­men­sein hat uns ein Stück vor­wärts gebracht auf dem Weg, dunk­le Geis­ter zu ban­nen. Wir wis­sen nun bes­ser umein­an­der. Uns[e]re Sehn­sucht und Freu­de wird damit nur bestimm­ter und tie­fer. Ach Liebs­te, wann wer­den wir uns wie­der recht lieb­ha­ben dür­fen, Du Süße, Feine!

Francesco Hayez 008.jpg
Fran­ces­co Hay­ez, Der Kuss, The Yorck Pro­ject: 10.000 Meis­ter­wer­ke der Male­rei. DIRECTMEDIA Publi­shing GmbH. Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Ich schrei­be die­sen Brief in S. fer­tig. Heu­te, am Sonn­abend­mor­gen, bin ich hier­her gereist. Du wirst es schon gele­sen haben: Die Feri­en sind in Sach­sen um 8 Tage ver­län­gert wor­den. Wenn ich das eher gewußt hät­te, Du! Ich bin nach S. zurück­ge­kehrt, um ein­mal nach dem Rech­ten zu sehen, um drin­gen­de Geld­ge­schäf­te zu regeln, um schließ­lich in L. nach Bir­nen zu fra­gen. Der Schnell­zug war natür­lich weg in Chem­nitz. Ich muß­te den Per­so­nen­zug neh­men, kam so erst gegen 11 Uhr nach Dres­den und ent­schloß mich, gera­de­wegs heim­zu­fah­ren. Mut­ter hat­te mich schon Diens­tag erwar­tet. Sie ist nicht gut zu Fuß und kann mei­ne Hil­fe gut gebrau­chen. Die Ursa­che des Übels ist noch nicht recht klar. Am Frei­tag Don­ners­tag kam Hell­muth aus B. auf Besuch. Ges­tern abend reis­te er wie­der ab. Mon­tag oder Diens­tag geden­ke ich nach K. zurück­zu­keh­ren, um die ange­häng­ten Feri­en­ta­ge da zu ver­le­ben. Dei­nen Brief rich­te also bit­te nach K.. Wie abge­schlos­sen und ruhig leb­ten wir auf der Insel uns[e]res Glü­ckes! Nun hat uns das Trei­ben der Welt wie­der umfan­gen. Span­nung, Sor­ge und Zwei­fel liest man in jedem Gesicht. Müs­sen wir nun alle Hoff­nung auf den Frie­den begra­ben, so fragst Du mich? Liebs­te, das letz­te Wort ist noch nicht gespro­chen. Es ist noch ein Fünk­chen Hoff­nung dar­auf, daß die Ver­nunft siegt. Schwin­det auch sie, dann müs­sen wir umso fes­ter glau­ben und Gott ver­trau­en und stil­le hal­ten. Trotz der unge­wis­sen Zeit dür­fen wir hof­fen, uns bald wie­der­zu­se­hen. Die Eltern haben den Wunsch, den Besuch Dei­ner Eltern recht bald zu erwi­dern. Sie haben im Sin­ne — Ihr sollt das bit­te unter allem Vor­be­halt auf­neh­men — Euch am 29. oder 31. Okto­ber zu besu­chen. Genaue­re Anga­ben fol­gen bald­mög­lich. Das wäre an einem Tage, an dem wir uns ver­ab­re­det haben. Ich möch­te natür­lich gern mit­kom­men. Das ist also der nächs­te Plan.

Warsaw 1939 refugees and soldier
Pol­ni­sche Fami­lie vor dem Oper mit einem pol­ni­schen Sol­dat, War­schau, Sep­tem­ber 1939, Bild von Juli­en Bryan, War­saw: 1939 Sie­ge; 1959, War­schau: Polo­nia Publi­shing House, S. 90, United Sta­tes Holo­caust Memo­ri­al Muse­um, Foto­gra­fie #47347, über Wiki­pe­dia Com­mons, 09.2014.
Dei­ne Eltern waren wie­der so lieb zu mir. Gern und selbst­ver­ständ­lich gewähr­ten sie mir Gast­freund­schaft. Ich weiß, daß ich gern wie­der­kom­men darf. Frei­mü­tig und unbe­fan­gen kann ich nun auch Dei­nen lie­ben Eltern gegen­über­tre­ten. Ich bin so froh dar­über. Und ich bit­te Dich, dan­ke es ihnen mit Dei­ner Lie­be für mich mit, wie ich es auch mei­nen Eltern dan­ken will, daß sie Dich als ihre Toch­ter annah­men. Du! Dür­fen wir nicht recht froh sein über das gute Ver­ständ­nis uns[e]rer Eltern? Bit­te grü­ße Dei­ne lie­ben Eltern, gib Ihnen die bei­lie­gen­de Kar­te und berich­te Ihnen über mei­ne Umstän­de. Ach Liebs­te! Nun wird es abend. Heu­te bin ich nun allein. Denkst Du uns[e]rer Spa­zier­gän­ge durch den Abend? Uns[e]rer Gesprä­che? Der trau­li­chen Run­de zum Abend­brot? Der Behag­lich­keit wie aus Kin­der­ta­gen, auf dem Sofa unter der Decke? Denkst Du der heim­li­chen, süßen Stun­den? Ach Du! Gebe Gott, daß wir es noch oft so erle­ben dür­fen in der Gebor­gen­heit uns[e]rer Eltern­häu­ser, daß wir es auch erle­ben dür­fen in der Gebor­gen­heit eines siche­ren Frie­dens. Behüt Dich Gott, Liebs­te! T&SavatarsmIch seh­ne mich nach Dir, Du! Ich möch­te immer bei Dir sein. Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich, Du, meine Weib, mei­ne lie­be Braut, mei­ne lie­be [Hil­de], Herz­al­ler­liebs­te! Dein [Roland].
Plea­se fol­low and like us:
13. Okto­ber 1939

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Nach oben scrollen