28. September 1939

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

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O., am 28. Sep­tem­ber 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Ges­tern abend hat­te ich mit einem Brief für Dich begon­nen. Es war mir, als müß­te das Erle­ben der bei­den ver­gan­ge­nen Tage mir das Herz erdrü­cken, als müß­te ich mei­ne Erlö­sung schaf­fen. Und wie kann ich das anders, als daß ich mich zu Dir flüch­te, Liebs­ter, mit allem, was mich bewegt.

Die­se Zei­len gaben ein Bild von dem, was in der Zeit seit Du fort von mir gingst alle mei­ne Gedan­ken bean­spruch­te; von dem, das wie ein Feu­er mei­ne gan­ze See­le zu ver­bren­nen droh­te. Die­se Zei­len wären nur allein für Dein Auge bestimmt gewe­sen. Als ich zu Ende war, als ich alles noch ein­mal las, wie sich Satz an Satz reih­te und wie sich vor mei­nen Augen noch ein­mal all das spie­gel­te und auf­tat, was ein Men­schen­herz in sei­ner größ­ten Stun­de des Lebens auf­wühlt bis in’s Inners­te, da kam mir — ganz lei­se anfangs — die Emp­fin­dung: Es ist unrecht, was du [sic] hier zu tun im Begriff bist. Den ein­zig­ar­ti­gen Zau­ber der über die­sem Erle­ben schwebt, der ganz euer Eigen ist und blei­ben wird, den willst du [sic] in Wor­te sezie­ren? Willst ihn — wenn auch ganz unbe­ab­sich­tigt — in die Gefahr schi­cken, daß noch ein and[e]res Auge, als das des Gelieb­ten sich dar­an ergötzt? Die­se Emp­fin­dung bestimm­te mich mehr und mehr, ich zöger­te, die Zei­len abzu­schi­cken. Und mein Liebs­ter, als nun heu­te so uner­war­tet Dein Bote mich erfreu­te, aus dem ich sah, daß uns[e]re Gedan­ken, wie schon oft, die glei­chen Wege gehen, hielt mich nichts mehr davon zurück, die Blät­ter dem Feu­er zu über­ge­ben. Daß ich es nie­der­schrieb, es hat mich erlöst — in mei­nem Her­zen bleibt es bestehen unver­wisch­bar — und Du allein sollst es lesen aus mei­nen Augen, wie über­glück­lich ich bin. Wie groß mei­ne Lie­be zu Dir ist, kannst Du allein nur ermes­sen.

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Juli­en Bryan, “Docu­men­ta­ry Record of the Last Days of Once Proud War­saw”, Life maga­zi­ne ( 23.10.1939): S. 73–77. USHMM Foto #64527, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Was mich bewog, daß ich Dich am Sonn­tag­mor­gen mit ganz bestimm­ten Wor­ten vor dem Ent­schluß uns[e]res gemein­sa­men Kirch­gangs stell­te, kann ich mir selbst nicht recht erklä­ren. Eines aber ist mir nun deut­lich gewor­den, in uns war völ­li­ges Eins­sein und das schenkt uns, wohl ganz unbe­wußt, gro­ße Kraft. Du warst Dir bewußt, was Dir auf die­sem Gan­ge bevor­stand — ich woll­te Dich nicht bit­ten, Du soll­test allein ent­schei­den.

Du hast mei­ne Erwar­tun­gen nicht getäuscht — ich weiß Dei­nen Ent­schluß zu schät­zen und ich dan­ke Dir, Du!

War es nicht wie eine wun­der­ba­re Fügung, daß nach dem Tage, an dem eine Wen­de in uns[e]rer Lie­be ein­trat, das Schick­sal es woll­te, Du sollst dem Men­schen, bei dem Du Dich in Schuld fühlst, um Ver­zei­hung bit­tend die Hand fest drü­cken? Und glaub mir, die­ser Mensch hat ein gro­ßes Herz, das Dich ver­stand, ohne, daß Du Wor­te gebrauch­test.

Der letz­te Schat­ten, der an unser[e]m Wege stand, ist gewi­chen; des­sen dür­fen wir bei­de dank­ba­ren Her­zens gewiß sein.

Hät­te uns sonst der übri­ge Teil des Tages so froh und auf­ge­schlos­sen gefun­den? War nach­dem unser heim­li­ches Glück nicht erst ganz voll­kom­men? ‚Selt­sa­me Stun­de der Aus­ge­las­sen­heit’ nennst Du es so tref­fend. Nie­mals zuvor konn­ten wir so befreit uns geben, wenn das Gespräch auf Dora P. kam. Wäh­rend uns frü­her Schuld­be­wußt­sein und Unru­he quäl­ten, ist jetzt in uns ein gutes, gro­ßes Mit­leid für das Mäd­chen, das auch lieb­te, und dem das Schick­sal mit har­ter Hand vor­griff, ehe es ver­stan­den wur­de; das dank sei­nes gro­ßen Her­zens das Glück zwei­er Men­schen, die von Gott für­ein­an­der bestimmt schei­nen, nicht zer­stört. Mit gutem Glau­ben und mit fro­her Zuver­sicht, daß Dir ver­zie­hen ist, was Du ver­schul­det glaubst, wol­len wir im fes­ten Ver­trau­en auf Got­tes Güte wei­ter­bau­en an unse­rem Glück.

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War­saw 1939 refu­gees and sol­dier, Foto: Juli­en Bryan — Jer­zy Pior­kow­ski (1957) Mias­to Nieu­jarz­mio­ne, War­schau: Iskry, S. 20, USHMM, Foto #47347, copy from Archi­wum Doku­men­ta­c­ji Mecha­nicz­nej Wars­za­wa, Lizen­ziert unter Public domain über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2014

Nach Stun­den fro­hen Bei­sam­men­seins kommt die Tren­nungs­stun­de — das ist so selbst­ver­ständ­lich, wie die Nacht den Tag ablöst, nur, daß dann nicht in jede Men­schen­see­le der Friede(n) und die Ruhe ein­zie­hen, die der Nacht eigen sind. Ich konn­te am Sonn­tag so lan­ge nicht ein­schla­fen, ich sorg­te mich um Dich, Du! Was hast Du noch erle­di­gen müs­sen, ehe Du die ver­dien­te Ruhe fan­dest und hast auch noch für eine Stun­de Schlaf 1 Mark zah­len müs­sen, Du Armer! So bald wird das nicht wie­der vor­kom­men. Über­haupt wird sich das Fahr­geld eher loh­nen, wenn Du das nächs­te Mal uns besu­chen kommst. Ach Du! Du! Wie ich mich schon freue dar­auf! Die Mut­ter will Dir nächs­tens ernst­lich böse wer­den, wenn sie Dir einen Auf­trag gibt und Du bist so wider­spens­tig! Wenn Du den gan­zen Lebens­un­ter­halt mit­bringst, so kann man das ja gar kei­nen Besuch nen­nen! Wir wer­den uns gewiß kei­ne Umstän­de machen wenn Du kommst, Du bist ja nicht ver­wöhnt — es wird sich schon alles fin­den, wie es immer war.

Mein lie­ber, gro­ßer Teu­fel! Am Mon­tag hab[e] ich von Dei­ner lie­ben Mut­ter ein Päck­chen bekom­men; was drin war, sage ich Dir nicht; es ist nichts für gro­ße Teu­fel! Aber 3 Täfel­chen Scho­ko­la­de waren dabei! Siehs­te, was doch das Ein­krat­zen aus­macht!! Und ein lie­ber Brief, ich hab[e] gleich wie­der geschrie­ben. Was wir uns zur Geburts­tags­fei­er gelob­ten, es ist nun Wirk­lich­keit, Dei­ne Mut­ter nennt mich ‚Du’.

Ich bin so froh, daß mir Dei­ne Eltern so viel Ver­trau­en schen­ken und ich fra­ge mich oft: Wie hab[e] ich das nur ver­dient?

Mir fällt es sehr schwer, ihnen gleich zu tun, ich hab[e] eine so gro­ße Scheu davor und doch will ich sie auf kei­nen Fall belei­di­gen, oder ihnen weh tun. Beim Schrei­ben geht es ja noch bes­ser als in Wirk­lich­keit, das ‚Du’ sagen. Na, heu­te will ich mir den Kopf nicht wei­ter zer­bre­chen, ich gewöh­ne mich viel­leicht schnel­ler dar­an, als ich den­ke.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Weißt Du, es ist wirk­lich schlimm, wie Du mich behan­delst. Erst legst Du mir eine gro­ße Ket­te um den Hals, dann an bei­de Arme Fes­seln und nun hast Du tat­säch­lich noch mei­ne Schlüs­seln? mit­ge­nom­men, damit ich ja nicht mal abends aus­ge­hen kann. Na, kom­me Du nur erst zu uns.….….! Und nun am Brie­fen­de soll ich Dich wie­der lieb­ha­ben?

Bei Teu­feln ist eben alles mög­lich! Stimmt[’]s?

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]! So Gott will, darf ich Dich am Sonn­abend wie­der in mei­ne Arme schlie­ßen. Du, o Du! Wie ich dar­auf war­te! Der Herr­gott behü­te Dich, er möge unse­re Lie­be seg­nen! Herz­al­ler­liebs­ter Du! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich!

T&SavatarsmDein Engel­chen [Hil­de].

Herz­li­che Grü­ße von den Eltern!

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